Sin City

Die Comic-Verfilmung Sin City ist brutal gut gemacht. Gedacht ist sie nicht für jeden. Mein Vater, ein Horror-Gern-Gucker, kann damit nichts anfangen. Zum einen mag er Comics jeglicher Couleur nur arg bedingt, zum anderen hasst er es, zu absoluter Konzentration genötigt zu werden. Ihm ist der Film too much: Zu viele Handlungsstränge, zu viele deprimierende Leute mit ihren düsteren Geschichten.
gailZu viel dunkler Stoff, der beim angestrengten Hinsehen schlechte Laune macht. Allemal: Mein Vater würde zwar nicht mit einem sinnfreien statement wie „Blöde Handlung, blöde Grafik, blöde Brutalität!“ konform gehen, aber „Seltsam alles, so verwirrend!“ (Zuschauerkommentare, Kinoseite Internet) kommt seiner Meinung sehr entgegen.

Das wohlige Filmzitat hier unterstreicht er auf jeden Fall nicht:

„Ich hatte so viel Spaß, dass ich vergessen habe, meine Pillen zu nehmen.“ (Mickey Rourke als Gangster Marv)

 

Marv (Mickey Rourke)
Marv (Mickey Rourke)

Der Film Sin City basiert auf den gleichnamigen Comics von Frank Miller, die Anfang der 1990er in dreizehn Bänden bei „Dark Horse Comics“ erschienen sind. Miller schrieb den ersten Band, von Kritikern und Fans mit absoluter Begeisterung begrüßt, ursprünglich als Fortsetzungscomic, der dann im Frühjahr 1993 in gebundener Version unter dem Titel Hard Goodbye auf den Markt kam. In vom Film-Noir der 1940er inspirierten Illustrationen wird in verschiedenen surrealen Geschichten vom erbarmungslosen Alltag der Outlaws und Prostituierten in der fiktiven Stadt Basin City erzählt.

Die durchaus geniale, gleichwohl waghalsige Idee, die mit dem National Cartoonist Award und elf Mal mit dem Eisner Award ausgezeichnete Comic-Serie Sin City von Frank Miller, die 2006 auf der Frankfurter Buchmesse auch als „Bester internationaler Comic“ aus dem Rennen ging, auf die Leinwand zu bannen, setzte Regisseur Robert Rodriguez (From Dusk Till Dawn) 2005 grandios als filmische Besser-geht’s-nicht-Achterbahnfahrt um. Die gelang mit so Erste-Klasse-Ticket-perfekt, da auf dem Regiestuhl neben ihm der Könner selbst, Frank Miller, saß. Nicht zu vergessen Maestro Quentin Tarantino als Special-Guest-Director.

Der „Stern“ schrieb nach der Deutschlandpremiere von Sin City vom Ansatz her grundsätzlich richtig, weil es irgendwie exakt so war und immer noch ist:

„Die eigene Phantasie hatte jedenfalls 123 Minuten keine Chance, was ein akutes Schädel-Vakuum zur Folge hatte. Menschen ohne Comic-Affinität könnten das Ganze auch albern nennen.“ (Stern)

Die Kopfsache haut hin, albern freilich trifft’s nicht. Dafür ist der Film komplett zu krass, Genre-Vorlieben hin oder her; der Sumpf, in den Sin City zieht, ist zu ernst, zu echt, zu dreckig, um irgendwas an ihm und in ihm komisch zu finden. Er ist roh, kalt und gnadenlos, und wer sich darauf einlässt, wird eben den Schwarz-Weiß-Rot-Tot-Genuss erhalten, den ein Frank Miller als Macher des lasterhaften Seins zu bieten hat.

sintit2comicAußenseiter, gesellschaftlich Gebrandmarkte, zynische, schwermütige, zornige (Anti)-Helden sind es, die in den stilbildenden Comic-Stories von Frank Miller in scheinbar immer währender Nacht auf der Suche sind nach sich und nach irgendwas, das von Bedeutung sein könnte. Rau heißt es, „geh um die richtige Ecke in Sin City, und du kannst alles finden,“ klar ist die Erkenntnis: Es regieren Gewalt, Sex, Drogen, Pessimismus, Wut und bescheidene Keime von fast grotesker Hoffnung.

