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Serienkiller Part X: Gilles de Rais

Fünfzehntes Jahrhundert. Finsternis. Der Serienkiller Gilles de Rais mochte kleine Jungs. Er ließ sie leiden, das war sein Vergnügen, tötete sie, ergötzte sich an nekrophilen Spielchen. Dann warf er sie weg.

gilleszechOder er ließ, nachdem er sie vergewaltigt, abgestochen, aufgeschlitzt, ausgenommen und verstümmelt hatte, ihre abgeschlagenen Köpfe schminken und aufspießen, um sich den schönsten auszusuchen.

Er war ein ekelhafter Perverser. Ein grausamer Psychopath mit einer kranken Lust, die gestern, heute, morgen, immer wieder Thema einer Zeit war und ist und sein wird. Der französische Romancier und Essayist George Bataille (1897 – 1962) sagt in „Leben und Prozeß eines Kindermörders“ (Gilles de Reis):

„Was uns an der Persönlichkeit des Gilles de Rais interessiert, ist … unsere eigene Bindung an das Monströse, das dem Menschen wie ein Alp von früher Kindheit an innewohnt.“

Zweifellos wurde das vor allem von den romantischen Autoren des 19. Jahrhunderts gern verdrängt. Gilles de Rais (1404 – 1440) erhielt auf dem Papier als düstere Heldengestalt mit zwar finsteren Abgründen, gleichwohl aber mit viel Courage und Herz ein neues Leben. Ein verklärtes. Nicht schöner, aber eben auch nicht furchtbarer als beispielsweise das des legendären Ritters Blaubart, der tollkühn und stark war und (Gedankenpause) Frauen ermordete.

Denn ein großer Ritter war Baron Gilles de Rais eben auch. Ein französischer Marschall. Ein Ruhmreicher des 100jährigen Krieges. Ein Mann mit altem blauen Blut. Ein Mann, der sich in Kinderblut suhlte.

Er steht in den Geschichtsbüchern. Er kämpfte als „braver und kühner Hauptmann und Gefährte“, wie es in den Chroniken heißt, mit Jean D’Arc (1412 – 1431) gegen England und für seinen Glauben. Im französischen Historienfilm „Johanna von Orleans“ (1999, Regie: Luc Besson) reitet der Schauspieler Vincent Cassel als schmucker, starker Marschall Gill de Rais unterstützend an ihrer Seite. Als Freund.

Vincent Cassel als Gilles de Rais in "Johanna von Orleans"

Vincent Cassel als Gilles de Rais in „Johanna von Orleans“

Als Bestie steht Gilles de Rais in den mittelalterlichen Gerichtsakten. Der Sire hat unzählige Kinder und Jugendliche „geraubt und rauben lassen, geschändet und schänden lassen, getötet und töten lassen.“ Nachweisen konnte man ihm letztendlich 140 Morde, Schätzungen zufolge waren es weit mehr als 400.

Der Angeklagte hatte sich das „peinliche Verhör“ (Folter) selbst durch sein Geständnis erspart, ging freilich ehrlos in den Tod, weil man ihn hängte. Der Galgen stand bei verurteilten Adeligen für absolute Schande. Das Gericht in seiner Urteilsbegründung:

„Er hat in abscheulicher Weise unschuldige junge Knaben erwürgt, getötet und massakriert. Er hat sich an diesen Kindern auf widernatürliche Art vergangen und das Laster der Sodomie betrieben. Er hat sich schrecklicher Teufelsbeschwörungen schuldig gemacht und den Dämonen geopfert.“

Der vermögende Baron, reich geboren, vom Luxus verwöhnt und mit dem Schwert groß geworden, war bereits 1425 eine geachtete Persönlichkeit am Hofe Karls VII.. Er unterstützte den französischen König mit Geld und Truppen gegen die Engländer, die er nach einem Sieg mit Vorliebe allesamt hängen ließ. Der Monarch lobte und hofierte seinen Recken, unterstütze ihn aber nicht, als Jean D’Arc gefangen genommen wurde.

Jeanne d'Arc

Jeanne d’Arc

De Rais wollte sie befreien, der König sperrte sich. Nach der Hinrichtung der späteren Nationalheldin Frankreichs, – sie starb 1431 als Neunzehnjährige auf dem Scheiterhaufen in Rouen-, war das Verhältnis gänzlich abgekühlt. Und Gilles de Rais ging jetzt ausschließlich seinen Interessen nach: Raub. Vergewaltigung. Folter. Mord. Okkultismus. Und, – tatsächlich -, immer noch starke Gottesfurcht.

