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Peter Straub – Schattenstimmen

Im Titelbild sehen Sie das Cover zu Peter Straubs „Terror and the Uncanny – from the 40s to now“

Straub-SchattenstimmenPeter Straub hat sein Versprechen gehalten, von nun an wieder pro Jahr einen Roman zu schreiben. Pünktlich nach seinem brillanten Haus der blinden Fenster erscheint nun Schattenstimmen. Das Erfreuliche an Straubs jüngstem Werk ist nicht nur die Tatsache, dass es sich erneut um einen Tim-Underhill-Roman handelt (die Serie, die mit der Novelle Blaue Rose begann, gehört unzweifelhaft zu Straubs besten Arbeiten), sondern gleichzeitig auch um eine direkte Fortsetzung des Vorgängers.
Tim Underhills ohnehin schon ruheloses Leben konfrontiert den Schriftsteller ein weiteres Mal mit dem Bösen und Phantastischen, diesmal spielen aber auch Liebe und Leidenschaft eine tragende Rolle.
Alles beginnt damit, dass Underhill seltsam verstörende E-Mails von Unbekannten erhält. Scheinbar unzusammenhängende Fragmente wie „Erinnere Dich – es gab – keine Hilfe – niemals- schwerer Tod schwer“ rufen die Erinnerungen an den tragischen Tod seiner Schwester April wach. Das Trauma ihrer Ermordung, dessen hilfloser Zeuge er als Siebenjähriger wurde, hat ihn für immer verändert und sein schriftstellerisches Werk geprägt. Oder spielen die Worte auf seinen Neffen Mark an, der erst vor weniger als einem Jahr spurlos im „Haus der blinden Fenster“ verschwand? Auch hierbei war seine Hilfe zu spät gekommen.
Mehr und mehr scheinen die Grenzen zwischen Realität und Imagination zu verschwimmen. Immer häufiger begegnet Underhill nun seiner toten, kleinen Schwester. Und dann erfährt er, dass die unheimlichen Mails von ehemaligen Schulkameraden stammen. Die Sache hat nur einen Haken: seine ehemaligen College-Freunde sind bereits tot.

Die Hauptstimme aus dem Reich der Toten – ein gewisser Cyrax – erklärt Underhill schließlich, dass er in seinem letzten Buch einen gravierenden Fehler begangen habe, der nun um jeden Preis ausgemerzt werden müsse. Seine Aufgabe besteht darin, das wahre Leben von Lily Kalender, dem „Lost Girl“ seines Buches, zu erforschen. Und die Wahrheit wird ein großes Opfer von ihm verlangen.

Wenig später lernt Underhill auf einer Lesung die attraktive Jugendbuchautorin Willy Patrick kennen. Spätestens jetzt wird im bewusst, dass sich die Grenzen zwischen realer und fiktiver Welt endgültig aufgelöst haben. Obwohl ihm die Frau nie zuvor begegnet ist, weiß er mehr über ihr Leben als sie selbst. Zusammen mit Willy begibt sich Underhill auf eine Fahrt zurück nach Millhaven, zurück an jenen grausigen Ort, der bereits vielen Menschen das Leben gekostet hat. Und das unheimliche Haus mit dem „Nacht-Zimmer“ lauert noch immer auf neue Opfer.
Peter Straub hat all seine Underhill- Romane in einem phantastischen Zwischenreich angesiedelt und die Grenzen zwischen „Wirklichkeit“ und „Fantasie“ dabei meist so diffus gezogen, dass nur der aufmerksamste Leser sie überhaupt bemerkt. So existieren einige Romane Underhills (wie der berüchtigte The Divided Man) nur in einem dem Leser nicht zugänglichen Universum, andere dagegen wie Mystery, Koko oder Der Schlund hat er mit Peter Straub zusammen geschrieben. Während Straub sich selbst dort eindeutig „outet“, wird er in Schattenstimmen lediglich als anonymer „Mitarbeiter“ erwähnt. Bislang musste der Leser alle Vorgänger kennen, um den „Underhill-Code“ zu dechiffrieren; im aktuellen Roman dagegen legt Straub (fast) alle Karten auf den Tisch. So lässt er ganz nebenbei Underhill auch das „wirkliche Geschehen“ in Das Haus der blinden Fenster erläutern.
So deutlich wie nie zuvor vermischt sich die Wirklichkeit des Protagonisten (der selbst wiederum Fiktion ist) mit dessen eigener Fiktion. Straub greift dabei auf ein Mittel zurück, dass er bereits bei zwei Büchern einer anderen Kooperation (Der Talisman und Das Schwarze Haus zusammen mit Stephen King) erfolgreich erprobt hat, dem „Flippen“ zwischen zwei Welten. Auf diese Weise entstehen recht bizarre, dramatische, zuweilen auch humorvolle Szenen, die allerdings aufgrund ihrer Offenlegung nicht die düstere, geheimnisvolle Atmosphäre der früheren Underhill Romane erreichen. Schattenstimmen ist somit ein weiterer gelungener Roman „back to the roots“, der jedoch nicht die Subtilität und Dichte seines Vorgängers erreicht.

Originalausgabe: In the Night Room (200
Übersetzt von Christine Roth-Drabusenigg
München: Heyne, 2006

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: phantastisch!, Nr. 19, 2005

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