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Serienkiller Part V: Fritz Haarmann – Der Totmacher

Der Mann ist weltberühmt. Werwolf, Schlächter, Vampir von Hannover. Fritz Haarmann. Ein Mörder. Der erste, von dem ich schon als Kind gehört hatte. Da war dieses Lied. Keine Ahnung, ob mein Vater es in Bierlaune trällerte oder ob es sich auf dem Plattenteller meiner Großeltern drehte, aber im Ohr hatte ich es bereits, als ich den doppelten Knoten beim Schuhbinden noch nicht passabel schaffte. Ein Karnevalsschlager, dachte ich später, als es Zeit war, die Propellerschleifen aus den Zöpfen zu entfernen, fand den Text eigenartig fies, lauschte und machte meine großen Augen. Wie ich es halt immer tat, wenn die Erwachsenen sich darüber unterhielten, wie das echte Leben aussieht. Ohne Märchen.

„Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir,
mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir.“
Aus den Augen macht er Sülze, aus dem Hintern macht er Speck,
aus den Därmen macht er Würste, und den Rest, den schmeißt er weg.“

Die erste Haarmann-Strophe, gesungen zur swingigen Melodie von „Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt auch das Glück zu dir…“ (Walter Kollo, Operette „Marietta“, 1920er Jahre) kenn ich immer noch, so was vergisst man nicht, das ist wie bei einem ziemlich bösen Hänschen-Klein, nur schlimmer. Allemal, dieses Lied über einen Killer und gleichzeitig Kannibalen irritierte mich. Irgendwann fragte ich, ob dieser Haarmann wirklich wahr wäre. Meine Mutter bestätigte, mein Großvater setzte laut noch einen drauf: „Der hat nur junge Kerle umgebracht. So einer war das.“ Vorläufig Punkt für ihn. Das verhaltene Flüstern kam von meiner Großmutter: „Und sie geschlachtet und gegessen. Sagt man.“

Götz George als "Der Totmacher"

Götz George als „Der Totmacher“

Details folgten später, da waren die Zöpfe ab: Dass Haarmann (1875 – 1924, Hannover) seine „Puppenjungs“, – Anfang des 20. Jahrhunderts war das eine gängige Bezeichnung für männliche Prostituierte -, zum Verzehr verwertet hat, konnte nie nachgewiesen werden. Im Regelfall tötete er sie durch einen Biss in den Hals, zerstückelte sie und entsorgte die Einzelteile im Fluss, wie er es selbst vor Gericht anschaulich beschrieb. Der Verdacht blieb: Da Friedrich „Fritz“ Heinrich Karl Haarmann bis zu seiner Anklage wegen Mordes an 27 Menschen in der Zeit von 1918 bis 1924 mit Fleischkonserven gehandelt hat, schien es nicht abwegig, dass er in den eh kargen Zeiten seine Leichen zu Wurst verarbeitete. Zumal der Mann, – Vater autoritär, Mutter nachgiebig, Bruder sexuell gestört -, als pathologische Persönlichkeit galt, mit attestierter Schizophrenie, ergo eh kein Normaler. Kannibalismus. Er selbst bestritt das. Kleidungsstücke und persönliche Gegenstände seiner Opfer hätte er zu Geld gemacht, das ja und mehr auch nicht.

Freilich sagen, woher er das Fleisch in seinen Dosen denn beziehe, konnte er so recht nachprüfbar nicht. Da blieb denn auch der Nachbarin neben Haarmanns Achselzucken ein Albtraum , der nicht nur ihr den Magen umdrehte: Sie führte ein Restaurant in der Straße „Rote Reihe“, wo auch das Liebespaar Haarmann/Grans wohnte, und hatte regelmäßig bei ihm eingekauft.

„In Hannover an der Leine, Rote Reihe Nummer 8,
wohnt der Massenmörder Haarmann, der schon manchen umgebracht.
Haarmann hat auch ein’ Gehilfen, Grans hieß dieser junge Mann.
Dieser lockte mit Behagen alle kleinen Jungen an.“

Haarmanns Lebensgefährte, Hans Grans, der im Bahnhofsviertel für seinen Partner die Jungs (aus-)suchte, wurde 1926 als Mitwisser zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Bei seiner Festnahme trug er die komplette Garderobe eines der Ermordeten. Überhaupt an verwahrten oder verkauften Hemden, Hosen, Stiefeln konnten viele der Opfer von Angehörigen, die sie als vermisst gemeldet hatten, letztendlich identifiziert werden. Übrig geblieben war von ihnen tatsächlich nur das, was sie am Leib getragen hatten, ansonsten wurden nur Schädel und Knochen im Flussbett der Leine gefunden. An die Namen der vielleicht zwanzig, vielleicht vierzig insgesamt von ihm Ermordeten, allesamt kleine Jungs und blutjunge Männer zwischen zwölf und zweiundzwanzig Jahren, die Mehrzahl aus dem Strichermilieu, konnte Haarmann sich in den seltensten Fällen erinnern.

