Serienkiller Part IX: Kolja, der Menschenfresser

Klingt wie ein billiger Filmtitel. Tatsächlich ist es der kompromisslose „Spitzname“ des Mörders und Kannibalen Nikolai Dzhumagalijev, der so unaussprechlich wie irgendwie unbekannt ist. Erstaunlich ist das zweifellos. Menschliche Bestien haben für gewöhnlich einen Ruf, dessen dumpfes Echo einmal um den Globus geht. Und Dzhumagalijev zählt zu den Abscheulichsten.

 

Nikolai "Kolja" Dzhumagalijev
Nikolai „Kolja“ Dzhumagalijev

Der gebürtige Kasache, Jahrgang 1953, ermordete weit über einhundert Frauen. Er vergewaltigte sie. Er zerstückelte sie. Er trank ihr Blut. Er füllte Teigtaschen mit ihrem Fleisch und Innereien, alles gut durch den Wolf gedreht. Er kochte und briet sie und bot sie ahnungslosen Gästen an. Und das alles fand nicht irgendwann im Irgendwo statt, sondern gestern auf der Landkarte (fast) um die Ecke. Nur hörte man so gut wie nie etwas darüber. Wie bei Fällen aus dem damaligen Ostblock üblich, wurden fast keine Angaben zu Serienmördern publik gemacht.

„Metal Fang“ Dzhumagalijev, der Mann mit dem Weissmetallgebiss, – er verlor früh seine Vorderzähne, ließ sich silbrig glänzende Stifte einsetzen -, taucht nicht in der Liga der weltweit zu Blutruhm gelangten Serienkiller auf, denen Hollywood & Co. ein Stück Kinogeschichte und damit auch Unvergesslichkeit schenkten. Im damaligen Ostblock hielt man sich bedeckt mit Angaben über die Greueltaten in eigener Nachbarschaft, die Presse scheute Rot, man machte wenig publik, ließ weniger noch die Grenzen passieren.

Vielleicht ist es der Satz seiner Mutter Marija, der Nikolai Dzhumagalijev gestern und heute auch für die breite Öffentlichkeit einen Platz unter den berühmten dunklen Seelen einräumt, bei deren Namen die Augen groß, die Stimmen leise werden. Ein Satz, der hängen bleibt, weil er so viel schlichte Erkenntnis zeigt, so viel Schulterzucken, so viel Hilflosigkeit.

„Ich habe all meine Kinder anständig erzogen. Aber irgendwann wurde es dunkel in Koljas Kopf.“

Vielleicht ist es auch Dzhumgalijevs eigene Erklärung seines Denkens und Handelns. Abgrundtief hassen würde er die Frauen, alle wären sie Schlampen, Nutten, Ehrlose, „verabscheuungswürdige, übelste Wurzeln der Menschheit“, und er würde sich als Kämpfer gegen das Matriarchat verstehen.

„Ich vernichte das weibliche Geschwür in der Gesellschaft.“

Dzhumagalijevs gestörtes Weltbild fand erstmalig 1980 unter Zeugen Einlass in Polizeiakten und ärztliche Gutachten: Im Haus seiner Eltern bei Almaty in Kasachstan überraschten ihn Bekannte dabei, wie er die Leiche einer jungen Frau, der Kopf und Hände fehlten, über einer Schüssel ausbluten ließ. Der damals 27-Jährige hatte die Frau zuvor vergewaltigt, mit einem Jagdmesser getötet, verstümmelt, aufgeschlitzt, ausgetrunken. Die Miliz verhaftete ihn. Erstmalig.

Viele Jahre, Morde, Justizskandale darauf erklärte er, menschliches Blut zu trinken würde ihn erleuchten und innerlich reinigen.

In Handschellen
In Handschellen

Dzhumagalijev gestand nach seiner Festnahme und den folgenden Ermittlungen noch sieben weitere Morde, – bei dieser Zahl blieb er stur trotz entsetzlicher Beweislage -,  und führte die Polizeibeamten zu den Verstecken, wo die Überreste der entstellten Leichen zu finden waren.

Wie ein Archäologe habe er sich dabei gefühlt, erzählte er später.

Wie ein Todeskandidat wohl eher nicht. Auf ihn wartete nicht der Henker, er wurde aufgrund psychiatrischer Begutachtungen und Entscheidungen in eine geschlossen Anstalt für Geistesgestörte eingewiesen. Dort blieb er neun Jahre. 1989 schaffte er es, bei der geplanten Überführung in eine Spezialklinik auszubrechen und unterzutauchen.

