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Wenn der Blutmond über dem Schlachthaus steht

American Horror Story Roanoke, 2016, copyright: Brad Falchuk Teley-Vision, Ryan Murphy Productions, 20th Century Fox Television

Es war einmal eine Metzgerin, die jeden abschlachtete, der ihr Land betrat. Mit menschlichem Dünger machte sie den Boden fruchtbar, der Blutmond gab ihr Unsterblichkeit. Wenn der Zorn in ihr erwachte, bleckte sie die dreckigen Zähne, rief ihre rauen Getreuen, die grausamen Toten, die Verdammten, die Verlorenen, enzündete das Feuer und wetzte das Messer.

Es war eine Insel namens Roanoke, die zum Flüsterort wurde. Zu einer von jenen geheimnisvollen Stätten, die wir lieben, ohne jemals dort gewesen zu sein. Roanoke könnte auch in Atlantis oder auf der Venus liegen, wir kämen damit klar, dass die Reise lang, vielleicht unmöglich sein könnte. Vorstellbar ist sie, das genügt. Was einen dort erwarten würde, wäre bizarre Bilder wert. Vielleicht höllische. Vielleicht würden die Farben auch ernüchtern. Allemal, der Kopf will Mystik. Er bekommt sie. Der Flüsterort hat mit dem unheimlichen Verschwinden von Menschen zu tun.

Roanoke ist die legendäre „Lost Colony“, 1585 von den Engländern im Namen der Krone gegründet, kurz darauf aufgrund von blutigen Fehden mit den aufgebrachten Indianern, – die sahen die Fremden auf ihrem Land nichts Gutes verheißen – , wieder aufgelöst und 1587 erneut besiedelt in primär nicht mehr militärischer, sondern ziviler, ergo eher friedlicher Absicht. So steht es denn geschrieben.

90 Männer, 17 Frauen und 11 Kinder waren es, die dort in der Siedlung Raleigh auf der Insel vor der Küste von North Carolina hoffnungsfroh dachten, ein neues Zuhause in der Neuen Welt zu finden. Gouverneur John White, ein Landvermesser, kehrte nach England zurück und trat drei Jahre später erneut die Schiffsreise nach Roanoke an, um dort nach dem Rechten und eben auch nach seiner Tochter Eleonora und seiner Enkeltochter Virginia zu sehen, die nunmehr dort lebten. Die kleine Virginia war tatsächlich das erste auf amerikanischem Boden geborene englische Baby. Aber niemand weiß, was aus ihm geworden ist. Wie auch niemand eine einigermaßen konkrete Ahnung davon hat, was überhaupt passiert ist mit den Menschen auf Roanoke.

Als White eintraf, waren alle verschwunden. Spurlos. Er irrte umher und fand das Wort CRO eingeritzt in einen Baum, das möglicherweise ein Hinweis auf die nahegelegene Insel Croaton, heute Hatteras, sein sollte. White behauptete später, er habe auf einer mannshohen Planke im Fort auch den ganzen Namen der Nachbarinsel, eingebrannt in das Holz, entdeckt. Wie eben andere behaupteten, sie wüssten von Knochenresten in der Erde. Gleichwohl, das Schicksal der 118 wie über Nacht vom Nichts Verschluckten blieb ungeklärt. Die Theorien, dass sie vielleicht Opfer einer Seuche oder der Indianer geworden sein könnten, wurden skeptisch betrachtet: Man hätte in jedem Fall etwas finden müssen, irgendein handfestes Indiz für eine noch so seltsame Sache, die geschehen konnte, ohne auch nur die geringste Spur zu hinterlassen.

Und wir hören zu, stellen uns vor, es gäbe keine Dimensionen, keine Zweifel, keine Logik ohne den Weg. Wir geben der Geschichte ihre Chance:

Cover Roanoke, copyright: Brad Falchuk Teley-Vision, Ryan Murphy Productions, 20th Century Fox Television

Ronake bleibt ein großes Geheimnis. Irgendjemand hat mir einst davon erzählt, ohne sich an den Namen erinnern zu können. Er sprach von blutiger Erde und nächtlichem Seufzen, einer Geisterwelt ohne zeitliche Schranken, ohne Tabus, einer grotesk echten Welt, die uns nicht will. Die uns bestraft, wenn wir stören. So wurde es mir wahrhaftig erzählt. Mag aber sein, dass das gar nicht stimmt. Mag sein, er waren einfach nur Ryan Murphy und Brad Falchuk, die in meinen Ohren spukten. Irgendwann, bevor es sie gab. Natürlich. Sonst wäre es nicht gruselig, davon zu berichten.

