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Ronnie James: Traumwelt (4)

5. Überraschungen

Marc betrat das Treppenhaus. Masters wohnte in einem verkommenen Mietsbau, in dem dreißig Parteien wohnten. Zum Glück hatte Master den Wohnungsschlüssel bei sich getragen, das erleichterte die Sache. Er hatte kein Problem, eine verschlossene Türe zu knacken, doch bestand dabei immer die Gefahr, dabei erwischt zu werden und das musste ja nicht sein.

Masters Wohnung lag im vierten Stock. Marc hatte Glück, unbemerkt erreichte er die Wohnungstür. Zwar glaubte er nicht, dass sich jemand für ihn interessierte, doch war er alles andere als erpicht darauf, aufzufallen. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würde Masters Leiche auftauchen und die Suche nach dem Mörder beginnen. Er wollte nicht der erste Verdächtige sein und zu allem Überfluss noch als Hauptverdächtiger auf den Fahndungseiten erscheinen.

Er öffnete die Tür und trat ein. Der gute Theodor schien nicht sonderlich oft zu lüften. Der Raum stank nach Zigarettenqualm und abgestandener Luft. Besonders sauber war es auch nicht. Auf der Anrichte sammelte sich der Staub und der Boden bot zusätzlich Brotkrümel und Unrat. Er schaute sich den Dreck an, doch der Sand bot keine charakteristischen Eigenheiten, die ihm weiterhelfen konnten. Es schien sich um ganz normalen Straßendreck zu handeln.

So weit, so gut. Wo sollte er mit seiner Durchsuchung anfangen?

Er begann mit dem größten Raum. Im Wohnzimmer lagen willkürlich verstreut Papiere, Briefe und zahllose Bücher. Auch hier war das Chaos unübersehbar. Marc fing an, sich durch den Wust auf dem Tisch zu kämpfen. Er entdeckte verschiedene Literatur über Vampire, Dämonen und Okkultismus. Einige kannte er, an die Existenz anderer hatte er bis jetzt nie geglaubt und so stöberte er neugierig geworden. Das Anlesen machte ihm ein wenig Angst. Immer schneller blätterte er durch die verschiedenen Publikationen, die sich gegenseitig an Grausamkeiten und Absurden überboten.

Sollte nur ein Bruchteil des Geschriebenen wahr sein, wäre die Welt in großer Gefahr. Aber wahrscheinlich waren es Fieberphantasien von Drogenkonsumenten und geistig Gestörten, die ihren Einfallsreichtum zu Papier gebracht hatten.

Endlich fand er ein Buch über Vampire. Und nicht nur das. Es war ein Buch über Modred, wie er schon nach wenigen Seiten herausfand. Ein gewisser Ronnie James wurde als Verfasser genannt. Das Buch trug den Namen „Himmel und Hölle“, nicht gerade einfallsreich, aber nichtsdestotrotz schien der Verfasser zu wissen, wovon er schrieb. Die meisten Informationen, die ihm über Modred bekannt waren, fand er auch hier bestätigt. Und je weiter er las, desto unbehaglicher wurde ihm zu Mute. Herrje, wenn das alles stimmen sollte…
Plötzlich brandete ein lohender Schmerz durch Marcs Kopf. Er taumelte, fiel zu Boden und verlor dabei das Buch. Hart prallte er mit der Stirn gegen einen Schrank, doch im Moment war der Schmerz nebensächlich. Wie ein Ventil öffnete sich sein Bewusstsein. Sein Erinnerungsvermögen kehrte vollständig zurück. Und die Erkenntnis brachte ihn abermals zum Wanken. Eine Tatsache, die ihm in dieser Welt nicht bewusst gewesen war.
Er war nicht wirklich. Nicht in dieser Welt. Dies war seine Traumwelt, in die er immer öfters geflüchtet war. Die immer realere Gestalt angenommen hatte.

