Ronnie James: Traumwelt (5)

6. Das Rund der Töne

Mit einer nachlässigen Bewegung schob er die langen Locken aus seinem Gesicht. Von hier oben hatte er eine gute Sicht über die Anlage. Scharen von Touristen trieben sich durch die verzweigten Wege, sahen sich die kümmerlichen Reste vergangener Zivilisationen an. Dies würde Niemanden mehr interessieren, sollte er heute scheitern. Die Welt, wie sie jetzt war, würde aufhören zu existieren. Eine grausame Abart ihrer selbst an ihre Stelle treten und das Leben verhöhnen.

Aber er würde nicht scheitern. Seine Züge waren sorgfältig geplant. Das richtige Buch war in Sicherheit und die große Gefahr gebannt. Hätte Modred dieses Buch in die Hände bekommen…

Modred war nahe dran gewesen, die Lösung in den Händen zu halten. Aber nicht nahe genug.

Und der falsche Prophet befand sich ebenfalls auf dem Weg hierhin. Es war ein Leichtes gewesen, ihm die

Information zukommen zu lassen und ihn hierhin zu locken.

Jetzt hieß es warten. Die finale Entscheidung rückte näher.

 

Mit der Reise hatte es wunderbar geklappt. Marc nahm eine Maschine am frühen Morgen des nächsten Tages, schneller ging es leider nicht. Der Flug verlief ruhig und ereignislos. In Athen angekommen, spürte er den deutlichen Temperaturunterschied. War es in Deutschland empfindlich kalt gewesen, brach ihm automatisch der Schweiß aus. Griechenland hatte frühlingshafte 18° Celsius und empfing ihn mit Sonne.

Er mietete einen Leihwagen und quälte sich durch das Athener Verkehrschaos. Leider lag der Flughafen im Norden und so musste er die komplette Stadt durchqueren. Wer einmal Athen besucht hatte, konnte nachvollziehen, welch einen Stress das bedeutete. Zum Glück funktionierte das Navigationssystem und so erreichte er fast ohne Umwege den Peloponnes. Der Übergang am Kanal von Korinth hielt ihn ein wenig auf, doch auch diese Engstelle überwand er. Da er noch ein gutes Stück fahren musste, beschloss er, einen Halt,(Komma hier löschen) einzulegen, als der Hunger kaum noch zu ertragen war. Natürlich hatte er genau die Zeit zwischen Mittag- und Abendessen erwischt und so gestaltete sich die Suche nach einem offenen Lokal, das zudem noch Küche anbot, als schwierig. Die meisten Tavernen schienen noch im Winterschlaf zu liegen und selbst die überall anzufindenden amerikanischen Imbissketten verschmähten diesen Landstrich.

Zwischen zwei dieser verlorenen Orte hielt er, genervt vom Hunger und der erfolglosen Suche nach einer Mahlzeit. Eine der typischen Einbuchtungen nutzte er, begab sich zwischen die dürren Zypressen und erleichterte sich. Während der heiße Strahl den trockenen Staub benässte, legte sich ein Schatten über Marc. Träge von der langen Reise sah er auf und entdeckte die Gefahr fast zu spät. Abrupt beendete er sein Geschäft und sprang zur Seite. Früh genug, denn dort, wo er eben noch gestanden hatte, landete einer seiner Todfeinde.

Automatisch packte er sein bestes Stück mit der rechten Hand ein, während die linke den Silberdolch aus der Scheide zog. Der war immer griffbereit, zu knapp hatte er seinen Kopf schon aus der Schlinge ziehen müssen, als dass er da nachlässig wäre.

Ein Geräusch im Rücken, er versuchte noch auszuweichen, doch zu spät. Ein mörderischer Schlag traf ihn, wirbelte ihn herum. Der Dolch entfiel seiner kraftlos gewordenen Hand.

Marc wirbelte herum, griff ohne nachzudenken mit der gesunden Hand einen Holzast, der in Reichweite lag und jagte ihn seinem Angreifer ins Herz.

Dessen Fratze, eben noch höhnisch grinsend, verzerrte sich. Die Qual hielt nicht lange an, dann wich das unheilvolle Leben aus dem Vampir. Wenig später zerfiel er zu Staub.

