News Ticker

Schweigeminuten

Ihnen fehlten Augen. Die geschlossenen Lider waren es, die anfangs irritierten. Unverkrampft verschlossen zwar, aber ohne Chance, in den Gesichtern lesen zu können. Unheimlich irgendwie. Genial inszeniert. „Die könnten jetzt an alles denken. Gott. Kinder. Leiber aufschlitzen. Ficken.“

Thomas Gregorian kicherte. Ihm gefiel, was er sah. Warten auf irgendwen. Irgendwas. Er betrachtete das Bild genauer. Vermutlich eine spiritistische Sitzung, schätzungsweise in den 30ern gemalt. Die junge Frau, die mit ihm gemeinsam auf den Speicher der alten Villa geklettert war, verzog angewidert das Gesicht. „Scheußlich. Das macht mir Gänsehaut.“ Thomas Gregorian grinste. „Absicht, vermute ich.“ Er hatte Edgar Gregorians Bild von Staub und Spinnweben befreit und hielt es jetzt in Augenhöhe. Gregorian musste es kurz vor seinem Tod gemalt haben. Ein Bruder seines Großvaters, der auf bizarre Art ums Leben gekommen war. Man hatte ihn und seine Frau mit durchtrennten Kehlen vor dem gemauerten Kamin im Erdgeschoss gefunden. Der Mörder wurde nie gefasst, hatte auch nichts gestohlen, war wohl einfach nur herein spaziert, um Blut spritzen zu sehen, hübsche Fontänen aus weißen Hälsen, die sich auf dem Steinfußboden verloren.
Thomas starrte auf das Bild und war beeindruckt. Merkwürdig nichtssagende Szene. Trotzdem fühlte er sich eingeladen, an etwas teilzunehmen, das wichtig zu sein schien. Was war so verdammt wichtig gewesen? Gemeinsam zu träumen, zu hören, zu vögeln? Wer mit wem? Das Bild hatte was, zweifellos. Alle fünf waren elegant gekleidet und tadellos frisiert, die schöne Blonde in rotem Samt, Samt kam hin, die Brünette in moosgrünem Taft. Vielleicht Seide. Die Männer trugen ihr Haar straff nach hinten gekämmt, vermutlich klatschnass und verklebt von zu viel Pomade, aber nur so wirkte es. Sie blickten nicht auf, sahen sich nicht an. Hielten die Lider geschlossen wie im stummen Gebet. Vergruben ihre Augen, deren Farbe für den Künstler wohl bedeutungslos gewesen war, im Leeren. Leer für denjenigen, der es nicht besser wusste. Wissen konnte.

Thomas klemmte sich das Bild unter den rechten Arm, durchwühlte mit der linken Hand die oberste Schublade der Kommode, auf der es gelegen hatte. Fingerte eine mit dunkelroten Rosen verzierte bräunliche Schreibkladde heraus, legte das Bild zurück, blätterte hastig, las flüchtig einige Zeilen, ordentlich datiert. Elfter Oktober 1936. Das war die letzte Eintragung. Grundsätzlich logisch. Am zwölften wurden Edith und Edgar Gregorian vor dem Kamin von einem Wahnsinnigen abgeschlachtet. Danach lief natürlich nichts mehr. Thomas war begeistert. „Ich glaub’s nicht. Sieh dir das an, Lisa. Das gehörte meiner Großtante.“

Lisa Thössen, die sich auf dem dunklen Speicher zusehends unbehaglicher fühlte, verschränkte die Arme vor der Brust. „Und?“ – „Was und?“ Er klang ärgerlich. „Das ist Familie, Mann! Meine verdammte Familie. Cosa Nostra, du verstehen? Das nehm ich mit.“ Er drehte sich um, sprach offensichtlich mit der Wand, verdrehte abgenervt die Augen, griff wieder nach dem Bild, steckte die Kladde umständlich in den Bund seiner Jeans. Lisa war schon auf dem Abstieg, tastete sich mit den Füßen, die in unpraktischen hochhackigen Sandalen steckten, vorsichtig nach unten.
Die Schlampe ist nicht mehr lange.
Er folgte ihr. Sah sich in einem imaginären Spiegel verschwinden, verharrte kurz auf der dritten Sprosse, die gefährlich knarrte, fühlte ein leichtes Schwindelgefühl, spürte unsinnige Panik in sich aufsteigen. Großer Gott, WAS war das? Hatte er das wirklich gesagt? Nein, gesagt nicht. Gedacht. Er hatte gedacht: Die Schlampe ist nicht mehr lange. Er brauchte dringend Luft. Hier roch alles nach Gestorbenem. Moder und sonst was. Eklig. Witterte das kleine entzückende Luder das auch? Er grinste wieder, konnte nicht anders, schüttelte sich, stieg hinunter.

