Serienkiller Part VI: Belle Gunness – Die schwarze Witwe

Sie war ein teuflisches Luder. Geldgierig, sexbesessen, böse, eiskalt. Belle Gunness, die schwarze Witwe von Laporte. Zwanzig, vielleicht vierzig Menschen hat sie getötet und bestialisch zerstückelt. Der 1859 geborenen Norwegerin, die 1883 in die Vereinigten Staaten auswanderte, wurde nie der Prozess gemacht: Entweder brachte ein eifersüchtiger Liebhaber sie 1908 um, – eine kleinlaute Theorie -, oder sie lebte, lachte, mordete unter dem Namen Esther Carlson bis 1931 weiter. Wirklich geklärt werden konnte bis heute nicht, wie und wann die schöne Brynhild, wie Belle ursprünglich hieß, tatsächlich gestorben ist. So oder so, Blut klebt reichlich an ihr. Hauptsächliches männliches.
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Als Killerin hat die schwergewichtige Belle, – stolze 130 Kilo brachte sie auf die Waage -, allemal ganze Arbeit geleistet. Witwe Belle schlachtete, nachdem sie sich ihrer Ehemänner entledigt hatte, ihre Freier. Heiratswilligen schwor sie Liebe, nahm ihr Geld, vergiftete sie oder schlug ihnen den Kopf ein, zerlegte sie und begrub sie bei ihren Schweinen. Die US-amerikanische Death-Metal-Band Macabre vertonte ihr scheußliches Treiben (2006), im Refrain heißt es:„Bella the butcher chopped up her men and buried them down by the hog pen. She took out insurance policies then she murderer her families.“ Und das ist nicht die einzige musikalische Finster-Widmung. In „The Ballad of Belle Guness“ (Album „Howlin‘ Wild“) singt TJ McFarland:

„Hell’s Belle Gunness, the black widow of the heartland, she and love will never be together.
A sick twisted joke, her heart beats in wild rapture, they all came to stay forever.“

Hell’s Belle Gunness lebte die ersten sieben Jahre nach ihrer Ankunft in den Staaten in Cicago: Bis zu ihrem Umzug nach La Porte, Indiana, starben zwei ihrer vier Kinder offiziell an Dickdarmentzündung und ihr erster Ehemann, Mads Sorenson,  angeblich an einem Herzinfarkt. Typische Todesfälle der plötzlichen und unerwarteten Art waren das nicht: Die Symptome wiesen klar auf Strychnin-Vergiftungen hin. Aus heutiger Sicht wäre die Dame bereits zu diesem Zeitpunkt überfällig gewesen.

Belle kassierte die stattliche Lebensversicherungssumme ihres verschiedenen Mannes, kaufte sich eine Farm und heiratete den norwegischstämmigen Witwer Peter Gunness, der natürlich gleichsam hoch versichert war. Nur wenige Monate nach der Hochzeit hatte Peter einen tödlichen Unfall: Eine Wurstmaschine fiel dem Schlachter auf den Kopf und spaltete ihm den Schädel.

Seine Tochter Jennie erzählte im Ort, so sei das nicht gewesen, die Gunness habe ihren Vater mit einer Axt erschlagen. Belle vernahm dass mit Unbehagen, und bevor jemand so recht aufhorchen und nachforschen konnte, war das 16jährige Mädchen verschwunden. Kaltblütig ermordet von Belle. Die behauptete, ihre Stieftochter würde irgendwo in Kalifornien zur Schule gehen. Ihre Leiche und all die vielen anderen menschlichen Überreste fand man 1908. Bis dahin inserierte Belle fleißig:

„Ansehnliche Witwe mit großer Farm sucht die Bekanntschaft von ebenfalls gut situiertem Gentleman. Jedem, der nach Laporte kommt, gefällt es so gut, dass er nie wieder fort will.”

Ihren Annoncen in den Zeitungen von Chicago und anderen großen Städten des Mittleren Westens folgten etliche Männer, im Regelfall Auswanderer aus Norwegen, die eine Frau fürs Leben suchten. Belle freilich, die noch ein drittes Kind bekommen hatte (Philipp, Sohn von Peter), genügte die Kurzweiligkeit: Sie amüsierte sich mit einem, ließ den brav sein Geld auf ihr Konto zahlen, brachte ihn um, verscharrte ihn im Schweinekoben, ließ den nächsten kommen, holte ihn, ganz glückliches Weib, von der Zugstation ab, amüsierte sich, man ging zur Bank, er zahlte ein, war kurz darauf weg, und wieder wartete sie am Bahnhof. So endete es mit Ole B. Budsburg aus Chicago, Henry Gurholdt aus Scandinavia, Wisconsin, Olaf Svenherud, ebenfalls aus Chicago, John Moo aus Elbow Lake, Wisconsin, und Olaf Lindbloom aus Iowa. So erging es 1907 auch dem Junggesellen Andrew Hegelien aus South Dakota. Belles fürwahr zärtliche Zeilen an ihn:

„Keine Frau ist glücklicher als ich. Ich weiß, dass Du kommen und mir gehören wirst. (…) Du, der süßeste Mann der Welt. Ich denke ständig an Dich. Wenn ich Deinen Namen höre, dann ist er mir das schönste Liebeslied. Mein Herz schlägt wild für Dich, mein Andrew, ich liebe Dich.“

 

Leichenfundort nach dem Brand 1908
Leichenfundort nach dem Brand 1908

Als Gunness diesen Brief verfasste, hatte sie ein Verhältnis mit dem Farmarbeiter Ray Lamphere, den ihre ständigen Kontaktanzeigen empfindlich störten. Der verliebte Ray wurde ihr lästig, sie kündigte ihm im Februar 1908 und erzählte dem Sheriff von La Porte, Lamphere wolle sie umbringen. Zwei Monate später brannte das Farmhaus ab. In den Trümmern fand man die Leichen ihrer Kinder Myrtle, Lucy und Philip und den Körper einer geköpften Frau. Belle. Dachte man. Kurz darauf, – Ray hatte man bereits verhaftet wegen Mordverdachts und Brandstiftung -, fanden die Ermittler in den Überresten des Schweinestalls ein Massengrab mit zehn männlichen Leichen und weiteren, menschlichen Knochenfragmenten. Zudem wurden die Überreste von Jennie, Belles Stieftochter, einer unbekannten Frau und noch zwei Kindern gefunden.

Nicht gefunden wurde der Kopf der verbrannten Frau, von der man glaubte, sie sei wohl Belle, zumal zumindest deren Zahnbrücke in der Asche lag. Alles fingiert? Der Leichenbeschauer vermaß den kopflosen Körper, er gehörte einer eher zierlichen Frau. Nachbarn und Freunde kamen zur Identifizierung, waren mehr als skeptisch: Belle, 1,83 Meter groß, Gewicht ganz deutlich über 90 Kilo, und die Tote eine Person, das haute nicht hin. Die Obduktion ergab, dass die Frau bereits einige Zeit vor dem Feuerausbruch gestorben sein musste. Vergiftet mit Strichnin. Dann geköpft.

Ray Lamphere bestätigte den Verdacht, dass Belle Gunness noch am Leben sei. Er erzählte, sie habe am Abend vor dem Brand eine Frau in einer Bar angesprochen, sie mit zu sich nach Hause genommen und wohl umgebracht, um der Polizei eine Leiche, ergo ihre zu liefern. Ray sagte auch, er selbst habe Gunness nach Stillwell zum Bahnhof gefahren und sich von ihr verabschiedet. Da habe es wohl schon gebrannt, und das Feuer hätte sie gelegt. Natürlich fahndete man daraufhin nach ihr, freilich völlig erfolglos. Letztendlich schrieb der Gerichtsmediziner in seinem Bericht, die kopflose Frau sei Belle Gunness. Noch offene Fragen blieben eben offen. Immerhin wurde Lamphere von der Mordanklage freigesprochen und lediglich wegen Brandstiftung zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Belle-GunnessDie Gerüchteküche brodelte in den Folgejahren, die ganze dunkle Geschichte war Thema über Grenzen hinaus. Und dann, irgendwann, tauchte in Los Angeles Esther Carlson auf. 1931 stand sie vor Gericht, angeklagt, den aus Norwegen stammenden August Lindstrom vergiftet zu haben, um an sein Geld zu kommen. Bei Esther Carlson, die Belle Gunness, vom Alter abgesehen, verblüffend ähnlich sah, wurden Fotos von Kindern gefunden, die aussahen wie Myrtle, Lucy und Philipp, die vor 23 Jahren getöteten Kinder von Belle Gunness.

Esther Carlson starb vor Prozessbeginn an Tuberkulose. Damit war die Sache anno dazumal erledigt. Der Verdacht bezüglich einer falschen Identität wurde nicht weiter verfolgt. Alle waren eh‘ tot. Ende. Nur die Nachwelt fragt noch nach dieser schaurigen Frau. Und fröstelt.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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