Die Welt bei Kerzenschein

Dieses Motiv ist eine Konstante in fast jedem Mythos. Hrothgar, der König der Dänen, erbaute eine große Festhalle in den wilden Mooren Dänemarks und brachte damit das Licht und das Lachen der Menschen in die dunkle Landschaft seines Reiches. Grendel, einer der drei Gegenspieler des Beowulf, zahlt es den Eindringlingen in sein Gebiet heim, indem er sich nachts in die Halle schleicht und alle Anwesenden ermordet. Die goldenen Tapeten sind abgerissen, die Lichter der Halle erloschen, und das Moor liegt wieder still und leise da.

Einer der berühmtesten Gelehrten jener Geschichten bei Kerzenschein in der Folklore war der Brite JRR Tolkien. In seinem berühmten Aufsatz „Beowulf. The Monsters and the Critics“ vertritt er das Argument, dass Beowulf, abgesehen davon, dass er ein Artefakt alter germanischer Kultur ist, noch einen weitaus größeren Wert besitzt, dass die Geschichte von einem Mann, der gegen mächtige Urkräfte kämpft, nämlich auch einen literarischen Wert hat.

Die Wildnis

Die Mythologie hat die Fantasy-Autoren schon immer beeinflusst. Bei genauerer Betrachtung Tolkiens, dem Begründer der modernen High Fantasy, und den Autoren des Weird Tales Magazine, den Urvätern der Sword & Sorcery, entdecken wir ein ganzes Netz von Verbindungen und Einflüssen, die auf eine Welt bei Kerzenschein zurückweisen. Dieser Einfluss hält bis heute an: zwei der berühmtesten und angesehensten Schriftsteller des Genres, Ursula LeGuin und gegenwärtig George R.R. Martin, spinnen den Kampf zwischen der Menschheit und der Dunkelheit in ihren Romanen weiter.

Um diesen Kampf jedoch zu verstehen, müssen die Leser einen Blick auf die Mythen werfen. Drei Vorstellungen werden wieder und wieder aufgegriffen: die Wildnis, der Grenzbereich zwischen Mensch und Welt, und die Dunkelheit. Das sind die Elemente der Welt bei Kerzenschein in der Folklore, von denen unsere Fantasy so tiefgreifend durchdrungen ist, und die ohne diese Elemente gar nicht zu denken wäre.

Der greifbarste Aspekt der Welt bei Kerzenschein ist die Wildnis. Laut James Frazer, einem bahnbrechenden Gelehrten magischer und religiöser Traditionen, war

„Europa von immensen Urwäldern bedeckt, in denen die vereinzelten Lichtungen wie Inselchen in einem Meer von Grün gewirkt haben müssen.“

Wälder und die übrige Wildnis waren unbekanntes Gebiet, das außerhalb der Kontrolle und des Wissens des Menschen lag. Natürlich waren diese ungezähmten Orte von Geschichten der Angst umgeben: die russischen Waldgeister, Leshys genannt, stöhnten und kreischten im Wind, der durch die Bäume fuhr, die geisterhaften Irrlichter führten die Menschen ins tödliche Moor, und schottische Redcaps schnappten sich ihre Opfer auf verlassenen Feldern.

Selbst nach der Christianisierung Europas waren die Wälder Orte einer tiefsitzenden Angst. Raub- und andere wilde Tiere waren eine ständige Bedrohung für Schäfer und Jäger, und Wölfe wurden zur besonderen Ikone dieser Gefahr.

Grenzen und Wälle

Einhergehend mit der Wildnis als Bedrohung des Menschen, wurden Grenzen und Wälle notwendig, um die realen und übernatürlichen Gefahren fern zu halten. Dies ist das zweite Merkmal der Welt bei Kerzenschein in der Folklore: das Bedürfnis nach Grenzen.