Roanoke ist Titel der sechsten Staffel von American Horror Story. Eine ziemlich finstere Story mit clever gewähltem, da schleierhaftem Background. Mit viel (berechtigtem!) Angstgeschrei der Akteure und der nötigen Portion an Jetzt-vielleicht-doch-mal-lieber-Weggucken-Wollen der Zuschauer. Allesamt aus der sich sowieso verneigenden AHS-(= American Horror Story) Gemeinde. Anders geht’s nicht. Die Geschichte ist etwas arg blutig verdreht, ansonsten perfekt überzogen nach alter Manier als Überraschungsträger und Effekthascher. Der Rest ist beste böse Phantasie.

Die sechste Staffel der amerikanischen Erfolgsserie,- der Startschuß fiel 2011 mit House, es folgten Asylum, Coven, Freak Show, Hotel – , beginnt als True-Crime-Show, Titel „My Roanoke Nightmare“, wird zur garstigen Schauer-Mär und endet als Reality-Gemetzel mit kuriosem Krawall. Die Story ist ungeniert durchdacht und durchgeknallt, das ikonische Intro fehlt (leider), der gehässig befleckte Tatort, ein Gebäude aus dem 18. Jahrhundert im finsteren Wald, ist sauber (!), und ansonsten gilt: Auch diese Staffel macht den Hungrigen auf ihre fies-fein fürchterliche Art satt und muss sein, sonst sind andere berufsmäßig böse Denker genötigt, es besser zu machen. Und das…tja..

Und wir sehen zu, trinken Wein, staubig trocken, er bleibt im Hals stecken, lässt schwer atmen und schmeckt plötzlich süß wie Blut. Das glauben wir.

Lüsterne Hexe: Lady Gaga, Bild copyright: Brad Falchuk Teley-Vision, Ryan Murphy Productions, 20th Century Fox Television

Was steckt drin an wahrem Horror, kreiert in der Studierstube der Oberbösen? Shelby und Matt, ein junges Paar, treten vor die Kamera. Und reden. Und (lassen) zeigen. Vorerst. Dann wird und-aber-wie-und-was gezeigt. Mit dem Zauberwort CROATON, das nach Ärger klingt. Mit Wut, Blut, Wonne.

Murphy und Falchuk bieten: Haarsträubendes. Schockierendes. Ekliges. Einen traditionsbewussten, inzestuösen Kannibalenclan. Psychopathische Krankenschwestern. Einen verirrt-verwirrten Professor, der stückweise gefressen, einen Ghostbuster mit Trump-Friseur-Perücke, der ausgeweidet wird. Ferner: Das prachtvolle AHS-Urgestein Sarah Paulson, eine lüsterne Lady Gaga und den Prototyp des netten, hübschen Jungen von nebenan, Evan Peters. So herzlich wenig unschuldig. So wenig Gutmensch. So bravourös in Egoismus und Schlechtigkeit. Dann: Eine echte Kathy Bates. Personifiziert. Unsere Delphine LaLaurie. Ethel Darling. Iris. Jetzt die Irre mit Schlachterbeil, flackerndem Blick, Lust an Qual, wie gehabt, Ausgeburt des Fürchterlichen. Kolonie-Königin. Killerin. Ein Mordsweib aus Roanoke.

Wer hinwill…ich war unlängst dort. Ich reise weiter.

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Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: „Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.“ – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und „Ganz normal verpickelt“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), „Zwielicht “ und „Zwielicht Classic“ (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), „Dirty Cult“ (Hrsg. Ulf Ragnar), „IF Magazin für angewandte Fantastik“ (Whitetrain) , „Der letzte Turm vor dem Niemandsland“ (Fantasyguide präsentiert) und „Miskatonic Avenue“ (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)