Gegen zweiundzwanzig Uhr am Tag seines göttlichen Fundes auf dem Speicher der alten Villa seiner Großeltern Friedelgund und Herbert Gregorian war die süße blonde Freundin von Thomas Gregorian tot. Ihr zartes junges Gesicht war von einer Axt in zwei Hälften geteilt, jede für sich recht hübsch, aber unfähig, weiter zu machen. Geschah ihr recht. Was hatte sie sich einzumischen?

Thomas saß mit geschlossenen Augen vor dem Kamin und hatte das gemütliche Prasseln des Feuers im Ohr. Herrlich! Das Bild hing über dem schweren Schreibtisch, auf dem sein Laptop wie eine exotische Pflanze in einem Meer von Gänseblümchen wirkte. Gänseblümchen, wie sie bereits eine kleine Edith, ein kleiner Edgar gepflückt hatten, stolz, mit hochroten Wangen der Mutter geschenkt, die nichts damit anzufangen wusste und sich trotzdem freute, sie in ein Wasserglas stellte, es auf dem Küchentisch platzierte, um zuzuschauen, wie sie langsam starben. Edith Gregorians Tagebuch lag auf seinen Knien, er hatte es zweimal gelesen, es war nicht schwierig, sie hatte in Druckbuchstaben geschrieben, warum auch immer.

November 1933: Trotz der Bedrohnis, die ich überall spüre, ahne, dass Schlimmes passieren wird, weil alles so trügerisch gut ist. Atme auf. Glücklich. Habe vor drei Tagen entbunden. Engelbert Siegfried heißt mein Gottesgeschenk. Edgar ist außer sich vor Freude (..)

17. Dezember 1933: Edgar hat mir Valentin von Fetzow vorgestellt. Groß, sehr schlank. Ausgesprochen belesen. Ein faszinierender Mann, durchaus. Er sieht mich unentwegt an mit seinen grauen Augen. Seine Wimpern sind zu lang und zu schwarz für einen Mann. Zu schön. Er ist miir unheimlich (..)

28. Dezember 1933: Werde Edgar bitten, Valentin von Fetzow nicht mehr einzuladen. Er macht mir Angst. Er will, dass Edgar ihn malt. Er sagt, das sei für ihn ein Jungbrunnen. Wie kann ein Bild derartiges sein? Er spricht von Tantalus, ich kenne diese Geschichte, süße Früchte, labendes Wasser, nie erreichbar, quälend, abscheulich. Er sagt, so würde es ihm nicht ergehen, das könnte niemand mit ihm machen, kein Gott, kein Teufel. Er irritiert mich (..)

15. Januar 1934: Edgar ignoriert meine Bite. Valentin von Fetzow hat mir etwas in mein Poesiealbum geschrieben, ich einfältige Romantikerin besitze es noch, er war amüsiert, weil ich verlegen wurde. Er wollte es sehen, Edgar war erheitert, er nannte mich „mein dummes süßes Frauchen“. Ich holte es, wohl rot vor Scham, wohl auch vom Wein, den Valentin von Fetzow uns mitgebracht hatte. Eine staubige, alte Flasche mit einem Korken, der zu fest saß, um in unserem Jahrhundert hineingesteckt worden zu sein. „…und lasse dich bannen mit Öl auf Linnen, und schmecke ihren Geist und labe dich, dann lebe ewig.“ Ich verstehe das nicht? Warum schreibt er so grausam? (…)

27. Februar 1934: Valentin von Fetzow ist nach Italien gereist. Vielleicht kommt er nicht zurück. Ich werde Edgar sagen, dass ich ihn nicht wiedersehen will. Gott vergebe mir meine unreinen Gedanken (…)

25. April 1934: Ich habe gesündigt, sollte mir die Augäpfel herausreissen, die Locken schneiden, kurz, hässlich, ich habe es verdient. Er war hier. Allein. Meine Brüste, so hart, so gut, gehörten ihm. Mein Schoß. So nass, voller Freude. Ich habe ihn geschmeckt, meine Lippen haben ihn gesaugt. Die Hölle. Gott, sei gnädig. Edgar weilt in Bad Oeynhausen, der Gute, der Teure. Soll nichts erfahren, nichts wissen. Und doch. Tötet er mich, soll es so sein (…)

