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Ronnie James: Traumwelt (1)

1. Abgründe

Da war es wieder. Dieses unheimliche, diabolische Lächeln. In der Dunkelheit blitzten die weißen Eckzähne auf. Dunkle Flecken, deren Entstehen ich schmerzhaft erleben musste, bildeten ein skurriles Muster im dämmrigen Zwielicht.

Im Nachhinein war mein Vorgehen selbstmörderisch gewesen, doch würde mir dieses Wissen keinen Nutzen mehr einbringen. Ein Hochgefühl der Stärke hatte mich getragen, doch der tiefe Fall der Niederlage schmeckte bitter. Diese Erkenntnis war leider nicht umsonst, der Preis würde mein Leben sein.

Ich wollte den Tod meiner Frau rächen. Ein Vampir hatte sich ihrer angenommen und ihr ein furchtbares Ende bereitet. Meine Kenntnisse über diese Wesen der Nacht waren leider nicht groß, doch meine Zuversicht, mit ihnen fertig zu werden, umso mehr. Ich informierte mich im Vorfeld, studierte die einschlägige Literatur eingehend. Ich ließ mir Zeit für meine Vorbereitungen, beförderte Menschen an das Tageslicht, die praktische Erfahrungen mit der Bekämpfung dieser Kreaturen hatten. Eine Person namens Theodor Master wurde zu meinem Partner. Doch auch er war mittlerweile ein Teil der Vergangenheit.

Mit Eichenpflock, Silberkreuz und Weihwasser bewaffnet, begab ich mich zu seiner Ruhestätte. Vampire waren Kreaturen der Nacht, so war mein Vorgehen klar. Am Tag würde der Blutsauger schlafen, ich erwartete nicht einmal ein besonders großes Risiko dabei, sein untotes Leben auszulöschen. Ganz im Gegenteil, ich bedauerte es, ihm im Schlaf den Garaus machen zu müssen, empfand die zu erwartende Rache dürftig und schal. Doch meine Perfektion in solchen Dingen würde diesen Nachteil mehr als ausgleichen. Denn ich war ein Meister der Folter.

Ich malte mir sein Ende in den schillerndsten Farben aus.

Erst platzierte ich das Silberkreuz auf seiner leblosen Brust. Der Blutsauger erwachte, gebannt und unfähig, auch nur den kleinsten Finger zu rühren, das Gesicht zu einer schmerzverzerrten Fratze entstellt, die seinem eigentlichen Wesen sehr nahe kam. Genussvoll nahm ich die Phiole mit Weihwasser und träufelte einige Tropfen auf seine Handgelenke.

Die Flüssigkeit wirkte wie Salzsäure. Die Haut rötete sich erst, warf langsam Blasen, bevor sie mit einem Zischen verbrannte. Ein erbärmlicher Gestank erfüllte die Luft und ließ das Atmen zur Qual werden. Die blutleeren Adern, lösten sich im Gleichtakt mit Muskelmasse und Sehnen. Der Knochen darunter begann sich langsam aber sicher zu zersetzen.

Das Geschrei des Vampirs dröhnte in meinen Ohren und brachte die dunkle Seite meiner Seele zum Schwingen, bereitete mir ein tiefes Gefühl des Wohlseins.

Ich nahm die Phiole erneut und befeuchtete sanft sein Gesicht. Das Ergebnis befriedigte mein Bedürfnis nach Rache enorm, mein Körper verkrampfte in hämischem Lachen.

Die Haut löste sich in Sekundenschnelle auf. Das nackte Gebiss bleckte mir entgegen. Der Augapfel zerfloss in einer schleimigen Substanz, die zischend eine Spur durch die Wangenknochen grub. Eine fast sexuell zu nennende Erregung packte mich. Ich verspürte ein grandioses Glücksgefühl.

Ich schüttete den Rest des Weihwassers über den Blutsauger. Die Eingeweide verschmolzen zu einem undefinierbaren Brei aus Blut, Gedärmen und verbranntem Fleisch. Der Schrei des Vampirs wurde zunehmend spitzer und schriller. Der entscheidende Moment war gekommen.