„Die Hölle ist, jeden verdammten Morgen aufzuwachen, und nicht zu wissen, warum man existiert. Aber da bin ich raus. Es musste erst jemand sterben, der gut zu mir war, aber ich bin raus.“ (Filmzitat)

Sin City, der Film wie auch die Comic-Vorlagen, sind in Schwarz-Weiß gehalten, nur einzelne Elemente wie Lippen, Blut, Augen, auch Autos oder Wolken sind farbig dargestellt (Colorkey-Technik). Die Szenen, hart geschnitten ohne Kamerafahrten, durch kurze völlige Schwärze auf der Leinwand abgetrennt, sind so gut wie identisch, wurden für den Film aus Millers Original übernommen. Die Figuren und die Kamera sind derart positioniert, dass das Gesamtbild einem Comic mit seinen Einzelbildern gleich kommt. Die Gedanken der Darsteller werden in Voice-over-Kommentaren wiedergegeben, ähnlich den Gedankenblasen in Comics.

Bruce Willis (Cop)
Bruce Willis (Cop)

Thematisiert werden im Film drei Handlungsstränge der insgesamt sieben Comicbücher und eine Kurzgeschichte: That Yellow Bastard, The Customer Is Always Right, Sin City (The Hard Goodbye) und The Big Fat Kill. (Recut-Version: Stories werden nacheinander erzählt).

 

Es gibt so etwas wie eine Haupthandlung, – dem vernarbten Gangster Marv (Mickey Rourke) wird der Mord an der schönen Prostituierten Goldie (Jamie King), die er auf seine grobe Art liebte, in die Schuhe geschoben, und er sucht die Leute, die ihm übel mitspielen, um Rache zu üben -, die von separaten, nur begrenzt für den roten Faden bedeutsamen Geschichten begleitet wird.

Elijah Wodd (Psycho-Killer)
Elijah Wodd (Psycho-Killer)

In denen finden und verlieren sich Killer, Psychopathen, korrupte Cops, Stripperinnen, in denen betritt neben Rourke und King eine Riege an Hollywood-Prominenz wie Bruce Willis, Clive Owen, Jessica Alba, Elijah Wood, Benicio del Toro… das düstere Szenario im Großstadtmoloch.

Um sich (unter anderem) zu fragen:

„Was, wenn ich mir das alles nur einbilde? Was, wenn ich endgültig zu dem geworden bin, was mir alle immer prophezeit haben? Ein Wahnsinniger! Ein Psychokiller!“ (Filmzitat)

Und um Comic zu spielen. Alle(s) vom Erfolg gekrönt. „Besser kann man Comics nicht verfilmen“, schwärmt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Und:

„Drei düstere Pulp-Stories voller Sex, Mord und Machismo als formal bislang gelungenste Ausgestaltung einer Comic-Vorlage im Medium Film: betont cool, sexy, brutal und zynisch (…)“ (Lexikon des Internationalen Films)

So sei es gesagt. Schade freilich, dass die Fortsetzung Sin City 2: A Dame to Kill For , zweifellos sehenswert, 2014 unter gleicher Regie bei Kritikern und Publikum nicht so gut ankam. Man hätte nicht so lange damit warten sollen, der richtige Rausch war weg.
Für den Überflieger Sin City gingen 2005 allein in Deutschland über 1,15 Mio. Menschen in die Kinos. Am ersten Wochenende nach dem Start erzielte die Rodriguez-Miller-Teamwork-Produktion trotz einer geringen Anzahl an zur Verfügung stehenden Filmkopien und der hohen Altersfreigabe (ab 18) ein Einspielergebnis von 1.876.231 Euro bei 281.276 Zuschauern.

sc1Nicht zu vergessen all die unzähligen Genre-Freaks, die sich damals und gestern und heute und morgen zuhause auf der Couch ins sündige Städtchen Basin City stürz(t)en. Und mit heiserer Stimme raunten und weiterhin flüstern:

„Die Nacht ist teuflisch heiß. Ein lausiges Zimmer in einem lausigen Teil einer lausigen Stadt. Vor mir eine Göttin. Sie sagt, sie will mich. Ich vergeude keine Sekunde damit, mich zu fragen, womit ich dieses Glück verdient habe.“

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)