Richard Lorenz : Amerika-Plakate

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Richard Lorenz kam mit seinem sensationellen Debutroman „Amerika-Plakate“ förmlich aus dem Nichts. Obwohl es in Deutschland schwer ist, mit Geschichten zu glänzen, die sich nicht dem Mainstream unterwerfen, fand der Roman eine Heimat bei Joachim Körbers Edition Phantasia. Und obwohl das Echo rundum positiv ausfiel, kennt heute, fast ein Jahr nach der Veröffentlichung dieses Ausnahmeromans, nach wie vor kaum jemand den Namen Richard Lorenz. Es steckt eine gewisse Tragik dahinter, bedenkt man, daß man in einem Land lebt, das von sich selbst behauptet, eine Kulturnation zu sein, und in dem Literatur angeblich einen hohen Stellenwert besitzt. Wie es scheint, meint man mit eben dieser Kultur zweit- und drittklassige Übersetzungen, denen sich unsere etablierten Verlage lieber zu widmen scheinen, als jenen, die quasi vor der eigenen Haustür bahnbrechendes leisten.

Ist Amerika-Plakate denn bahnbrechend? Dieses Superlativ ist natürlich, ebenso wie der Begriff „Meisterwerk“ zunächst einmal differenziert zu betrachten. Wir haben hier einen Autor, der etwas Ungewöhnliches zu erzählen hat, tatsächlich etwas in dieser Form noch nicht dagewesenes, der vor Fabulierlust nur so strotzt, ohne auf Spektakel zu setzen. Es sind bei Lorenz gerade die leisen Töne, die eine unglaubliche Kraft ausstrahlen, die Lebensweisheiten, die nie aufgesetzt sondern ehrlich wirken, nie esoterisch, sondern malancholisch-wahr. Und vor allem: immer magisch. Wie Zaubersprüche, die unser Leben häkeln und dort zusammenhalten, wo wir gar nicht mehr hinsehen. Bahnbrechend auch, weil die Geschichte, die hier erzählt wird, die Geschichten aller Figuren sind. Aus der Zeit der Postmoderne, die ihr nicht-lineares Erzählen oftmals quälend angestrengt zum beliebigen Chaos mutieren ließ, fühlen wir uns literarisch entwachsen. Die Zeit danach fällt im Allgemeinen wieder zurück in simples straight-forward-Gedöns. Nicht Richard Lorenz. Er hat, wie gesagt, eine Geschichte zu erzählen, aber er weiß auch, dass eine gute Geschichte automatisch viele Geschichten sind. Das Buch strotzt vor Verweisen zu Büchern, zu Musikern wie Bob Dylan, Charlie Parker, Leonard Cohen usw., solche eben, die nicht nur dem Autor etwas bedeuten (denn das ist nicht der Grund, warum er sie setzt), sondern die, quasi aus dem Off, mitweben an diesem einmaligen Roman, und die das nachdenklich machende Bild, das da Seite für Seite ensteht, von den Rändern her prägen; Ränder, die ausfranzen, weil sie die Türen zum Unendlichen beinhalten. So bleibt zu sagen: Ja, dieses Buch ist bahnbrechend. Und es ist ein Meisterwerk.

Wir schlagen das Buch auf. Kapitel Eins. Der erste Kuss. Brooklyn ist überall, lesen wir da. Und dann beginn es: Lou Reed leitet die Sache ein: „Take a walk on the wild side.“ Wir denken uns noch nichts dabei: aber genau DAS werden wir tun. Wir spazieren mit unseren Augen, die in diesem Fall unsere Beine für die nächsten 277 Seiten sein werden, wir wagen ein Abenteuer.

Selbst Amerika konnte gleich hinter unserem Haus beginnen; ich hatte alles gesehen. Dinge, die ich meiner Frau nicht erzählen kann. Sie würde mich für verrückt halten.

Der namenlose Erzähler breitet die unglaubliche Geschichte Leibrands vor uns aus. Vom ersten Augenblick sind wir in einem Mysterium der Figuren gefangen. Es ist das Gefühl, daß mit dem, was wir allgemein als Wirklichkeit empfinden, etwas ganz und gar nicht stimmt. Wir alle ahnen es in Träumen, wir alle sind angezogen vom Geheimnisvollen, das wir im Laufe der Jahre so sehr verdrängt haben, daß wir es nicht mehr wahrnehmen.
Aber wenn Suzanne Leibrand auffordert, sie zu küssen, weil sie sonst sterben müsse – eine Szene, die ganz wenige Sätze umfasst, dann gelingt Richard Lorenz das, was nur ganz wenige Autoren überhaupt können: er reißt etwas in uns auf, er zieht einen Schleier beiseite. Plötzlich erkennen wir wieder, wie viel Kraft in scheinbaren Kleinigkeiten liegt – und daß sie eine gewaltige Bedeutung haben.

Lorenz benötigt keinen langen Atem, um uns das Rätselhafte, die tiefe Bedeutung von Dingen nahe zu bringen. Sein Stil ist grandios genug. Wie ein Puppenspieler, der ganz genau weiß, was er tut, und ohne daß er hektische Bewegungen ausführt, eine ganze Welt bewegt, zu der auch wir, als Leser, gehören, die dem skurillen Geschehen folgen, während wir gar nicht ahnen, daß wir möglicherweise selbst eine „Schrankgeschichte“ sind.

