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Robert Aickman – Das Hospiz

Marvin Keye schrieb in seinem Vorwort zur Anthologie “Masterpieces of Terror and the Supernatural”, die er herausgab, dass er zunächst zögerte, die Geschichte “The Hospice” (dt. “Das Hospiz”) in die Sammlung aufzunehmen, weil er nicht herauszufinden im Stande war, was sie aussagen wolle.

Man liest die Geschichte sechs oder sieben Mal (vielleicht auch öfter), und kommt immer noch nicht dahinter. Das aber ist genau das, was sie beabsichtigt. Die besten Geschichten sind jene, die ins Unterbewusstsein kriechen und flüstern und rätselhaft bleiben. Sie führen uns in die Dunkelheit und lassen uns dort allein. Vielleicht finden wir wieder heraus, vielleicht auch nicht. Viele Geschichten von Kafka funktionieren so, viele von Cortàzar tun es ebenfalls – und natürlich die meisten von Aickman. Aber Aickman ist keineswegs ein Avantgardist, der krude Rätsel für seine Leser zusammenspinnt. Das Hospiz ist in einer einfachen Sprache gehalten, fast flach, mit einem Minimum an Erschütterung und Bewegung: Ein Reisender verirrt sich auf einer Straße irgendwo in den West Midlands, kommt durch eine Siedlung, die aussieht wie im 19. Jahrhundert, mit hohen Bäumen und einsamen Häusern, sieht das Hinweisschild, das gutes Essen und andere Annehmlichkeiten verspricht, außerdem hat er fast kein Benzin mehr. Zu allem Überfluss wird er auch noch von etwas, das eine Katze gewesen sein könnte, ins Bein gebissen, als er kurz aussteigt, um sich grob zu orientieren. Diese Biss, der sich vielleicht entzünden könnte, spielt im weiteren Verlauf nur die Rolle, dass er da ist und schmerzt. Das ist die erste Irreführung der Erwartungshaltung.

Im Hospiz wird er freundlich aufgenommen und kommt gerade richtig, um am Abendessen teilzunehmen. Die Schilderungen und Geschehnisse sind immer nur knapp neben einer gewohnten und erwarteten Reaktion, einer bekannten und nachvollziehbaren Szenerie, aber sie treffen niemals das Bekannte, das jemals Erlebte.

Ihm wird also das Essen in mehren Gängen serviert, die exorbitant sind, gewaltig und unbezwingbar – und damit beginnt ein merkwürdiger Reigen, der sich zwar niemals ins Groteske zieht, aber einiges aus der Atmosphäre des Theater des Absurden schöpft.

Michael Perkampus

1969 im Fichtelgebirge geboren, Schriftstseller, Musiker und Übersetzer, Studium der (Experimental)Psychologie in München. 2005-2010 Moderator der Literatursendung “Seitenwind” (Winterthur, CH). Im Dezember 2014 erste Übersetzung eines Interviews mit Ligotti, was zur Gründung des Phantastikon führte (seit Januar 2015 auf einer eigenen Plattform). Besondere Vorlieben: das Unheimliche im Sinne des Surrealen, Verdrehten: der philosophische Horror.

Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften. VÖ als Morpheus Eisenstein: “Equipe Propheta” (1991), Das Symbolon (1995); VÖ als Michael Perkampus: “Die Geschichte des Uhrenträgers” (2007), “Guckkasten” (2011), “Entropia” (2014); Storie im IF #666: “Dorothea”.

4 Kommentare zu Robert Aickman – Das Hospiz

  1. Gottseidank habe ich diese Rezension jetzt gefunden. Ich habe die Geschichte gerade gelesen und befürchtet, ich hätte sie einfach nicht verstanden. Dass sie einen trotzdem nicht loslässt beweist ihre Qualität. Der Stimmungsaufbau ist meisterhaft.(sprachlich und stilistisch finde ich sie leider ein bisschen zu veraltet, es sind auch ein oder zwei unlogische Schnitzer in den Erzählübergängen drinnen, über die ich gestolpert bin – will aber hier nicht ausschließen, dass das an der Übersetzung liegt)

    • Aickman steht ja in der Tradition mit Autoren wie Kafka. Diese Autoren (nehmen wir noch Bruno Schulz, Borges usw mit hinein) fassen den Begriff der Phantastik anders auf als es im Mainstream üblich ist. Bei literarischen Meisterwerken von “veraltet” zu sprechen halte ich, mit Verlaub, für frech – wenn auch verständlich. Literarische Werke an der “Logik” zu messen übrigens auch, vor allem, weil dadurch nicht klar wird, welche der vielen verschiedenen logischen Schulen gemeint sein könnte.

      • Erik R. AndaraErik R. Andara // 17. September 2017 um 16:21 //

        Was ich damit meinte war die Erzähllogik, und dass mir bei der Geschichte ein, zwei Mal in normalen Schilderungen so war, als würde ein Stück fehlen. (also wirklich in alltäglichen Handlungsabläufen) Ich bin jetzt übrigens bereits weiter im Band und ich vermute der Eindruck, dass es stilistisch schlecht gealtert ist, liegt tatsächlich an der Übersetzung (das Verwunderliche ist, dass ich das zu keinen der anderen literarischen Meisterwerken bis dato gesagt hätte, also nicht einmal Chambers in seinem Manierismus; aber hier fühlt es sich irgendwie unnatürlich an für mich) – mir kommt es teilweise so vor, als wären die Erzählungen eher ruppig und inkonsistent im Ausdruck modernisiert worden. Das schwankt auch zwischen den einzelnen Geschichten sehr. Was ich aber auch dazu sagen muss ist, dass die Atmosphäre, welche in den Geschichten dicht über allem liegt, ziemlich gekonnt gewebt wurde. Aber mein Lieblingsautor wird er wahrscheinlich eher nicht. Wobei ich nocheinmal sagen muss, dass ich Kafka schon sehr früh zu schätzen gelernt habe und seitdem hochhalte. Seltsam also eigentlich, dass mich Aickman da nicht so mitreißt.

      • Also die Übersetzung ist wirklich schlecht, das stimmt schon. Ich habe da einen Vergleich zwischen verschiedenen Übersetzern, wobei ich die Story, die ich meine, und die nicht bei DuMont erschienen ist, jetzt nicht zur Hand habe. In dieser Serie ist auch die Ligotti-Übersetzung grauenhaft, aber DuMont ist ein Kunstverlag, der damals einfach auf den Zug aufgesprungen ist. Ich hatte mich ja beim englischen Editor als Übersetzer für eine Aickman-Ausgabe beworben, aber es fand sich – natürlich – kein deutscher Verlag für das Projekt.

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