15. Mai 1934: Mein Herz schreit nach ihm. Edgar ahnt nichts. Er wird zurückkommen. Im Herbst. Edgar will ihn malen. Ich will ihn. Will ihn. Sündiges Fleisch. Ich kann es nicht ändern (…)

11. Juli 1934: Valentin war bei mir. In mir. Ich spüre ihn, rieche ihn noch immer, will mich nicht waschen. Noch nicht. Edgar lag zu Bett, er fiebert, nimmt nur Tee und trockenen Zwieback zu sich. Ich kümmere mich. Als er schlief, habe ich Valentin meine Brüste gezeigt. Er wollte aus meinen Warzen trinken. Ich zittere, wenn ich an seine Bisse denke (..)

19. September 1934: Valentin, süßer Valentin. Er hat sich verändert. Brachte ein Buch mit. Konstantin von Fetzow. 1862. Hat es in einem römischen Antiquariat gefunden. Ein scheußliches Buch mit einer Dämonenfratze. Er sagt, es sei ein Wegweiser. Mehr sagt er nicht. Will jetzt doch noch nicht gemalt werden. Sagt, es müsse wohl sein. Müsse aber später sein. Edgar weiß nicht, wie unruhig ich bin. Spürt er es? Lass mich besser sterben, Gott (…)

8. Oktober 1934: Es wächst. Valentins Sohn. Ich weiß, dass es ein Junge ist. Ich bete das Ave Maria, ich bin mit dem Dreck unter meinen Schuhen verwachsen. Edgar freut sich, ich übergebe mich, behalte nichts bei mir, wische mir den Mund ab und lächle ihn an. Armer Edgar. Valentin ist kühl zu mir. Er betrachtet meinen Bauch und sieht mich ernst an. Er weiß es. Ich weiß es. Er wirkt blasiert. Er ist nicht ehrlich. Mir wird kalt, wenn sein Atem mein Gesicht streift. Ich will, dass er mich berührt. Er will es nicht mehr. Er hat bekommen, was er wollte. Grausam, grausam ist er. Fühle mich beschmutzt. Bin schmutzig. Unrat bin ich. Nachts schreie ich vor Lust, bleibe aber stumm, berühre mich unsittlich, während Edgar, der Gute, neben mir träumt. Wovon träumt er? Will ich es wissen? (…)

November 1934: Valentin hat geschrieben. Ein Brief nur für mich. Habe ihn verbrannt. Er will meine Liebe nicht. Nur meine Frucht. Selbst die sei nichts wert, sagt er. Er muss warten. Fühle mich gefangen im Bösen. Möchte mir den Leib aufschlitzen. Will schlafen. Vergessen. Kann nicht. Fürchte Gottes Zorn. Fürchte Edgar (…)

11. Januar 1935: Mein Sohn ist zuhause. Habe ihn Konstantin genannt, weiß nicht, warum. Wollte ihn Herbert nennen, nach meinem Patenonkel. Weiß nicht, warum. Konstantin. Er hat graue Augen. Valentins Grübchen im Kinn. Edgar, der Tor. Sieht nichts. Besser so (…)

17. März 1935: Valentin liebt ihn nicht. Unsauber sei er. „Der Nächste, der kommt, der wird es sein.“ Sagt er und schüttelt mich ab, will nicht umarmt, nicht liebkost werden. Fühle mich entsetzlich. Bin hässlich. Will sterben und doch nicht. Warum der Nächste? Es wird kein Kind mehr geben mit Valentin. Er weist mich von sich. Meine Brüste beben. Er sagt kein Wort (…)

25. Mai 1935: Fühle keine Wärme. Als sei er nicht mein Kind. Meine Brust will er nicht. Ich singe ihn in den Schlaf und weine. Habe das Gefühl, dass er nicht um seiner selbst willen auf dieser Welt ist. Weiß nicht, warum. Seine Augen sind tot. Will ihn lieben. Wie unseren Siegfried. Kann nicht. Konstantin sollte nicht sein. Ich weiß, dass es falsch war. Was wird? Zittere. Fürchte mich (…)

