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So irisch wie der Vampir

Vergiss die Kobolde und das grüne Bier am St. Patrick’s Day. Wenn an diesem Tag jeder Ire ist, dann sollte man in Betracht ziehen, das populärste aller irischen Monster zu feiern, eine wahre Kreatur des Ould Sod (des alten Landes) – den Vampir.

So manches schreckliche Tier fand seinen Ursprung in den dunklen Tälern und melancholischen Bergen von Eire. Alte keltische Legenden und Bräuche vermischten sich zuerst mit der römischen Mythologie und dann mit dem Christentum, woraus ein reicher Trank aus dunklen Überlieferungen entstand. Ein Teil dieser Vermischung der Kulturen findet sich in unserem heutigen Fest zu Halloween. Viele der Traditionen, die erstmals in den USA von irischen Einwanderern im 19. Jahrhundert populär gemacht wurden, haben ihren Ursprung im keltischen Feiertag Samhain. Es wurde gesagt, dass die sterbliche und die geistige Welt während dieses Festes, das das Ende des Sommers und den Beginn des Winters markiert, verschmelzen. Die Menschen schützten sich vor bösen Geistern, indem sie sich selbst als Geister und Goblins verkleiden. Um Respekt zu zeigen, boten sie den Toten, die an diesem Tag nach Hause zurückkehrten, Essen an. Die christlichen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen (1. November und 2. November) wurden zu einem Ersatz für die heidnischen Feiertage mit Feierlichkeiten ab dem Abend des 31. Oktober – dem Allerheiligenabend.

Saint Patrick

Nicht, dass St. Patrick selbst es leicht hatte, das Christentum nach Irland zu bringen. Da gab es viele magische Kämpfe zwischen dem zukünftigen Heiligen und den keltischen Druiden. In einem Kampf bedeckten die Beschwörungen der Druiden einen Hügel und die Umgebung mit einer Wolke aus stygischer Dunkelheit. Patricks Gebete brachten den Sonnenschein zurück. Sie schränkten auch die Fähigkeit zu fliegen des Erz-Druiden Lochru ein, und der Druide wurde auf einem Felsen in Stücke geschlagen.

Seit das Christentum gesiegt hatte, wurden in den meisten Geschichten Paddy und seine Heiligen als die Guten, die keltischen Druiden aber als die Bösewichte dargestellt.

Pünktlich zum Start des Mittelalters in den Schoß der Kirche geführt, überlebten die Iren Invasionen, Kämpfe rivalisierender Könige, extrem schlechtes Wetter und andere Erniedrigungen, bis sie schließlich von ihr verlassen wurden, um sich in einem Existenzkampf wiederzufinden, der von einer korrupten Kirche, tyrannischen Landgrafen, einer komplizierten Politik und einer abwesenden Regierung dominiert wurde. Kein Wunder, dass der Glaube an seltsame, unsichtbare Kräfte sich als eine gute Möglichkeit darstellte, den Lauf der Welt zu verstehen. Vieles von dem, was in anderen Kulturen rational erklärt werden konnte, wurde in Irland der Macht des Fantastischen zugeschrieben und wurde so für Generationen von Geschichtenerzählern zu einer Ideenquelle.

In einigen Kulturen bestehen übernatürliche Wesen aus den üblichen Verdächtigen wie Phantome, Riesen, Hexen, Geister, Gestaltwandler und dergleichen. Irland hat natürlich das alles ebenfalls zu bieten, aber die grüne Insel hat daneben eine Reihe von besonders interessanten dunklen Kräften hervorgebracht.

Eine Banshee aus Thomas Crofton Crokers “Fairy Legends & Traditions of South Ireland” (1834)

Unter den irischen Sidhe (Feen) zum Beispiel findet man die Banshee, eine weibliche Todesbotin, die selbst keinem was antut, aber ihr unheimliches Wehklagen (keening: das englische Wort “keen” (Begierde) kommt aus dem irischen “Caoineadh”, was “Klage” bedeutet), hat den Tod eines Mitglieds der wahren irischen Rasse zur Folge.

