Peter Straub – Koko

KokoBücher über den Vietnam-Krieg und dessen Auswirkungen gibt es gerade in diesen Jahren wie Sand am Meer, doch die meisten kommen über einen wüsten Gonzo-Journalismus nicht hinaus. Um so aufregender ist es, wenn sich dann ein so phantasievoller Literat und Lyriker wie Peter Straub diesem harten Stück Realität stellt.
Aufgerüttelt durch einige Zeitungsmeldungen treffen sich im Amerika unserer Zeit vier Vietnam-Veteranen, Michael Poole, Harry Beevers, Tina Pumo und Conel Linklater anlässlich eines größeren Veteranentreffens. Die Zeitungen berichten von einem Wahnsinnigen, der im Fernen Osten greuliche Morde begeht. Die Opfer werden mit abgeschnittenen Ohren und einer mit Wort “Koko“ beschriebenen Spielkarte im Mund aufgefunden.
Harry Beevers und seine Kameraden glauben den Verrückten namens Koko aus ihrem alten Zug in Vietnam zu kennen. Um weitere Morde zu verhindern, in Wirklichkeit aber wohl, um noch einmal das alte Kameradschaftsgefühl zu spüren, fliegen Poole, Linklater und Beevers nach Singapur, um dort Koko zu suchen. Diese Suche bildet dann auch den Hauptteil des Buches, eine Suche, die Straub einerseits durch geheimnisvolle unverhoffte Wendungen sehr spannungsreich gestaltet, andererseits aber auch nutzt, um das Seelenleben der Veteranen zu durchforsten, wobei wahre Abgründe zum Vorschein kommen.
“Es ist ein sehr düsteres Buch“, sagt Straub über Koko, und tatsächlich findet man einige Momente vor, die nur schwer verdaulich sind. Eine so schockierende Szene, wie sie das Kapitel “Telephon“ vermittelt, schmettert in aller Wucht hinaus, wozu die Bestie Mensch fähig ist. Straub gibt sich alle Mühe, an die Wurzeln von Sadismus und Perversion zu gelangen, doch am Ende steht immer nur der Mensch selbst.
Straub kennt eigentlich nur zwei Sorten Protagonisten, die, die erst durch den Krieg krank werden und solche, die bereits als Psychopathen am Krieg teilnehmen. Was der Krieg aus einem geistig gesunden Menschen machen kann, erzählen sich Linklater und Poole wie nebenbei:

“Was hast du denn damals mit dem Ohr angefangen?“ erkundigte sich Michael.
“Ich habe es weggeworfen. Ich bin doch nicht pervers.“
“Da hast du völlig recht. Es wäre wirklich krankhaft, die Ohren aufzuheben.“
“Stimmt genau“, pflichtete ihm Conor bei.

Noch aus einem anderen Grund wirken Straubs Charakterisierungen verstörend. Sämtliche Hauptpersonen, mit denen man sich anfreunden möchte, bleiben eher blass, verfügen allesamt über wenig Profil und wären somit untereinander problemlos austauschbar. Die einzige Figur, die Charisma ausstrahlt, ist Harry Beevers, und den kann man nur hassen.
Was bleibt, ist ein ungemein komplizierter Roman, dessen erste Seiten die Komplexität des gesamten Buches nicht annähernd erahnen lassen. Erst nach Beendigung der Lektüre wird klar, dass jeder Satz eine Bedeutung hat, die im Einklang mit Straubs Gesamtkonzept steht, wodurch sich der mehrjährige Entstehungszeitraum von Koko von selbst erklärt.
Wie sehr Straub von seinem Thema besessen ist, zeigen auch die beiden älteren Novellen Blaue Rose (1985) und “Der Wacholderbaum“ (1988), die sich in einen interessanten Kontext zu Koko stellen lassen.

Originalausgabe: Koko (1988)
Übersetzt von Ute McKechneay
München: Heyne, 1989

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Nachtschatten, 7, 89-1 (1989)

Frank Duwald

1965 in Hagen-Haspe geboren. Verehrer abseitiger, zu Unrecht vergessener Literatur. Mitarbeit u.a. bei Printmagazinen wie “Nachtschatten” und “Das Heyne Science Fiction Jahr”. Seit 2013 Betreiber der Seite „dandelion | abseitige Literatur”