Paul Knowles: Ein schaurig schöner Mörder

(Titelbild: Natural Born Killer/Killing Time)

Angenommen, die Braut von Paul Knowles hätte ihren Verlobten nicht sitzengelassen. Dann wäre, hätte, würde…vielleicht auch nur…wahrscheinlich nicht. Und egal auch. Vergessen. Angeekelt abgeschüttelt. Es war eben anders. Und selbst wenn…er war schon als Junge ein Sadist, dem niemand Schmerz und Recht erklärte, hat Tiere „aus Vergnügen“ zu Tode gequält. Wer sollte denn solch grausig abgestumpfte junge Seelen läutern, wenn sie älter werden und so abscheulich finster bleiben?

Die Frau, die Paul Knowles heiraten wollte, verließ ihn kurz nach seiner Haftentlassung im Mai 1974. Im Gefängnis hatte er wegen Autodiebstahls und etlicher Einbrüche gesessen, sie hatte ihm geschrieben, ihn besucht, sich verliebt. Rasch ernüchtert und entliebt, als er wieder in Freiheit war. Spekulieren? Grundsätzlich sinnlos, mancher Abgrund liegt auf der Hand. Wenige Stunden nach der Trennung brachte Knowles eine Lehrerin und zwei kleine Mädchen um. In den daraufflogenden vier Monaten ermordete der 28Jährige weitere sechszehn Menschen.

Eiskalt. Skrupellos. Das sagt man so schnell und oft auch pauschal daher, wenn besondere Brutalität die Taten kennzeichnet. Im Fall von Paul Knowles, diesem Psychopathen mit einem IQ von 129, von Frauen als charmant, gutaussehend bezeichnet, – die Autorin Sandy Fawkes nannte ihn „schaurig schön“, die Medien titulierten ihn „Casanova-Killer“ – , muss die Kälte richtig abartig eisig gewesen sein .

Knowles fuhr durch Florida und räumte auf seiner ziellosen Tour einfach Leute aus dem Weg. Kleine Kinder, harmlose Anhalter, kurze Affären…Knowles tötete, als wäre diese Absolutheit seine Bestimmung. Brüstete sich noch nach seiner Festnahme damit, „erfolgreichstes Mitglied“ der Knowles-Sippe zu sein. Sarkasmus? Auch. Seine Kindheit und Jugend waren alles andere als harmonisch familiär geprägt. Geltungsdrang? Allemal. Serienkiller wollen in die Geschichte eingehen. Auf ihre eigene schaurige Art gelingt ihnen das auch.

Im Fall von Paul Knowles gab es zwar keinen spektakulären Prozess mit fürchterlichen Details und einem hemmungslosen Geständnis, aber immerhin einen für ihn spezifischen Abklang. Knowles wurde direkt am Tag nach seiner Verhaftung von FBI-Agenten erschossen, nachdem er mit einer Büroklammer seine Handschellen hatte öffnen können, die Pistole des Sheriffs an sich riss, abdrückte…Feuererwiderung. Er wurde tödlich getroffen.

Vorangegangen war eine tagelange Jagd nach ihm, in deren Verlauf er zwei Geiseln nehmen konnte, einen Polizisten und einen Autofahrer, dessen Fahrzeug er übernommen hatte. In Georgia fesselte er die Männer an einen Baum, schoss beiden in den Kopf und flüchtete allein weiter, bis er in eine Straßensperre geriet. Er versuchte noch, zu Fuß zu entkommen, konnte aber von einem bewaffneten Zivilisten gestoppt werden. Und hinterließ sein dunkles Vermächtnis, ohne tatsächlich jemals erzählen, erklären, auch nur ansatzweise begreiflich machen zu können, warum er das alles auf diese seine Weise getan hat, warum er so war und ob vielleicht grad seine Intelligenz in Kombination mit seiner perspektivlosen Prägung ihn zu einem erbarmungslosen Killer hat werden lassen.

All die Morde und Vergewaltigungen (über 30!, Männer und Frauen), die Knowles zur Last gelegt wurden, gingen einwandfrei ausnahmslos auf sein Konto Auf Befragung nach der Anzahl der von ihm Getöteten zeichnete er mit dem Zeigefinger eine 18 in die Handfläche, zudem hatte er seine Verbrechen auf einem Kassenrecorder aufgezeichnet.

Seine viermonatige Horror-Odyssee war von Diebstahl, Einbruch, Sex und Mord gezeichnet. Die blutige Spur begann im Haus der 65jährigen Lehrerin Alice Curtis: Er hatte sie ausgeraubt, gefesselt, geknebelt, sodass sie erstickte, ihr Auto gestohlen, hatte anschließend zwei Schwestern, sieben und elf Jahre alt, erdrosselt, – offenbar hatten sie ihn in dem Auto gesehen – , und die Leichen in den Sumpf geworfen. Er fuhr gen Norden, vergewaltigte und erwürgte eine Anhalterin, brach in ein Haus ein, erwürgte eine junge Mutter vor den Augen ihres dreijährigen Jungen, den er verschonte , ermordete einen Geschäftsmann, zwei Camper, eine Frau in Texas, die mit ihrem Auto stehengeblieben war, und lernte in Alabama Anne Dorson kennen, die er nach sechstägiger Liebschaft umbrachte. Er erschoss eine weitere Frau in Virginia, vergewaltigte und tötete in Connecticut eine Mutter und deren Teenager-Tochter, – seine Trophäen: Schallplatten und der Kassettenrecorder – , erstach einen Mann, der ihn auf einen Drink zu sich nach Hause eingeladen hatte, und erwürgte dessen 15jährige Tochter.

Mit dem Leben davon kam die Journalistin Sandy Fawkes, eine Engländerin, die sich in Georgia mit ihm einließ, – er gefiel ihr sehr, diese Ausstrahlung… – , und mehrere Nächte in einem Hotel mit ihm verbrachte. Sie trennte sich, weil sie Angst vor ihm bekam, – er hatte sie mit einer Pistole bedroht – , ohne wirklich zu ahnen, wem sie da soeben den Laufpass gegeben hatte. Sie war es, die den Killer „schaurig schön“ genannt hatte. Und letztendlich war bei ihr auch (fast) Endstation für Knowles: Denn der bedrohte anschließend eine Freundin von Fawkes, die er über sie kennengelernt hatte, mit einer Pistole, um Sex mit ihr zu haben. Sie schaffte es, vor ihm davonzulaufen, verständigte die Polizei.

Die Fahndung setzte ein…und letztendlich spulte es sich für Knowles wie in seinem persönlichen Film-Finale ab: Die Handschellen, die Büroklammer, mit deren Hilfe der Dietrich-Künstler sich befreite, die Pistole des Sheriffs, die Schüsse, die Kugeln, die ihn trafen. Vorbei.

Innerhalb eines Jahres sei er eh‘ tot, sagte er Sandy Fawkes, bevor sie ihn verließ. Sie sagte später, er sei ein nachdenklicher Mann. Immerhin schaffte Paul Knowles es durch sie, auf ganz besondere Art im Gedächtnis zu bleiben. 1977 schrieb sie seine Biographie. Ihre Geschichte. Es war einmal und es war so…Killing Time:

She was a british journalist on assignment in the U.S. He was handsome and charming – a psychopath and mass-murderer – searching for his seventeenth victim. The bizarre but true story of two weeks of love and terror. By Sandy Fawkes who lived to write this book.

Karin Reddemann

Karin Reddemann

Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ (Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!

Benachrichtige mich zu:
avatar
wpDiscuz