Der zweite Angreifer folgte in der Zwischenzeit, das entdeckte Marc aus den Augenwinkeln. Er warf sich zur Seite, dem silbernen Dolch entgegen, und entging dem Angriff nur knapp. Er robbte nach vorne, überbrückte die fehlenden Meter, dann hatte er seine Waffe wieder. Langsam drehte er sich zu seinem Widersacher und registrierte überrascht, wie sich dieser just in dem Moment in die Lüfte emporhob und Land gewann.

Seine Augen suchten die Umgebung ab, doch die Luft war rein.

Er atmete durch, durchsuchte die nähere Umgebung, doch von Vampiren zeigte sich keine Spur. Er beendete sein unterbrochenes Geschäft und beschloss, zum Epidauros durchzufahren. Der Hunger war ihm vergangen.

 

Die Lichtung lag abseits der Zivilisation, mitten im Gebirge, in endlosen Olivenbaumhainen versteckt. Die vier Gestalten wirkten deplaziert mit ihrer Blässe und ihrem affektiertem Gehabe.

Marlons Miene zeigte einen düsteren Ausdruck. Er hatte Marc knapp verpasst und sah hilflos zu, wie dieser in den Flieger stieg. An der Ostküste Griechenlands hatten sie ihn endlich eingeholt und er jagte zwei seiner Begleiter auf den Vampirjäger. Sie sollten Marc auf den Zahn fühlen, doch das Ergebnis sprach Bände. Jetzt hatte er nur noch drei Helfer und wirkliches Vertrauen in ihre Fähigkeiten besaß er nicht. So beschloss er, das Heft selbst in die Hand zu nehmen.

„Warten wir, bis er sein Ziel erreicht hat. Vielleicht ist es gut, dass wir ihn noch nicht stellen konnten. Wer weiß, was uns am Ende der Reise erwartet. Ich bin mir sicher, wir werden unsere Vorteile daraus ziehen.
Wir folgen ihm. Ab jetzt in sicherem Abstand. Wiegen wir ihn in Sicherheit. Unsere Zeit wird kommen.“

 

Abgeschafft und müde erreichte er das Epidauros in den späten Abendstunden. Natürlich war das Gelände verlassen und kein Eintrittskartenverkäufer weit und breit zu sehen. Aber das störte ihn nicht. Im Gegenteil, je weniger Unschuldige sich hier aufhielten, desto besser.

Das Tor stand trotz der späten Stunden offen, eine Einladung, die unmissverständlich war. Doch das Begrüßungskomitee glänzte durch Abwesenheit.

Marc betrat mit aller Vorsicht das Gelände, hielt Pflock und Dolch griffbereit. Der zunehmende Mond glänzte golden in der klaren Nacht. Um ihn herum ertönte das bunte Konzert der nächtlichen Bewohner. Ein angenehmes Geräusch, zeigte es doch, dass im Moment keine Gefahr in der Nähe lauerte. Die Tiere würden die Anwesenheit der dunklen Wesen spüren. Er würde darauf achten und entsprechend vorgewarnt sein.

Marc bewegte sich vorsichtig das weitläufige Gelände entlang. Einen verstauchten Knöchel wegen Übermuts wollte er sich nicht einfangen. Das Zwielicht war wirklich nicht ohne.

Er ließ die Reste vergangener Kulturen links liegen und begab sich ohne Umschweife zum Amphitheater. In seinem Inneren herrschte gähnende Leere. Steil ragten die Stufen in die Höhe. Das Rund der Töne war sehr gut erhalten und beeindruckte Marc nachhaltig.

Er stellte sich exakt ins Zentrum und kaum erreichte er den Mittelpunkt, überkam es ihn.

Er sang ein A. Er sang ein C. Er sang ein E.

Die Akustik war überwältigend und fast hatte er den Eindruck, irgendwo hätte sich ein Mikro versteckt, welches seinen Gesang elektrisch verstärkte.