1435, in der Hochphase seiner sadistischen Morde, stiftete er eine mit allem erdenklichen Pomp ausgestattete Kirche in Machecoul „zum Gedenken an die unschuldigen Kinder von Bethlehem“. Eine Heerschar von Geistlichen war dort beschäftigt, zusätzlich hatte viele Handwerker aus der Umgebung durch den Bau Arbeit gefunden.

Und auch, wenn die Gerüchteküche brodelte, weil so viele Kinder und Jugendliche verschwanden, nie wieder gesehen und dort vermutet wurden, wo der Baron sein entsetzliches Privatleben führte, so zögerte und schwieg man anfangs nur. De Rais war großzügig, feierte und trank mit Untergebenen, gab sich grundsätzlich volksnah und Gott treu ergeben. Er war ein Herr. Ein guter Christ. Fürwahr.

Der französische Autor Joris-Karl Huysmans (1848 – 1907) über Gilles de Rais in seinem Roman Làbas (Tief unten):

„Ganz gewiß ist der Marquis de Sade nichts als ein schüchterner Bürger, ein ärmlicher Phantast neben ihm.“

Opfern riss er Herz und Augen heraus und nahm das Blut als Tinte für okkultistische Texte. So erinnerte sich einer seiner vielen Getreuen, die er damit beauftragte, für ihn Kinder aus der Umgebung zu entführen. Spezielle Kumpanen des Barons beließen es nicht nur dabei, auf Wunsch machten sie mit, betrunken vom Wein, schnitten Kehlen durch, Bäuche auf, hakten Gliedmaßen ab. Diener verbrannten später die Leichen im Kamin.

Natürlich wurden Kinder vermisst. Man ahnte. Man munkelte. Man hatte Angst vor den „Herren“. Angst davor, ohne Gunst zu sein. Und schwieg.

Unzählige Knaben, beim Viehhüten, Betteln, auf den Märkten, auch in den Häusern heraus gepickt, verschwanden spurlos, wenn der junge Baron, für Verschwendung, Prachtsucht und Gönnerhaftigkeit bekannt, seine Festung verließ und auf Reisen ging, ausgestattet mit Luxus pur, begleitet von Reitern, Pagen, Hexenmeistern, Alchimisten und einem Chor von Sängerknaben. Sogar eine Orgel wurde mitgenommen, denn Gilles de Rais liebte Kirchengesänge „bis zum Wahnsinn“.

1440 drang Gilles de Rais, dessen eigenes Vermögen schwand, während seine Raubritterzüge zunahmen, mit seinen bewaffneten Männern in die Kapelle von Schloß Saint-Etienne-de-Mermorte, ein, nahm einen Geistlichen gefangen und verspottete die kirchliche Autorität. Das nun durfte nicht geduldet werden, die Gerichtsbarkeit wurde wach, ermittelte gegen ihn und fand in seiner Festung vor, was längst hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen worden war: Skelette, Leichenteile, Wäschestücke, menschliche Asche.

Grotesk fast: Die Hausdurchsuchung, der anschließende Prozess und die Hinrichtung des Adeligen hätten vermutlich niemals stattgefunden, wenn Gilles de Rais nicht aus Trotz und Übermut den Pfarrer bei seiner Pfingstmesse überfallen hätte.

„Diese absurde Geschichte hatte eine Justiz in Bewegung gesetzt, die sich wegen der kleinen Hungerleider, die ein so hoher Herr ermordete, nicht sonderlich erregt hätte.“ (Bataille)

Das klingt hart, aber das 15. Jahrhundert war eine Zeit, in der die Mächtigen, so  Joris-Karl Huysmans , allesamt „fürchterliche Menschenfresser“ waren. Und in dieser Zeit, gezeichnet von Krieg, mittellosen Flüchtlingen und plündernden, mordenden Söldnerbanden , zählten die Arme-Leute-Kinder eh herzlich wenig.

Trotzdem war der Fall Gilles de Rais auch für das hart geprägte Mittelalter beinahe beispiellos. Der Bielefelder Historiker Peter Schuster:

„Es gibt derartige Taten, also sodomitische Übergriffe gegen Kinder oder auch brutale Morde an Kindern, aber nicht in dieser Häufigkeit und in diesem Umfang, wie es Gilles de Rais nachgesagt wird.“

Seine Biographen, so Huysmans, „fallen von einem Staunen ins andere vor diesem geistigen Hexenspuk“. Das sagte er vor hundertdreißig Jahren.
Man staunt nicht nur. Man schaudert. Spuk ist etwas anderes.

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