Die Rückkehr wurde zuletzt immer schwerer. Aber er spürte, jetzt war der Rückweg endgültig und unwiderruflich blockiert. Es schien unmöglich, aber er schien hier gefangen.

Waren diese Traumwelt und sein reales Leben bisher zwei völlig getrennte Bereiche gewesen, saß er hier fest. In Wirklichkeit war er ein zehnjähriger Junge mit einem alltäglichen Familienleben. Hier war er ein zwanzigjähriger Vampirjäger, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, Modred, den grausamen Vampir, zur Strecke zu bringen.
Nur das Warum blieb im Dunkeln. Überhaupt, diese ganze Welt erschien ihm immer noch irreal und phantastisch.
Wie kam er hierher? Und warum blieb sein Körper in der realen Welt und schlief? Auch hier fühlte er sich wirklich, auch wenn seine Vergangenheit praktisch nicht existent war.

Ja, wenn er genau überlegte, fehlte ihm die Vergangenheit. Wie war er zum Vampirjäger geworden? Hatte er Eltern? Wo war er aufgewachsen?

Fragen über Fragen. Er musste das Buch zu Rate ziehen, vielleicht half es ihm, den Schleier der Unwissenheit zu lüften. Er rieb sich die Stirn und suchte die Stelle, an der er eben gelesen hatte.
Ja, da war es. Er fing an, weiter zu lesen.

Da zersplitterte die Fensterscheibe und drei Fledermäuse flogen ins Zimmer. Kaum landeten sie, zeigten sie ihre wahre Gestalt und verwandelten sich in ausgewachsene Vampire. Marc verlor keine unnütze Zeit und zückte Eichenpflock und Silberdolch, bereit, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.

Die drei Blutsauger formierten sich in einem Halbkreis um ihn herum. Zwei griffen ihn direkt an, während der Dritte zur Seite ging. Marc wich nach links aus und attackierte den Ersten mit seinem Eichenpflock. Dieser sprang zurück, während der Zweite von rechts angriff. Er ließ den Eichenpflock fallen, packte ihm am Revers, drehte sich mit ihm zur Seite und stieß den Dolch in das zuschnappende Maul. Der Vampir schrie auf und bog den Kopf zurück. Beide landeten übereinander auf dem Boden. Erneut stieß Marc mit dem Dolch zu und erwischte den Vampir ein weiteres Mal, diesmal in den Hals. Der Getroffene heulte auf und seine Hände ließen von Marc.

Während dessen hatte der zweite Blutsauger das Kampfgetümmel ausgenutzt und landete hart auf Marcs Rücken. Dabei prallte ihm der Dolch aus der Hand. Auf dem Bauch liegend wurden Marc die Arme zurück gebogen, er fühlte förmlich, wie der Vampir zum Biss ansetzte. Marc warf sich herum, den Schmerz in Nacken und Rücken missachtend. Das überraschende Manöver überrumpelte den Vampir. Sein Gegner lockerte unwillkürlich den Griff. Marcs rechter Arm kam frei und griff nach dem Dolch.

Ohne zu zögern drehte er sich und stieß den Dolch in die Wange seines Widersachers. Dieser schrie gepeinigt auf und schleuderte Marc zur Seite, ging zwei Schritte auf ihn zu, um sich drohend vor ihm aufzubauen. Doch die Wunde war tödlich und der Vampir sank leblos zu Boden, noch bevor er Marc erreicht hatte.

Keuchend erhob sich der Vampirjäger, doch sanken die kampfbereiten Arme genauso schnell wie er sie erhoben hatte. Die beiden getroffenen Angreifer waren in Auflösung begriffen, der dritte Vampir verschwunden.
Und mit einem entsetzten Blick musste er feststellen, dass nicht nur der letzte Angreifer, sondern auch das Buch über Modred verschwunden war.