Das war natürlich Unsinn. Es war die natürliche Akustik des Epidauros.
Seine Stimme hallte nach und es folgte einer bleierne Stille. Fast könnte man eine Stecknadel fallen hören, dachte er noch, da durchfuhr ihn die Erkenntnis.

Das Konzert der Nacht hatte ein Ende gefunden. Das Verstummen der Tierwelt konnte nur einen Grund haben und den erblickte er nur wenige Augenblicke später am oberen Rand des Amphitheaters. Ein Schatten fiel über den Mond, drei weitere folgten ihm, dann begaben sich die Untoten in den Landeanflug und transformierten am oberen Rand des Epidauros.

Marlons schwarze Augen funkelten ihn höhnisch an.

„Marc, du selbst ernannter Vampirjäger. Deine Reise hat ein Ende gefunden. Heute gehst du als Versager in die Annalen dieser Welt ein. Knie vor mir nieder und ich verspreche dir einen schnellen Tod.“
Marc spukte herausfordernd in Marlons Richtung. „Komm her, wenn du dich traust. Ich werde die Menschheit von deiner Grausamkeit befreien. Und nach dir wird Modred dran glauben.“

Der Fehdehandschuh war geworfen. Die drei Begleiter Marlons flogen durch die Luft und attackierten Marc aus drei verschiedenen Richtungen. Er sprang dem vorderen entgegen, überrumpelte ihn und rammte ihm den Pflock ins Herz. Sofort wirbelte er herum, ohne das Ergebnis seines Angriffs abzuwarten. Gerade noch rechtzeitig. Der zweite Vampir war heran und Marc wich zur Seite und stieß gleichzeitig mit dem Dolch zu. Der Vampir schrie auf. Tödlich getroffen ging er zu Boden und zerfiel zu Staub.

Marc wusste, er hatte keine Zeit, auch nur einen kurzen Moment zu verschnaufen. Mit einem Sprung wich er dem nächsten Angriff aus, rollte sich über die Schulter ab, wobei er seinen Eichenpflock verlor. Der Vampir sprang ihm hinterher, hatte aber nicht die Rechnung mit dem Dolch gemacht, so dachte er zumindest. Doch der Untote überschlug sich in der Luft und landete in seinem Rücken, während Marcs Hieb ins Leere ging.

Ein harter Schlag traf ihn im Rücken. Er krachte zu Boden, verlor den Dolch und sah schon sein Ende kommen, als er den Schatten über sich spürte.

Reflexartig wälzte er sich zur Seite. Keinen Moment zu spät. Der Vampir krachte genau auf die Stelle, wo er eben noch gelegen hatte. Marc rappelte sich auf, rannte zu dem Eichenpflock und kaum bekam er ihn zu packen, wirbelte er herum und hielt die Spitze gegen den heranfliegenden Vampir, der genau in den Pflock stürzte und leblos auf ihm liegen blieb.

Marc wuchtete den Toten von sich und rappelte sich schwer keuchend auf. Mühsam rang er nach Atem. Doch wieder gönnte ihm sein Angreifer keine Verschnaufpause.

Marlon sprang mit einer dreifachen Rolle durch die Luft und flog mit vorgestreckten Fuß auf ihn zu. In letzter Sekunde konnte er noch ein wenig zur Seite ausweichen, so traf ihn Heyders Verse an der Schulter und nicht am Kinn. Das hätte sein K.O. und damit sein Tod bedeuten können, doch auch so war er angeschlagen und konnte den rechten Arm für den Moment nicht bewegen. Eine Schmerzwelle erschütterte ihn, doch er biss die Zähne zusammen und rannte zu seinem Pflock, der nur wenige Meter neben ihm lag.

Er erreichte ihn nicht. Marlon packte ihn, hielt ihn mit eisernem Griff und bog seinen Kopf zurück. Der Vampir schickte sich an, seine Zähne in Marcs Hals zu schlagen.

Es ging um Sekunden. Marc packte in verzweifelter Hast das silberne Kreuz, das er um seinen Hals trug und stieß es in den offenen Rachen Marlons.