Szenenfoto der Fassbinder-Produktion

Szenenfoto der Fassbinder-Produktion

Dass er überhaupt als bereits dringend Tatverdächtiger, – gesucht hatte man nach diversen Vermisstenanzeigen und den Knochenfunden verstärkt im Homosexuellen-Milieu -, relativ spät verhaftet wurde, lag mit an Haarmanns Nebenjob: Als Polizeispitzel für Kleinganoven war er nicht so im Visier, wie es hätte sein müssen. Den Beamten wurde Schlamperei bei den Ermittlungen vorgeworfen, Angehörige im Gerichtsaal empörten sich, man hätte Morde verhindern können, wenn frühzeitig den Spuren Haarmanns nachgegangen worden wäre. Im Gegenzug hatte die Polizei sich bei ihren Vernehmungen denn doch mit recht dubiosen Mitteln mächtig ins Zeug gelegt, um Haarmann geständig zu sehen: Unter seiner Zellendecke waren Bretter mit Schädeln angebracht, deren Augenhöhlen mit rotem Papier ausgekleidet waren, die von hinten beleuchtet wurden. Um Haarmann so richtig Angst zu machen, stellte man ihm einen Sack mit Gebeinen in die Zellenecke und sagte ihm, die Seelen der Toten würden ihn holen, wenn er nicht auspacke.

„Es ist kein Vergnügen, einen Menschen zu töten, ich habe nur zuweilen meine Tour.“ (Fritz Haarmann)

Haarmanns Geisteszustand stand im Zentrum der Aufmerksamkeit. War der Mann einfach „nur“ völlig krank? Das Gericht befand nicht so, erkannte Haarmanns Zurechnungs- und Schuldfähigkeit nach Anhörung des psychiatrisches Gutachters Ernst Schultze an und verurteilte ihn zum Tode auf dem Schafott. Das Urteil wurde am 15. April 1925 im Hof des Gerichtsgefängnisses vollstreckt. Haarmanns abgeschlagenen Kopf verwahrte man im Institut für Rechtsmediziner Georg-August-Universität Göttingen jahrzehntelang als Präparat, letztendlich wurde er eingeäschert und im März 2014 anonym bestattet. Den könnte man sich jetzt also definitiv nicht mehr ansehen. Dafür gab’s/gibt’s anderes grotesker Art zu gucken oder eben nicht (mehr):

Haarmann als Comic-Figur

Haarmann als Comic-Figur

Der Wiener Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf 1992 einen Haarmann-Fries, dessen Ankauf durch das Land Niedersachsen und die Stadt Hannover zum Preis von 100.000 D-Mark zu Protesten unter dem Motto „Steuergelder für Massenmörder-Denkmal“ führte. Das Ganze verursachte ein bundesweites Medienspektakel. Zur Expo 2000 war eine Haarmann-Meile geplant, auf der sich Künstler mit dem Thema auseinandersetzen sollten. Auf dem Programm: Eine „Haarmann-Kantine“ mit Blutwurst und Sülze. Wurde nicht gemacht. 2004 fiel den Stadtwerken Hannover ein, sie könnten in ihrem Kundenmagazin ein Würfelspiel namens „Die Haarmann-Schleife“ drucken. Wurde zwar gemacht, die Ausgaben mussten aber schleunigst eingestampft werden. 2007 war’s ein Adventskalender der Hannover Marketing und Tourismus GmbH, der für Empörung sorgte: Auf einem Türchen befand sich eine Abbildung von Fritz Haarmann mit Beil. Und 2012 schaltete sich mahnend der DFB ein, weil eine seit mehreren Jahren im Fanblock von Hannover 96 gezeigte Fahne mit Haarmanns Kopf die Gemüter erhitzte. Es existiert tatsächlich sogar ein Haarmann-Comic (Carlsen Verlag, Hamburg 2010). Wem’s gefällt.

Göttingen, Filmszene (George)

Göttingen, Filmszene (George)

Über die sechswöchige Untersuchungszeit und Befragung Haarmanns in Göttingen durch den Psychiatrieprofessor Ernst Schultze drehte Regisseur Romuald Karmakar 1995 mit Götz George (Haarmann) und Jürgen Hentsch (Schulze) in den Hauptrollen den meisterhaft gespielten Film Der Totmacher. Die Dialoge für die Darsteller lehnen sich eng an die originalen Verhörprotokolle aus dem Jahr 1924 an.

„Der Zuschauer schwankt im Verlauf der Gespräche zwischen Mörder und Gutachter, zwischen Abscheu und Faszination. Der Film ist als ungemein dichtes Kammerspiel inszeniert, das nicht auf Emotionalisierung angelegt ist, sondern als nüchterne Fallstudie. Der glänzende Hauptdarsteller vermittelt in der Rolle des Haarmann das eigentlich Unfaßliche.“ (Lexikon des Internationalen Films)

Nicht die einzige Verfilmung, von umfassender Literatur zum Thema mal abgesehen: Die Fassbinder-Produktion „Die Zärtlichkeit der Wölfe“, gedreht 1973 unter der Regie von Ulli Lommel, zeigt Kurt Raab als Haarmann. Erzählt wird die Geschichte des Jungenmörders Fritz H. im Nachkriegs-Ruhrgebiet. Andere Zeit, anderer Ort, Inspirationsquelle war aber zweifellos der Hannoveraner Massenmörder. Die Fensehdokumentation „Puppenjungs – Der Fall Haarmann“ (2009, Regie: Nils Loof) befasst sich mit den Auswirkungen bis heute, 2011 erschien das düstere Hörspiel „Murder Documents 01 – Haarmann“. Neun Jahre zuvor brachte Marius von Mayenburg das Theaterstück „Haarmann“ auf die Bühne, veröffentlicht in einem Band mit Das kalte Kind. Auf dem Buchrücken steht der Satz:

„Und mir hat man versichert, meine Angst vor Menschen sei ohne Grund“.

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Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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