Robert Jackson Bennett – Mr. Shivers

Man kann die unterschiedlichsten Meinungen zu R. J. Bennetts Erstling aus dem Jahre 2010 einfangen, wenn man sich etwas umtut – und das ist ein gutes Zeichen, auch wenn man meinen könnte, das wäre ein normales Ereignis. In diesem Fall sind jedoch die Stimmen der Enttäuschung nicht weniger aufschlussreich als jene, die Begeisterung ausdrücken über den talentierten jungen Mann, der die spekulative Literatur mit seiner Stimme bereichert und eine Prosa zwischen Stephen King und John Steinbeck schreibt. Das muss vielleicht etwas erläutert werden. Bennett wuchs mit Stephen King auf, und seine Begeisterung mündete dann auch in dieses Debüt, das kaum verhehlen kann, dass ein kleiner Tropfen „Dunkler Turm“ überall durch die Zeilen sickert. Technisch allerdings orientiert sich Bennett kaum am Großmeister, sondern eher an der amerikanischen Ikone John Steinbeck. Der Roman ist in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts angesiedelt, zu Zeiten der großen Depression. Das ist vielleicht ein Grund, warum das Buch bei uns schlechter abschneidet als in Amerika. Bennett benötigt nicht viele Worte, um jene Atmosphäre zu schaffen, die den Hintergrund des ganzen Buches wie eine verdreckte Leinwand füllt. Uns aber fehlt das Bewusstsein dieses Hintergrunds, und so können wir uns lediglich auf die Geschichte selbst stürzen.

Mit einer Prosatönung, wie Bennett sie hier vorträgt, schreibt man eine gute und knackige Kurzgeschichte, eine Novelle vielleicht. Für einen Roman tut sich hier zu wenig (nicht handlungsorientiert), zudem bleiben die Figuren zu blass (nicht charakterorientiert), vor allem der Protagonist ist, trotz grundsätzlich interessanter Zeichnung, geschmackfrei wie ein Papiertaschentuch. Und wenn wir diese Dinge zusammen nehmen, bleibt am Ende nur ein atmosphärisches Setting, wäre da nicht die Tatsache, dass Bennetts offensichtliche Vorbilder Stephen King (Der dunkle Turm), Neil Gaiman (American Gods) und Cormac McCarthy (The Road), eine bessere Dystopie erzeugen können. Einige hübsche Metaphern hat das Buch dann aber dennoch.

Mr. Shivers, der Mondlichtmann, der schwarze Reiter. Mr. Shivers, der Teufel der Landstreicher. Der schwarze Mann der Entwurzelten.

In dunklen Zeiten manifestiert sich das Unheil. Es gibt einen definitiven Unterschied zwischen einer scheinbar heilen Welt, in die das Grauen bricht, und einer aus den Fugen geratenen Welt, in der sich das Böse – quasi wie zur Krönung – personifiziert. Mr. Shivers ist eine Teufelsmetapher und Bennett führt sie uns alle vor Augen, seien es die Narben, die Shivers hat, weil die Engel ihn peitschen, sei es die Crossroadslegende (bei der man einen Stein mit seinem eigenen Namen beschriftet und an einer Kreuzung vergräbt) oder andere Abwehrmechanismen, die alle dem Aberglauben entnommen sind, Ritualfragmente, die den Teufel am eigenen Haus vorbei gehen lassen.

Es war ein weites Land, und sie passierte es stumm, denn seine Weitläufigkeit schien Worte zu fressen, bevor sie überhaupt ausgesprochen waren.

Das ist der Grundakkord des Buches und definiert den Ton. Von einer Zivilisation sind nur die an- und abschwellende Flut der Wanderarbeiter zu sehen, Landstreicher, Bettler, Krüppel. Wenn von einer Stadt die Rede ist, dann handelt es sich um eine Geisterstadt. Die Weite hier ist in der Tat grenzenlos, die Suche vielleicht sinnlos. Die Leere wird nur durchzogen von endlosen Eisenbahnsträngen, ohne Anfang, ohne Ende. Die Eisenbahn als Aderngeflecht eines gewaltigen Landes, und eines der ehemaligen amerikanischen Statussymbole neben besagter Depression, der nationalen Katastrophe, während der ganze Kontinent elendig zu verarmen schien.

Connelly sucht also den Mann, den grauen Mann, den Narbenmann, der seine kleine Tochter getötet hat. Unterwegs trifft er andere, die ihn ebenfalls jagen, denen er ebenfalls etwas genommen hat. Hier und da treffen sie auf ihn, zumindest aber immer auf seine Spuren. Auch wenn diese Reise schnell zu einer mythischen Reise wird, jagen sie an der Oberfläche einen Mann, denn den Tod kann man nicht anders jagen. Bennett gelingt es nicht ganz, alle metaphorischen Ebenen, die er im Sinn hatte, herauszuarbeiten. Und dennoch bleibt dies ein beachtliches Debüt, und Bennett jemand, den es unbedingt zu beobachten gilt.

Nymphenbad

Nymphenbad

Kulturanthropologe, Übersetzer, Dichter philosophischer Phantastik. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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