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Scream: In memoriam Wes Craven

Scream: In Memoriam Wes Craven

Der große Wes Craven ist tot. John Carpenter (Regisseur) sagt: „Wes was a good man. Giant loss.“ Bob Weinstein (Produzent) bekennt: „Mein Herz ist gebrochen.“ Robert B. Englund (Schauspieler), Craven’s Freddy Krueger, erinnert sich: „A brilliant, kind, gentle and very funny man. A sad day on Elm Street and everywhere. I’ll miss him.“ Und die Welt denkt an ihn.
Hollywood hat sich verneigt, weltweit seufzen die Fans und gucken Kino. In memoriam. Immer wieder. Hier kann man Kino lesen. Das Phantastikon hat unlängst mit Nightmare einen der Horror-Meilensteine des am 30. August 2015 im Alter von 76 Jahren verstorbenen Meisters vorgestellt. Wir knüpfen an mit Scream (Schrei). Unsere Art, Respekt zu  zollen.

schreiUrsprünglich wollte Craven von der Story mit dem so legendär maskierten Teenie-Killer, die seinen beispiellosen Ruf noch einmal mehr absolut bestätigen sollte, herzlich wenig wissen. Als rein auf Horror fixierter Filmemacher sah er sich selbst nun mal nun nicht, er suchte andere Reize und lehnte das Regieangebot von Dimension Films strikt ab. Die ließen nicht locker und brachten als Zugpferd die für die Hauptrolle verpflichtete Drew Barrymore ins Spiel. Das gefiel Craven, er mochte die talentierte Schöne. So recht überzeugt hat ihn aber wohl die Frage eines neugierigen Knirpses, wann er denn mal wieder einen richtigen Film drehen würde. Da fiel für ihn die Klappe. So ist’s überliefert, so war das dann auch. Zwischenzeitlich wurde Craven nochmals unleidlich, er erfuhr, dass die Barrymore nun doch nicht Heldin Sidney Prescott, sondern Opfer Casey Becker spielen würde, eben die Unglückliche, die schon kurz nach Filmbeginn stirbt. Bravourös schreiend natürlich, aber das tröstete ihn wenig. Neve Campbell, dunkelhaarig und apart, war die neue Sidney. Eine gute Wahl. Craven nickte ergo, war dann doch wieder unzufrieden, weil die Aufnahmen aus finanziellen Gründen in Vancouver stattfinden sollten, nicht in Kalifornien, was er bevorzugte, da es typisch amerikanischer wäre. Letztendlich zahlte man achselzuckend die eine Million US-Dollar Mehrkosten für die kalifornische Stadt Santa Rosa als Drehort, einen Wes Craven zu verärgern oder gar zu verscheuchen wäre auch denkbar unklug gewesen. Das Budget von 15 Millionen war damit zwar überschritten, Scream spielte aber weltweit über 161 Millionen ein.
Die Premiere des gigantischen Erfolges am 18. Dezember 1996 in L.A. war ein perfektes Weihnachtsgeschenk für das Horror-Genre, hatte man doch völlig zu Unrecht Bedenken gehabt, dass kurz vor Heiligabend nur nett gemachte Familienfilme ins Kino locken würden. Indes, die Zahlen, die Begeisterung sprachen für sich. Die Kritiken waren des Lobes voll, daran rüttelten auch streng bebrillte Meinungsmacher nicht, die halt ihre gewissen Zweifel hatten. Egal. So heißt es denn im Lexikon des Internationalen Films: „Klassisches B-Movie, das die Versatzstücke des Psychothrillers und Slasher-Movies eher ausschlachtet als reflektiert, geschweige denn parodiert. Durch das lustvolle Zelebrieren des perfiden Spiels, Menschen aus Spaß zu töten, hinterlässt der von äußerlicher sowie auch innerer Spannung getragene Film einen zwiespältigen Eindruck.“ Ob zwiespältig, vielsagend oder mehrdeutig, punktgenau richtig erklärt es Cinema: „Wes Craven kümmert nicht die Psychologie, er will schocken und überraschen.“ Logisch. Denn, wie Craven sich selbst und seine gut bösen Absichten erklärt:

