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Ronnie James: Traumwelt (2)

2. Modred

Regungslos stand er am Abgrund, eine mächtige, unheimliche Gestalt, beschienen vom sanften Licht des Mondes. Der Wind zerrte an seinem langen, roten Haar, verdeckte zuweilen sein markantes Gesicht. Er war groß und stark, wie ein mächtiger Fels in der Brandung. Er genoss die Macht der Natur, fühlte die unbändige Kraft der Elemente, seine Sinne in die Ferne gerichtet.

Am gegenüberliegenden Flussufer packte die Katze ihr Opfer und spielte ein wenig mit ihrem wehrlosen Opfer. Er fühlte sich ihr verbunden, Geschwister im Geiste, dabei war er von gänzlich anderer Art.

Sie besaßen die gleiche Passion, waren sich ähnlicher, als der äußere Schein es erahnen ließ. Auch er spielte mit seinen Opfern, die Symphonie der Angst berauschte sein Inneres und erhitzte sein Blut.

Noch immer kostete er den Geschmack der Qual, wenn auch der Körper seines Opfers schon zunehmend die Wärme des Lebens verlor. Dieser Narr wollte ihn vernichten, den Tod seiner Frau rächen, welche Naivität diese schwache Spezies Mensch besaß. Dieser Mann wollte ihn herausfordern, ihn, das dunkle Wesen mit der Macht eines Gottes.
Er war Modred, Gebieter über eine dunkle Heerschar von Geschöpfen der Nacht. Unsagbar alt, begleitete er die Geschicke der Menschheit seit Anbeginn der Zeiten, hatte unsagbares Leid über ihresgleichen gebracht. Er, die mächtige Inkarnation des absoluten Bösen. Der Letzte seiner Art. Sein Opfer würde einer der vielen Namenlosen werden, die vom Keim beseelt ein untotes Leben führten und ihm als Armee dienten. Einer von denen, deren Reihen er vorher so hingebungsvoll dezimiert hatte. Eine Ironie der besonderen Art.

Modred würde ihn im Auge behalten, hoffnungsfroh seinen Aufstieg bewachen. Würde er seine Fähigkeiten und Qualitäten über den Tod hinaus retten?

Sein Mund umspielte ein grausames Lächeln. Wie sehr hatte er sie genossen, die tiefen Abgründe in der Seele seines Opfers. Auch er war ein Bruder im Geiste gewesen, ähnlich der Katze. Und die dunkle Seite berauschte seine Sinne. Machte den Trank seines Lebenselixiers zu einem Tropfen unvorstellbarer Güte. Doch das Gefäß war versiegt. Und der edle Geschmack verblasste, langsam, aber unaufhörlich. Es blieb ein unersättlicher Hunger, der Hunger nach Blut.

Ein letztes, aufrechtes Bedauern bei dem Gedanken an sein Opfer. Er hatte so viel Zeit und Energie investiert, musste dieser Trottel größenwahnsinnig werden? Kannte er denn keine Dankbarkeit für seinen Herrn?
Modred hatte ihm dieses Leben ermöglicht. Gab ihm die Macht, seinen sadistischen Neigungen nachzugehen. Ohne seine Beziehungen hätte dieser armselige Wicht nie diese dunklen Orgien feiern können.

Er war zufällig auf ihn aufmerksam geworden, hatte ihn verträumt lächelnd vor der blutverschmierten Frauenleiche gefunden. Modred verwischte die Spuren und brachte ihn zur Besinnung.

Seitdem führte er ihn mit unsichtbarer Hand. Ein Mentor für den Erwachenden, einen besseren Lehrmeister hätten dieser nie finden können. Er gab ihm beruflichen Erfolg, versorgte ihn mit Geld, im Gegenzug erwartete er nichts weiter, als regelmäßig Opfer präsentiert zu bekommen.

Doch statt Dankbarkeit zu empfinden, versuchte er das Unmögliche. Seinen Herrn zu vernichten. Alles nur wegen seines verletzten Stolzes, dabei war es Modreds ureigenstes Recht gewesen, dessen Frau für sich in Anspruch zu nehmen. Und kein Menschenwurm würde ihm dieses Anrecht streitig machen. Natürlich wusste sein Opfer damals nichts über Modreds Natur, aber er hatte ihn früh genug gewarnt. Und niemals mit Ungehorsam gerechnet.
Seine Gestalt straffte sich. Die Zeit des Jagens war gekommen.

