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Psycho

In dieser neuen Serie gehen wir den Filmen auf den Grund, die ihre Ideen aus Büchern zogen. Was wurde im Film aus der literarischen Vorlage?

Alfred Hitchcock hat gemacht, was war und Psycho ist. Da nickt und schwärmt und schaudert sich gern zum wievielten ungezählten Mal der Cineast.
Robert Bloch ebenfalls. Auch (ein) Psycho. Ein literarischer.

Der Mitte der 1950er in vertraut dunklen Leserkreisen schon populäre Bloch (heute berühmt als einer der Besten) war es, der zuerst nach dem Schlachtermesser griff. Nur auf dem Papier, er war ja prinzipiell normal soweit. Das war recht bald, nachdem Ed Gein aus Plainfield in Wisconsin als (echter!) Serienmörder mit dem etwas anderen Faible für die Anatomie Ruhm der ganz besonders scheußlichen Art zuteil wurde. Gein grinste ständig, hockte auf einem mit Fleisch gepolstertem Stuhl und löffelte seine Suppe aus der oberen Hälfte eines Schädels. Ansonsten war er von unauffälligem Gemüt, ein etwas einfältiger Junggeselle von 51 Jahren, der allein auf einer abgelegen Farm lebte, wo er sich seine stumme Gesellschaft aus menschlicher Haut bastelte. Weiblicher.

„There was a young man named Ed
Who would not take a woman to bed.
When he wanted to diddle,
He cut out the middle,
And hung the rest in a shed.“
(Anonym, 1957)

So war das. Absolut inspirierend eben für jeden Genre-Liebhaber und Macher. Wie denn geschehen: Robert Bloch las die Schlagzeilen, war höchst angetan und hatte seinen Norman. Der spektakulären Geschichte von Bloody-Blain sind ein wirklich verdammt gut geschriebener Roman und letztendlich ein Film zu verdanken, der in der ersten Wahnsinns-Liga spielt. Und der mit seiner legendären Dusch-Szene dem Publikum hautnahe Bilder bescherte, die ein Schriftsteller der möglichst idealen Vorstellungskraft seiner Leser überlassen muss:

„Und es war das Messer, das ihr einen Augenblick später den Schrei abschnitt. Und den Kopf.“

Richtig, im Buch wird nicht nur zugestochen, es wird geköpft. Dieser feine fiese Unterschied hätte freilich zumindest dem norwegischen Publikum gar nicht auffallen können, da wurde die komplette Aufnahme zensiert. Das hätte sich ein besorgter amerikanischer Vater damals wohl auch gewünscht, der sich in einem Brief an Hitchcock darüber beschwerte, seine Tochter würde sich nach ihrem Kinobesuch weigern, unter die Dusche zu gehen. Dessen Antwort: „Dann geben Sie sie halt in der Reinigung ab.“ Soll so stimmen, glauben wir doch gern.

Mary Crane im Roman (Marion im Film) ist übrigens eine aparte Brünette mit ebenmäßigen Zügen, „Blondinen bevorzugt“ (in diesem Fall Janet Leigh) galt für Hitchcock. Ständig. Der hatte zweifellos auch eher eine Schwäche für ausgesprochen attraktive Psychopathen. Genial: Der irritierend schrecklich-schöne Anthony Perkins. Norman Bates, wie Bloch ihn beschreibt, hat ein rundes Gesicht, trägt eine randlose Brille und man sieht „rosafarbene Kopfhaut unter sich lichtendem sandfarbenem Haar“ durchschimmern. Ein Durchschnittstyp eben, der sich „garstig“ findet, wenn er sich „nackt und ungeschützt“, „..das speckige Fell, die kurzen, haarlosen Arme, der dicke Bauch, und darunter…“ im Spiegel anstarrt. Fast tut der arme Kerl dem Leser leid. Aber dass er eben nicht der gemütliche bekümmerte Pummel ist, wird im Roman schnell klar. Norman liest ein Buch über die Inka, Kapitel Festtagsmusik bei netten Geselligkeiten:

„Getrommelt wurde auf dem Körper des Feindes: Die Haut wurde ihm abgezogen und über dem Bauch als Schwingungsmembran aufgespannt. Der ausgehöhlte Leichnam übernahm die Rolle des Klangkörpers, wobei die Töne aus dem geöffneten Mund drangen.“ Und weiter: „Norman lächelte und gönnte sich dann den Luxus eines behaglichen Schauderns. Bizarr, aber effektiv. (…)“

Kurz darauf zanken sich Norman und seine Mutter (der Leser weiß ja noch gar nicht, dass die…). Sie nennt ihn einen Versager, er vergleicht innerlich ihre Stimme mit den Trommelgeräuschen der Inka auf den ausgeschlachteten Toten. Da haben wir es schon. Wie Bloch sagt: Bizarr, aber effektiv.

Eben dieses Bizzare muss es gewesen sein, das Bloch dazu gebracht hat, Ed Geins Geschichte an markanten Punkten mit einfließen zu lassen. Die ganz großen Abscheulichkeiten wurden nicht verarbeitet, das wäre eindeutig zuviel an hammerhartem Stoff gewesen, das wäre auch an der Grundidee (Mutter-Sohn) vorbei gegangen.
Gein hing menschliche Lippen an einer Schnur auf, besaß Geldbörsen und Armbänder aus Menschenhaut, pinnte die abgezogene Haut von Frauengesichtern an die Wand, schminkte sie sorgfältig, – Ersatzgesichter bewahrte er in einer Plastiktüte auf -, und Organe bewahrte er im Kühlschrank auf. Sein letztes Opfer, eine vermisste Frau, die schließlich auf Geins Farm gefunden wurde, hatte er geköpft und ausgenommen, nackt an den Fersen im Stall aufgehängt, und auf dem Herd stand ein Topf mit kochendem Wasser, darin ihr Herz.

Too much…ganz klar. Und das, wäre es Bloch in den Sinn gekommen, seiner Story noch ein spezielles Drumherum zu geben, hätte Hitchcock mit absoluter Sicherheit nicht auf die Leinwand gebannt. Bloch war nicht der Sinn danach, das ist auch gut so, dem Buch Psycho fehlt diesbezüglich nichts. Und für den Film hat das, was gezeigt und gesprochen wird, allemal gelangt, Priester und Psychiater auf die Barrikaden zu bringen und später dann deutlichen Einfluss zu nehmen auf etliche folgende Horror-Film-Regisseure. (Psycho gilt auch als Vorreiter des Slasher-Films)

Schön für Bloch, dass der Meister selbst zumindest auf seriöse Anfrage hin stets (un-)gern betonte, er persönlich habe die Geschichte nicht erdacht. Das hat selten was genützt, gedacht wird das halt immer noch und immer wieder neu, zumal Hitchcock denn doch ein diebisches Vergnügen daran gehabt haben soll, auf Parties als alleiniger Psycho-Schöpfer hoffiert zu werden.
Dem Buch, da sei vermerkt, blieb allerdings auch herzlich wenig Zeit, um sich erst einmal ordentlich durchsetzen zu können. Es wurde bereits 1959, im Erscheinungsjahr, verfilmt, da hatte der Meister atemlos zugeschnappt und umgehend dafür gesorgt, dass möglichst viele der bereits zum Kauf anliegenden Exemplare in seinen Besitz übergingen. Die Überraschungseffekte im Kino sollten hammerhart sein, wichtig, dass da möglichst niemand im Vorfeld eventuell etwas ausplauderte. Hitchcock war nur dann zufrieden, wenn die Leute auf Teufel komm heraus schrien. Bezeichnend die mahnende Bitte auf deutschen Filmplakaten: „Pünktlich kommen…nichts verraten!“

Es lief sensationell. Psycho wurde für vier Oscars nominiert, ging leider leer aus, dafür aber in die Filmgeschichte ein. Auch für Blochs weitere Karriere hat sich das künstlerische Teamwork gelohnt. Er verließ Wisconsin, zog nach Los Angeles und schrieb Drehbücher für Serien wie „Alfred Hitchcock presents“ und „Star Trek“. In „Wolf in the Fold“ (dt. „Wolf im Schafspelz“), Folge 43 des Science-Fiction-Klassikers, brachte er seine ihm liebgewonnene Beziehung zum Thema „Jack the Ripper“ ein. Auf dem Gebiet kannte Bloch sich ja nun aus.

Schade nur für ihn, dass mit Psycho, dem Film, Millionen erzielt wurden, Psycho, das Buch, seinerseits für 9.000 Dollar über den Tisch ging. Ein anonymer Deal. Das Honorar galt zwar damals als recht nette Summe, in Relation erhielt Bloch Peanuts. Konnte man ja nicht wissen. Ahnen freilich schon. Denn die Story schrie geradezu nach einer Weltreise. Weltruhm. Welterfolg.

Wie war das noch? „Meine Mutter ist, wie sagt man, nicht ganz sie selbst.“ Solch ein Satz, der zwischendurch locker fällt und dem Leser/Zuschauer kaum von immenser Bedeutung zu sein scheint, gewinnt natürlich erst im Zusammenhang. Dann schlägt er zu. Wie der hier noch mehr im Nachhinein knallt: „Der beste Freund eines Mannes ist seine Mutter.“ Immer wieder gern zitiert. Böse grinsend, das versteht sich.

Unvergleichlich gut ist die letzte Szene im Film: Norman hockt da mit der Wolldecke über den Schultern, Nahaufnahme, eine Fliege, Norman, lästige Fliege, unschuldiger Norman, dann die Stimme…es ist die Mutter.
Es ist exakt Blochs Ende:

„Wenn sie gewollt hätte, hätte sie den Arm heben und sie erschlagen können.
Aber sie erschlug sie nicht – und hoffte, dass sie beobachtet wurde, denn das zeigte doch deutlich, was für ein Mensch sie war.
Nicht einmal einer Fliege konnte sie etwas zuleide tun…“

Und Schnitt.
Ein gutes Ende. Dabei hätte man es lassen sollen. Über die Fortsetzungen des Films (PsychoII, Psycho III…) mag jeder denken und streiten, wie er lustig ist, die Neuverfilmung (1998) eines legendären Meisterwerks, das auf einem ebenso meisterhaft erdacht und geschriebenem Buch basiert, war unnötig, ungut und basta. Erlebt haben das beide nicht mehr. Damit ist Hitchcock und Bloch (gottlob wohl) entgangen, dass ihr Norman Bates ungeniert masturbiert, während er Mary/Marion Crane heimlich beim Duschen beobachtet. Durch das Loch in der Wand und auch noch in Farbe. Und sowas von unwichtig aber auch.

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: “Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut.” – Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), “Zwielicht 9” und “Zwielicht Classic” (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

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