„Als Horrorfilm-Macher sage ich: Ich werde euch die absolute Wahrheit zeigen, und sie ist blutig und scheußlich und gefährlich.“

Und genau nach der, so wusste die Regie-Legende, fiebert die Horror-hungrige Meute. „Blut. Es ist immer Blut. Da schreien die Leute.“
stephwesFolgerichtig wurde bei ihm zerhackt, zerlegt, zerfetzt, zerschlitzt, gepeinigt, gefoltert und gefressen, im Regelfall immer hübsch blutig. Reines hohles Gemetzel freilich war das nie, die Story ist vorhanden, es wird (auch) erzählt. Und: Der Großmeister finsterer Absichten, der privat keine Horrorfilme mochte (er ängstigte sich), konnte auch durchaus leisere Töne anschlagen. Craven, der vor seinem Sprung ins Haifischbecken Hollywood als Dozent für Philosophie und „Writing“ an der Clarkson University in Potsdam, New York, die Brötchen verdient hatte, drehte 1999 mit der begnadeten Meryl Streep das Melodram „Music of the Heart“. Einfühlsam. Schön. Die Streep wurde für den Oscar und den Golden Globe nomiert. Craven war völlig zu Recht stolz auf seine Arbeit der etwas anderen Art, – Scream 2, ein starkes Genrestück, war zwei Jahre zuvor erschienen -, seine gewaltige Gemeinde freilich bangte etwas, einige befürchteten Schlimmstes: Dass ein Horror-Genie sein düsteres Gelübde ad acta legen könnte, um fortan mehr an die Psyche und weniger an unappetitlich Eingemachtes zu gehen.
Das tat er (natürlich) nicht, dafür war der Sohn strenggläubiger Baptisten, die Sucht, Spiel, Kino verpönten, – schon spannend, solch ein interessanter Werdegang -, viel zu sehr mit seinem düsteren Lehramt vertraut. Da war er mehr als gut, da konnten wenige Auserkorene halbwegs mithalten. Eifrig keuchend, seitdem ein 38jähriger Studiosus 1977 mit Hügel der blutigen Augen eine harte, krasse, vielversprechende Nummer geboten hatte. 1984 dann der Donnerschlag: Freddy Krueger wurde geboren, Nightmare – Mörderische Träume versetzte weltweit in Atem- und Schlaflosigkeit, ließ nicht locker und kehrte wieder: 1994 brachte Craven mit Freddy’s New Nightmare den Schlapphut-Killer im Ringelpullover in erweitert gelagerter Bestform auf die Leinwand, präsentierte mit Scream nur zwei Jahre darauf eine phänomenale Neudefinierung des mittlerweile doch arg ausgelutschten Teenie-Slashers. Das Drehbuch dazu schrieb der damals noch unbekannte Kevin Williamson, inspiriert von einem Fernsehbericht über den Gainesville Ripper, unter dem Titel „Scary Movie“ in nur drei Tagen. Arbeitseifer, der sich verdammt gelohnt hat.