Blaue Augen blickten suchend umher, und es dauerte nicht lange, bis er sein nächstes Opfer erspäht hatte. Er leitete die Verwandlung ein, breitete die Schwingen aus und erhob sich in die Lüfte. Nach wenigen Augenblicken verschmolz er mit der Nacht. Die Jagd begann von neuem und ein weiterer Unschuldiger würde unsagbares Leid erfahren und seine Kraft stärken. Wie Unzählige vor ihm. Modreds Schreie der Vorfreude erhellten die Nacht und kündeten vom Unheil der Menschen.

3. Traumwelt

Die Stille des Friedhofs wurde nur hin und wieder von den Flügelschlägen eines Raben durchbrochen. Marc packte seinen Pflock fester. Der dichte Nebel verhinderte, dass er allzu viel von seiner Umgebung sah, doch er würde sich wie gewohnt auf sein Gehör verlassen können. Vampire töteten zwar leise, doch in ihm würden sie ihren Meister finden. Reihenweise hatte er diese Ungetüme schon von ihrem unheiligen Fluch befreit. Jetzt stand er kurz davor, ihr Oberhaupt dem gleichen Schicksal zuzuführen. Etwas nervös war er schon. Modred war ein anderes Kaliber als die Blutsauger, mit denen er es bisher zu tun gehabt hatte.

Vorsichtig näherte er sich der Aufbewahrungsstätte, in der er Modred vermutete. Seine Schritte klangen unnatürlich dumpf, als wollte die Umgebung die Geräusche schlucken, um die Ruhe der Toten zu bewahren.

Plötzlich nahm er von rechts einen huschenden Schatten wahr. Er war sofort hellwach. Ohne zu zögern sprang er nach vorne und rollte sich über die Schulter ab.

Früh genug. Der Angreifer hatte ihn knapp verfehlt. Sofort wirbelte er herum, den Pflock stoßbereit erhoben. Und erstarrte für den Bruchteil einer Sekunde zu Stein.

Es war nicht Modred.

Ein gänzlich anderes, wenn auch ebenso unnatürliches Wesen, stürzte sich auf ihn.

Gott sei Dank funktionierten seine Reflexe einwandfrei. Er sprang zur Seite. Der Werwolf verfehlte ihn abermals. Marc ließ den Pflock fallen und griff nach seinem silbernen Dolch. Der Werwolf griff erneut an. Marc wich aus, die Krallen des Angreifers rissen seine Wange auf. Er stieß zu, doch die behaarte Kreatur war schneller, sprang zur Seite und wirbelte herum. Marc brachte sich in Position und erwartete den nächsten Angriff. Dabei musterte er sein Gegenüber. Die Gestalt wirkte verwachsen. Entfernt menschenähnlich, ein breiter Brustkorb und der kurze Hals, auf dem das entartete Gesicht ihn aus gelben Augen hasserfüllt anstarrte. Speichel floss aus den Winkeln einer Schnauze, die keine Ähnlichkeit mit dem Mund eines Menschen hatte. Spitze Reißzähne schimmerten gelblich und das Wesen brüllte ihn an, einen Schwall stinkendem Brodem ausstoßend.

Er sah die langen und schlanken Hinterbeine zucken und wich aus. Keine Sekunde zu früh. Der drohende Schatten fiel über ihn, verfehlte sein Ziel aber knapp.

Er rappelte sich auf, sah den Werwolf durch die Luft fliegen und sprang ihm entgegen, drehte sich in der Luft und stieß der Kreatur den Dolch mitten ins Herz. Mit einem grauenhaften Schrei brach der Werwolf zusammen, wälzte sich noch einige Zeit quälend am Boden, bevor er verendete und sein unnatürliches Leben durch das geweihte Silber verwirkte.

Schwer atmend stand Marc da, sein Herz pumpte wie wild und seine Beine zitterten. Er hatte gesiegt, doch der Kampf hatte ihm schwer zugesetzt. Die Wunde an der Wange brannte höllisch und urplötzlich erinnerte er sich, wie der Fluch des Lykanthropen übertragen wurde. Er haderte mit sich, die kurze Zeit des Zögerns, die ihn erst in diese missliche Lage gebracht hatte. Wurde er langsam zu alt für solche Geschichten?

Eigentlich war er im besten Mannesalter. Aber die Kämpfe kosteten Substanz. Doch er würde erst zur Ruhe kommen, wenn Modred vom Antlitz der Welt getilgt war.