Die Reaktion war verblüffend. Das Kreuz verbrannte den Rachen und heulend sprang Hayder zurück.
Marc gönnte sich keine Pause, sprang auf, packte mit der intakten linken Hand den Eichenpflock und sprang Marlon an, der immer noch vom Kreuz gebannt am Boden lag. Mit einem trockenen Geräusch drang die Spitze in sein Herz und bereitete dem kurzen Leben Marlon Hayders als Vampir ein jähes und brutales Ende.

Jetzt pumpte Marc erst richtig. Mit wackeligen Beinen stand er auf der Stelle und rang nach Atem. Die Schmerzen im rechten Arm hatten sich ausgebreitet, doch schnell stellte er fest, dass der Arm sich bewegen ließ. Da war weder ein Knochen gebrochen, noch waren irgendwelche Bänder oder Sehnen gerissen. Schmerzhaft war es trotzdem.
Er wollte gerade seinen Dolch einsammeln, da verdeckte ein Schatten den Mond.

Ein weiterer Vampir war eingetroffen. Und staunend erkannte er, es war Modred selbst, der sich die Ehre gab. Das lange rote Haar leuchtete im Mondlicht, die blauen Augen blickten ihm ohne Gnade entgegen. Modred verharrte minutenlang ohne Regung, ohne einen Ton von sich zu geben. Dann richtete er sich zur vollen Größe auf.

„Endlich“, erklang seine tiefe Stimme. „Endlich ist es so weit. Wie lange habe ich schon darauf gewartet. Wie lange ist mir die Rückkehr versagt geblieben, bin ich gefangen in dieser Welt. Jetzt ist es soweit. Die endgültige Entscheidung steht bevor und du bist der Schlüssel in meinen Plänen.“

Deutlich kostete Modred diesen Moment aus. Seine Augen leuchteten und ein feines Lächeln umspielte sein Gesicht.
„Ich intoniere. Ich reiße Grenzen nieder. Und dein Geist wird mir das Fenster in die reale Welt öffnen.“

Modred hob die Arme, dann erklangen gutturale Laute aus seinem Mund, die durch das Rund der Töne verstärkt werden. Eine Mischung aus Sprechen und Gesang, der immer lauter wurde und Marc bannten.

Dunkle Wolken zogen rund um das Epidauros auf. Wind brauste auf und jagte durch das weite Rund, zerrte an Marcs Haaren und an seinen Kleidern.

Dunkelheit blitzte in der Dämmerung auf wie schwarzes Licht, das drohend über das Firmament leckte. Aus dem schwarzen Licht schälten sich unförmige Leiber, die verzerrten Visagen gen Boden gereckt.
Eisiger Wind schlug Marc entgegen und ließ ihn frösteln. Die Temperaturen sanken rapide und näherten sich dem Gefrierpunkt.

Über allem thronte Modred, vollkommen in seinem Singsang versunken. Erstaunt sah Marc ihn an. Glaubte erst nicht, was seine Augen ihm zeigten, doch es bestand kein Zweifel. Modred wuchs antiproportional zur Temperatur, wurde immer größer, bis er das Firmament vollständig bedeckte und ein Teil von ihm wurde.

Schwarzes Eis regnete vom Himmel und traf ihn. Marc spürte einen unmenschlichen Druck auf seinen Körper.

„Komm!“, wisperten tausende Stimmen. „Komm!“

Unzählige kleine Messer stachen in seine Haut, rissen winzige Löcher und malträtierten ihn. Ein Blutfilm bedeckte seine Oberfläche und gefror zu einer schwarzen Masse, die ihn wie ein Panzer umschloss.
Er war bewegungsunfähig, konnte kein Glied rühren, selbst die Atmung verlangsamte sich rapide, bevor er vollkommen erstarrte.

Die Luft wurde knapp. Panisch schnappte er nach Sauerstoff. Versuchte den Panzer zu durchbrechen, der ihn eingeschlossen hielt. Doch seine Lunge bewegte sich keinen Millimeter.

Plötzlich lenkte ein helles Blitzen seine Aufmerksamkeit nach rechts ab, von Modred weg.

Dunkle Augen, eine kräftige lange Nase und ein ausgeprägtes Kinn. Der Erdgeist kauerte auf der obersten Treppe des Epidauros. Schaute ihn aus milden Augen an und vermittelte ihm ein Stück Hoffnung, das so gar nicht der aktuellen Situation entsprach.

