Robin Hobb: Die Tochter des Drachen (Penhaligon)

Die große Robin Hobb ist zurück, und damit ein Garant nicht nur für durchschnittliche Fantasy, wie sie gegenwärtig den Markt überflutet, sondern für die Spitze des Genres, wo vielleicht nur eine Handvoll Autoren überhaupt zu finden sind. Als “Fool’s Assassin” 2014 im Original erschien, war gleich klar, dass dies wahrscheinlich die beste Veröffentlichung des Jahres werden würde. Bis es auch zu uns herüberschwappte, dauerte es zwar ganze fünf Jahre, aber Penhaligon hat dadurch den Vorteil, auch die gesamte neue Trilogie um einen der beliebtesten Charaktere der ganzen Fantasy in einem Atemzug vorzulegen, was in diesem Jahr mit Band 1: “Die Tochter des Drachen”, Band 2: “Die Tochter des Propheten” und Band 3:  “Die Tochter des Wolfs” dann auch geschehen ist. Über die merkwürdige Übersetzung der Titel kann man sich wie immer genauso lange streiten wie über das stereotype und lustlose Cover, nach dem Motto: One Fits All. Hast du ein Cover, reicht das für 1000 Bücher. Damit ist Penhaligon allerdings nicht allein. Keiner scheint mehr eine müde Mark in sein Artwork zu stecken. Wozu auch? Die Leser scheint es ohnehin nicht zu interessieren. Trotzdem muss ich eine Lanze für den Verlag brechen, denn Penhaligon hat es geschafft, alle drei Trilogien zeitnah zugänglich zu machen, und zeigt damit nicht nur eine herausragende Veröffentlichungspolitik, sondern auch, dass eben nicht nur eine Flut zweitklassiger Fantasy den deutschen Sprachraum dominiert.

Einst rettete Fitz Chivalric Weitseher seinen König und befreite den Kronprinzen. Bereits auf vielerlei Arten beschützte er das Reich. Er bewahrte sogar einen Drachen vor dem Tod. Für viele ist er ein großer Held! Doch ausgerechnet seine Tochter Biene hat Angst vor ihm. Sie scheint zu spüren, dass er ein Mörder ist. Erst ein schrecklicher Schicksalsschlag führt die beiden näher zusammen. Fitz will Biene um jeden Preis vor den Intrigen des königlichen Hofs von Bocksburg und den damit verbundenen Opfern und Gefahren beschützen. Um das zu erreichen, muss er sie verlassen. Dabei erkennt er viel zu spät, dass nicht er selbst, sondern seine Tochter das Ziel einer geheimnisvollen Gruppe von Verschwörern ist. — Klappentext.

Hobb wird oft an die Seite von George R.R. Martin gestellt, und das nicht ohne Grund. Wie Martin hat sie – begonnen bei der legendären ersten “Weitseher-Trilogie” eine Welt mit einer reichhaltigen Geschichte aufgebaut und greift ebenfalls auf eine leichte, aber umso erschreckendere Form von Magie zurück. Aber wo Martins “Lied von Eis und Feuer” eine groß angelegte Erzählung mit vielen Charakteren ist, bevorzugt Hobb Intimität und lässt uns schon Mal ein ganzes Buch mit nur ein oder zwei Stimmen im Kopf verbringen. Fitz hadert oft mit seinem Platz in der Welt, die wenig Sinn für Bastarde, aber ein großes Bedürfnis nach Helden hat. Es braucht einen geschickten Autor, um sicherzustellen, dass die unterschiedlichsten Parteien, die täglichen Aufgaben und das Gerede über entfernte Politik nicht langweilig werden, aber Hobb schafft es, ihre Welt farbenfroh und einladend zu gestalten, auch wenn der Schatten zukünftiger Tragödien über allem schwebt. So wie Bocksburg als bedeutendes Anwesen in der Weitseher-Trilogie diente, so ist auch das Herrenhaus Weidenhag eine wichtige Station, die mit ihren eigenen Geheimnissen angereichert ist – ein überraschend passendes Zuhause für einen ehemaligen Assassinen. Denn selbst in Weidenhag kann Fitz dem Mann, der er einmal war, nicht entkommen. Und wenn die Außenwelt in seinen sicheren Hafen eindringt, muss sich Fitz wieder einmal entscheiden, wer er sein will und wo seine Loyalität liegt. Das erweist sich als etwas schwierig bei den anstehenden Veränderungen seiner Familie.