Marc setzte seinen Weg fort, alle Sinne bis zum Äußersten angespannt, er konnte sich keinen weiteren Fehler mehr erlauben. Der Nächste würde sein letzter sein. Und darauf warteten die Kreaturen der Nacht nur.
Er schritt weiter, der finalen Auseinandersetzung entgegen.

”Marc, träum nicht unaufhörlich. Das Essen ist fertig.”

Wie durch einen Nebel nahm er die Worte war. Nur schwer streifte er die Nachwirkungen der Traumwelt ab. Eben war er noch auf der Jagd, jetzt saß er wieder im elterlichen Haus und die alltäglichen Pflichten riefen.
Marc seufzte. Widerwillig begab er sich zum Tisch und stocherte in seinem Essen herum. Er war nicht hungrig, ganz im Gegenteil. Sein Hunger war nicht von dieser Welt. Er würde viel lieber in Ruhe in seinem Zimmer liegen, ungestört von den Erwachsenen. Dann würde er wieder in die nur in seinen Gedanken existierende Welt überwechseln und spannende Abenteuer erleben.

Dort, wo es keine kleine Schwester gab, die entweder schrie oder schlafend in ihrem Babybett lag. Lustlos aß er an dem Leberwurstbrot, sah zu, wie seine Schwester gefüttert und danach fürs Bett fertig gemacht wurde. So klein, so hilflos mit ihren anderthalb Jahren, wusste er nicht viel mit ihr anzufangen. Andere in seiner Klasse hatten da eine andere Einstellung zu und waren ganz entzückt über kleinere Geschwister.

Er war ein zehnjähriger Junge. Er wollte die Welt vor den dunklen Geschöpfen schützen. Sie bekämpfen und für Gerechtigkeit einstehen. Nicht mit kleinen Babys rumtollen, die sowieso noch nichts begriffen.

Endlich hatten sie das Abendbrot beendet. Widerwillig half Marc seiner Mutter beim Abräumen. Vor dem Abwaschen wurde er bewahrt, doch dafür bekam er den Auftrag, sein Zimmer aufzuräumen, nicht unbedingt die bessere Alternative. Gedankenverloren spielte er mit seinem Jojo.

Aufräumen war eine monotone Beschäftigung. Es würde ihm keinerlei Problem bereiten, in seine Gedankenwelt zu versinken, während er für Ordnung in seinem Zimmer sorgte.

Er würde zuerst die Kleidungsstücke vom Boden aufsammeln und in den Schrank einsortieren.

Ja, das war eine gute Idee.

Und kaum hob er die ersten Pullover auf, da gingen seine Gedanken schon auf Reisen…

Das Haus war düster und alt. Seine Fassade machte einen herunter gekommenen Eindruck, die Farbe war verblichen und blätterte an zahlreichen Stellen ab. Schon eine ganze Weile saß er hier und beobachtete sein Ziel, das unschlüssig gegen den Hauseingang gekauert, eine Zigarette nach der anderen qualmte. Wer war der? Und was wollte er?

Es war eindeutig kein Vampir, dafür verhielt er sich zu ungeschickt. Für einen Menschen war er zu leise, doch an die nahezu lautlose Fortbewegung der Untoten kam er keinesfalls heran.
Marc gab sich endlich einen Ruck und schlich sich an die Person heran. Grund war der Vampir, der in Vorfreude auf den köstlichen Tropfen jegliche Vorsicht hatte vermissen lassen und sich an den Mann heranmachte.
Jetzt trat der Vampir zu dem Fremden hin. Der Vampir war vollständig in dunkles Leder gekleidet, die langen schwarzen Haare wehten im Wind.

Der Fremde drehte sich um, einen überraschten Ausdruck im Gesicht. Er beugte seinen Körper, die pure Angst stand in seinen Augen, als der Vampir sein wahres Wesen offenbarte und die Maske der Menschlichkeit ablegte.
Siegessicher glitt der Vampir zu dem Fremden, breitete die Arme aus, um den tödlichen Kuss zu überbringen. Doch urplötzlich verharrte er und die Szenerie nahm eine überraschende Wendung. Ein verzweifelter, animalischer Schrei löste sich aus der Kehle des Vampirs, bevor er zusammensackte und zu Staub zerfiel.

Marc blieb mitten in der Bewegung stehen, und versteinerte förmlich. Schon wieder hatte er die Situation falsch eingeschätzt.