Minutenlang badete ich im süßen Geschmack des Sieges. Dann war es soweit, die Vollendung meiner Rache stand kurz bevor.

Ich nahm den Eichenpflock in die Hand und wog ihn abschätzend. Ein leichtes Zittern befiel meine Hände. Sollte seine Seele in den ewigen Feuern der Höhle schmoren. Ich holte zum entscheidenden Schlag aus, genoss das letzte Aufbäumen der dunklen Kreatur.

Das Traumbild zerfaserte und ich kehrte in die Bitterkeit der Realität zurück. Einzig der immerwährende Schmerz blieb. Nur war ich derjenige, dessen Geist vor Agonie schrie, das hilflose Opfer der scheinbar ewig währenden Qual. Die Sage vom Geschöpf der Dunkelheit war eine Lüge gewesen, meine Taktik, ihn tagsüber zu überwältigen fehlgeschlagen. Er hatte mir aufgelauert und mich überwältigt, ohne dass meine Gegenwehr einen nennenswerten Erfolg gebracht hatte. So hing ich in Ketten, ein ungewisses Schicksal erwartend.

Worin lag mein Denkfehler? Ich wusste es nicht.

Meine Gedanken kehrten zurück zu den Studien auf dem Gebiet des Vampirismus. Gemeinsam hatten wir Jagd auf die nächtlichen Kreaturen gemacht. Unser Erfolg war beträchtlich. Tagsüber, wenn sie schliefen, beförderten wir sie geradewegs in die Hölle. Theodor Master, mein Freund. Theodor, der Vampirjäger mit Gewissen und Moral. Im Gegensatz zu mir.

Mein Kampfgefährte verstarb durch meine eigene Hand, er hatte sich an meinen dunklen Leidenschaften gestört. Die Leidenschaften, die mich erst in die Fänge des Vampirs gebracht hatten.

Modred. Er war mein Lehrmeister gewesen, mein Herr, ohne dass ich von seiner besonderen Natur wusste.
Ironischerweise teilte ich das Schicksal Theodors. Auch er starb unter grausamen Händen, erfuhr am eigenen Körper meine besondere Bestimmung, den Zwang zu quälen und zu töten. Nie werde ich seine Schreie vergessen, sein Flehen nach dem Tod, die Aufrichtigkeit seiner Gefühle, der Geruch nach Angst und Schrecken. Doch nützte mir der Geschmack der Erinnerung nur wenig.

Jetzt war ich in den Händen der Kreatur gefangen, die den Gesetzen der Nacht nicht folgen musste. Anscheinend gab es zwei verschiedene Arten von Blutsaugern, und Modred gehörte zu denen, die auch am Tage wandelten, schier den Menschen verhöhnten in ihrer Ähnlichkeit. Doch diese Erkenntnis würde mir nun nicht mehr helfen, sie kam schlicht und ergreifend zu spät.

Der Blutsauger knüpfte dort an, wo er bei meiner Frau aufgehört hatte, und es schien ihm ein besonderes Vergnügen zu bereiten, sich an mir gütlich zu halten. Gerade die Enge unserer vergangenen Beziehung schien ihn mit besonderem Amüsement zu erfüllen, gab der Situation die pikante Note.

Ich verstand ihn, wenn seine Art von Humor mir auch im Moment wenig Vergnügen bescherte. Wir waren Brüder im Geiste, wenn mir die Rollenverteilung auch nicht behagte, mein Drehbuch hätte anders ausgesehen. Doch war mein Einfluss darauf erloschen. Endgültig.

Der Vampir beherrschte das Handwerk der Folter, niemals hätte ich mir solche Qualen vorstellen können, niemals selbst diese morbide Perfektion erreichen können. Unbewusst musste ich ihm Respekt zollen, verwandte Seelen, die wir waren. Brüder im Geiste, der gleichen, düsteren Passion nachhängend. Ich hatte meinen Meister gefunden. Und haderte mit meinem Schicksal.

Musste er mir zuvor kommen?

