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Son of Sam: Vom Dämon besessen, von Gott geheilt

David Berkowitz. Ein Junge aus Brooklyn. Geboren 1953. Als Kind adoptiert. Zu seiner Enttäuschung ein Nobody bei der Armee. Zurück im Alltag, Angestellter bei der Post. Zu seiner Frustration, – und geballter Wut! -, unbeachtet von seinem Umfeld, belächelt von Männern, erfolglos bei Frauen. David Berkowitz. Ein Serienkiller. Genannt “Son of Sam”. Sohn eines Dämons. Heute bezeichnet sich Berkowitz selbst, der bis zu einem Tod hinter Gittern sitzen wird, als “Son of Hope”. Sohn der Hoffnung, von Gott erleuchtet.

Sechs Menschen hat er auf dem Gewissen, – er schoss im Zeitraum von Dezember 1975 bis Juli 1977 aus nächster Nähe auf Paare, die er sich wahllos als Opfer aussuchte -, elf weitere hatten Glück und kamen mit dem Leben davon.

Festnahme von Killer Berkowitz nach einem Routineeinsatz

“Nun ja, erwischt”, soll er am 31. Juli 1977 zu den Polizeibeamten gesagt haben, die auf ihn, – noch ahnungslos -, wegen zu nahen Parkens an einem Hydranten aufmerksam geworden waren. Zufall. Und Glück. Das Kennzeichen seines Ford Galaxies wurde zurückverfolgt, und an Tatorten gefundene Drohbriefe von ihm wie …

“Peng. Peng. Ich melde mich wieder. Mr. Monster.”

… konnten mit ihm in Verbindung gebracht werden. Berkowitz ließ sich widerstandslos festnehmen, meinte nur:

“You got me. What took you so long?” (Ihr habt mich. Warum habt Ihr so lange gebraucht?)

Ja. Warum? In erster Linie wohl, weil Berkowitz einer von den Unauffälligen, leicht Unsichtbaren war. Das Finstere im Blick, das Böse im Gesicht? Eben nicht. Einige Leute behaupten, sowas trotzdem erkennen zu können. Die sagen: “Der Kerl sieht aus wie ein typischer Tierquäler.” “Triebtäter.” “Serienkiller.” Mag ja sein. Oder eben nicht. Nur, ohne jetzt Psychologen oder Profiler zu befragen: Wie sehen die Typischen denn aus? Die Mörder? Ted Bundy war ein gescheiter, gutaussehender Mann, der Totschläger Fritz Haarmann ein kräftiger Jedermann Marke Hausmeister ohne nennenswerte optische Auffälligkeiten, Ed Gein sah so normal aus wie der Obsthändler auf dem Wochenmarkt, und das “Monster von Milwaukee”, Jeffrey Dahmer, wirkt auf Fotos wie ein braver, grübelnder Student.

Freundliches Lächeln eines Postangestellten

Und David Berkowitz? Lächelte dümmlich-lieb in die Kameras. Seitenscheitel, dunkle Locken, rundes Bubi-Gesicht. Er selbst im Blickfeld: Nichts Besonderes. Seine Geschichte Revue passierend: Irrwitzig. Abartig. Krank. Berkowitz, der “Son of Sam”, war ein kaltblütiger Killer, dessen Morde 1999 auch zum Thema eines durchaus wohlwollend beachteten Films wurden (Regie: Spike Lee, Titel: Summer of Sam), wobei die Rahmenhandlung der “Figur” Berkowitz nur einen kleinen Part zuordnet, der freilich für die eigentliche Erzählung, – es geht um Freundschaft, Fremdartigkeit, Misstrauen, falsche Verdächtigungen … -, tragend ist.