„Verflixt“, entfuhr es Marc, der mit sich selbst haderte. Ja, er hätte vorsichtiger sein sollen. Nein, er hätte vorsichtiger sein müssen. Die Möglichkeit, dass die Vampire auf die gleiche Idee wie er kamen, hatte auf der Hand gelegen. Naiv hatte er sich von den Ereignissen überrollen lassen, statt sein Gehirn einzuschalten.
Doch jetzt war es zu spät, sich Vorwürfe zu machen.

Ein Schrei unterbrach seine Selbstzweifel. Hastig eilte er zum Fenster und schaute sich suchend um.

Da, auf dem Dach des gegenüberliegenden Hauses. Zwei Gestalten rangen miteinander. Und lösten sich kurz darauf voneinander. Einer von ihnen war ein Vampir. Dieser röchelte auf Grund des Eichenpflocks, der aus seinem Herz ragte, dann sackte er leblos zusammen. Kurz darauf verfiel auch dieser Untote zu Staub.

Der zweite Mann verschwand mit dem Buch in der Hand in eine Seitenstraße. Der Mann war klein und trug das Haar lang und lockig. Marc prägte sich das Gesicht so gut wie möglich ein, wenn es auf die Entfernung auch schwierig war. Dunkle Augen, eine kräftige lange Nase und ein ausgeprägtes Kinn, dieses Gesicht würde er nie vergessen. Der Mann wirkte fast wie ein Erdgeist aus einer seiner Bücher. Ja, er war sich sicher, ihn wieder zu erkennen, sollte er ihm nochmals begegnen. Und er zweifelte nicht daran, dass es dazu kommen würde.
Da der Fremde über alle Berge war, kehrte Marc wieder in Masters Wohnung zurück. Doch zwei Stunden intensiver Suche brachten ihn nicht weiter. Er studierte viele interessante Bücher, doch er fand nichts, was ihm in der aktuellen Phase weiterhelfen konnte. Weder fand er einen Hinweis auf Modreds Aufenthaltsort, noch, wer oder was dieser Erdgeist war und was er im Schilde führte. Er verließ Masters Wohnung und trat auf die Straße, sich nach allen Seiten umsehend. Doch die akute Gefahr schien gebannt. Weder ein Vampir noch der Erdgeist zeigten sich.
Er ging die Straße hinunter und versuchte, die Geschehnisse der letzten Stunden einzusortieren.
Master tot, Hayders Rolle mysteriös und Modred nicht zu greifen. Und er steckte in dieser Traumwelt fest, ohne zu wissen, wie und warum er hierhin gelangt war.

Und dabei war er so nahe dran gewesen. Fast hatte er Modred gehabt. Und kaum waren die Antworten in Form eines Buches zum Greifen nahe, wurden sie ihm aus der Hand gerissen.
Und wer um alles in der Welt war dieser geheimnisvolle Fremde? Feind oder Verbündeter?

 

Marlon erwachte. Eine Geburt, die ihm die Schmerzen einer vergangenen Existenz ins Bewusstsein riefen, war sie doch ebenso mit einer schier nicht enden wollenden Pein verbunden. Knochen veränderten sich, das Gebiss wuchs und gab ihm das Gefühl, sein Kiefer würde auseinander brechen. Fast spürte er Herzschlag und Puls nicht, so langsam und träge floss sein Blut, so langsam und träge schlug sein Herz.

Wunden schlossen sich, Finger wuchsen nach, gebrochene Rippen glätteten sich, die Bruchkanten glätteten und fügten sich zusammen. Und je länger der Vorgang andauerte, desto geringer wurden seine Schmerzen. Sie verflüchtigten sich wie eine lang zurückliegende Erinnerung, die immer mehr verblasste, je weiter sie zurücklagen, nur dass er sich im Zeitraffer befand.

Sein Augenlicht wurde schärfer und schärfer, Konturen schälten sich Stück für Stück aus der Dunkelheit, bis er sah, als wäre es helllichter Tag. Vor ihm stand Modred, in seinen langen dunklen Umhang gehüllt und sah ihn erwartungsvoll an.

