Raumschiff Enterprise: Beam uns hoch, Scotty!

Der Russe kam, weil die Prawda maulte. Captain Kirk trug Grün wegen der lästigen Pfunde. Scotty dachte sich eine galaktische Fremsprache aus. Das Schiff misst 289 Meter und ist damit einen Tack länger als die Titanic. Und ansonsten? War gestern, am 8. September, 50. Geburtstag, der in den Gazetten, auf den Bildschirmen und in Trekkie-Sphären abgefeiert wurde. Machen wir heute, mit mehr Ruhe im (St-)All. Ergo:

Computerlogbuch der Enterprise. Sternzeit 81316. Captain Kirk. Raumschiff Enterprise auf dem Flug nach …

Der Weltraum - unendliche Weiten. Und mittendrin...
Der Weltraum – unendliche Weiten. Und mittendrin…

…irgendwann auf jeden Fall nach ganz oben. Mit anfänglichen Startschwierigkeiten zwar, – anfangs floppte die Serie trotz spezieller Fangemeinde der ersten Stunde -, aber letztendlich zielgerecht: Star Trek (der Originalname war mir anno dazumal gänzlich unbekannt) gilt längst als Fernseh-Urgestein.  Sowas von Kult. Lebende Legende. Eben. Ein wegweisender Lichtblick im Wohnzimmer meiner Eltern, in dem ich bereits das traditionelle Samstagabend-Vergnügen mit Ron Ely und Ilja Richter hatte. „Licht aus, Spot an“ und „Ich Tarzan, du Jane“ waren magisch, DAS hier, erstmalig mit großen Kinderaugen (wir durften DAS gucken!) vernommen und gespeichert am 27. Mai 1972, war ungleich faszinierender:

„Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner 400 Mann starken Besatzung 5 Jahre unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

Exakt so phantastisch einladend aufs Sofa und ins All begann jede Folge der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“, für die gestern vor fünfzig Jahren im US-Fernsehen der Startschuß fiel. Eingestellt wurde die (noch!) mittelprächtig angenommene TV-Vision, – der bombastische, cineastische weitere Verlauf ist bekannt -, 47 Tage vor der Mondlandung von Apollo 11 am 20. Juli 1969. Im ZDF liefen die drei eingekauften Staffeln von Mai bis November 1972, von Oktober 1973 bis März 1974 und September bis Dezember 1979.

Regisseur Gene Roddenberry
Regisseur Gene Roddenberry

Star Trek als alleiniger Titel und ergo Markenzeichen kam später, die 70er gehörten dem, diesem, unserem Raumschiff, das Enterprise hieß und das wir hatten, ebenso, wie die 60er ihres gehabt haben: Orion. Übrigens gleichfalls präzise ein halbes Jahrhundert alt, der Straßenfeger von Theo Mezger mit Dietmar Schönherr als schmucker Commander Cliff Allister. Der trug ein ähnlich knappes Shirt wie Kirk, dessen goldfarbenes später durch einen grünen Schlankmacher ersetzt wurde. Shatner hatte zugelegt, damit gehörten die Wonnemomente denn auch der Vergangenheit an, in denen Regisseur Gene Roddenberry ihn seinen nackten, durchtrainierten Oberkörper zeigen ließ. Der war komplett enthaart, weil Roddenberry meinte, Brustpelz würden zum  Mann der Zukunft nicht passen.

Die Enterprise-Saga spielt im 23. Jahrhundert nach Beendigung oder besser befürchteter Erledigung des Dritten Weltkriegs. In dieser nahenden Zeit hat man sich mit anderen außerirdischen Lebensformen arrangiert und zur „Vereinigten Föderation der Planeten“ zusammengeschlossen. Lobenswert friedlich soll das ablaufen, klappt natürlich im Sinne des Erfinders nur arg bedingt. Sonst wär’s langweilig.

Vater des Gedankens, die Nationen mit „Space – the final frontier“, – kennen wir deutlich besser als „Der Weltraum! Unendliche Weiten!“ -, zu erfreuen, ist Gene Roddenberry. Der war vor der Enterprise nur ein kleineres Regie-Licht und drehte einen Sexploitationfilm, den mit Ausnahme von Quentin Tarrantino wohl kaum jemand jemals wirklich gut gefunden hat. Auch William Shatner alias Captain James Tiberius Kirk spielte bei weitem noch nicht in einer der vorderen Reihen: Er machte, finanziell gebeutelt von seiner Scheidung, Reklame für Margarine, Lieutenant Uhura (Michelle Nichols) war immerhin Werbe-Girl für die Nasa.

Hin und weg und wieder da: Ganz einfach
Hin und weg und wieder da: Ganz einfach

Gene Roddenberry und Co. schlug die Stunde mit seinem Raumschiff, das der Star-Trek-Schöpfer, ehemaliger Bomber-Pilot im Zweiten Weltkrieg, nach einem Kriegsschiff benannte. Den bösen Namen Klingone guckte der Ex-Polizist sich übrigens ganz simpel bei einem Kollegen vom Los Angeles Police Department, Lt. Wilbur Clingan, ab. Und fast genauso einfach löste er das Problem, dass sich das Filmen von Landungen auf fernen Planeten als derb kostspielig erwies. Um das Budget nicht zu sprengen, dachte er sich das Beamen aus. Kleiner Trick, brillant gemacht: Man ließ Aluminiumstaub in Lichtstrahle rieseln, dadurch wurde der Glitzereffekt erzielt.

