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Schauerreime

Die See des Blutes

Am 8. April 1703 kenterte im indischen Ozean auf dem 73. Breitengrad
Das Passagierschiff Viktoria auf seiner Fahrt nach den Malediven
Und versank in den Tiefen
Vom Sturme hin und her geworfen und auf einem Felsen leck geschlagen
Füllte sich der Rumpf des Schiffes rasch mit Wassermassen
Und es blieb keine Zeit mehr die Boote zu Wasser zu lassen

Zur Rettung blieb einzig ein beherzter Sprung in die sich türmenden Wogen
Und wer nicht schnell genug schwamm
Wurde von dem sinkenden Schiff mit in die Tiefe gesogen
Bis das Schiff schließlich auf den Grund gesunken
Waren bereits 23 Mann ertrunken

Die Anderen waren für den Augenblick gerettet
Doch hatten sie gegen den Tod gewettet
Denn schon nach dem 3. Teil einer vollen Stunde ertönten bereits die ersten Schreie
Haie

Es war als ob jemand nach ihnen riefe
Lautlos näherten sich die Jäger der Tiefe
Schon verschwand der Erste zappelnd und um sich schlagend in der Flut
Die Wellen färbten sich rot von Blut

Panik brach aus
Was tun in der Not
Unter ihren Füßen da lauerte der Tod
Und kaum war das erste Blut vergossen
Sah man mehr und mehr Haifischflossen

Die Passagiere riefen um Hilfe
Immer Lauter wurden die Schreie
Doch es war keine Rettung in Sicht
Sie waren Futter für die Haie

Mäuler schnappten
Zähne blitzten
Blut und Gedärme spritzten
Das Grauen lässt sich schwer nur ermessen
Bald waren auch die letzten Schreie verklungen
Sie wurden alle aufgefressen
Und bei lebendigem Leib verschlungen

Und es dauerte nicht lange
Da schimmerten die Schaumkronen auf den Wellen wieder so weiß wie Schnee
In der blutigen See

Grabgesänge

Scheinbar endlos erstrecken sich die trostlosen Gräberfelder von Xor‘ Regani im blassen Totenlicht des Mondes.
Seit Jahrtausenden ruht die Welt der Toten in der gnadenlosen Ewigkeit der Nacht.
Einzig die Nebelschwaden wandern noch über die Felder der Traurigkeit und gleiten zwischen den Gräbern umher, deren uralte Steine wie faulige Zahnstummel aus dem modrigen, mit Leichengift getränktem Boden ragen, auf dem nur Bäume von krankhaftem Wuchs gedeihen, deren dürre Zweige gleich verkrüppelten Totenhänden nach den Sternen greifen.
Und ich … Khogori.
Endlos reiht sich Grab an Grab in dieser Welt der Toten, deren Luft angefüllt ist von den Erinnerungen an die Unendlichkeit.
Ich sah wie vor Äonen längst zu Staub zerfallene Kreaturen das erste Grab aushoben, und ich werde sehen wie dereinst das Universum vergeht im Strudel von Vergessen und Zerfall, der allen Dingen bestimmt ist.
Und wenn am Ende die Zeit selbst danieder liegt, werde ich nur übrig sein im Haus des Todes.
Träumend von den Erinnerungen an die Grabgesänge ungezählter Zeitalter … und Balfragors bösen Liedern.

Nachtgespenster

Ein Eiswind der von Norden weht
Heulend unheilvoll und düster
Trägt tausend Stimmen übers Land
Ein schaurig Nachtgeflüster

Ein Zweig der rhythmisch an mein Fenster schlägt
Ein Windhauch der die Gardinen bläht
Und ein hohles Stöhnen vor der Türe
Bilden nur die Ouvertüre
Zu jenem Schrecken welcher heuer mich erwartet

Ein Nebel senkt sich in die Gassen
Trügerisch und nicht zu halten
Verbirgt hinter seinen grauen Schleiern
Tausend huschend Spukgestalten

Und pünktlich wenn die Turmuhr schlägt zur Mitternacht
In der ganzen Stadt der Spuk erwacht

Es bricht los ein Toben und ein Kreischen
Bei welchem ein jeder muss erbleichen
Und vor Angst zugrunde geht
Wer nicht mit dem Teufel im Bunde steht