Sein Hass auf ihn hatte merkwürdigerweise an Intensität verloren. Nein, nicht nur an Intensität. Seine Gefühle wandelten sich förmlich und Marlon verspürte eine ungewollte Zuneigung zu Modred. Nein, wenn er genau in sich hineinhorchte, gar eine Unterwürfigkeit und Treue, die mit jedem Moment an Selbstverständlichkeit zunahm.

„Lieber Marlon. Endlich erwacht? Nun, du wirst überrascht sein. Es ist vollendet. Du bist jetzt einer von uns. Oder genauer gesagt, einer meiner Dienerkreaturen, da ich als einziger von anderer Art bin. Aber das hast du ja wahrscheinlich schon selbst erkannt und wenn nicht, wird dich diese Erkenntnis noch treffen.

Ich halte viel von dir, daher habe ich dir dieses Leben geschenkt, obwohl du es nicht verdient hast. Aber wer bin ich, dass ich nachtragend sein sollte. Du musst wissen, es gibt sinnvollere Ziele als die Befriedigung seiner Rache. Ziele sind es, die man verfolgen und denen man seine Aufmerksamkeit schenken muss. Zauderer, die im Gestern gefangen sind, bleiben auf der Strecke.

Ich werde nicht zu ihnen gehören.“

Ein diabolisches Funkeln spiegelte sich in den zeitlosen Augen Modreds.

„Wer bist du? Oder besser, was bist du?“

„Du wirst es noch früh genug erfahren. Aber jetzt ist nicht der Moment für laue Plauderei. Ich habe einen Auftrag für dich und dafür brauche ich meinen besten Mann. Ich bin mir sicher, du wirst mir keine Schande bereiten.
Der Auftrag lautet wie folgt:

Es gibt ein Buch, das mir gefährlich werden kann. Das Buch namens „Himmel und Hölle“. Finde heraus, wo es ist und bringe es mir. Aber sei umsichtig. Du bist nicht der Einzige, der nach ihm sucht. Nimm dich vor allem vor dem Besitzer des Buches in Acht. Er ist gefährlicher, als es den Anschein hat. Gefährlicher noch, als du es dir in deinen kühnsten Träumen vorstellen kannst. Wenn du ihn entdeckst, folge ihm und informiere mich über seinen Aufenthaltsort, sobald die Situation es erlaubt. Aber meide die Auseinandersetzung mit ihm um jeden Preis.
Und jetzt ziehe los, die Zeit drängt.“

Marlon erhob sich mit einer fließenden Bewegung. Demütig bekundete er sein Verstehen. Er verließ die Höhle und leitete die Transformation ein. Dann hob er ab und flog gen Süden. Er hatte schon eine Idee, wo er mit seiner Suche nach „Himmel und Hölle“ anfangen würde. Und vielleicht war es möglich, Kapital aus der Geschichte zu schlagen. Demut hielt schließlich kein Leben lang…

 

Modred war zufrieden. Er hatte das verräterische Blitzen in Marlons Augen gesehen, als er die Gefährlichkeit des Buches „Himmel und Hölle“ erwähnte. Dieser hatte Witterung aufgenommen, Modred war sicher, es würde nicht lange dauern, bis dieser Erfolg hatte. Marlon war für seine außergewöhnlichen Fähigkeiten berühmt, genau aus diesem Grund hatte er ihn ja auch ausgewählt. Aus der Dunkelheit schälte sich ein weiterer Blutsauger.