Der Erdgeist erhob sich.

„Modred!“, dröhnte seine Stimme durch das Rund der Töne, schallte weiter und überrollte den Horizont. Modred jedoch verharrte in seinen Singsang, versunken in seiner Beschwörung und reagierte nicht.

„Modred, hier endet dein Weg. Wieder mal. Ronnie James ist gekommen und höre, was er zu sagen hat.“

Der Erdgeist stellte sich auf, reckte seine verhuzzelte kleine Gestalt in die Höhe, die Arme nach oben und die Hände zur Faust geballt. Einzig Zeige- und kleiner Finger waren nach vorne gespreizt. Ein klarer und tiefer Ton, der unten aus seiner Brust zu kommen schien, erklang aus seiner Kehle. Dann begann er zu singen:

It’s only been an hour
Since he locked her in the tower
The time has come
He must be undone
By the morning

Many times before
The tyrant’s opened up the door
Then someone cries
Still we close our eyes
Not again

Meet me when the sun is in the western skies
The fighting must begin before another someone dies
Cross bows in the fire light
Greensleeves waving
Madman raving
Through the shattered night

(Rainbow: Sixteen Century Greensleeves)

Die Worte waren noch nicht vollständig verklungen, da erhellte sich das Firmament. Rotweiße Blitze überzogen den Abendhimmel, vertrieben die Dunkelheit. Die schwarzen Wesen schrien gepeinigt auf und wichen panisch zurück.
Und noch etwas passierte.

Genau gegenüber von Modred erschien das Wesen aus Marcs Vision. Die Haut ein Ineinandergehen von Rot und Weiß, die Gestalt grazil. Die schwarzumrandeten Augen leuchteten diesmal aber in einem alles verzehrenden Regenbogenlicht und erhellten die Dunkelheit. Das Wesen nahm das gläserne Gefäß, führte es zum Mund und hauchte es mit den Lippen an, bevor es das Glas mit voller Wucht gegen den Boden schleuderte.

Direkt vor Marcs Füßen zerbrach das Glas und die blaue Flüssigkeit strömte über seine Füße.

Dampf stieg empor und umhüllte seinen Körper. Die schwarze Masse, die einst sein Blut war, brach auf und verspritzte in alle Himmelsrichtungen von ihm weg.

Schlagartig konnte er wieder atmen und der Druck fiel wie eine abgelegte Haut von ihm ab. Gierig rang er nach Luft und schon nach wenigen Momenten fühlte er sich besser. Mehr noch, er spürte plötzlich eine nie gekannte Macht in sich, die Ronnie James’ Gesang geweckt hatte. Eine starke Macht, doch die der Gestalt am Himmel war mächtiger.

Und vertraut.

Eine Stimme erklang in seinem Inneren.

Höre, Marc!

Modred ist die Verkörperung der dunklen Kraft des Menschen. Er hat in deiner Ahnenlinie den Samen gelegt, damit diese Traumwelt, die Welt Modreds, Gestalt annimmt. Wenn er Erfolg hätte, würde dein Geist explodieren und Modreds Welt mit der wirklichen Welt verweben, sodass der mächtige Vampir reale Gestalt annimmt und sich in eurer Welt manifestiert. Das wäre das Ende der Welt, so wie du es kennst. Aber Modred hat sich getäuscht. Nicht du trägst den Samen in dir.

Was behauptete Ronnie James, der Erdgeist, da? Modred war einer seiner Ahnen?

Nicht dein Ahne. Er hat nur seinen Samen gelegt. Der Samen des Bösen, der unerkannt über die Jahrhunderte wachsen konnte. Der Samen, der zum Schlüssel dieser Welt wurde. Er soll Modred den Weg zu euch bereiten.
Doch du bist der falsche Prophet. Deine Schwester Sarah ist der wirkliche Schlüssel. Doch Sarah ist noch zu jung, um die Macht zu gebrauchen, die ihr inne liegt. Ich, Ronnie James, übernehme die Lenkung, bis die Prophetin so weit entwickelt ist, dass sie eigenständig agieren kann.

