Phantastik. Eine Richtigstellung.

Bedenkt man, dass es die Phantastik in Frankreich bereits seit Jaques Cazottes „Der verliebte Teufel“ im Jahre 1772 gibt, ist kaum einzusehen, dass es sich beim Entstehen des eingedeutschten Begriffs um einen Übersetzungsfehler handeln soll, wenn Hoffmanns Fantasiestücke in Callots Manier bei unseren Nachbarn als „Contes fantastiques“ wiedergegeben wurden, denn dann hätte man sie auch nicht „Contes de la fantaisie“ nennen müssen, wie es die Wikipedia behauptet, (die es wahrscheinlich auch nur abgeschrieben hat, und von der auch weiterhin abgeschrieben wird) sondern „pièces de fantaisie“; von „contes“, also „Erzählungen“, ist nämlich in Hoffmanns Überschrift nichts zu lesen (wobei der Fairness halber dazu gesagt werden muss, dass bereits die conte auf einen übernatürlichen Gehalt hinweist, im Gegensatz zur nouvelle).

Tatsächlich verhält es sich doch eher so, dass der Übersetzer ganz richtig das bestehende Wort „fantastique“ verwendet hat. Vielleicht hat der Übersetzer – wie alle guten Übersetzer – gewusst, dass man Sprachen nicht ohne Verlust oder Gewinn, je nachdem, wie geistig aufgeweckt man ist, übersetzen kann. Ganz im Gegenteil hat der gebildete Herr, übrigens kein Geringerer als Adolphe Loève-Veimars, selbstredend gewusst, wessen Geistes Kind Hoffmann war und damit alles ganz richtig und ganz vorzüglich getroffen. Überhaupt scheint es in Anbetracht des kulturellen Austauschs, für den Loève-Veimars verantwortlich zeichnet, ein Unding zu sein, ihm einen Übersetzungsfehler zu unterstellen. Seine kritischen Artikel und anderen Übersetzungen, darunter neben Hoffmann Wieland und Heinrich Heine, beeinflussten die französische Literaturszene und die französische Literaturwelt maßgeblich. Nehmen wir aber an, dass die Übersetzung für den Franzosen „Fantastische Geschichten“ lautete, dann ist der Begriff des „Fantastischen“ ebenfalls nicht neu und leitet sich seinerseits vom mittellateinischen „fantasticus“ ab, und der wiederum vom griechischen „fantastikos“, dem Imaginären.

Das ist das eine. Das andere ist noch offensichtlicher. Wenn es, wie gesagt, den Begriff „fantastique“, aus dem sich die „Phantastik“ als Genrebegriff entwickelt hat, bereits seit 1772 gibt, weshalb sollte er dann auf einem Übersetzungsfehler beruhen? Schließlich wurde mit der Übertragung ins Französische kein neuer Begriff eingeführt, sondern jener verwendet, der jenes Genre bereits beschreibt, das sich in Verbindung mit der anglophonen Fantasy und dem Horror entwickelt hat.

 

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