„Du hast ja mitgehört gehört, Samuel. Marlon ist auf der Jagd. Nimm dir zwei Brüder, denen du unbedingtes Vertrauen schenkst und hefte dich auf die Spuren des Grausamen. Aber greife nur im Notfall ein, ich möchte die Genugtuung haben, den Dieb des Buches „Himmel und Hölle“ selbst zu richten. Und ebenso Marlon, falls er sich wirklich erdreisten sollte, mich zu hintergehen. Und ich zweifle keinen Moment daran, dass er es versuchen wird. Alles andere würde mich enttäuschen.“

Samuel verbeugte sich und brach auf. Modred wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte. Das Spiel nahm langsam Formen an und er brachte seine Figuren in Stellung. Doch immer trübten dunkle Wolken am Horizont seine Zuversicht. Er hatte getan was er konnte, hatte die fremde Kraft aber immer noch nicht orten können. Und sie wurde immer stärker. Ein unbehagliches Gefühl breitete sich in ihm aus und nagte an seiner Zuversicht.
Er war so nah dran. Sollte er erneut scheitern?

Er schob die Zweifel zur Seite. Hatte er nicht eben den Zauderern die Leviten gelesen?

Er war stark und er war erfolgreich. Er gab sich einen Ruck und machte sich auf den Weg in seine gewaltige Bibliothek. Es half alles nicht, er musste weiter seine Bücher studieren, ob sie ihm in diesem speziellen Fall weiter helfen würden. Er brauchte unbedingt den entscheidenden Hinweis.

Modred machte sich an die Arbeit. Eine Lösung musste her. Bevor ihm die Geschehnisse aus der Hand glitten.

„Stefan, findest du nicht, dass sich Sarah in letzter Zeit verändert hat. Sie ist so still, wirkt geradezu vernünftig. So vernünftig, aber manchmal auch abwesend. Wie ihr Bruder.“

„Ach, Sonja. Ich glaube du siehst Gespenster. Es war einfach zu viel für dich in letzter Zeit, die Sorge um Marc lässt dich Dinge sehen, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Man sieht mehr in kleinen Kindern als dort vorhanden ist. Projektiertes Wunschdenken. Glaub mir, Sarah ist ein ganz normales Kind, wenn auch ein besonders niedliches.“

„Mir ist so schwer zu Mute. Er schläft jetzt schon zwei Wochen. Ich kann einfach nicht mehr. In meinem Herz ist ein großes Loch und es wird immer größer.“

„Das wird schon wieder. Du musst nur daran glauben. Er wird wieder gesund. Eines Morgens wacht er auf und lächelt, so wie er immer gelächelt hat. Und wir werden uns fragen, was eigentlich los gewesen ist.“

Stefan nahm seine Frau in die Arme, wie so oft in diesen zwei Wochen. Auch wenn seine Worte etwas anderes sagten, er selbst verlor auch immer mehr an Zuversicht. Nichts deutete auf eine Verbesserung hin. Sie waren in einer Sackgasse angelangt. Und Sarah wurde auch immer ruhiger und teilnahmeloser. Irgendetwas ging hier vor und ihm wurde langsam angst und bange. Aber er durfte das seine Frau nicht merken lassen, schließlich war er im Moment ihr einziger Halt. Stefan seufzte innerlich. Ihm waren die Hände gebunden. Mehr als Warten blieb nicht. Warten und beten.

 

Marlon flog durch das zerbrochene Fenster in Masters Wohnung. Sofort fiel ihm die Unordnung auf: Die Bücher lagen zerstreut, teilweise beschädigt am Boden, ein Stuhl war umgefallen. Die Lage war eindeutig. Hier hatte ein Kampf stattgefunden. Auf dem Teppich entdeckte er zwei Aschenhäufchen.
Ich bin nicht der erste, den Modred auf diese Fährte geschickt hat. Ob ich der letzte bin? Oder habe ich sogar einen Schatten, der mir auf Schritt und Tritt folgt?

Marlon rechnete mit allem. Er glaubte nicht, dass ihm Modred vertraute, selbst in diesem neuen Daseinszustand nicht, der Gehorsam vorschrieb.