24. Juli 1935: Träume von Valentin. Höre seinen Atem. Er streift mein Nachthemd hoch und streichelt meine feuchten Schenkel, fährt höher, beisse mir die Lippen blutig, gebe keinen Laut von mir (…)

19. September 1935: Edgar hat mit seiner Arbeit begonnen. Valentin sitzt dort, das Kinn auf seine linke Hand gestützt, die Augen geschlossen. Er trägt einen schwarzen Anzug, weißes Hemd, goldene Manschettenknöpfe mit einem verschnörkelten Kreuz. Seine Haare glänzen, sind streng nach hinten gekämmt. Unbeweglich sitzt er da, in dieser merkwürdigen Position, will die Augen nicht öffnen, will aussehen, als denke er nach. So will er gemalt werden. Mich befremdet das (…)

8. Oktober 1935: Meine Tränen wollen nicht versiegen, das Herz möchte ich mir aus der Brust reißen vor Schmerz. Unfassbares ist geschehen. Fühle mich völlig gelähmt. Katharina und Rudolf Gausepoll wurden ermordet. Unsere ältesten Freunde. Von einer Bestie. Gott hat zugesehen. Ich weine lautlos, während ich schreibe. Jemand hat ihnen die Kehlen durchgeschnitten. Sie waren bei uns, zu Gast, Edgar und ich hatten sie eingeladen. Ein wunderbarer Abend. Edgar hatte ihnen das Portrait von Valentin gezeigt. Wir haben getrunken, wir haben gelacht. Es wurde spät. Sie befanden sich auf dem Heimweg, sie hatten es ja nicht weit, gut fünf Minuten, und irgendwo dort in der Steuberstraße muss er, muss es gelauert haben. Hervorgesprungen hinter einem Baum wie ein wildes Tier, mit dem Messer in die Kehlen gestochen, darin herum gerührt, sie durchtrennt. Überall Blut. Und nichts gestohlen. Keine Perle, keinen Ring. Einfach nur getötet, um zu töten. Kann nicht mehr. Schreie nach meiner Mutter. Edgar ist kein Trost (…)

10. Oktober: Das Bild. Es zeigt drei Personen. Valentin. Katharina. Rudolf. Ich bin mir ganz sicher. Katharina trägt das grüne Taftkleid, das ich an ihr noch bewundert habe, bevor, bevor…Ihr braunes Haar ist seitlich gescheitelt, so trug sie es immer, ihre Lippen sind kupferrot, wie oft habe ich sie geneckt, wie lvulgär das wirkte. Ihr Kinn ist angehoben, die Nasenflügel leicht hochgezogen, wie sie es machte, wenn sie sich konzentrierte, dann bebten sie, ich kann so was nicht. Ihre Augen sind verschlossen, wie Valentins, wie Rudolfs. Es ist Rudolf, muss Rudolf sein. Der dunkelbraune Wollanzug, die bläulich gefärbten Brillengläser, das rotblonde Haar, das sich immer lockte, was ihn ärgerte, deshalb rieb er es mit Speiseöl ein. Das Kinn auf der Brust, als schlafe er. Valentin. So, wie er es sich gewünscht hatte. Warum hat Edgar sie alle drei gemalt? Was passiert hier? Was passiert mit uns? (…)

11. Oktober 1935: Edgar hat das nicht gemacht. Ließ ihn auf die Bibel schwören, bin außer mir. Edgar. Der Liebe, der Teure. Er ist völlig verwirrt. Er muss es gemacht haben. Mussmussmuss. Er weiß es nicht. Krank, krank muss er sein. Ich auch. Dieses Bild ist Teufelswerk. Wir werden es im Kamin verbrennen. Das glaubt niemand. Ich will es nicht glauben. Welch makabrer Scherz. Welch Gift im armen Kopf. Welch Gift in meiner Seele. Valentin gefällt es. Er sagt, es müsse so sein. Er sagt: Isch’arioth. Er murmelt diesen Namen vor sich hin, und Schweißperlen stehen auf seiner Stirn. Edgar hat ihn angeschrien, zum ersten Mal hat er seine Stimme erhoben, ich fand es gut und richtig. Hör‘ damit auf, Valentin, hat er gebrüllt. Aber Valentin saß nur da und drehte das Glas in seiner Hand, trank nicht, drehte nur und sagte: Judas Isch’arioth. Als wäre er plötzlich wahnsinnig geworden. Weg von allem. Von uns. Von sich. Und er lachte. Nein, lachte nicht, kicherte hoch, höher, als seine Stimme es hätte erlauben dürfen, kicherte schrill wie eine Frau, nein, wie etwas, das nicht von dieser Welt zu sein schien. Muss wieder rüber ins Zimmer, rüber an den Kamin, wo sie sitzen, Edgar und Valentin, wo das Bild hängt. Warum hängt es? Es muss doch weg. Weg. Valentin. Ich liebe ihn nicht mehr. Ich fürchte mich vor ihm. Habe Angst. Grauenvolle Angst (…)

