Pessimismus aufspüren: Thomas Ligotti und das Unheimliche im Zeitalter des Post-Faktischen – Symposion

Das Symposion “Detecting Pessimism: Thomas Ligotti and the Weird in an Age of Post-Truth”, veranstaltet vom Manchester Centre for Gothic Studies in der Manchester Metropolitan University am 12. Juni, war die Gelegenheit für alle, zusammenzukommen und in der seltsamen und wunderbaren Literatur des noch lebenden amerikanischen Autors zu schwelgen. Dem Symposion lag außerdem die Niederschrift eines exklusiven Interviews vor.

Seit langem fühlt sich das Manchester Centre for Gothic Studies der Literatur, Philosophie und Kunstfertigkeit des Kultautors Thomas Ligotti verbunden. Vor einigen Jahren begann die hauseigene Lesegruppe des Zentrums, seinen Band Teatro Grottesco (2008) und sein Sachbuch The Conspiracy against the Human Race (2010) zu verteilen. Seitdem verbreiten sich seine Ideen langsam in den Köpfen der Mitarbeiter und Studenten der Abteilung und sie erklären, warum wir uns Weird Fiction, Pessimismus und übernatürlichem Horror nähern und ihn schätzen sollten.

Wir von der Manchester Metropolitain University haben beschlossen, dass es an der Zeit ist, Ligottis Literatur und seine Ideen der breiten Öffentlichkeit so gut wie möglich zu präsentieren, um auf der Höhe des Nachdrucks seiner Werke im Verlag Penguin Classics – Song of a Dead Dreamer, Grimscribe und The Conspiracy Against The Human Race – zu argumentieren. Pessimismus aufspüren: Thomas Ligotti und das Unheimliche im Zeitalter des Post-Faktischen war eine Gelegenheit für Akademiker, Kreative und die breite Öffentlichkeit, zusammenzukommen und das Seltsame der wunderbaren Geschichten sowie die provokative, manchmal kontroverse Philosophie eines Autors zu genießen, der ironischerweise diese Aufmerksamkeit stets vermieden hat. Den kreativen und forschungsorientierten Aktivitäten des Tages lag der spekulative Versuch zugrunde, in die Fußstapfen von Ligotti zu treten: der Versuch, eine Möglichkeit zu finden, anders über uns selbst und die Welt um uns herum nachzudenken, indem wir eine größere Wertschätzung und ein größeres Bewusstsein gegenüber unserer grundlegenden Verrücktheit und dem darin enthaltenen Horror entwickeln.

Das Symposium, das entsprechend im Herzen der Manchester Metropolitan’s 70 Oxford Street veranstaltet wurde, wurde von einem Experten der Weird Fiction eröffnet: Professor Roger Luckhurst (Birkbeck, University of London). ChaLeonie Rowland, der sich mit seinem inneren Ligotti verband, präsentierte Professor Luckhurst vier spektakuläre “Konzepte” zum übernatürlichen Horror, in denen er über Weird Fiction, Übersinnlichen Horror, Anti-Philosophie und Philo-Fiktion diskutierte, und schließlich über die Ironie, Kontroversen und Bedeutung von Ligottis Werk

Es folgte das erste unserer beiden Panels mit vier spannenden, kritischen Beiträgen zu Themen wie: Die Gesellschaft ohne Hoffnung (Rachid M’Rabty); eine ökogotische Lesart Lovecrafts (Fredrik Blanc); Überbewusstsein und die Rolle der Frauen bei Ligotti (Leonie Rowland); und eine ökopessimistische Lesart Ligottis (Joseph Howsin). Das zweite Panel erwies sich als ebenso anregend, mit kritischen und provokanten Beiträgen zu folgendem Thema: Pessimismus und gothisches Spiel (Caitlin Jauncey); Selbstmord und Anti-Natalismus in Ligottis Werk (Dr. Xavier Aldana Reyes); Drogenkommunismus und die gesellschaftspolitische Möglichkeit der Weird Fiction (Dr. Jonathan Greenaway); und die Klarheit unheimlicher und gotischer Tropen in der Musik der Handsome Family (Dr. Morag Rose).