Die Story: Ein Haus auf dem Land. Die Schülerin Casey Becker freut sich auf einen Videoabend mit ihrem Freund, die Eltern sind ausgegangen. Plötzlich klingelt das Telefon, ein Mann mit unheimlicher Stimme ist in der Leitung. Er schlägt ihr ein „Frage-und-Antwort-Spiel“ über Horrorfilme vor, sie geht darauf ein, wird immer nervöser, panischer, verliert. Sie wird getötet, ebenso ihr Freund, der gefesselt auf der Veranda liegt, Der Mörder wird gezeigt, er trägt eine auffällige schwarz-weiße Maske, eben die berühmte und Milliardenmal kopierte Maske, die jeder Sechsjährige schon mal erstaunt beguckt hat, den seine Mutter nicht völlig weg vom Weltlichen zerrt. Als Caseys Eltern nach Hause kommen, entdecken sie an einem großen Baum vor der Haustür die ausgeweidete Leiche ihrer Tochter.
Die Einwohner von Caseys Heimatort Woodsboro sind schockiert, denn vor einem Jahr geschah bereits ein ähnlich fürchterlicher Mord an der Mutter der jungen Sidney Prescott, die vergewaltigt und ermordet aufgefunden wurde. Journalistin und Buchautorin Gale Weathers wittert ihre Sensationsgeschichte. (…) Kurz Schnitt, neue Szene: Die Gefahr wächst, der Killer ist irgendwo. Eine Ausgangssperre wird verhängt, die Jugendlichen schert das natürlich nicht, sie machen Party. Tatum, eines der Mädchen, will Hochprozentiges besorgen, geht in die Garage. Dort lauert der Tod. Fiese Art, zu sterben. Die anderen sehen sich derweil Horror-Klassiker auf Video an. Bei „Halloween“ stellt Filmfreak Randy die drei Grundsatzregeln auf, die man beachten muss, um in einem Horrorfilm zu überleben: Kein Sex, kein Alkohol oder Drogen und kein Wort darüber, dass man gleich zurück käme. Eine clevere vierte sei hinzugefügt: „It’s not who you come with, it’s who takes you home.“ Die ist aus „Prom Night“ (Die Nacht des Schlächters, 1980, Regie: David Lynch), und da hätte Craven als Experte wohl genickt, zumal es auch ein Maskierter ist, der Teenies in Panik versetzt und sie jagt, um einen nach dem anderen zu töten.
Scream , – mehr wird nicht erzählt, das braucht’s hier nicht -, zog bis 2011 drei kommerziell erfolgreiche Fortsetzungen nach sich und heilte das stark kränkelnde Horrorgenre in den 1990er-Jahren nicht wundersam, sondern höchst gekonnt mit großartiger Power. Durch Cravens unerwarteten Erfolg angespornt, lieferten Kollegen weitere gut gemachte Teenie-Slasher, darunter Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast (1997) und Düstere Legenden (1998).

Die letzten Kinofilme, die Wes Craven der Nachwelt hinterließ, sind „Scream 4“ (2011) und „My Soul To Take“, (2010). Im vergangenen April unterzeichnete er einen Vertrag mit Universal Cable Productions über drei verschiedene TV-Serien: Für „We Are All Completely Fine” nach dem gleichnamigen Roman von Daryl Gregory um den mysteriösen Psychologen  Dr. Jan Sayer, der eine Gruppe von Überlebenden verschiedener Horror-Szenarien betreut, sollte Craven das Drehbuch zum Piloten verfassen und ihn als Regisseur inszenieren. Die Horror-Serie „Das Haus der Vergessenen“ (basiert auf Cravens Film aus dem Jahr 1991) sollte er als ausführender Produzent unter seine erfahrenen Fittiche nehmen. Das dritte Projekt: „Disciples“, eine Umsetzung der gleichnamigen Graphic Novel über die Kolonialisierung der Monde durch die superreiche Oberschicht von Christopher Mitten und Steve Niles.

Zudem war Craven als ausführender Produzent verantwortlich für die MTV-Serie „Scream“, die aktuell um eine zweite Staffel verlängert wurde. Universal Cable Productions gab direkt nach seinem Tod bekannt:

„Wes Craven wwescravenar ein meisterhafter Künstler, ein Gentleman, und es war uns ein Vergnügen, mit ihm zusammen zu arbeiten. Es ist unsere Absicht, alle Projekte, die Wes gemeinsam mit UCP entwickelt hat, in die Tat umzusetzen. Wir sind sehr dankbar, dass alle Konzepte, die unter seiner Obhut standen, stark von seiner Betreuung profitiert haben. Sie werden ihm zu Ehren und in seinem Geiste umgesetzt.“

Vorbei und doch nicht wirklich: Das ist tröstend. Das ist Hoffnung. Das ist gut.

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