Sie drängen in die Häuser
Kein Tor gebietet ihnen Halt
Sie dringen durch Kamin und Fenster
Und auch noch durch den kleinsten Spalt

Sie kommen meinetwegen
Das kann ich euch beschwören
Der Teufel selbst hat ihnen befohlen
Ich kann sie draußen vor dem Haus schon hören
Jetzt kommen sie mich holen

Für mich gibt es keine Rettung mehr
Keinen Trost und kein Entrinnen
Ich bin vor Schrecken wie erstarrt
Und kaum noch klar bei Sinnen

Doch ich nehme all meinen Mut zusammen
Und werfe einen Blick schnell noch aus dem Fenster
Da stehen sie und starren mich an
Tausend scheußlich Nachtgespenster

Rettet unsere Seelen

Noch einmal muss ich euch berichten
Womöglich ein letztes Mal erzählen
Von einer Mannschaft die verloren scheint
Rettet uns
Rettet uns
Rettet unsere Seelen

Seit Monaten sind wir bereits auf See
Kein Land in Sicht
Und ich mag euch nicht verhehlen
Dass unsere Vorräte zur Neige gehen
Rettet uns
Rettet uns
Rettet unsere Seelen

Die Kompassnadel dreht sich wie wild im Kreise
Kein Schiff kreuzt unseren Bug
Wir segeln auf unbekanntem Kurs
Und dem Schiffe folgt ein Spuk
Die Mannschaft gehorcht kaum noch des Kapitäns Befehlen
Rettet uns
Rettet uns
Rettet unsere Seelen

Ein schwarzes Schiff verfolgt uns achtern
Gleitet über die Wellen einem Schatten gleich
Gespenstig still und schwarz wie Nacht
Freibeuter aus dem Totenreich
Die uns sogar im Schlafe noch mit bösen Träumen quälen
Rettet uns
Rettet uns
Rettet unsere Seelen

So mancher Matrose sah schon Schattenhände
Sich wie Krallenhände in die Reling schlagen
Sie kommen um unsere Seelen fortzutragen
Um unseren Geist zu stehlen
Rettet uns
Rettet uns
Rettet unsere Seelen

Dunkle Schemen huschen umher an Deck
Der Steuermann war plötzlich weg
Der 1. Maat ist auch verschwunden
Sie wurden bis heute noch nicht aufgefunden

Unter der Mannschaft herrscht nun Furcht und Bangen
Dass ihre Seelen eingefangen
Um als Schatten wiederzukehren
Denn so hat der Teufel es befohlen
Um auch noch den Rest von uns zu holen
Und nicht wenige gingen über Bord
Um auf diese Weise den Freitod sich zu wählen
Rettet uns
Rettet uns
Rettet unsere Seelen

Nun wisst ihr wie es um unser Schicksal steht
Zur Hoffnung bleibt uns nur das Gebet
Gott schütze uns vor Teufeln und Dämonen
Die da wandeln hier auf Erden
Und davor das wir nicht am Ende
Selbst noch zu Gespenstern werden

 

Roland Benz
Über Roland Benz (1 Artikel)
Roland Benz, geb. 1971, aus dem südhessischen Darmstadt. Schreibt Horrorgeschichten und Schauerreime. Diese präsentiert er seinem Publikum im Rahmen szenischer Lesungen, unter Einsatz von Soundeinspielungen, Lichteffekten, Nebelmaschinen und Walking Acts. Er selbst sieht sich eher als Geschichtenerzähler denn als Buchautor. Der Auftritt vor Publikum bedeutet ihm mehr als das gedruckte Wort. Darüber hinaus bereitet es ihm viel Freude, sich aufwendig zu schminken und zu verkleiden, er bastelt allerlei Kostüme und organisiert Fotoshootings der gruseligen Art. Hierzu und auch für seine Lesungen hat er eine beachtliche Zahl an Freunden und Unterstützern um sich versammelt, die seine Auftritte in dieser Art überhaupt erst möglich machen. Fragt man ihn nach seinen Hobbys, wird man erfahren, dass er sich als Forschungsreisender (und Geschichtensammler) in Sachen Horror sieht. Diese Leidenschaft umfasst Bücher, Comics, Filme, Hörspiele und Games. Trotz all dieser eher düsteren Interessen, ist er ein geselliger Mensch mit einer gesunden Portion Humor, der auch über sich selbst lachen kann.
Kontakt: Facebook

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