Der Mann nickte. Seine Augen verrieten keinerlei Überraschung, signalisierten stattdessen eine Einladung.
“Guten Tag. Kommen Sie ruhig. Ich habe Sie schon länger beobachtet. Ich glaube, und ich schätze, da liege ich durchaus richtig, wir sind auf der Jagd nach dem gleichen Wild. Und vielleicht gibt es noch weitere Gemeinsamkeiten. Mein Name ist Theodor Master und ich jage diese Nachtgeschöpfe. Und wie heißen Sie? Kennen Sie ein Wesen namens Modred?“

“Modred. Ja. Modred. Woher kennen Sie den Namen Modred?

Ich ging davon aus, ihn hier anzutreffen. Sie überraschen mich. Sagen Sie: In welcher Beziehung stehen Sie zu Modred? Was wollen Sie von ihm?”

“Ich wusste, Sie kennen ihn. Modred, dieses Überwesen unter den Unwesen. Woher ich ihn kenne?

Er war mein Retter und mein Lehrmeister, bis ich sein wahres Wesen erkannte. Er hat meine Frau ermordet. Seitdem bin ich auf der Suche nach ihm, um meine Rache an ihm zu erfüllen, und ihn vom Fluch der Unsterblichkeit zu befreien. Doch bisher entzieht er sich meinem Zugriff.”

“Ein wahrlich hehres Ziel. Wir sitzen im selben Boot, das ist sicher. Auch ich habe mich dazu verschrieben, seinem Treiben ein Ende zu setzen. Doch Modred macht es einem nicht leicht. Er ist wie eine Schlange, windet sich immer wieder aus einer noch so ausweglosen Situation. Ich war ihm schon oft auf den Fersen. Letztendlich war er aber immer einen Schritt schneller als ich. Noch. Ich gebe nicht auf. Und ich bin mir sicher, es ist nur eine Frage der Zeit, wann ich ihm sein dunkles Handwerk legen kann.

Ach ja, ich vergaß mich vorzustellen. Ich heiße Marc. Doch jetzt ist es an der Zeit. Ich muss gehen. Wir sehen uns. Und werden Modred noch aufspüren. Vielleicht werden wir ihn gemeinsam zur Strecke bringen.”

“Wann und wie werden wir uns wieder sehen?” Die Vorstellung machte den Fremden sichtlich nervös.

“Sie werden es früh genug erfahren. Seien Sie sich da sicher.”

”Marc, jetzt räume endlich dein Zimmer auf. Was ist denn mit dir los? Dauernd träumst du, starrst mit offenen Augen gegen die Wand. Jetzt erledige endlich deine Sachen. Es wird Zeit, dass dein Vater mal ein ernstes Wort mit dir redet. So geht das einfach nicht weiter.”

Marc löste sich von seinem Tagtraum. Mühsam schüttelte er die Erinnerung ab. Modred musste warten. Er sah sich um. Immer noch hielt er die Pullover in der Hand, die er eigentlich in den Schrank räumen wollte. Normalerweise konnte er rein mechanisch die angefangene Tätigkeit fortführen, doch dieses Mal war er zu weit in die unerfindlichen Tiefen seines Bewusstseins hinab gestiegen. Das machte ihm ein wenig Angst. Angst, die Kontrolle über seine Träume zu verlieren. Schon seit geraumer Zeit bemerkte er, wie es ihm immer schwerer fiel, in die ganz normale Realität zurück zu kehren.

Doch so realistisch wie diesmal waren die Erlebnisse noch nie gewesen. Marc zuckte mit den Schultern und führte die ungeliebte Tätigkeit fort. Der kurze Gedanke, sich von dieser fremden Welt fern zu halten, war flüchtig und schon verblasst, bevor er Macht über ihn erlangen konnte.

Er kannte sich selbst gut genug und wusste, er würde solch einen Entschluss niemals fassen, geschweige denn sich daran halten. Dafür war seine Neugier viel zu groß. Nein!

Sein Hunger nach der Welt jenseits des Bekannten war nicht groß, er war unersättlich.

Seine Eltern würden ihn nie verstehen. Für sie gab es nur die reale Welt, mit den profanen Dingen des Alltages. Es war eine arme Welt. Und insgeheim befürchtete er, die Fähigkeit zu träumen zu verlieren. Früher oder später. So lautete der Fluch des Erwachsenwerdens.

 

Michael Schmidt

Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich quer durch alle Genres bewegen und oft den Rahmen des Gewöhnlichen sprengen.
Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis.
Seine Kurzgeschichtensammlungen sind bei Create Space Publishing erschienen.

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