Ich bin der Wächter. Und gemeinsam, du, die unvollendete Sarah und ich, wir müssen und wir werden Modred in seine Schranken verweisen.

Die Erkenntnis dieser Worte brachte ihn zum Wanken. Daher die seltsame Vertrautheit des grazilen Wesens. Es war eine Inkarnation seiner kleinen Schwester Sarah.

Auf einmal kam ein weiterer Wind auf. Doch dieser brachte Hitze statt Kälte. Er blickte auf, sah Modred, der am Firmament thronte und die Schatten gegen Sarahs Inkarnation in die Schlacht warf.

Doch diese war nicht untätig geblieben. Aus ihren Regenbogenaugen löste sich ein permanenter Strahl, der den heißen Wind erzeugte. Einen hellen und gleißenden Strahl, der die Dämmerung erleuchtete.
Hell gegen Dunkel, Kälte gegen Hitze.

Die Erde erbebte ob dieser Gewalt. Er spürte wie die Macht in seinem Inneren sich mit der Macht Sarahs und der Macht Ronnie James’ verband. Wie ein Gummi spannte sich ihre Energie, blies sich auf wie ein Luftballon, um sich in einer gewaltigen Eruption über Modred zu ergießen.

Wieder sang der Erdgeist:

Sing me a song, you’re a singer
Do me a wrong, you’re a bringer of evil
The Devil is never a maker
The less that you give, you’re a taker
So it’s on and on and on, it’s Heaven and Hell, oh well

(Black Sabbath: Heaven and hell)

Dann brach das Inferno los. Feuerwalzen breiteten sich aus, überrollten die Schatten und erhellten das schwarze Licht. Modred, eben noch übergroß, schrumpfte zu seiner wahren Größe, wurde dann noch kleiner bis er gänzlich verschwand.

Danger, danger the Queen’s about to kill
There’s a stranger, stranger and life about to spill
Oh no move me out of harm
I need a spell and a charm
Fly like the wind
I’m no pawn, so be gone, speed on and on
Kill the King
Tear him down

Kill the King
Tear him down
Kill the King
Got to take him crown

(Rainbow: Kill the King)

Es gab einen Knall, dann implodierte Modreds Welt. Der König der Vampire war vernichtet.

 

7. Epilog

Langsam, wirklich nur langsam legt sich die allgegenwärtige Mattigkeit. Die Lider sind schwer wie Blei. Doch die umfassende Dunkelheit wird durch ein diffuses Rot erhellt. Immer greller wird die Umgebung. Mühsam hebt er die Lider, um sie umgehend wieder zu schließen.

Er wartet einen Moment, dann versucht er es erneut. Und stellt erleichtert fest, dass die unglaubliche Helligkeit nachgelassen hat. Er erkennt Umrisse, hört dumpfe Stimmen, die immer deutlicher werden. Das Bild wird schärfer. Er erkennt seine Eltern, die sich ein wenig besorgt, aber vor allem erleichtert über ihn beugen.

„Er ist wieder erwacht“, hört er sie sagen. „Erst Sarah, jetzt Marc. Ein Wunder ist geschehen. Ach, was ist das für ein glücklicher Tag. Wir sind wieder vereint. “

Dann versinkt er erneut in Schwärze. Doch diesmal ist es nur Erschöpfung, die ihn ruhen lässt.

Die Traumwelt ist verschwunden und mit Modred untergegangen. Erleichtert dämmert er ein. Doch mit dem Dahindämmern erklingt ein Gesang:

I am anger
Under pressure
Lost it cages
A prisoner
The first to escape

I am wicked
I am legion
Strength in numbers
A lie
The number is one

I am hunger
Feed my head
All together
You’ll never
Never make the hero bleed
( No, no, no )

(Black Sabbath: I)

Und hinterlässt ein ungutes Gefühl. Denn es ist nicht die Stimme von Ronnie James.

Michael Schmidt

Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich quer durch alle Genres bewegen und oft den Rahmen des Gewöhnlichen sprengen.
Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis.
Seine Kurzgeschichtensammlungen sind bei Create Space Publishing erschienen.