Shirley Jackson – Wir haben schon immer im Schloss gelebt

Jackson-schlossShirley Jackson (1919 – 1965) war eine Schriftstellerin, die weit über die Genregrenzen von Science Fiction und Phantastik hinaus Ansehen im amerikanischen Literaturbetrieb erlangen konnte, hierzulande aber  mit Ausnahme einiger publizierter Kurzgeschichten vollkommen ignoriert wurde. Umso verdienstvoller ist die bei Diogenes gestartete Edition der Werke Jacksons, die im letzten Jahr mit dem Roman Wir haben schon immer im Schloß gelebt in geschmackvoller Aufmachung und sorgfältiger Übersetzung begonnen wurde.
Merricat, die träumerische achtzehnjährige Hauptakteurin dieses Schauerromans hat merkwürdige Vorlieben. Neben ihrer älteren Schwester Constance mag sie besonders den Amanita phalloides, auch bekannt als grüner Knollenblätterpilz. Verwundert es da noch, dass die Schwestern sowie ihr im Sterben liegender Onkel in völliger Einsamkeit das dichtbewachsene herrschaftliche Anwesen ihrer längst verblichenen Eltern bewohnen? Einsamkeit mag Merricat ebenfalls. Zusammen mit ihrem Kater Jonas durchstreift sie die völlig in sich verschlossene Eigenwelt des verwilderten Anwesens und hängt ihren märchenhaften Tagträumen nach. Shirley Jackson lässt keinen Zweifel daran, dass Merricat und ihre Schwester glücklich sind, und obwohl die beiden sich mitsamt ihrer Teekränzchen wie zwei alte puritanische Damen gebärden, hütet Jackson sich davor, Menschen für ihre Vorlieben, und seien sie noch so skurril, zu verurteilen. Dank der einfühlsamen Charakterisierungen lernt der Leser diese beiden merkwürdigen Personen zu verstehen und schätzen.
Dass ein solches Leben im zwanzigsten Jahrhundert auf Kritik stoßen muss, bleibt unausweichlich. Erste krasse Einschnitte in Merricats Traumwelt sind die zwangsweise regelmäßig stattfindenden Einkäufe von Lebensmitteln. „Der Freitag und der Dienstag waren schreckliche Tage, weil ich ins Dorf gehen musste“, erzählt sie. Nach und nach lässt Jackson die Einflüsse von außen auf die Schwestern massiver werden und sie schließlich in einen ernsthaften Konflikt zwischen den Dorfbewohnern, die dieser Lebensweise mit offener Feindseligkeit begegnen, und den Schwestern münden, durch den Merricat und Constance materiell stark zu Schaden kommen, aus dem sie aber gleichzeitig, in ihrer geistigen Verfassung gestärkt, hervorgehen.
Noch mehr von der Handlung zu verraten wäre unfair, denn der Roman stellt sich als eher handlungsarm dar, was dem Lesevergnügen aber keinen Abbruch tut. Ihre diesbezügliche Sparsamkeit gleicht Jackson mit psychologischer Einsicht aus. Im Gewand des sanften Psychothrillers formuliert Shirley Jackson ihre menschliche Botschaft. Ohne je belehrend zu wirken, verleiht sie ihrem Wunsch Ausdruck, die Menschen sollten sich gegenseitig, auch ohne die Einhaltung zivilisierter Verhaltensmaßstäbe, respektieren. Neben ihrer Ausgereiftheit bezüglich inhaltlicher Aspekte und Charakterisierungen, hantiert Shirley Jackson in ihrem fünften und letzten Roman auch mit stilistischen Mitteln höchst gekonnt. Ein behutsamer, aber nicht einlullender Tonfall, herrliche Dialoge („Sie haben nicht mal von Ihrem Tee getrunken“, sagte ich, weil ich wollte, dass sie errötete. / „Danke“, erwiderte sie, sah auf ihre Tasse und errötete. „Er schmeckte köstlich.“) und dieser unübersehbare Hauch von Eigenwilligkeit spinnen einen völlig eigenen Zauber, der Wir haben schon immer im Schloß gelebt zu einem unheimlichen Leisetreterstück mit immenser nachhaltiger Wirkung macht.

Originalausgabe: We Have Always Lived in the Castle (1962)
Übersetzt von Anna Leube und Anette Grube
Zürich: Diogenes, 1988

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Wolfgang Jeschke (Hrsg.), Das Heyne Science Fiction Jahr 1990 (München: Heyne, 1989)

Frank Duwald

Frank Duwald

1965 in Hagen-Haspe geboren. Verehrer abseitiger, zu Unrecht vergessener Literatur. Mitarbeit u.a. bei Printmagazinen wie “Nachtschatten” und “Das Heyne Science Fiction Jahr”. Seit 2013 Betreiber der Seite "dandelion | abseitige Literatur”

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