Hier endeten die Tagebucheintragungen. Thomas Gregorian blinzelte ins Kaminfeuer. Züngelnde Flammen. Lebendige Hitze. Er streckte die Arme aus, um die Fingerspitzen zu wärmen. Seine Hände waren ganz kalt. Und blutverschmiert. Die Axt. Neben der Anrichte hatte sie gelegen. Einfach so. Gehörte da gar nicht hin. Gehörte in den Keller. Dorthin, wo die fetten Holzscheite gestapelt waren, die sein Vater geschlagen hatte im Spätsommer, kurz vor dem Unfall. Er dachte an seine Mutter, ihre erhitzten Wangen, an denen er seine rieb, um ihr nahe zu sein, immer noch, mit fast vierunddreißig, bis zum Ende.

Es ging alles sehr schnell. Seine Eltern verbrannten in dem alten Ford Taunus, der sie wohl mit nehmen wollte in sein wohlverdientes Grab, treu, wie er gewesen war all die Jahre, in denen sein Vater sich geweigert hatte, ein neues Auto zu kaufen. „Wieso? Der gute Ben läuft doch noch wie geschmiert. Haudegen, der.“ Sprach’s und schlug sich auf die Schenkel. Guter Witz. Verdammt gutes Todesurteil. Sein Vater hatte in einer Kurve überholt. Untypisch für ihn, den Logiker.
Wie stehen die Chancen, heil davonzukommen, wenn man nicht sieht, wer einem an den Karren pinkeln will? Wer einem entgegenkommt, mit dem man, verfluchte Scheiße, einfach nicht gerechnet hat? Thomas stellte sich vor, wie sie sich gestritten hatten. Ständig hatten sie gestritten, sich etwas aus der Luft geklaut und es analysiert. Sinnlos. Grundlos.
Er sah seine Mutter vor sich in ihrem hausbackenen Tupfenkleid und der neuen Dauerwelle im violett gefärbten Haar, sah, wie sie die Augenbraue hochzog, sich am Ohrläppchen zupfte, hörte sie sagen: „Deshalb musst du nicht so rasen, Reinhardt.“ Hörte seinen Vater, braune Lederweste über dem karierten Baumwollhemd, um den Bierbauch zu kaschieren, Zigarette im feuchten Mundwinkel, dunkelrote Flecken am Hals, die eine Wut entblößten, die Hildegard Gregorian längst nicht mehr ängstigte, die sie langweilte, die lächerlich war. „Ich rase nicht. Will nur da sein. Weg von dir. Kotzt mich an.“ Sie verbrannten gemeinsam. Immerhin.
Thomas grinste. Die alte Villa gehörte jetzt ihm allein. Das Bild auch. Das Tagebuch. Merkwürdig, dass seine Eltern in all den Jahren diese kostbaren Schätze niemals vom Speicher geholt hatten. Abergläubisches Pack. Keine Spur neugierig. Er doch. Sehr wohl sogar. Er erinnerte sich an die Worte seines Großvaters, unorthodoxes Gewäsch, egal, aber er hatte zu gehorchen. „Du gehst mir nie, niemals auf den Speicher. Ich durfte es nicht, und dein Vater durfte das nicht, du darfst das auch nicht. Versuchst du’s, werde ich dir eigenhändig deinen kleinen blöden Kopf abschrauben.“

