Peter Straub – Mystery

PeterStraubMysteryPeter Straub steckt in einem Dilemma. Nach außen hin ist er ein, wenn auch geschätzter, Autor populärer Romane. Seine Bücher erscheinen (zumindest in den USA) in den Bestsellerlisten, und die Schlagzeilen über die Höhe seiner Vorschüsse erfreuen jeden Kolumnenschreiber für Horror-Magazine. Tatsächlich, das zeigt sein neuer Roman Mystery sehr deutlich, hat Straub die Populärkultur im Herzen längst verlassen. Seine Texte sind kreative Kunstwerke, und mir erscheint es wichtig zu sagen, dass Mystery wider Erwarten weder Horror-Roman noch Psychothriller darstellt, sondern vielmehr ein literarisches Gesellschaftsbild, das sich in einer tiefen Verbeugung vor dem klassischen Detektiv-Roman der vierziger und fünfziger Jahre bisweilen äußerst spannungsgeladen zeigt.
Alles an diesem Buch sprengt die Konventionen der durchschnittlichen Belletristik: der Stil, die Charaktere, das komplexe Handlungsgerüst und der soziale Hintergrund.
Da die Auflösung des Falles in ein vielschichtiges Räderwerk aus Hinweisen, Enthüllungen und Spuren mündet, werde ich mich verbissen weigern, zuviel von der Handlung zu verraten. Nur so viel: Auf der karibischen Insel Mill Walk tauscht der Junge Tom Pasmore in ein Netz aus Verbrechen ein, das zunehmend ihn selbst und seine unergründliche Familie betrifft. Die Auflösung liegt, wie immer bei Straub, einem längst vergessenen Ereignis der Vergangenheit zugrunde. Was Tom herausfindet, steigert sich in eine dunkle Geschichte aus Korruption, Machtmissbrauch und Lügen. Wie schon in Koko erkundet Straub die abgründigen Tiefen im Menschen.
Der stilistische Aufbau des Romans macht seinen Lesern den Einstieg jedoch nicht immer leicht. Die erste Hälfte dient ausschließlich dazu, die Handlungsorte vorzustellen, die ersten Fährten auszulegen und die sozialen Grundzüge auf Mill Walk auszuloten. In geradezu suggestiven Bildern führt Straub uns das karibische, ursprünglich von Deutschen kolonisierte Eiland vor. Diese seltsame Welt der Fahrräder, Pferdekutschen, Autos und der aus deutsch-englischem Kauderwelsch bestehenden Straßennamen wird für uns sichtbar wie ein Touristenvideo; eine bestechende Leistung Straubs. Der Mann muss Visionen haben.
Dieser anachronistische Rahmen umfasst auch die gesellschaftliche Struktur der Insel. Mill Walk wird von den Reichen regiert, aber Arme scheint es dort sowieso nicht zu geben. Aus der Notwendigkeit heraus vergeht diese erste Hälfte des Buches überaus zähflüssig. Die Unterhaltungen der High Society, ihr Kampf gegen die Langeweile in den Clubs, das alles wirkt zuweilen recht ermüdend, doch verdeutlicht die zweite Hälfte, dass Straub keinen Satz verschwendet hat, denn nun konfrontiert uns die Wirklichkeit. Elendsviertel, korrupte Polizisten und Ärzte und Cliquenwirtschaft. Für Tom Pasmore eine niederschmetternde Erkenntnis.
Was nun folgt, ist eine ungemein fesselnde Detektiv-Geschichte und gleichzeitig eine intelligente Hommage an Raymond Chandler (gleich zwei Damen im See!). Erst jetzt entwickeln sich wirkliche Bezehungen – tiefe Freund- und Feindschaften.
In den Charakterisierungen seines Handlungspersonals hat Straub eine glückliche Hand bewiesen. Nebenfiguren wie Fritz und Sarah sind glasklar umrissen und zeigen einen Humor, den man von Straub nicht erwartet hätte, und besonders der mysteriöse Exzentriker Lamont von Heilitz erfüllt genau die Rolle, die Straub ihm schon in seinem frühen Roman Das geheimnisvolle Mädchen zugedacht hat. Schon dort wird er als ein Mann charakterisiert, der „in seinem Leben keinen einzigen Tag gearbeitet“ hat. Einziger Schwachpunkt ist Tom Pasmore selbst, dessen Ermittlungen und Gedanken man zwar willig folgt, der jedoch trotzdem etwas Exzentrik und Witz vermissen lässt.
Das Fazit: Mystery ist ein sehr reichhaltiges und perfekt durchdachtes Buch, und obwohl es Straubs verständlichstes ist, beschäftigt es uns Leser auch weit über die Lektüre hinaus. Letztendlich ist das Rätsel zwar aufgeklärt, aber der wahre Ursprung (die Lösung des über allem thronenden Rätsels „Ich weiß, was du bist“) der Verbrechen liegt einzig im Deutungsvermögen des Lesers. Peter Straub hat aus seinen früheren Romanen viel gelernt. Er braucht jetzt weder Dämonen noch Zauberei, um phantasievoll zu schreiben.

Originalausgabe: Mystery (1989)
Übersetzt von Joachim Körber
München: Heyne, 1990

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Wolfgang Jeschke (Hrsg.), Das Heyne Science Fiction Jahr 1992 (München: Heyne, 1992)

Frank Duwald

Frank Duwald

1965 in Hagen-Haspe geboren. Verehrer abseitiger, zu Unrecht vergessener Literatur. Mitarbeit u.a. bei Printmagazinen wie “Nachtschatten” und “Das Heyne Science Fiction Jahr”. Seit 2013 Betreiber der Seite "dandelion | abseitige Literatur”

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