Schneelandschaft

Die Nacht fiakert zurück und hinterlässt einen Sägenschärfer aus Hebanz in der Nähe des Sägewerks an der Hohen Mühle, das auf seinem Gelände auch eine Fischzucht ermöglicht, deren Ergebnisse dann in Buchen-, Weiden-, Erlen-, Birken-, Pappel-, und Eschenspäne in den Schlot gehängt werden, um heißzuräuchern. Fleischrauch erhebt sich und bildet Fischskelette in der Luft, vergänglich wie ein Ameisenleben. Der Fischfang hat hier eine seltsame Tradition, ungewöhnlich für ein Land, das sich so weit entfernt vom Meer befindet (obwohl sich im Präkambrium eine stolze Schwemme hier einsam fühlte).
Der Körper liegt im zugeschneiten Graben über einem erfrorenen Maulwurfhügel, der rechte Arm war vielleicht nie dagewesen; ansonsten fehlt er.
Hohenner, zusammengerafft wie ein Konturwesen WilhelmBuschʼger Prägung, glaubt nach einem ersten Sichten der Unfallstelle (man sieht sie sich von oben an und tropft dann ins Tal) an das unselige Zusammentreffen von Fleisch und Blechwerk, bis er die aufgerissene Kehle und das Loch im Thorax entdeckt. Die Organe (bis auf die halbgefressene Milz) sind ebenso verschwunden wie die Schnürsenkel. Teile des Gedärms liegen im harten Morast, und das Blut, wie ein Gürtel um das Opfer gemalt, wirkt einen Schutzkreis und blendet die Augen, so sehr hebt es sich leuchtend vom Schnee ab.
Hohenner winkt mit einer schlaffen Bewegung Bernd Michels herbei, der diesen Einsatz leitet, aber derzeit nichts anderes tut, als fassungslos in den Himmel zu blicken. Ein wahrhaft tröstender Anblick ist dieses gefühllose Nichts dort oben, das sich als Zeuge nicht gut eignet, während seine Beamten Schnee schaufeln, um den baldigen Abtransport der Überreste zu ermöglichen.
»Alles in Ordnung mit Ihnen?«
Als ob er in einem Watteraum säße, ohne die Andeutung eines Echos. Das Auftauchen des Traumes ist ein rituelles Fest in der Mitte verworrener Köpfe. Der Speiseröhrenshinkter schließt nicht mehr so ganz. Hinter sich errät er gerade noch das Gestern, packt sich an den Haaren und schleudert sich von oben hinab auf die Straße, die sich prall unter ihm windet. Die Vernunft ist ein Loch, sie füllt sich mit dem Saft der Weisheit und bleibt schal stehend zurück.
Michels hört die verlorenen Worte und weiß nicht, ob er darauf antworten soll. Es gefällt ihm nicht, eine weitere schlaflose Nacht vor sich zu wissen, auch wenn der Tag noch nicht einmal richtig begonnen hat. Das Universum ist geisterhaft in seiner Leere. Die große Unendlichkeit macht ihn verlegen, er weiß nicht, wie er sie füllen könnte.
»Kommt ganz darauf an, was ich heute Nacht träumen werde. Ich verstehe so wenig von dem hier. Da gibt es eine unbestimmbare Distanz zwischen mir und dem, was ich sehe. Ich müsste laut aussprechen, was das ist, aber ich weiß es natürlich nicht«
Hohenner nickt in Richtung des Grabens, dem vorläufigen Grab. »Das sieht nicht wie ein Unfall aus, das haben Sie sicher selbst schon erkannt.« Die sachliche, leicht im Rachen rollende Stimme Hohenners passt ausgezeichnet in diese Schneelandschaft hinein.
Michels schnaubt Schnee aus seinem Nasenbart, kramt nach einem Taschentuch. Er friert, aber das tut er immer. Er kratzt sich verstohlen durch die Hosentasche an der Seite seines Hodens, aber auch das tut er immer. Handschuhe schneeweiß; so wie manche Schwäne singen, Fleischkugeln in einer Muskat-Brandy-Beize (Liebe und Traum: die beiden bedeutendsten ästhetischen Phänomene).
»Wenn Sie es genau wissen wollen, ich glaube an ein Tier. Wir brauchen einen Jäger vor Ort, ich bin kein Gerichtsmediziner.«
Er glaubt an ein Tier wie andere Menschen an die Jungfrau, denkt Michels. Hohenners starrer Blick widmet sich dem Geschehen um die Tragödie herum. Dort wird eindeutig zu viel Schnee abgetragen, es grünt unter den Spaten und die Spuren ziehen sich in ihre Herberge zurück. Neben den Bachrunsen biegen sich bucklig die Zweige der Lärchen mit ihrem Säbelwuchs. Sie bedecken mit ihrer Dachung das Blattgefieder, vernähen anhand ihrer grünen Nadeln den blauen Himmel mit dem Ende ihres dreckigen Saums. Und der Ort erscheint wie mit Schritten abgemessen, zurückgelassen für ein anderes Ziel vor Ewigkeiten. Für das Ziel, zu bleiben. Endet der Horizont, weicht man aus in ein nächtliches Dasein, beendet den Mistsudel der Realität mit der einfachen Gabe, sich ausknipsen zu können.

»Haben Sie überhaupt welche gesehen?«
»Was soll ich denn gesehen haben?«

    Tit tat toe,
    Here I go,
    Three jolly butcher boys,
    All in a row

»Spuren. Von einem Tier.«
Nein, er hat keine Spuren gesehen. Seltsamerweise beunruhigt ihn das nicht. Es gibt hier schon immer Phänomene, die direkt aus dem Bayreuther Festspielhaus zu kommen scheinen. Obzwar die Eger nicht der Rhein ist und der Nachtberg nicht der Venusberg des Tannhäuser, glüht das Sechsämterland geradezu vor Sagen, die sich allerdings geweigert haben, in der Bücherwelt zu verbleiben.

Das Universum ist geisterhaft in seiner Leere.

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