“Sam” habe ihn beauftragt, zu morden, sagte David Berkowitz 1977 bei seiner Vernehmung. Ein Dämon, der in den Kopf seines Nachbarn Sam Carr aus Queens, New York, gefahren sei. Oder in den Kopf des schwarzen Labradors von Carr, da erinnerte er sich mal so, mal anders. Auf jeden Fall hätten seine Taten mit satanischen Praktiken zu tun, ihn selbst träfe die Verantworung dafür eher indirekt. Unzurechnungsfähigkeit wies Berkowitz freilich während des Prozesses von sich. Er erklärte sich in vollem Umfang für schuldig und wurde zu einer Gesamtstrafe von 365 Jahren verurteilt. Nach den ersten sechs Monaten im Hochsicherheitsgefängnis von Attica im Norden des Bundesstaates New York schrieb Berkowitz im Februar 1979 einen Brief an den Leiter des Kings County Hospitals, zuständig für die psychiatrischen Gutachten, in dem er behauptete, bereits längere Zeit vor seinen Morden mit dem Gedanken, zu töten, gespielt habe. Diabolisches Zeug wäre das tatsächlich gar nicht gewesen.

„Ich bin ein Fälscher. Ich habe die ganze ‚Dämonen‘-Geschichte bloß erfunden. Der Anlass dafür war, dass ich meine Taten innerlich rechtfertigen wollte. (…) Als ich anfing, diese Verbrechen zu begehen, hatte ich in Wahrheit keine Ahnung, was mich dazu motivierte. Mir erschienen die Dämonen als mögliche Ursache einfach passend. Deshalb habe ich mich vor Gericht auch schuldig bekannt. Weil ich wusste, dass ich schuldig war.“

Berkowitz erzählte. Er hoffte auf etwas Mitgefühl. Verständnis gar. Stets abgelehnt und ausgestossen habe er sich gefühlt, schon als Kind bei Adoptiveltern, deren Verhältnis zu ihm problematisch gewesen sei. Er erfuhr, dass seine leibliche Mutter gar nicht bei seiner Geburt gestorben war, sondern ihn weggegeben hatte. Nur ihn. Die Schwester nicht. Das schmerzte ihn, er fühlte sich minderwertig. Als er dreizehn war, starb Pearl, die Adoptivmutter. Ihr Tod verstärkte Berkowitz’ Wunsch, seine “echte” Familie kennenzulernen. Ein Treffen erfolgte Jahre später, – er hatte die High School abgeschlossen und die Army klein und glanzlos verlassen – , und es wurde für ihn zu einer derben Enttäuschung. Man wollte ihn nicht, den seltsamen, wohl auch aggressiven Sohn / Bruder. Freunde fand er nicht. Auch sexuell blieb er unbefriedigt. Sein erstes und einziges Mal erlebte Berkowitz mit einer Prostituierten, er holte sich eine Geschlechtskrankheit. Das war’s.

Älter, frommer …

Bevor er mordete, legte er Feuer. 1488 Mal, ordentlich festgehalten im Tagebuch. Zu Schaden kam dabei niemand, er steckte Mülltonnen und leerstehenden Gebäude an, versteckte sich, wenn die Feuerwehr kam, betrachtete erregt die Flammen und masturbierte. Keineswegs unüblich bei Brandstiftern. Sein Zorn auf die Mitmenschen, insbesondere auf Frauen, steigerte sich. Niemand mochte ihn. Er besorgte sich eine Kanone, lauerte Liebespaaren an abgelegen Ecken auf, – vor allem die jungen, hübschen Frauen an der Seite von jungen, netten Kerlen machten ihn wütend, so verdammt wütend – , und er sah, zielte und drückte ab.

Im Gefängnis hat David Berkowitz nach eigenem Bekunden zu Gott gefunden, arbeitet dort in der Seelsorge, hat eine eigene Homepage als “Son of Hope” und lehnt seit der Ablehnung eines Gnadengesuchs durch seinen Anwalt im Juni 2006 jede Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung ab. Er sei bereits längst “in Jesus Christus frei”. Schon 2002 hatte er sich fromm gezeigt:

“Ehrlich gesagt glaube ich, dass ich es verdient habe, den Rest meines Lebens hinter Gittern zu verbringen. Ich bin vor langer Zeit, dank Gottes Hilfe, mit mir und meiner Situation ins Reine gekommen und habe meine Strafe akzeptiert.”

Serienkiller Berkowitz ein Berufener? Er glaubt daran. Ein guter Seelentröster? Wer daran glaubt …

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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