Sherlock Frankenstein und die Legion des Teufels

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Sherlock Frankenstein trägt seinen Namen nicht zu Unrecht, denn er ist wirklich beides: ein genialer Ermittler im London des Jahres 1893, der dort jedes Verbrechen mit seinem brillanten Scharfsinn lösen konnte; und er erschuf ein Monster namens Mectoplasma. Seine eigene Leistung – unabhängig von den Referenzen an zwei der größten Figuren der Popkultur – war es jedoch, den eigenen Tod zu besiegen. Und so ist sein Ghoul-artiges Wesen durchaus der Preis für seinen einstigen Sieg. Jeff Lemire sagt, dass er Zeichner David Rubin darum gebeten hat, in diesem Band den viktorianischen Gentleman in ihm mehr in den Vordergrund zu stellen, um die tragische Liebesgeschichte zwischen Sherlock und Gail glaubhafter zu machen. Allein daran sieht man, wie sehr sich Lemire um seine Figuren sorgt.

Sherlock Frankensteins Karriere begann – wie so viele im Comicversum – nicht als Verbrecherlaufbahn. Erst der tragische Verlust seiner geliebten Krankenschwester, die für ihn da war, als er im sterben lag, verwandelte ihn in den gefährlichsten Superschurken, den Spiral City je zu Gesicht bekam. In dieser biografischen Skizze stecken natürlich alle Plattitüden, die man sich überhaupt nur vorstellen kann. Und selbst, dass sein Assistent Igor Watson heißt, sorgt für einen Zungenschnalzer. Man hätte diesen Namen blind erraten können.

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In diesem Prequel dreht sich alles um Lucys (Black Hammers Tochter) Suche nach Sherlock Frankenstein. Da sie nicht glaubt, dass ihr Vater tot ist – hier wissen wir mehr als Lucy zu dieser Zeit -, klappert sie zunächst einmal alle Superschurken ab, da die Helden ja nicht mehr da sind. Interessanterweise hatten die sich nämlich mit dem Verschwinden der Helden zur Ruhe gesetzt. Eine Theorie, die ja immer wieder auch in Bezug auf Batman und den Joker diskutiert wird, ist die der gegenseitigen Bedingung. Erschafft der Held erst den Bösewicht? Da wir unser Universum dualistische wahrnehmen, könnte diese Aussage zutreffen.

Lemire greift in der gesamten Serie tief in die Kiste der Tropen, manchmal subtil, manchmal herrlich offensichtlich (siehe „Igor Watson“).

Das Sanatorium, in dem viele Superschurken einsitzen, erinnert natürlich an Arkham Asylum, Black Hammers Halle an Supermans Festung der Einsamkeit – und selbst Cthulhu bekommt seinen Platz – als Klempner, dem das Schurken-Ding eigentlich gar nicht liegt und der nie einen Menschen verletzte, sondern sich lediglich als Dieb verdingte. Sehr zum Ärger seiner Frau, einer echten Xanthippe, für die etwas mehr Engagement ihres Gatten durchaus wünschenswert gewesen wäre. Kurz sehen wir auch Cthu-Lous Tochter: Cthu-Louise, und wissen es spätestens jetzt: das ist eine Familie, bei der sich Lovecraft im Grabe umdreht, und dabei so großartig absurd, dass man sich fast wünscht, es gäbe eine eigene Album-Reihe, die ein für alle Mal das Leben des Großen Alten so beleuchtet, dass wir alle es nacherleben können.

Aus Sherlock Frankenstein
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Dieser dritte Black Hammer-Band (oder erste Sonderband) schlägt einen anderen Ton an als die beiden Vorgänger, ist auch in den Farben und Formen schriller, verliert aber niemals seine Spur. David Rubin überspitzt jedes Element in seinen Zeichnungen und setzt seine Aufmerksamkeit auf Dinge, denen andere Künstler kein Gewicht beimessen würden. Die Wut, die Traurigkeit, und die Zerbrechlichkeit in diesen Darstellungen verbindet uns mit den Figuren. Rubins Farbgebung unterstreicht dabei das emotionale Gewicht der einzelnen Szenen.

Und auch wenn das Spin-Off für sich genommen einen eigenen Gefühlsbogen bildet, ist es ein notwendiger Teil im Black Hammer-Universum. Jeff Lemire selbst sagte:

„Das Letzte, was ich möchte, ist, dass die Fans von Black Hammer unnötige Spin-Offs oder Verknüpfungen lesen müssen, um die ganze Geschichte zu verstehen. Diese neuen Mini-Serien stehen für sich allein neben der laufende Black Hammer-Serie, und erzählen komplette, in sich geschlossene Geschichten.“ (Quelle: SyfyWire)

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Wenn Lucy also am Ende des zweiten Bandes der Hauptserie mit ihres Vaters Hammer in der Hand vor den Helden schwebt und sagt: „Ich bin Black Hammer, und ich erinnere mich an alles!“, dann meint sie zwar den Kampf mit dem Anti-Gott, weil sie jetzt Black Hammer ist, aber eben auch ihre Begegnung mit Sherlock Frankenstein, weil sie eben auch Lucy bleibt.

Sherlock Frankenstein endet mit dem ehemaligen Superschurken, der ihr jede Unterstützung auf der Suche nach ihrem Vater zusagt, denn er selbst hat durch die Begegnung mit Lucy wieder Hoffnung, dass Gail ebenfalls noch am Leben sein könnte. Wie Lucy aber schließlich zur Farm gelangte, das erfahren wir hier noch nicht.

Zum Schluss …

Es ist vielleicht etwa irreführend, „evil“ mit „Teufel“ zu übersetzen, und so wäre „… und die Legion des Bösen“ zielführender gewesen, auch wenn ich nicht glaube, dass das viele Leute stören wird. Mich selbst stört das auch nur, weil der Teufel bereits eine Personifizierung des Bösen darstellt, im Comic sind aber die Schurken gemeint, denen sich die Helden um Black Hammer gegenübersehen.

Hier gehts zum ersten Band: Vergessene Helden
Hier gehts zum zweiten Band: Das Ereignis

Splitter-Verlag
ISBN: 978-3-96219-083-5
Autor Jeff Lemire
Zeichner: David Rubin
Übersetzerin: Katrin Aust
Hardcover
152 Seiten
Preis: 19,80.-

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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