Das hatte gesessen. Thomas vergaß diese Warnung nie. Natürlich war er trotzdem in die Nähe des verbotenen Territoriums gekommen, er war ein Kind, er wollte wissen und vielleicht auch erfahren, wie das ist, wenn einem der Kopf abgeschraubt wird. Aber die Tür war verschlossen, blieb verschlossen, und irgendwann dachte Thomas nicht mehr daran.
Jetzt waren sie alle tot. Großvater, Großmutter, seine Eltern. Komischerweise auch Lisa. Was hatte sie gesagt? „Nimm das Bild da wieder weg, es ist abscheulich.“ Aggressiv. Ängstlich. Albern. Alberne Schlampe. Kaum zwei Stunden her, dass sie vor dem Kamin, dort, wo sie beide jetzt nebeneinander saßen wie Fremde, Exoten aus einer jeweils anderen Welt, nackt und glücklich herum getollt waren. An sich geleckt, gesaugt hatten, um sich gegenseitig zu trinken, miteinander zu tanzen. Die Villa gehörte ihm, Thomas. Er, Thomas, gehörte zu ihr. Sie zu ihm. So einfach war das. Sie waren am Ziel. Oder in der Hölle. Egal. Tänzelndes Feuer. Er war erregt.

Eine Stunde zuvor: Wie es da hing, dieses schreckliche Bild, wie es sie zu verhöhnen schien. Lisa fröstelte in ihrer dünnen Sommerbluse. Keine Chance, von Thomas gewärmt zu werden. Geliebt? Prinzipiell schon, er liebte sie doch, liebte sie seit fast zwei Jahren. Das war doch was mit Zukunft.

Dieses Bild erzählte von vergangenen Tagen, erzählte von einer düsteren Schweigeminute. Besinnung, Konzentration. Auf was. „…und lasse dich bannen mit Öl auf Linnen, und schmecke ihren Geist und labe dich, dann lebe ewig.“ Es erzählte, wie Edith Gregorian erzählte, deren Tagebuch aufgeschlagen vor ihnen lag. Thomas las vor, überblätterte etliche Seiten, die er nur überflog, um festzustellen, wie unwichtig es war, über einen Alltag ohne Valentin zu lesen.
Valentin. Das Kinn auf seine linke Hand gestützt, die Augen geschlossen. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, goldene Manschettenknöpfe mit verschnörkelten Kreuzen. Glänzendes Haar, streng nach hinten gekämmt. So ernst, so entspannt. So entschlossen. Katharina. Moosgrünes Klid aus Taft, kinnlang geschnittenes braunes Haar, seitlich gescheitelt, kupferrote Lippen, die mit dem Vulgären kokettierten, das sie wohl heimlich liebte. Hochgezogene Nasenflügel. Apart. Angestrengt. Rudolf. Dunkelbrauner Wollanzug, bläulich gefärbte Brillengläser, rotblondes Haar, gelackt, wie mit Speiseöl eingerieben, um Locken zu bändigen, von deren Existenz man nichts ahnte, wenn man es nicht wusste. Kinn auf der Brust. Selig schlafend. Selig tot vielleicht.

Edith und Edgar Gregorian. Lisa biss sich auf die Unterlippe, schmeckte Blut. Das konnte nicht sein. Und doch…fünf waren es. Fünf. Edith hatte von drei Personen gesprochen, die plötzlich da waren, plötzlich gemalt waren, vielleicht nicht von Edgar, vermutlich aber doch. Edgar musste irgendwie, mutmaßlich nur vorübergehend, so was kommt vor, wahnsinnig geworden sein, damals, als ihre Freunde getötet wurden.

Sinnlos. Eben einfach so. Dachte Lisa und klebte mit ihrem Blick, ohne es wirklich zu wollen, an diesem Bild, das jetzt dort über dem schweren Schreibtisch hing, gleich neben dem Kamin, der Hitze schenkte, die sie nicht erreichte. Die Blonde saß zwischen Valentin und einem Mann, der mit seiner linken Hand seine Augen bedeckte. Kein Gesicht. Schwarzes Haar. Ähnlich gekleidet wie Valentin, ähnlich schlank, gutaussehend auch. Das ahnte sie. Die Frau war schön. Weißte, tote Haut. Ein rotes, tief ausgeschnittenes Kleid. Schlicht und edel. Auch ihre Augen waren verschlossen. Wirkten gequält, gezwungen verschlossen. Ihr Haar war Honig.

