Peter Straub – Der Schlund

PeterStraubDerSchlundDIE NAMEN DER ROSE

„Ich habe eine Geschichte geschrieben und sie Blaue Rose genannt. Sechs Wochen habe ich daran geschrieben. Anschließend schrieb ich eine Geschichte, die genauso lang war. Unter dem Titel „Der Wacholderbaum“. Dafür brauchte ich einen Monat. Seither habe ich nicht mehr aufgehört zu schreiben.“ (Koko, S. 321)

Diese Worte stammen von Tim Underhill, dem Ich-Erzähler aus Straubs neuestem Roman Der Schlund. Das Mysterium jener „Blauen Rose“ begründete somit ein dichtes Gespinst aus Erzählungen, fiktiven und tatsächlich erschienenen Romanen, welches durch die nun vorliegende Haupt-Trilogie (Koko, Mystery und Der Schlund) seinen vorläufigen Abschluss erfährt.
Tim Underhill, einer der Vietnam-Veteranen aus Koko, lebt mittlerweile zurückgezogen in New York und kann auf eine recht erfolgreiche Karriere als Schriftsteller zurückblicken. Ein einziger Anruf zwingt ihn aber dazu, sich plötzlich wieder den längst verdrängt geglaubten Gespenstern der Vergangenheit zu stellen.
Von seinem alten Freund John Ransom erfährt er, dass in seiner Heimatstadt erneut bizarre Morde verübt werden; ähnlich wie vor 40 Jahren benutzt der Killer ein scharfes Messer und hinterlässt am Tatort die magischen Worte „Blaue Rose“. Da Ransoms eigene Frau das Opfer eines dieser Mordanschläge wurde, bittet er Underhill um Hilfe. Dieser sagt sofort zu, verschweigt allerdings sein wahres Motiv. Bereits seit Jahren brennt er darauf, die wahre Identität des „Blaue Rose-Mörders“ zu entlarven; vor 40 Jahren war nämlich Underhills kleine Schwester das erste Opfer.
In Millhaven lebt auch ein weiterer Freund Underhills, Tom Pasmore, den Lesern und Leserinnen bereits aus Mystery bekannt. Pasmore hat in all den Jahren die schrulligen, exzentrischen Eigenheiten seines Vaters, Lamont von Heilitz, angenommen; nur selten verlässt er die alte Villa, und doch gelingt es ihm immer wieder, selbst aussichtslos scheinende Kriminalfälle zu lösen. Wie eine seltsame Variante von Holmes und Watson tauchen die beiden ein in einen Sumpf aus Intrigen, Lügen und falschen Namen. Immer wieder tauchen neue, falsche Identitäten des Gesuchten auf. Der „Blaue Rose-Mörder“ hat viele Gesichter und viele Namen. Irgendwo verbirgt sich hinter der Maske eines sympathischen, unbescholtenen Bürgers ein intelligentes, blutdürstiges Monster. Nur ganz langsam, Mosaiksteinchen für Mosaiksteinchen, ergibt sich ein klares Bild. Als Underhill schließlich die „Blaue Rose“ entlarvt, empfindet er sogar so etwas wie Mitleid mit dieser psychopathischen Persönlichkeit. In vielen Bereichen verlief die Biografie des Mörders ähnlich wie seine eigene.
Die Welt der „Blauen Rose“ ist ein sehr komplexes, düsteres aber faszinierendes Kaleidoskop, welches erst in diesem Roman seine wahren Bezüge offenbart. Keine der Erzählungen und keiner der Romane kann direkt – ohne Entschlüsselung – in ein gemeinsames Gefüge gebracht werden; sie alle repräsentieren andere, veränderte Wahrheiten. Der verbindende Faktor ist Tim Underhill. Er war es nämlich, der die verschiedenen Stories über Millhaven und die „Blaue Rose“ schrieb und – zusammen mit Peter Straub – Koko und Mystery verfasste. Der eigentliche, ursprüngliche „Blaue Rose-Roman“ – Underhills The Devided Man – existiert allerdings nur in einer dem Leser unzugänglichen Welt. Verwirrend? Aber das genau ist Straubs (oder besser Underhills?) Anliegen; Underhills Prosa ist eine katharsische Vergangenheitsbewältigung, die das Trauma des Vietnam-Krieges, aber vor allem den Tod seiner Schwester in immer neuen Variationen aufnimmt. So handeln alle Romane von der Suche nach einem Mörder, dessen Identität lange Zeit falsch gedeutet wird. The Devided Man ist eine Variante von Koko, und Koko ist eigentlich nur ein Synonym für Blaue Rose. Durch die dichterische Umsetzung kommt es natürlich zu Ungereimtheiten, die aber wiederum auch eine innere Logik besitzen.
So klingen die unterschiedlichen Orte der Handlung nicht zufällig ähnlich, sie sind identisch: Milwaukee (Koko) = Mill Walk (Mystery) = Millhaven (Der Schlund). Viele Charaktere haben unterschiedliche Namen, sie beziehen sich aber alle auf eine Person (gewisse Abweichungen wurden dabei bewusst vorgenommen). Der Harry Beevers aus Blaue Rose ist nicht ganz identisch mit dem Beevers aus Koko und doch ähnelt er sehr John Ransom aus Der Schlund. Einen Autounfall, den eigentlich Underhill erlitt, schreibt der Autor in Mystery Tom Pasmore zu usw…
Der Schlund wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein Dekodierungsbuch, das ganz en passant die Mechanismen des Schreibens offenbart. Es ist ein Roman, der den Leser auch ohne Kenntnis der anderen Bücher und Erzählungen in seinen „Schlund“ ziehen wird; seine wahre Tiefe enthüllt sich allerdings erst, wenn man seine Vorläufer kennt.
Straubs neuer Roman ist ein würdiger Abschluss der „Blaue Rose-Thematik“; neben der geschilderten Meta-Ebene deckt das Buch schonungslos die Schrecken hinter der unscheinbaren Fassade einer Kleinstadt auf. Ähnlich wie sein Freund King, nur ohne phantastische Mittel, erzählt Straub von verborgenen Perversionen und Grausamkeiten, die das Leben der Opfer nachhaltig beeinflussen. Der Schlund zieht ein überraschendes Resümee: nicht der Serienmörder, sondern diejenigen, die ihn zu dem machten, was er wurde, sind die wahren Monster.

Originalausgabe: The Throat (1993)
Übersetzt von Edith Walter
Wien: Zsolnay, 1993

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: science fiction media 116, Januar 1994

Andreas Wolf

Geboren im Jahr des Tigers und Sternzeichen Löwe, schreibt unter Pseudonym düstere Erzählungen und Romane und unter seinem bürgerlichen Namen Rezensionen für das Magazin „phantastisch!“.