Flink durchsuchte er die im Zimmer befindlichen Bücher. Er kannte Theodors Sammlung, Teile davon hatte er selbst besorgt, in seinem alten Leben. Schnell fand er den gesuchten Band. Er hatte eine Ahnung, wer hier am Werk war. Das Buch würde ihm Gewissheit geben. Er steckte es unter sein Hemd, leitete die Transformation ein und verschwand so lautlos wie er gekommen war.

 

Planlos lief er durch die Stadt. Seine Füße stapften über den regennassen Trottoir, doch er merkte nicht, wie seine Hosenbeine nass wurden. Seine Gedanken kreisten immer wieder um dasselbe Zentrum. Master war tot, Hayder wohl auch und das Buch war verschwunden: er konnte es drehen wie er wollte, er steckte in einer Sackgasse. Der Fremde – er taufte ihn in Gedanken auf den Namen Erdgeist – war ihm völlig unbekannt und er hatte keinen Ansatzpunkt, an dem er seine Ermittlungen fortsetzen konnte. Ihm würde nichts anderes übrig bleiben, als darauf zu warten, dass er Modred oder einem seiner Dienerkreaturen begegnete, die üblichen Plätze abklapperte oder einfach auf ein Wunder hoffte.

Mechanisch setzte er einen Fuß vor dem anderen, ohne irgendeiner Lösung näher gekommen zu sein, die Geräusche der unzähligen Autos, die an ihm vorbeibrausten, völlig aus seinem Bewusstsein gebannt. Verwundert stellte er fest, dass er automatisch den Weg nach Hause eingeschlagen hatte. Vor ihm befand sich die massive Holztür, die schon bessere Tage gesehen hatte. Er betrat das Treppenhaus. Er würde einen Kaffee aufsetzen und sich ein Brot schmieren, vielleicht half das, seine Gedanken zu ordnen. Ja, das war eine gute Idee. Mit vollem Magen würde ihm schon eine Lösung für das gegenwärtige Dilemma einfallen.

Als er die Wohnungstür aufschloss, fiel ihm ein Umschlag auf, der unter der Tür durchgeschoben war.
Er nahm ihn an sich, trat ein und schloss die Tür. Ein weißer Umschlag. Weder eine Adresse, noch ein Absender befanden sich darauf. Er legte ihn auf den Küchentisch, brühte sich einen Muntermacher auf und machte sich einen Snack. Er aß, während der Kaffee noch durchlief und öffnete anschließend das Kuvert. Die Schrift war krakelig, aber gut lesbar.

Hallo,
du falscher Prophet. Der Alte nimmt dich als Quelle, doch seine Wahl ist verkehrt. Die Richtige ist nah und drängt auf die Entscheidung. Komm ins Rund der Töne, denn auch der Falsche kann das Zünglein an der Waage sein.
Dein Ronnie James!

Wie elektrisiert hielt Marc das Blatt, las den Text ein ums andere Mal, ohne wirklich schlau daraus zu werden. Was bedeutete falscher Prophet? Und was ist das Rund der Töne?

Hm! Rund der Töne. Irgendwo hatte er den Begriff schon einmal gehört. Aber wann und wo?
Er zermarterte sich den Kopf, doch der Groschen wollte nicht fallen. War es in den Schriften des Galougheises gewesen? Im Pantheon der wahren Hölle?

Der Kaffee war fertig. Er goss sich eine Tasse ein, nahm einen Schluck. Ah, ja, schön stark, so wie er ihn liebte.
Ja, stark, das war genau das richtige Stichwort. Der Groschen war gefallen. Jonathan Starks Abhandlung über die Mächte der Anderswelt. Das war es. Ohne zu zögern eilte er zu seiner Bibliothek und es dauerte nicht lange, bis er die entsprechende Textstelle gefunden hatte:

Oh glaubet mir. Im Rund der Töne wird die Entscheidung fallen. Die Heerscharen des Guten und die Heerscharen des Bösen werden aufeinandertreffen. Das Epidauros wird seinem Namen gerecht werden und einen Klang erzeugen, der die Welt reinigen wird. Doch höret, welche Kraft hinweggefegt wird, liegt im Dunkel der möglichen Zukünfte. Hoffen wir, dass die gute Seite gewinnen möge.