Mit Leibrands Schrankgeschichten hat es ein besonderes Bewandtnis, denn „über all die Jahre atmete er viele Geschichten in Menschen, die seine Geschichten brauchen.“ Es sind Menschen, die man für eine Erfindung, eben für den Zweck, eine Geschichte zu erzählen, halten könnte, so poetisch bizarr wirken sie. Aber die Menschen der Schrankgeschichten gab es wirklich, wie uns der Erzähler und Freund Leibrands versichert. Einige davon hat er selbst getroffen. Das ist freilich Metaebene, aber so geschickt, daß man gar nicht stutzt, weil wir uns schon längst in den wunderbaren Netzen des Romans befinden. Bereit, all das zu akzeptieren, was den Gesetzen von Raum und Zeit zutiefst widerspricht; oder vielleicht gerade deshalb.
Diese eingeschobenen Schrankgeschichten fügen sich völlig homogen in das Textgefüge ein, blähen den Roman nicht etwa künstlich auf, sondern sind ein wesentlicher Bestandteil der Atmosphäre, bestechen durch ihre poetische Kraft, ob es nun Albert Sterner ist, der auf seinen „Raketenschuhen“ einen Wettlauf mit dem Teufel gewinnt, oder Robert Fels, der der Überzeugung ist, dass Schnee nicht schmelzen kann.

„Denn Leibrand öffnete ihre Türen […] er gab ihnen allen eine Geschichte.“ Das ist eine der erstaunlichsten Dinge, die mit Leibrand einher gehen, diesem ganz besonderen Menschen, der so anders ist.

Die späten siebziger Jahre, in einer kleinen Stadt. Die magische Atmosphäre der Erinnerung ist sofort präsent. Ob es nun von Vorteil ist, RAF-Plakate, surrende Telefonscheiben, die aus heutiger Sicht technische Rückständigkeit selbst erlebt zu haben oder nicht, fest steht, daß man prompt ausrufen möchte: auch ich habe das so empfunden, auch ich gehörte zu den Kindern, die „Gespenster im Schneetreiben sehen konnten […] so als hätte man sich beim Hinsehen getäuscht […]“

So erscheint der ganze Roman: als hätte man sich beim Lesen getäuscht, als würde man in sich selbst lesen und nicht auf Papier, so als würde die ganze Geschichte in eine Flasche hinein gesprochen und die Buchstaben blieben da. Für immer. Und wir nehmen noch einen Schluck. Wir sind des Atems beraubt.

Mit Berender durchstreift Leibrand zum ersten mal bewußt dieses Traumland mit dem Namen Amerika, „ein geheimnisvolles, magisches Amerika.  Hier konnte man alles sein, was man wollte.“ Hier also finden sich diese wirklich unbegrenzten Möglichkeiten. Ampeln aus Pappmaché gibt es hier, riesige Bäume, in denen Baumhäuser stecken.
Jeder Traum ist seiner Art nach surreal, bezeichnet eine Über-Realität. Das ist der Ton nahezu jeder Szene. Dies ist die Möglichkeit und die Logik, die dieses Buch so sonderbar macht. Gefahr lauert überall dort, wo auch Schönheit ist. Das ist der Preis. Der Preis jeder Freiheit der Phantasie.

Vielleicht denkt jemand, das hier sei eine Rezension – und eine Rezension sei in irgendeiner Form erhellend, während diese hier … nun, manchen ebenso kryptisch erscheinen muß wie das Buch selbst. Mir gelang es nur, einige Nuancen herauszustellen, denn in Wirklichkeit sind die Amerika-Plakate, die Träume, die Melodien, die Bücher im Buch, die lyrischen Augenblicke die Welt eines übergeordneten Träumers, der alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten in den Händen hält. Das Buch ist unheimlich auf eine ganz besondere Art und Weise, weil es in uns hinein greift und uns daran erinnert, daß wir alle ein eigenes Brooklyn besitzen. Tief verborgen. Es ist die Essenz des Lebens. Das ganze Geheimnis.

Aber wovon handelt denn jetzt dieses Buch? Das ist im Grunde genauso einfach wie es der Klappentext sagt: „Amerika-Plakate ist ein anrührender Roman über die Liebe, das Leben und die alles verwandelnde Kraft der Phantasie – und zugleich eine melancholische Liebeserklärung an die Literatur.“

Bleibt die Frage: Was liest man, wenn man durch ist mit diesem erstaunlichen Roman? Für mich liegt die Antwort auf der Hand: Nur den Meister der Phantastischen Erzählung selbst: Julio Cortázar.

Richard Lorenz
Amerika Plakate
Hardcover
ISBN 978-3-937897-54-7
276 Seiten, 22,00 EUR
April 2014
 Edition Phantasia
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Eine weitere lesenswerte Rezension finden Sie hier.

Michael Perkampus

Michael Perkampus

Kulturanthropologe, Übersetzer, Sammler von Comics, phantastischer Literatur und Filmen. Gründer des Phantastikon, Eskapist.

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