Die Verwandten der Banshee, die Lianhan Sidhe, suchen die Liebe der sterblichen Menschen und deren Verlangen nach ihr zerstört sie schließlich. Der Far Darrig (“Der Rote Mann”) hat eine enge Verwandtschaft zum Kobold, aber er kleidet sich von Kopf bis Fuß in Rot und ist dafür bekannt, böse Träume zur Erfüllung zu bringen.

Die weibliche Meeräsche (mulrruhgach) ist eine Meerjungfrau und wirkt auf Fischer und Seeleute unheimlich anziehend, aber ihre Anwesenheit sorgt immer für einen Sturm oder eine Katastrophe auf See. Far Dorocha (“Der Dunkle Mann”) reitet auf seinem schwarzen Pferd in unsere Welt, um Menschen zu entführen, die die Königin der Feen begehrt. Obwohl er nie spricht, verstehen die Sterblichen stets einen Befehl und können ihm nicht widerstehen, was zur Folge hat, dass sie sich hinter ihm einreihen.

Der Graue Mann oder Far Liath erscheint wie ein Nebel und bedeckt Land und Meer mit seinem Mantel. Er verdunkelt Felsen, so dass Schiffe auf sie prallen und verdunkelt auch die Straßen, so dass Reisende unwissentlich über Klippen stolpern und sterben. Der Dullahan (Gan Ceann) ist ein kopfloser Reiter, der ein ebenso kopfloses Pferd während der Nacht reitet; wo immer er anhält, stirbt jemand. Die Dämonenbraut, ein schöner, aber böser Geist, verführt ihr sterbliches Opfer mit einem Kuss, der seine Seele stiehlt. Er stirbt den Tod eines  Wahnsinnigen, verfolgt vom Wissen um seinen fatalen Fehler.

Mit diesem fantastischen und reichen Erbe im Hintergrund ist es kein Wunder, dass die berühmtesten irischen Autoren – James Joyce, Sean O’Casey, George Bernard Shaw, W.B. Yeats, Oscar Wilde, John Millington Synge – Ausflüge in die Welt der Geister- und Horrorgeschichten machten.

Charles Robert Maturins melodramatische Schauermär “Melmoth der Wanderer” (1820) ist der Archetyp über den verfluchten Wanderer. Der Name von Joseph Sheridan Le Fanu (1814-73) ist gleichbedeutend mit der Geistergeschichte. Bram Stoker erfand Dracula (1897). Weniger bekannte, aber durchaus versierte irische Schriftsteller wie Charlotte Riddell, Dorothy Macardle und Elizabeth Bowen schrieben fesselnde Geschichten über das Übernatürliche. Meister des Pulp wie Sax Rohmer (Arthur Sarsfield Ward, dessen Eltern irische Einwanderer waren, die nach England zogen) ersannen unvergängliche dunkle Unterhaltung.

Die unheimliche Atmosphäre Irlands inspirierte auch viele nicht-irische Schriftsteller. Viele der Geschichten von Lord Dunsany wurden in Irland angesiedelt. Francis Marion Crawfords erschreckende Geschichte “The Dead Smile” (1899), H.P. Lovecrafts “Das Mond-Moor” (1926), William Hope Hodgsons “Haus an der Grenze” und mehr als ein Dutzend von Ray Bradburys Geschichten sind nur einige der klassischen Weird Fiction-Erzählungen, die in Irland erzählt werden oder dort spielen.

Und die Tradition geht weiter. Der Thriller und Horrorautor John Connolly wurde auf der Grünen Insel geboren und wuchs dort auf, Caitlín R. Kiernan wurde in Dublin geboren. Maura McHugh aus Galway wurde in den USA geboren, zog aber als Kind nach Irland.

Ja, aber ich habe euch Vampire versprochen, nicht wahr? Und nein, ich meinte nicht den dearg-due, der über die Grenzen Irlands hinaus kaum relevant ist und der besiegt werden kann, indem man einen Steinhaufen über seinem Grab errichtet. Ich meine die Essenz dessen, was wir heutzutage als Vampir kennen. Das Monster, das zu einem kulturellen Phänomen geworden ist, das oft als attraktiv denn als bösartig dargestellt wird.