Meine Gedanken schweiften ab, ich flüchtete in den tröstenden Hauch der Phantasie. Ich sah meine Frau nackt in Ketten hängen. Zarte Schnitte in ihre Haut ließen den roten Lebenssaft fließen, ein erregendes Muster auf ihrer Haut zeichnend. Salzwasser zerstörte das Kunstwerk und wusch ihren weißen Körper rein. Sie wand sich, doch es gab kein Entkommen. Ihre spitzen Schreie ließen mich erglühen. Die Intensität ihrer Qual steuerte meinen Adrenalinspiegel. Meine Erregung stieg, als ich die Zangen bereitlegte. Bereit, ein neues Kapitel grausamer Perfektion zu eröffnen.
Wie hatte ich mir ihre Qual ausgemalt, während unserer zweijährigen Ehe. Sie hatte an die Illusion des sensiblen und treuen Ehemanns geglaubt. Ich genoss das Spiel, perfektionierte die Rolle als toleranter, sanftmütiger Mann. Immerzu überschüttete ich sie mit Rosen, sie blühte auf, badete in meinen Komplimenten.

Ich war ihr ein sanfter Liebhaber. Niemals drängend oder die eigene Befriedigung in den Vordergrund stellend. Ihr Körper erbebte unter meiner zärtlichen Berührung. Meine Hände streichelten sanft ihren Venushügel, die Vorstellung der Nadeln in ihrer Brust brachte mich fast zum Verströmen. Meine morbiden Gedanken, gepaart mit der Sanftheit meines Handelns, machten den sexuellen Akt mit ihr zu einem Kunstwerk, dessen erotische Spannung mich schier um den Verstand brachte.

Doch der Höhepunkt dessen, die Verwirklichung meiner geheimsten Gedanken, blieb mir versagt.

Ich hatte das langsame, qualvolle Sterben meiner Frau minutiös geplant, doch die dunkle Kreatur zerstörte mein Vorhaben. Der Vampir kam mir zuvor und badete an meiner Stelle in dem Leid meiner Angetrauten.

Als ich ihre geschändete Leiche fand, empfand ich eine nie gekannte Wut. Der pure Hass schien durch meine Adern zu fließen, mein ganzes Sein konzentrierte sich darauf, den Verursacher aufzufinden. Nicht aus Liebe, die Enttäuschung über entgangene Freuden brachte mich in Rage, ließ mich jegliche Vernunft vergessen. Hatte ich sie doch gerade aus dem Grund geheiratet, um ein neues Kapitel der sadistischen Perfektion zu schreiben. Zwei Jahre, in denen ich meine Phantasie zu einem perfekten Werk gewoben hatte, bereit, den letzten Akt dieses Meisterstückes zu vollenden. Und dann kam Modred mir in letzter Sekunde zuvor.

Ich dachte noch weiter zurück. Meine Frau war beileibe nicht mein erstes Opfer gewesen. Es fing an, als der Wechsel vom Jugendlichen zum Mann vollzogen war. Es kam einfach so über mich, ich war schockiert über die Abgründe, die in den Tiefen meiner Seele schlummerten. Ich empfand nachher weder Ekel noch Reue, nur ein unbändiges Gefühl der Befriedigung. Und es wurde von Mal zu Mal besser, die Qualität der Empfindung stieg in ungeahnte Höhen, meine Fertigkeiten wurden immer ausgereifter, ich wurde ein ungekrönter König der Folter.

Es wäre so leicht gewesen, meine Frau einfach zu vergessen, und sich ein neues Opfer für meine dunklen Begierden zu suchen. Es gab sie wie Sand am Meer, die unschuldigen, naiven Mädchen, die ihr Glück in der weiten Welt suchten. Und ich hatte ihnen einiges zu bieten, den sehnlichsten Wunsch nach Ruhm und Erfolg.

Diese nichts ahnenden Küken.

Ihr Traum vom werdenden Star wurde ihnen zum Verhängnis. So leicht verstrickten sie sich in meinem Netz, ich brauchte nicht einmal besonders vorsichtig zu sein. Ein paar Fotoaufnahmen, veröffentlicht in drittklassigen Magazinen, ein kurzer Spot zu einem billigen Produkt, schon sahen sie sich in Hollywood, weinend den Oscar entgegennehmend, ihr Portrait auf der ersten Seite jeder renommierten Tageszeitung. Doch diesen Traum zerstörte ich brutal, das Einzige das blieb, war die traurige Hauptrolle in meinem perfiden Spiel.