Freudig sprang Marc in die Luft.

Er hatte es. Er hatte die Lösung. Das Epidauros, das weltberühmte Amphibientheater in Griechenland, unten auf dem Peloponnes. Hastig trank er seinen Kaffee aus und begann, die Reise in Angriff zu nehmen. Den nächsten Flug buchen, den Leihwagen würde er sich vor Ort besorgen. Wenn möglich, würde er heute noch reisen. Und war sich sicher, dass die Ereignisse ihrer Entscheidung entgegenstrebten.

Plötzlich erstarrte sein Körper. Der Sog war wieder da, doch diesmal am helllichten Tage. Versteinert stand er mitten in der Küche, den Fuß noch in der Bewegung erhoben.

Wieder erschien die zarte Gestalt. Ihre Haut schimmerte rot und weiß, die riesigen Augen waren diesmal trübe. In der Hand hielt das Wesen einen gläsernen Gegenstand, in dem sich eine blaue Flüssigkeit befand. Die goldene Kappe wurde von zwei blutigen Rinnsalen befeuchtet, die aus der Nase der Gestalt traten.

Eine Woge an Zuneigung wog ihm entgegen

„Marc, verzage nicht“, erklang eine sanfte dünne Stimme. „Ich stehe dir bei. Es gibt kein richtig und kein falsch. Vertraue mir. Und vertraue dem Erdgeist.“

Die Erstarrung fiel wie ein Vorhang und die Zeit floss wieder. Diesmal verharrte er freiwillig auf der Stelle, noch immer überwältigt von der Vision, von de Zauber der grazilen Gestalt. Sie kam ihm vertraut vor, vertraut und gleichzeitig fremd. Wer war sie? Und was wollte sie?

Erst dieser ominöse Ronnie James, jetzt diese zarte weißrote Traumgestalt. Er fühlte sich wie ein Spielball, der wahllos hin und her geschoben wurde.

Aber nicht mit ihm. Es wurde Zeit, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. Er packte seine Sachen, dann machte er sich auf die Reise. Der Entscheidung entgegen.

Marlons Rückkehr war triumphal. Modred hatte ihm begeistert das Buch abgenommen. Natürlich hatte Marlon vorher den Wälzer durchgeblättert, doch auf die Schnelle hatte es ihm nicht weiter geholfen. Doch er kopierte sich das Buch, bevor er zu Modred zurückkehrte und deponierte es in einem seiner Schließfächer, die er noch aus seinem vorherigen Leben besaß. Später, wenn es die Zeit erlaubte, würde er sich näher mit dem Inhalt beschäftigen. Vorher jedoch musste er seinem Herrn Gefolgschaft leisten und wartete auf dessen Befehle.

Es dauerte aber Stunden, bevor Modred aus seinen Katakomben emporstieg und die Lektüre beendet hatte.

„Marlon, du hast deine Aufgaben mit Bravour erfüllt. So übertrage ich dir deinen wichtigsten Auftrag. Ein Auftrag, der über Sein und Nichtsein entscheiden wird.

Griechenland ist das Ziel deiner nächsten Reise. Dort triffst du auf Marc. Du wirst ihn töten. Damit diese Welt für Immer und Ewig bestand hat.

Jetzt geh! Und denke daran. Wenn du versagst, ist dein Leben verwirkt.

Aber hast du Erfolg, wirst du ein Gott auf Erden sein.“

 

Michael Schmidt

Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich quer durch alle Genres bewegen und oft den Rahmen des Gewöhnlichen sprengen.
Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis.
Seine Kurzgeschichtensammlungen sind bei Create Space Publishing erschienen.

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