„Metal Fang“ war zwei Jahre auf der Flucht, und da die Behörden nichts öffentlich machten, hätte es auch gar keine Hinweise aus der Bevölkerung geben können. Der große, drahtige Mann mit dem markanten Gebiss war ein Unbekannter. Der zuerst in Moskau, wieder in Kasachstan und letztendlich in Usbekistan weiter Frauen auflauerte, sie vergewaltigte, ermordete und zu Mahlzeiten verarbeitete. Das Handwerkszeug zum Zerteilen der Leichen, – Beil, verschiedene Messer, Verpackungsmaterial -, trug er stets in einem Rucksack bei sich.

„Den getöteten Frauen schnitt er manchmal die Brüste und Wadenmuskeln ab. Gelegentlich pökelte er die Körperteile oder dörrte das Fleisch auf dem Dachboden. Die abgeschabten Knochen vergrub oder verbrannte er. Weil er wusste, daß Zähne erst bei Temperaturen um 800 Grad zerstört werden, zermalmte der handwerklich geschickte Mann diese verräterischen Reste seiner Opfer, um jede Spur zu verwischen.“ (Spiegel-Reportage, Martina Helmerich, 1995)

In Usbekistan wurde Dzhumagalijev 1991 ausfindig gemacht und verhaftet, um erneut in einer psychiatrischen Anstalt untergebracht zu werden. Experten gehen davon aus, dass er bis zu seiner Wiederergreifung zwei Frauen pro Woche getötet hat. Trotzdem kam er 1994 aufgrund eines gefälschten Gutachtens, – „Koljas“ Schwester hatte den leitenden Arzt bestochen -, wieder frei und wurde in die Obhut seiner Familie in Kasachstan entlassen.

Den Behörden in Usbekistan war das ganz recht, der politische Umbruch sorgte für genügend Chaos überall, da sollten sich die Kollegen im Nachbarland kümmern. Auch, wenn der besagte Arzt sich schon etwas besorgt, dann doch freilich mehr geldgierig gezeigt hatte: „Eine Garantie, dass er geheilt ist, kann ich nicht geben.“

Die Leute in Dzhumagalijevs Heimatort Almaty hatte man natürlich nicht gefragt: Die fürchteten sich vor dem „Menschenfresser“, und etliche Dorfbewohnerinnen wie die Kolchosmelkerinnen, die ihre Schicht in der Früh um vier antraten, forderten von der Polizei Begleitschutz. Seine Mutter sperrte ihn im Haus ein, auch nach der langen ärztlichen Behandlung schien selbst ihr, die weiter nur geliebt hatte, ohne zu sehen,  der Sohn nicht wirklich geheuer zu sein. Schließlich flüchtete der, beargwöhnt und verflucht von den Nachbarn, in die nahegelegenen Wälder.

Vor Gericht
Vor Gericht

Inzwischen war der korrupte Arzt aufgeflogen und man fahndete erneut nach Nikolai Dzhumagalijev. Im Frühjahr 1995 nahm ein Soldat einen Landstreicher mit gefälschten Papieren in Gewahrsam, der versucht hatte, völlig betrunken über den Zaun eines Regierungsgebäudes zu klettern. Ein Blick auf das Fahndungsblatt im Revier, ein unglaublicher Treffer: Es war „Metal Fang“.

Er wurde festgenommen. Kam vor Gericht. Urteil? Unklar. Einige wollen wissen, dass er sich wieder oder immer noch in der Psychiatrie befindet und dort behandelt wird, andere Quellen sagen, dass er endlich oder längst schon hingerichtet wurde.

Und dann gibt es noch diese Meldung vom 8. Januar 2016:

Gelang Serienmörder die Flucht?

„Ein berüchtigter Serienmörder soll in Kasachstan aus der Psychiatrie geflohen sein. Dies berichtet die „Sun“, ohne jedoch eine Quelle für ihre Information zu nennen. Bei dem Mann soll es sich um Nikolai Dzhumagalijew handeln. Der inzwischen 63-Jährige erlangte in den 1980er Jahren schaurige Berühmtheit als „Kolja, der Menschenfresser“. (…) Dschumagalijew soll bereits am 23. Dezember aus einem Gefängniskrankenhaus geflohen sein. (…) Seit Silvester ist die 22-jährige Saida Aksanowa verschwunden. Örtliche Medien spekulieren, sie könnte das jüngste Opfer von Kolja, dem Menschenfresser, geworden sein.“ (n-tv>panorama)

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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