Meine Beziehungen waren sehr hilfreich, sorgten für steten Nachschub an willigen Opfern. Und ich war ein Könner. Die Polizei kam mir nie auf die Spur, bei den wenigen Malen, als verräterische Hinweise auftauchten, fand ich Mittel und Wege, sie aus dem Wege zu räumen. Anfangs dank Modred, alleine wäre meinem Treiben schnell ein Ende gesetzt worden. Doch wie ich durch meinen Mentor herausfand, gab es eine richtige Szene, die ähnliche Neigungen wie ich verspürte.

Diese Leute gingen nicht so weit wie ich, ihr Mut beschränkte sich auf den reinen Konsum dieser Vorgänge. Fortan filmte ich meine Taten, dafür deckte mich Modreds Organisation und ebnete mir eine sonst nie möglich gewesene Karriere. Der Geldfluss wuchs zu einem nie versiegenden Strom und ermöglichte es mir, mich ausschließlich meinen dunklen Neigungen hinzugeben.

Einzig Modred, mein Pate, wurde von mir mit jungfräulichen Gespielinnen versorgt. Zur Befriedigung seiner sexuellen Gelüste. So dachte ich.

Und fiel aus allen Wolken, als ich die Wahrheit erfuhr. Die Wahrheit über seine Neigungen und sein wirkliches Wesen. Würden seine damaligen Opfer ebenfalls des Nachts auf der Jagd nach Blut sein? Oder wurde ihrem Leben ein Ende gesetzt? Doch all dies war jetzt Vergangenheit, unwiederbringlich verloren.

Um mein Vergnügen gebracht, war ich nun selbst Opfer einer abartigen Leidenschaft. Hätte ich doch auf Modreds Warnungen gehört und mir eine neue Gespielin zugelegt. Doch mein verletzter Stolz trieb mich in Modreds grausame Arme. Ich hatte meine Quittung erhalten.

Wie würde ich enden? Als Kreatur der Nacht oder als im Erdreich verfaulender Leichnam?

Eine Schmerzwelle brachte mich in die Gegenwart zurück. Meine Eingeweide hingen aus dem geöffneten Leib , meine Arme waren so oft gebrochen, dass eine Bewegung dieser Gliedmaßen meine Qual ins Unermessliche steigerte. Die Hoffnung war erloschen, bald würde es endgültig vorbei sein. Die düstere Seite meiner Seele war mir zum Verhängnis geworden.

Mein Blick richtete sich nach vorne. In der Dunkelheit sah ich die blutverschmierten Eckzähne näher kommen, langsam, bis sie meinen Hals erreichten und ein scharfer, süßer Schmerz die allgegenwärtige Pein verminderte. Ich sah in dunkle Augen, in denen sich unverhohlen die Gier spiegelte, die Gier nach Blut, die Gier nach Emotionen.
Doch auch diese Empfindung verlor an Bedeutung, die Gewichtungen verschoben sich. Ein Gefühl der Zuneigung erfasste mich. Ich würde mit meiner Lebenskraft sein Selbst stärken, bereitwillig sank ich in seine Arme und erleichterte ihm den Trank. Ein Hauch von Bedauern streifte meine Seele, ihm nur eine kurze Weile zu Diensten zu sein. Das Gesicht meines Peinigers verschwamm, bevor mich ein unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmte. Und meine Empfindungen verblassten…

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Michael Schmidt

Michael Schmidt wurde 1970 in Koblenz geboren. Er veröffentlichte bisher über 60 Kurzgeschichten, die sich quer durch alle Genres bewegen und oft den Rahmen des Gewöhnlichen sprengen.
Als Herausgeber zeichnete er schon für diverse Anthologien verantwortlich. Zwielicht gewann dabei dreimal in Folge den Vincent Preis.
Seine Kurzgeschichtensammlungen sind bei Create Space Publishing erschienen.

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