Illustration aus “The Dark Blue” von D.H. Friston (1872)

Wie bereits erwähnt, ist Joseph Sheridan Le Fanu für seine Geistergeschichten bekannt, aber er wird auch für seine Novelle Carmilla im Gedächtnis bleiben. Die Geschichte wurde 1872 veröffentlicht und erzählt von einem einsamen englischen Mädchen, das in einem abgelegenen Schloss eine schöne aristokratische Vampirin trifft. Aber es gibt in Carmilla so viel von der Banshee und der Lianhan Sidhe (allerdings mit lesbischer und nicht heterosexueller Orientierung) wie es auch das osteuropäische Vampir-Motiv enthält. Und, laut Richard Davenport-Hines in “Gothic: Four Hundred Years of Excess, Horror, Evil and Ruin“, ist Carmilla auch als eine politische Allegorie zu lesen; seine Kulisse irgendwo im österreichisch-ungarischen Reich ist ein Ersatz für das Irland des 19. Jahrhunderts. Die englische Erzählerin Laura und ihr Vater leben isoliert, was der Lebensweise des des anglo-irischen Adels dieser Zeit entspricht. Sie leben in der Nähe von “einem verfallenen Dorf”, das an die Bilanz der irischen Entvölkerung nach der großen Hungersnot von 1845-49 erinnert. Die ausgestorbene “stolze Familie von Karnstein” ist eine Parallele für das Aussterben eines Großteils der irischen Adelsgeschlechter nach dem Act of Union von 1800. Nach 1800 konnte kein neues irisches Adelsgeschlecht ohne das Aussterben von drei alten geschaffen werden, sodass sich die Aristokratie “nur durch eine Art legalistischen Vampirismus regenerieren konnte”. Carmilla, ein untotes Mitglied der ansonsten erloschenen Karnsteins, “braucht wie die irischen Adelshäuser die Ausrottung, um sich wieder zu beleben”. Die drei jungen Frauen, die in der Geschichte auftreten, entsprechen den “drei irischen Adelsgeschlechtern, die erforderlich sind, bevor ein neues lebendig hervortreten kann”.

Carmilla war sicherlich ein Einfluss (einige gehen sogar so weit, sie eine plagiierte Quelle zu nennen) auf einen anderen irischen Schriftsteller, Bram Stoker, den Autor von Dracula. Obwohl keine soziale und politische Parabel wie Carmilla, sind die irischen folkloristischen und literarischen Einflüsse definitiv vorhanden. Und Stokers Vampire, so Davenport-Hines, können als Metapher für die Assimilation des Kapitals angesehen werden; der amerikanische Charakter als Symbol für eine Zukunft, die von der neuen Welt und nicht vom britischen Empire dominiert wird.

Hollywood verwandelte Stokers bösen Adligen schließlich in eine glamouröse, lässig anmutende Filmfigur durch Tod Brownings sanften Grafen, der 1931 im Film von Bela Lugosi dargestellt wurde. Stoker, der 27 Jahre lang als “Manager” des viktorianischen Theaterkünstlers Sir Henry Irving tätig war, verstand etwas von Dramatik, aber selbst er konnte die dramatische Wirkung seiner Kreation nicht vorhersagen. Das Buch wurde mehr als hundert Mal für die Leinwand adaptiert.

Anne Rice, eine Schriftstellerin, die für unsere aktuelle kulturelle Interpretation des Vampirmythos verantwortlich ist, wurde von der Universal-Fortsetzung von 1936 zu “Dracula”, “Draculas Tochter”, inspiriert. Rices Mädchenname war O’Brien. Ihr Vater wird von der Rice-Biografin Katherine Ramsland als “ein Sohn des Stadtteils Irish Channel” in New Orleans beschrieben; ihre Mutter, Katherine Allen, “stammte aus einer alten und angesehenen irischen Familie”. Was ihren vampirischen Antihelden Lestat betrifft, so hat er trotz seiner aristokratischen französischen Vorfahren etwas von dem stereotypen Iren an sich – den unwiderstehlich charmanten, klugen Außenseiter; den zwanghaften Sünder mit einem süchtigen Durst.

Sláinte!

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