Hobb ist eine unglaublich versierte Schriftstellerin, die sich intensiv mit dem Innenleben ihrer Figuren beschäftigt. Sie kann den Leser über den Tod eines Charakters weinen lassen, aber sie kann ihn auch über ein Gespräch zwischen einem Mann und einer Frau seufzen lassen, die endlich zueinander gefunden haben, ohne die Elemente des Kitsches bemühen zu müssen. Ihre Figuren sind lebendig und man möchte seine Lesezeit gerne mit ihnen verbringen, auch wenn gleich gesagt werden muss, dass Hobb nicht zu jenen Schriftstellern gehört, die ein oberflächliches Actionfeuerwerk abbrennen. Sie nimmt sich die Zeit, die notwendig ist, um das vorzubereiten, was sich ganz sicher im Verlauf der Trilogie zu einem richtigen Abenteuer entwickeln wird. Trotz des schleppenden Beginns sorgt Hobbs unnachahmlicher Stil dafür, dass auch jene dabei bleiben können sollten, die mit ihrer Aufmerksamkeitsspanne ein Problem haben. Aber ohne Frage ist das vorliegende Buch eher ein pastorales Familiendrama und ich halte es für notwendig, die beiden vorangehenden Trilogien gelesen zu haben, die eine andere Konzeption besitzen. Hobb hat hier aber nicht nur ein sich langsam entwickeltes Buch geschrieben, sondern auch einen Perspektivwechsel vorgenommen, der dem ganzen Weitseher-Zyklus eine zusätzliche Note verleiht. Zwar kehrt der Leser auch hier in Fitzens Kopf zurück und kann dadurch wie gewohnt zuverlässig (oder wenn man will unzuverlässig) die Handlung seiner Umgebung interpretieren. Wir sind in jeden seiner Gedanken eingeweiht, einschließlich der Tagebucheinträge, die er über längst vergangene Tage schreibt. Das ist eine einfache, aber sehr effektive Möglichkeit, den Leser daran zu erinnern, was vorher passiert ist. Doch Fitz wird diesmal durch eine zweite Perspektive unterstützt, die ebenfalls in der ersten Person geschrieben ist und ohne Abgrenzung vorwärts und rückwärts springt. So herausfordernd das sein mag, wird dadurch das schleppende Tempo der Geschichte zu einem interessanten Lesevergnügen. Man könnte auch sagen: Diese Passagen sind ein Jugendroman innerhalb eines Erwachsenenromans, denn sie werden von Biene vorgetragen und erinnern natürlich an formelhaftes Erzählen. Die Balance zwischen Biene und Fitz ist hervorragend. Bestimmte Ereignisse werden kontrastierend dargestellt, und so machen die jeweiligen Erzähler Aussagen über den anderen, die außerhalb der Realität dieser Figuren liegen. Auf diese Weise ergeht es Biene nicht anders wie Fitz. Auch sie kämpft darum, sich ihrer Umgebung anzupassen. Und wie Fitz ist sie oft nicht in der Lage, die Absicht derer um sie herum zu entschlüsseln und das Schlimmste anzunehmen, nicht einmal in ihrer eigenen Familie. Sie wird oft missverstanden, dabei ist sie weitaus fähiger, als irgendjemand der Erwachsenen das erwartet.

Hobbs alternative Sichtweise mag hier unter einigen kleinen Fehlern leiden, aber wenn man das Gesamtkonstrukt betrachtet, erhält der Leser dadurch einen viel umfassenderen Einblick in das vorgelegte Thema. Obwohl “Die Tochter des Drachen” keine Tour de Force ist, gelingt es Hobb in großem Stil, ihre Figuren funkeln zu lassen, weil selbst dieses ruhige Milieu perfekt strukturiert ist. Es gibt wenige Autoren auf dieser Welt, die solch eine Meisterschaft besitzen.

Mit Dank an das Rezensionsexemplar von Penhaligon.

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