Tot. Ihr seht alle tot aus. Dachte Lisa, sah Thomas an, versunken in Ediths letzte Aufzeichnungen, streichelte vorsichtig seine Wange, erschrak, weil sie ihm lästig zu sein schien, flüsterte. „Thomas. Da sind fünf auf dem Bild. Das kann nicht das Bild sein, von dem deine Tante spricht. Hörst du? Das ist unmöglich, Thomas.“ Thomas Gregorian fühlte sich gestört. Außerdem war ihm alles völlig klar. Wie konnte sie so dumm sein, nicht zu begreifen. Seine grauen Augen waren kalt. Großer Gott, hatte sie denn nie genau hingesehen? Kalte graue Augen. Keine Zärtlichkeit. Eingebildet. Alles. „Es ist jetzt wohl vollständig. Nehme ich an.“

Ist es noch nicht. Dachte er düster. Glücklich auch. Warum? Nochnichtnochnichtnochnicht. Du fehlst. Dachte er nüchtern und schlug ihren Kopf entzwei. Sie fehlte ihm nicht. Sie war auf dem Bild. Schön sah sie aus. Locken wie Butterflocken, Lippen wie gezuckerte Erdbeeren. Die Augen geschlossen. Schlafe süß, kleine Lisa. Thomas lächelte. Ihr geblümtes Sommerkleid sah ausgebleicht und alt aus. Passte zum Stil. Zur Zeit. Tot schien sie. War sie auch. Er starrte auf den gespaltenen Schädel. Hörte das Klopfen. Onkel Konstantin. Mein Vater. Dachte er selig. Dann wartete er.

Konstantin Gregorian stand dort, auf seinen Stock gestützt, und lächelte unsicher. Er hatte sich ein Taxi gerufen, nach diesem Anruf. Erst war er verärgert gewesen. Die Knochen, die Augen spielten nicht mehr mit. Er war müde. Aber dann hatte die Neugier gesiegt. Und der Hass auf seinen Vetter Reinhardt, der sich und sein Weib totgefahren hatte, um diesen kleinen Idioten das Haus zu vermachen. Familienbesitz, der ihm gehören würde, wenn sein Bruder Siegfried nicht alles verspielt hätte. Schnitt sich die Pulsadern auf, als nichts mehr ging, machte sich feige aus dem Staub, der schwule Sack, nachdem der junge Wiener ihn auch noch abserviert hatte. Diese Schande. Er kotzte auf ihn. Schlimmer noch. Reinhardt Gregorian, dieser miese kleine Versicherungsheini, kaufte das Haus. Sein Haus. Das Haus seiner Eltern, Edgar und Edith Gregorian, abgeschlachtet vor Urzeiten, nicht gekannt, nicht geliebt von ihm.

Aber jetzt stand es frei. Gehörte Thomas. Seinem Sohn. Der Kuchen war seiner. Doch, er wusste es, hatte geschwiegen, warum auch nicht, Hilde hatte ihn fürstlich belohnt. Mit Reinhardts sauberem Geld. Hatte der impotente Trottel nicht gemerkt, hätte nie was bemerkt, war zu einfach. Zu stolz auf seinen Sohnemann, den er nie hätte zustande bringen können. Wusste Thomas mehr? Wollte er ihm, seinem Vater, jetzt endlich Verdientes schenken? Konstantin Gregorian grinste. Verdient hatte er es, nach all den Jahren. War überall gescheitert. Fragte sich immer noch, warum er eigentlich da war. Wieso auf dieser Welt? Er träumte vom Feuer. Sein Vater hätte ihn brennen lassen. Valentin von Fetzow. Aber das wusste er nicht. Außerdem sollte er auf das Bild. Er war der Siebte. Aber auch das wusste er nicht. Der Anruf seines Neffen erregte ihn, er brauchte dringend Geld. Vielleicht war es das?

„Es geht um die Villa. Habe etwas herausgefunden, das dich interessiert, Onkel Konstantin. Du musst kommen.“
Er hatte versucht, sich bemerkbar zu machen, war eingetreten, weil die Tür nicht verschlossen war, stand jetzt dort im Kaminzimmer, wusste nicht, was er dort suchte. Wen er suchte. Er sah die Leiche der Frau, die er nicht kannte, aber er wusste, dass sie sein musste. Sie gehörte dazu. Er erschrak nicht, blieb ganz ruhig. Sie war auf dem Bild, das ihn im Schlaf verfolgt hatte, seit ihm bewusst gewesen war, irgendwann aus Höflichkeit sterben zu müssen. Aus Respekt. Liebe? Er lachte bitter, sah Thomas fragend, furchsam, warum furchtsam?, an. „Was willst du?“ Er sah graue kalte Augen. Die Axt sah er nicht. Thomas Gregorian handelte schnell. Er sprach nicht, reagierte automatisch, wusste, es müsse rasch gehen. Ohne Erklärungen.

