News Ticker

Patrik Süskind / Das Parfum

Auch, wenn ich mit diesem Buch etwas spät dran bin, so ist es doch kaum möglich, Das Parfum von Patrick Süskind zu ignorieren. In den vergangenen Jahren ist das Buch zu einem unglaublichen Bestseller geworden. Es wurde in etwa zwei Dutzend Sprachen übersetzt, und wurde sogar in den USA eines der erfolgreichsten Bücher der letzten Zeit und dort für den World Fantasy Award 1987 nominiert.
Was der süddeutsche Autor, der auch durch seine TV-Drehbücher (Monaco Franze und Kir Royal) bekannt wurde, hier vorlegt, ist in der Tat beeindruckend.
Die Handlung ist im Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts angesiedelt und beginnt mit der unbeschreiblichen Geburt des Hauptakteurs Grenouille. Seine Mutter gebiert ihn inmitten ihrer stinkigen Fischbude auf dem Markt und lässt ihn, in der Annahme, es handele sich um eine Fehlgeburt, gleich im verwesenden Fischmüll liegen. Als Grenouille sich jedoch mit einem nervenden Schrei bemerkbar macht, wird die Mutter als vermeintliche Kindermörderin ergriffen und direkt geköpft.
Grenouille wächst bei verschiedenen Pflegemüttern auf, die ihn aber sofort wieder abstoßen, da er zu verfressen, unverschämt und überhaupt zu eklig sei. In der Tat ist er ein merkwürdiges Wesen, und mit der Zeit drängt sich immer stärker die Frage auf, ob es sich bei diesem Wesen wirklich um einen Menschen handelt. Sein seelisches Gefühlsleben ist äußerst spärlich ausgestattet, doch wahre Wunderdinge verspricht seine absonderliche Nase, mit der er jeden feinsten nur vorhandenen Geruch erschnüffeln und in seinem Gedächtnis speichern kann. Mit zunehmendem Alter wächst Grenouilles Interesse für das Handwerk des Parfumeurs. Als Lebensziel schwebt ihm ein einmaliges Parfum vor, das er sich schließlich aus 25 gekillten Jungfrauen herstellt. Mit diesem Parfum schwingt er sich in Windeseile zum Messias über die Menschen auf, doch die Liebe der Menschen geht soweit, dass jederman ein Teil vom Messias haben will, und sei es mit dem Fleischermesser.
Was hier in wenigen Sätzen heruntergerasselt wurde, schildert Süskind in einer Sprache, die wohl einzigartig sein dürfte. Einerseits passt Süskind sich großartig an die beschriebene Zeitepoche an, frischt das Ganze aber mit einem beneidenswert bösartigen Sprachwitz auf, der den Roman zu einem wahren Literaturjuwel reifen lässt.

Zürich: Diogenes, 1985

Erstveröffentlichung dieser Rezension in: Cryptolog, Nr. 4, November 1987

Frank Duwald

1965 in Hagen-Haspe geboren. Verehrer abseitiger, zu Unrecht vergessener Literatur. Mitarbeit u.a. bei Printmagazinen wie “Nachtschatten” und “Das Heyne Science Fiction Jahr”. Seit 2013 Betreiber der Seite “dandelion | abseitige Literatur”

Kommentar verfassen