Das Symposium war versucht, eine Vielzahl von Ideen und Konzepten zu präsentieren, die aus den dunkelsten Tiefen von Ligottis Werk entstanden sind. In der typischen Art und Weise des Gothic Centers führten die Redner das Publikum jeweils durch eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Provokationen, die von den düstersten Auswüchsen des Pessimismus, der Hoffnungslosigkeit und des Defätismus bis hin zu einer Art Erlösung unter Berücksichtigung des Optimismus und einer radikalen Bedeutung der Weird Fiction für die Philosophie und der realen Welt reichte.

Im Anschluss an die Panels und nach einigen Augenblicken der Ruhe, um sich von den mataphorischen und emotionalen Tiefen erholen zu können, lasen die Redner dann jeweils aus einem eigens in Auftrag gegebenen Interview mit dem Autor zu Themen wie: die Entwicklung seines Denkens seit der Veröffentlichung der Conspiracy; Antinatalismus und Ökozid; Sozialismus und Antikapitalismus; und die Rolle der Frau in seiner Philosophie und Fiktion. Seine Antworten waren sowohl anregend als auch klar in ihrer Beschwörung eines breiteren pessimistischen Denkens, das seine Werke untermauert, und in diesem Zusammenhang folgte eine kraftvolle und hochkarätige Performance von Helen Darby (Research Impact and Public Engagement Senior Manager an der Manchester Metropolitan University), die ein von Ligotti inspiriertes Gedicht mit dem Titel Progenitor (Vorläufer) las, das sie für die Veranstaltung geschrieben hatte.

Das Event wurde mit einer Sonderaufführung der unheimlichsten, düstersten und gruseligsten von Ligotti genommenen Monologe aus der von der Kritik gefeierten ersten Staffel der HBO-Serie True Detective mit Matthew McConoughey und Woody Harrelson abgeschlossen. Die Sammlung wurde speziell von Greg Walker vom Pilot Light TV Festival zusammengestellt und vorgestellt und anschließend von einer lebhaften offenen Diskussion mit Greg, Dr. Morag Rose und Dr. Sorcha Ní Fhlainn  begleitet.

Nach all unseren Streifzügen in die Dunkelheit und Hoffnungslosigkeit war es passend, dass die letzte Szene der ersten Staffel von True Detective das Event beendete, aber nicht ohne die Debatte über die anhaltende Kraft und Notwendigkeit pessimistischer Philosophie angeregt zu haben. Während die anwesenden leidenschaftlichen Pessimisten über Rust Cohles Schlussfolgerung bestürzt waren, dass trotz der fast allumfassenden Dunkelheit des Himmels das Licht dennoch gewinnt, war es dennoch folgerichtig, dass wir mit einer Szene endeten, die das Ausmaß verdeutlichte, warum der Pessimismus in unserer Kultur und Gesellschaft unannehmbar bleibt.

Wie das Symposium zeigte, bietet jedoch die pessimistische Weird Fiction und speziell die Fiktion von Thomas Ligotti ein Mittel, um unsere tiefste Demütigung artikulieren zu können und zu verstehen. Durch diesen Tag mit Gesprächen über kritische Theorie, Politik, Philosophie, Literatur und Kunst entstand der Konsens, dass wir vielleicht doch noch einen akzeptablen Weg durchs Leben finden, unabhängig davon, ob unser Handeln letztlich sinnlos ist oder nicht.

Die meisten der auf dem Symposion präsentierten Beiträge werden zusammen mit einer vollständigen Abschrift des exklusiven Interviews mit Thomas Ligotti und Helen Darbys tiefgründigem Gedicht Progenitor in der kommenden Ausgabe des Dark Arts Journal veröffentlicht, was wir Dr. Jonathan Greenaway zu verdanken haben. Dies ist eine kostenlose und frei zugängliche Zeitschrift, die vom Dark Arts Network in Manchester, Großbritannien, mit Unterstützung des Manchester Centre for Gothic Studies sowie des Sheffield University’s Centre for the History of the Gothic veröffentlicht wird.

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