Kurzer Rundumblick an dieser sympathischen Stelle: Die „Sternenflotte“, die unter dem Segel der Diplomatie und Wissenschaft fremde Planeten, Galaxien und vor allem deren exotische Bewohner erkundet, schickt die Enterprise unter dem Kommando von Captain Kirk mit einer Besatzung von 430 Männern und Frauen auf eine vorerst einmal fünfjährige Reise ins Weltall. Gemeinsam mit seinen engsten Crewmitgliedern, Vulkanier Mr. Spock, Erster Offizier (Leonard Nimoy), Schiffsarzt Dr. Leonard „Pille“ McCoy (DeForest Kelly), Chef-Ingenieur Montgomery „Scotty“ Scott (James Doohan), Steuermann Lieutenant Hikaru Sulu (George Takei), Kommunikationsoffizier Lieutenant Nyota Uhura und Navigator Pavel Andreievich Chekov (Walter Koenig) erlebt Kirk großartige Dinge, von denen er auf Erden nicht oder eben nur aufgewühlt im Bett geträumt hat. Wir auch. Abenteuerlich, das Ganze. Alles natürlich nicht immer durchweg sagenhaft spannend. Aber alles durchweg faszinierend. Würde Spock sagen.

Legendärer Spock-Gruß
Legendärer Spock-Gruß

Seinen Vulkanier-Gruß mit den abgespreizten Fingern, – „Lebe lang und in Frieden!“ -, beherrschten wir selbstverständlich ohne Hilfestellung (Gummibänder zum Üben), und den Famous Spock Nerve Pinch (Griff in den Nacken = Bewußtlosigkeit) beherrschten wir im Schlaf. Die telepathischen Kräfte fehlten zwar im Regelfall, man konnte aber so tun, als ob.

Das mit dem Beamen war eine vertraute Prozedur, die gleichwohl neidisch machte. Wäre das doch machbar. Ist so aber wohl nicht, meint zumindest Hegel-Experte Klaus Vieweg von der Universität Jena.

„(…) Der Mensch besteht ja nicht nur aus seinen einzelnen Zellen. Was ist mit unserem Denken, mit unserem Geist? Es erscheint mir nicht möglich, ein Wesen auch in dieser Hinsicht so zu konstituieren, dass es dasselbe ist.“

Ja, nun. Vielleicht hätte man nicht grad ihn fragen sollen, das schreit vorweg nach Spielverderber. Andererseits wissen wir seit der Fliege… Egal. Kein Thema für Scotty. Er beamte sie alle. Ein guter Mann an Bord. Und am Set. Darsteller James Doohan war es, der sich die vulkanischen und klingonischen Laute ausgedacht hat. Die klangen anfangs noch leicht ausgewürgt und erhielten später ihren ordentlichen Schliff. Der Verdienst gebührt dem Linguisten Mark Orkrand.

„Beam me up, Scotty“ , – „Beam mich hoch!“ -, ist übrigens keineswegs der Satz, der permanent gesagt wird. So fällt der im Original auch nicht. Tatsächlich gelten „Er ist tot, Jim“ als die am häufigsten gebrauchten Worte, erstmalig von „Pille“ beim Ableben eines Hundes gesprochen. Dann je nach misslicher Tragweite der Situation immer mal wieder.

Und heute? William Shatner ist mittlerweile fünfundachtzig, nahm nach der Serie in sieben Star-Trek-Filmen die Rolle von Captain Kirk ein und spielte Hauptrollen in „T.J. Hooker“ und „Boston Legal“. Leonard Niomy, verstorben im Februar 2015, hatte es schwer, gegen sein kultiges Spock-Image anzutreten. Erfolglos versuchte er sich als Regisseur, hatte seinen letzten großen Auftritt vor der Kamera 2013 für Star-Trek. Logisch. Als ewiger Vulkanier.

Den Offizier mit den spitzen Ohren und dem großen, kühlen Verstand sollte ursprünglich „Pille“ DeForest Kelley, gestorben 1999, darstellen. Als gefühlsbetonter Schiffsarzt gewann er die anderen Sympathien, sagte später auf seine freundlich-bescheidene Art:

„Ich wäre nicht mal in die Nähe von Leonard Nimoy gekommen. Er ist wunderbar.“

Denn zum Küssen sind sie da: Uhura und Kirk
Denn zum Küssen sind sie da: Uhura und Kirk

Die  83jährige Nichelle Nichols, Kommunikationsoffizier Uhura, gehörte auch in der Folgezeit zur Star-Trek-Crew. 1968 küssten sich Uhura und Kirk, eine Farbige und ein Hellhäutiger erstmalig vor laufender Kamera innig umschlungen mit Lippenbekenntnis, und das war tatsächlich eine bahnbrechende Szene. Nichols wird auch jetzt noch als für die eine oder andere TV-Serie engagiert. Freilich nicht so immens oft wie George Takai, Steuermann Hikaru Sulu, den die Sender vor allem als Original einfach nicht und nirgendwo vergessen haben. 2005 machte Takai seine Homosexualität publik und heiratete drei Jahre später seinen Lebenspartner und Manager.

James Doohan, Zweiter Offizier, bleibt als Scotty, der Mann, ohne den an Bord technisch nichts laufen würde, unvergessen. Doohan starb 2005.

Navigator Pavel Chekov gleich Schauspieler Walter Koenig, 1936 geboren, ist Amerikaner mit tschechischen Wurzeln und hat sich seinen russischen Akzent für die Serie antrainiert. Erstmalig geht er in der zweiten Staffel an Bord, ein cleverer Schachzug von Regisseur Roddenberry, der sich die Schlagzeile in der Prawda vornahm, es wäre empörend, dass kein Russe auf der Enterprise sei. Die hässlichen Amis sollten mal nicht vergessen, wer zuerst im All gewesen wäre.

Chekov kam, sprach, siegte. Die Crew war komplett. Die Hüte seien gezogen, die Finger gespreizt:

„Lebe lang und in Frieden.“

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

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