Popeye: Ganz viel Spinat und noch mehr Herz

Popeye, der Seemann, nimmt nie die Pfeife aus dem Mund, liebt die Bohnenstange Olivia und wird bärenstark, wenn er Spinat isst. Er trägt eine Kapitänsmütze, hat ein Anker-Tatoo auf dem linken seiner Ballon-Unterarme und kneift ständig ein Auge zu. Popeye (= Glotzauge) ist ein Cartoon-Urgestein und als solches weltberühmt, auch wenn seine Comics mittlerweile etwas abgeschoben in der hinteren Ecke unserer Erinnerungen gelandet sind.

(c) King Features Entertainment

Unfreiwillig abgeschoben, nicht bewusst verabschiedet: Die Zeit mit all ihren spektakulären und spannenden Innovationen hat den Staub über Erinnerungen an ein besonderes Gestern gebracht, von absoluten Originalen geprägt, die in ihrer Einmaligkeit immer ganz speziell und immer phantastisch bleiben werden. Wir pusten den lästigen Staub vorsichtig weg. Schauen hin. Und sind (wieder!) völlig hin und irgendwie gut oben.

Popeye. 1929 in einem Taifun vor Santa Monica geboren, aus den Wellen geholt von Elzie Crisler Segar für eine bescheidene Nebenrolle. Ursprünglich! 1929, da überflog der Mensch zum ersten Mal den Südpol, das Luftschiff LZ 127 Graf Zeppelin ging auf 35-tägige Weltfahrt, das Museum of Modern Art in Manhattan, New York, wurde eröffnet, Remarque schrieb „Im Westen nichts Neues“, Döblin „Berlin Alexanderplatz“, und der belgische Zeichner Hergé stellte Tim und Struppi der Öffentlichkeit vor.

1929 wurden auch die ersten Comic-Strips mit Tarzan in amerikanischen Zeitungen gedruckt. Und für seine seit zehn Jahren laufende Comic-Serie „Thimble Theatre“ (Fingerhut-Theater) in den „King Features (Zeitungssyndikat) brachte Cartoonist Segar am 17. Januar des denkwürdigen Jahres erstmalig den coolen, cleveren Seemann mit dem schiefen Gesicht und den grotesk aufgeplusterten Unterarmen mit ins Spiel, der, wer hätte es außer dem phänomenalen Könner Segar selbst gedacht?, sich zum Publikumsliebling oberster Liga entpuppte.

Der hitzköpfige, rechte, linke Haken und schräge Witze austeilende, nuschelnde Kerl mit der Kartoffelnase ersetzte Vorgänger Ham Gravy (Bratensaft) und schubste Castor Oyl (Rizinusöl), den Bruder von Olive Oyl (Olivenöl), aus dem ihm zuvor angestammten Rampenlicht. Und er entbrannte lichterloh für Olivia, Schuhgröße 57, gern kreischend, öfter zickig, hochgewachsen und dürr, vorn und hinten flach, dünne lange Nase, Eusebia-Haar-Knoten-Zopf im Nacken.

(c) King Features Entertainment

Während im Kino die meist noch stummen Leinwandgöttinnen wie Norma Shearer, Lilian Gish, Mary Pickford oder Asta Nielsen angeschmachtet wurden, hatte und hat bis heute Popeye nur das eine große Auge für seine Olivia, die keinem optischen Ideal entsprach, die sich Meilen entfernt von einer Hollywood-Schönheit bewegte, die aber sein und nur sein Mädchen war. Für das der, – dank Spinat als Zauber-Power-Mittel – , phänomenal starke Seemann Eisberge versetzt hätte, wäre es erforderlich gewesen.

Spinatgrünes Licht am 17. Januar

So richtig leibhaftig vor Augen haben den schlagkräftigen, prinzipiell aber gutmütigen und irgendwie sowieso auf ewig ins Herz geschlossenen Knurrhahn eh nur wir Oldies, die bereits gut und gründlich ausgewachsen waren, als am 17. Januar 2004 das Empire-State-Bulding spinatgrünes Licht ausstrahlte. An dem Tag war Popeye’s fünfundsiebzigster Geburtstag, und der war New York diese Riesen-Verneigung wert. In ein paar Tagen wird er neunzig, und die globale Kultgemeinde wartet gespannt auf grünes Licht. Show-Time für Popey, ein wenn auch hypothetisch gleichsam legendäres Dinner for one zum 90. wird es auf jeden Fall nicht.

Sie sind alle dabei, und sie sind weniger verblüffend denn erfreulich selbstverständlich jung geblieben: Olivia, Castor, der Schurke Bluto, der philosophierende Hamburger-Schnorrer J. Wellington Wimpy, Namensgeber der Fast-Food-Kette „Wimpy“ und stets von „einladender“ Art…

„I’d like to invite you over to my house for a duck dinner – you bring the ducks!“ (Ich möchte Dich gern zu mir nach Hause zum Entenessen einladen – Du bringst die Enten mit!)

… das Fabelwesen Eugene the Jeep, sozusagen Patin des ab 1940 entwickelten US-Militärgeländewagens Willys MB, die unfreundliche See Hag (Seeweib/Seehexe), die eigenartige Alice the Goon (Wumme), der imposante Toar (Thor) nebst Swee‘ Pea (Popi, Popeye’s Adoptivsohn) und Poopdeck Pappy, Popeye’s Vater.

36 Tonnen Spinat plus Charisma

(c) Walt Disney Home Video

1933 wurde Popeye, – man munkelte schon vor Jahren von 36 Tonnen Spinat, die er im Laufe der Zeit verschluckt haben soll, da müsste man aktuell wohl einige Dosen d’rauf geben – , Trickfilm-Star, vorerst noch in schwarz-weiß produziert von den Fleischer-Studios, , ab 1943 in Farbe (Famous-Studios). 1978 brachte dann Hanna-Barbera, geniale Macher von unvergesslichen TV-Knüllern wie Fred Feuerstein und den Jetsons, die Zeichentrick-Serie „The All-New Popeye Hour“ heraus, 1987 folgte „Popeye and Son“.

Nicht zu vergessen, dass der kultige Spinat-Matrose mit den Superkräften 1980 auch als Real-Figur in die Kinos kam, gedreht von Robert Altmann (Koproduktion von Paramount und Disney), gespielt von Robin Williams in der Musical-Version „Popeye – der Seemann mit dem harten Schlag“. Das galt und gilt jetzt nicht als Meilenstein in der Filmgeschichte, sehr wohl aber als liebevolle Hommage an den charismatischen Matrosen und seinen Ur-Vater Elzie Crisler Segar, der ihn 1929 aus dem Taifun holte und ihn an seine Brust drückte. Und damit an unsere Herzen ging.

“I yam what I yam and dats all what I yam!” (Popeye singt: Ich bin, was ich bin, und das ist alles, was ich bin!)

Segar starb 1938, und seine Nachfolger taten sich sehr wohl schwer damit, an seinen Einfallsreichtum und sein Talent heranzukommen. Langjährigster Chef im Sattel nach ihm war sein Schwiegersohn Bud Sagendorf, dessen Popeye-Strips in Deutschland vor allem durch den Abdruck in Tages- und Wochenblättern bekannt wurden. In den 1950er- Jahren griff die Hamburger Morgenpost wie zahlreiche weitere Zeitungen zu, taufte Popeye aber Nordlicht-gerecht in „Kuddl Dutt“ um.  Tip für Fans von „Kuddl-Glotzauge“: Im Hamburger Hafen vor der Gaststätte „Zum Schellfisch-Posten“ steht das „Popeye-der-Seefahrer-Denkmal“.

In den 1970er-/1980er-Jahren tauchte der Sagendorf-Popeye regelmäßig im Apotheken-Magazin „Junior“ auf.

(c) King Features Entertainment

2006 war es dann erstmalig möglich, das Segar-Urgestein Popeye als gesammeltes Werk in den Händen halten zu können. Der Mare-Verlag veröffentlichte das Buch „Popeye“ ohne Schnörkel-Zusatz und präsentierte im Querformat alle Popeye-auf-hoher-See-Strips von Segar. Späte, umso größere Ehre für den Mann, der sich den bis dato berühmtesten Seemann aller Zeiten ausgedacht hat: Eine Comic-Figur, die auf dem Podest neben dem Stärksten (Superman!), dem Frechsten (Donald Duck!) und dem Pfiffigsten (Asterix!) steht…weil sie von allen etwas in sich hat.

Spinat als Wunder-Muskel-Macher wurde zwar beim kleinen/großen Mann zur leichten Enttäuschung, weil man bekanntlich beim Eisengehalt gewaltig irrte, aber Kinderträumen hat die nüchterne Wahrheit noch nie geschadet. Und wenn man diese bewahren kann…umso schöner. Popeye ist die gute alte Zeit. Besser wird’s nicht.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“,  „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ und "Ganz normal verpickelt" (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), ferner Short-Stories in den Anthologien „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM), "Zwielicht " und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt), "Dirty Cult" (Hrsg. Ulf Ragnar), "IF Magazin für angewandte Fantastik" (Whitetrain) , "Der letzte Turm vor dem Niemandsland" (Fantasyguide präsentiert) und "Miskatonic Avenue" (Edition Phantastikon, Michael Perkampus)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Um einen Kommentar zu verfassen, müssen Sie mit den Datenschutzbedingungen einverstanden sein.