Das Blut, heller, als er es vermutet hätte, spritzte in sein Gesicht, er leckte es, schmeckte es, es gefiel ihm. Es tat ihm nicht leid. Konstantins Tod war für die Ewigkeit. Sein Kopf glich einer zersprungenen Suppenschüssel. Thomas fühlte sich glücklich, strahlte, starrte auf das Bild. Sieben Personen. Vier Männer, drei Frauen. „Der Kreis ist geschlossen, Valentin. Das Tabu ist gebrochen. Böse Sieben. Schlechter Mensch.“ Konstantin streckte sein Kinn weit nach vorn, von dunkelgrauem Bartwuchs bedeckt, hielt die linke Hand in Brusthöhe, wirkte fast deplatziert, weil er alt war. Der Älteste auf dem Bild. Nicht der Weiseste. Thomas lachte. „Armer Tor. Dafür hast du gelebt.“ Er starrte erneut ins Feuer. „Sieben Himmelskörper kann mein bloßes Auge eerkennen. Mehr sollen nicht sein.“ Thomas flüsterte, obgleich niemand mehr da war, der ihm zuhören konnte. Nur Valentin sprach aus den Flammen, küsste sein Herz, drang ein in sein Hirn, um sich darin fest zu beissen.

Valentin von Fetzow. Gestorben am 29. April 1949, vom Krebs durchlöchert. Endgültig. Wäre nicht Thomas. Zweihundertfünfundvierzig Jahre hatte er gelitten, nachdem ihm einige glückliche und grausame Jahrhunderte geschenkt worden waren. Geboren am 14. März 1079. Valentin von Fetzow, der Hexenjäger. Offiziell ein liebgewonnener Vertrauter der päpstlichen Inquisitionen, der ihnen süße giftige Worte schenkte. Malleus Malificarum. Sein Meisterwerk, obgleich er stets nur im Hintergrund dunkle Worte zugeraunt hatte. Hexenhammer.

Er hatte sich an ihren geschändeten, zuckenden, brennenden Leibern ergötzt. Sie waren ihm egal gewesen. Keine echte Teufelsbrut, das war ihm klar. Unnütze Seelen. Unergiebige Schreie. Valentin wollte nur sie. Elisabeth von Hornbeck, die Wirkliche. Brut Christi. Direkte Nachfahrin des Einzigen. Des Verhassten. Dieses Lumpen, der alle Welt hatte von seiner unsterblichen Reinheit überzeugen wollen. Der mit Magdalena gefickt hatte, wie es jeder andere getan hätte. Der ihren Schoß geleckt und sie durchbohrt hatte mit seinem göttlichen Speer, um sein klares Blut unsterblich zu machen. Valentin von Fetzow kannte seinen Vater. Er kannte auch seine Vorgeschichte. Er wusste, das das Blut des Unseligen in seinen Adern floss.

Erschienen in: Gottes Galte Gabe, Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken

Erschienen in: Gottes Galte Gabe, Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken

Diese Narren. Hatte sich selbst gerichtet, um Gnade gewinselt, während er erstickte. Judas Isch’arioth. Hätte nicht gewollt, dass es so weitergehen würde. Immer weiter. Elisabeth von Hornbeck. Über tausend Jahre alt. Sie musste er finden. Sie hätte er vernichten können. Damals. Unzählige hatte er auf den Scheiterhaufen gebracht, sie bluten, vergewaltigen lassen, ließ ihre Knochen, ihren Stolz brechen, liebkoste ihre Schreie, aß ihre abgeschnittenen Brüste. Er ließ Arme und Beine strecken, so normale Arme und Beine, die zuvor mit dem Wind um die Wette gerudert waren. Seine Folterknechte brachten sie, stießen sich in sie, leckten den Tod. Umsonst. Elisabeth kam davon. Gottes Tochter. Luzifers Fluch.

Jetzt lag es an Thomas. Valentins Enkel lächelte gequält. „Sieben auf dem Bild. Ist es vollbracht?“ Die Flammen im Kamin leckten nach ihm. Er wich zurück. Unsicher. „Valentin?“ Und die Stimme sprach zu ihm. „Finde Elisabeth. Lebe tausend Jahre. Lösche das Licht.“

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (154 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
Kontakt: Webseite

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz