Mummenschanz: Stück für Stück: Die Gasse der sprechenden Häuser

Ursprünglich hatte ich die Idee, tatsächlich eine ganze Gasse zu illuminieren, in der sich eine Häuserfamilie niedergelassen hat, Spukhäuser allesamt, die ihre eigenen Geschichten zum Besten geben. Man wird unschwer erkennen, dass aus dem Vorhaben nichts wurde – zumindest ist das für eine kürzere Geschichte ein zu großes Unterfangen. Von allen haunted places ist mir das Spukhaus der liebste verwunschene Ort. Schließlich erinnerte ich mich an die pilzbefallene Wand in der Küche meiner Großeltern, die zum Fluss hin ragte und so gut wie nie trocken zu bekommen war. Meine Großmutter starb, mein Großvater zog aus, und für ein paar wenige Monate bewohnte ich mutterseelenallein den Ort, an dem ich aufgewachsen war. Dies war die Geburtsstunde eines Schriftstellers, wenn man so will. Die Stimmen der Nacht waren so laut, dass ich erst schlafen konnte, als sich die Sonne sehen ließ. Wie hätte ich meine Nächte anders zubringen können als im Zwiegespräch mit dem Unbekannten?

Mummenschanz: Stück für Stück: Spintisera

Obwohl das hier nur ein relativ kurzer Text ist, muss ich doch einiges dazu anmerken. Nicht nur ist es das letzte Stück, das ich für die Sammlung schrieb, es zeigt auch gleichzeitig die Tendenz meiner gegenwärtigen Arbeit. Müsste ich es beschreiben, würde ich es als Kristallisation bezeichnen. Ausgehend von einem einzigen Gedanken folgt man diesem in seiner möglichen Konsequenz, die wiederum ganz unterschiedlich aussehen kann. Das wirkt nicht selten surreal und ist es insofern tatsächlich, weil es die Wahrnehmung verschiebt und Unmöglichkeiten einbezieht. Es mag wie eine Spielerei aussehen, doch ich meine das ganz ernst. Mit dem Spruch Alles wurde bereits erzählt, kann ich deshalb nichts anfangen, ganz einfach, weil er falsch ist. Es ist unwichtig, was man erzählt. Das Wie ist maßgeblich. Eine ähnliche Vorgehensweise ist hier (Das Kriegspferd) nachzulesen.

Mummenschanz: Stück für Stück: Der Abgrund

Wie viele meiner Geschichten hat auch diese eine Odyssee hinter sich. Tatsächlich ist mir kaum ein Autor bekannt, der die Texte so oft umarrangiert, bis von der ursprünglichen Form gar nichts mehr übrig ist. Manchmal dauert dieser Prozess bis an die zehn Jahre und länger. Da ich sehr viel schreibe (und wenig veröffentliche), spielt das keine erhebliche Rolle. Nahezu alles, was ich im Laufe von nahezu 40 Jahren zu Papier gebracht habe, bedingt sich gegenseitig. Meine Figuren sind – so wie meine „Gespenster“ – Aspekte, doch im Grunde erfinde ich sie nicht. Der Protagonist dieser Erzählung ist dann auch ein Aspekt meines Urgroßvaters, der den ersten Weltkrieg auf dem Schlachtfeld in Ypern überlebte, Ehemann der Johanna, die im Böhmwind als erste die Sturmwolke sieht, Vater des Carlos und Großvater des Noob in Dorothea und Geschichtenerzähler in einer Erzählung, die noch nicht veröffentlicht wurde. Vielleicht ist das hier eine existentialistische Parabel – eigentlich ein Begriff, den ich ablehne, aber man wird mir vielleicht zustimmen, wenn man den Text näher betrachtet.

Mummenschanz: Stück für Stück: Die Henker auf dem Galgenhügel

Es mag merkwürdig erscheinen, wenn ich sage, dass ich über diese Geschichte nichts Besonderes zu berichten habe. Sie folgt – wenn man das so betrachten will – meinem persönlichen Muster, weist nur einen kleinen Handlungskern auf, der umgeben ist von philosophischen (oder schwarzromantischen) Facetten. Eine Geschichte quasi im Stillstand zu betrachten, gleichzeitig klassisch wie postmodern vorzugehen, hat mich immer schon besonders herausgefordert, wobei weder das klassische Element besonders klassisch ist (das Klassische hat für mich immer etwas mit den Archetypen C. G. Jungs zu tun), noch besonders postmodern (schließlich gibt es das „offene System“ bereits seit hundert Jahren). Kann man durch Sprache dorthin gelangen, wo die wirklich unauslotbaren Gebiete liegen? Man kann sehr leicht das Prinzip einer ewigen Wiederkehr in dieser Geschichte entdecken. Mehr möchte ich dazu nicht sagen, außer einem:

In Herodots Bericht von dem Ägypterkönig Psammenitos, der von dem Perser Kambyses besiegt worden ist, muss der mit ansehen, wie seine Tochter als Magd zu dienen hat und wie sein Sohn hingerichtet wird. Beide Male bleibt er unbewegt. Erst als er seinen Diener unter den Gefangenen entdeckt, gibt er seiner allergrößten Trauer Ausdruck. Montaigne hat sich gefragt, warum Psammenitos den Anblick seiner eigenen Kinder gefasst ertrug, nicht aber den seines Dieners. Walter Benjamin sah gerade darin, dass Herodot diese Frage offen ließ, das Kriterium authentischen Erzählens.

Mummenschanz: Stück für Stück: Die Schwärme unmöglicher Vögel

Wie bereits der Widmung zu entnehmen ist, schrieb ich diese Geschichte als Hommage an Thomas Ligotti, insbesondere aber für die Nachtschatten-Ausgabe des Nighttrain. Ich kann es nicht verleugnen: Neben Matt Cardin, Jon Padgett, D. P. Watt und Eddie M. Angerhuber fühle ich mich äußerst wohl. Zu Thomas Ligotti selbst hatte ich sporadisch Kontakt, denn schließlich kann man zu ihm, wenn überhaupt, nur sporadisch Kontakt haben. Oft ist es ihm gar nicht möglich, zu antworten, denn er leidet unter einer – nennen wir es Störung – die mich selbst in den Krallen hat. Und so kam ich überhaupt zu seinem Werk. Ein Interview von Matt Cardin, das ich in einer Serie meiner finstersten Tage übersetzte, brachte mir die Erkenntnis: Es gab verblüffende Parallelen. Dass ich Ligotti für einen Literaten von Weltrang halte, kann gar nicht anders sein. Dem deutschen Publikum sagt er leider nicht in dem Maße zu, wie es für eine angeblich literarische Nation der Fall sein sollte. Das verwundert mich zwar nicht – denn ich halte uns nicht für besonders literarisch – diese Ignoranz ist aber in ihrem Ausmaß dann doch beispiellos.

Hier war es gar nicht meine Absicht, wie Ligotti selbst zu klingen, falls das jemand denken sollte. Meiner an sich surrealistischen Haltung hingegen konnte ich einen Drift verpassen, auf den ich leider viel zu oft verzichte, weil ich zu sehr mit der Sprache selbst beschäftigt bin. Das Ausgangsmaterial ist das Konzept eines Traumes, oder besser: die Frage, wie ein Traum – ein Alptraum in diesem Fall – funktioniert. Was mich am Surrealismus interessiert, ist das Subtile, das Unbekannte, das Unbenennbare. Für mich ist das der Gipfel des Unheimlichen.