Dieses Konzept hatte seinen großen Auftritt in Joseph Campbells Modell des „Helden in Tausend Gestalten“. Hierbei handelt es sich um die Reise des Helden, gekennzeichnet vom Überschreiten der ersten Schwelle, indem sich der Held außerhalb der Grenze der menschlichen Bereiche begibt, in jene Regionen des Unbekannten, wie beispielsweise Wüste, Dschungel, die Tiefsee, oder in ein unbekanntes Land. Campbells Abgrenzung zwischen dem Reich der Menschen und „dem Unbekannten“ gründet sich auf die Idee der Welt bei Kerzenschein in der Folklore, wo es Sicherheit innerhalb der Grenzen, dort, wo das Licht brennt, zu finden gibt, und die Gefahr draußen bleibt.Grenzen spielen in der irischen Mythologie eine bedeutende Rolle, wo man sich Zwischenreiche vorstellte, Barrieren zwischen Tag und Nacht, Sommer und Winter, ein Zwielicht, das alles verwischte. Wo die Grenzen schwach waren, konnte es dem Chaos gelingen, in die Welt zu schleichen. Eines der bekanntesten Beispiele für übernatürliche Grenzen hat mit Vampiren zu tun. Die meisten Vampire können nicht ins Haus gelangen (die Schwelle nicht überschreiten) ohne Einladung. Das ist so, weil das Haus die Domäne des Menschen ist, von der Außenwelt durch seine Mauern getrennt.

Die Ur-Schwelle ist der Sonnenuntergang, bei dem das dritte Element die Welt überflutet: Dunkelheit. Dunkelheit ist das alles beherrschende Element der Welt bei Kerzenschein in der Folklore. Sie zieht sich durch den Mythos als Quelle einer allesdurchdringenden Furcht: Es ist Nacht, wenn Grendel Hrothgars Halle angreift, es ist Nacht, wenn die irischen Feen sich die Kinder holen, wenn die Vampire aller Kulturen erwachen, wenn Werwölfe sich verwandeln und Gespenster aus dem Grab steigen. Wenn die Sonne aufgeht, und das Licht zurückkehrt, wäscht es alle Dunkelheit mitsamt seinen Kreaturen hinfort, die sich in Höhlen, Wälder, Bergtäler oder in U-Bahnschächte zurückziehen. Der grundsätzliche Aspekt der Dunkelheit ist seine Gleichsetzung mit dem Unbekannten: in der Folklore sind die größten Ängste oft namenlos, nehmen die Gestalt von Tabus und Aberglauben an. Eine der ältesten Mythen beginnt mit einer Welt, belagert von ewiger Nacht. Dann erscheint eine Figur, wie der Rabe der nordamerikanischen Ureinwohner, und entzündet die Sonne. Meistens aber wird den Menschen ein Geschenk gemacht: Feuer; wie im griechischen Mythos von Prometheus. Feuer, die Quelle des Lichts, spielt eine herausragende Rolle in fast allen Mythen, vor allem im ländlichen Irland, wo das Herdfeuer zum Symbol für die Sicherheit und das Wohlbefinden der Familie wurde, und das über Jahre hinweg am Brennen gehalten wird. Feuer ist, abgesehen vom Kochen und Heizen, die erste Verteidigung gegen die Dunkelheit.

Weil die Ideen der Wildnis, der Grenzen, und der Dunkelheit die Mythen so grundsätzlich durchziehen, hatten sie einen tiefgreifenden Einfluss auf jene Autoren, die die moderne Fantasy definierten, namentlich: JRR Tolkien, H.P. Lovecraft, Robert E. Howard und Clark Ashton Smith. Jeder von ihnen hat sich ausgiebig mit Folklore und Legenden befasst, und aus ihrer Arbeit leiten wir die Genres der High Fantasy und der Sword & Sorcery ab, die beide zu den beständigsten und beliebtesten Formen dieser Literatur gehören.

Tolkiens Wissen über Mythologie erstreckt sich über Homers Ilias bis hin zu den nordischen Sagen, in seiner Arbeit wird dem Leser ein Urgefühl der Angst nahe gebracht, vor allem jene gegenüber des Waldes. Eines der besten Beispiele aus „Die Gefährten“ ist der Alte Wald: Fredegar Bolger, einer von Frodos Freunden, erschrickt zutiefst bei Merrys Plan, ihn zu betreten. Er behauptet, dass dies ein Ort sei, der aus Alpträumen bestehe, und niemand es wage, hineinzugehen. Tatsächlich gibt es eine Grenze zwischen dem Alten Wald und Bockland – die Hecke. Die Bäume hatten diese Hecke schon einmal angegriffen und die Hobbits mussten sie mit Äxten und Feuer zurückdrängen. Es war der sich wiederholende Kampf der Zivilisation gegen die Wildnis.

Im Innern des Waldes sind die Hobbits deutlich erkennbar Eindringlinge. Merry muss die Bäume beruhigen und ihnen erklären, dass sie als Freunde kommen und dass sie nicht hier sind, um ihnen irgendwie zu schaden. Die Bäume führen die Hobbits jedoch in die Irre und immer tiefer in den Wald hinein, bis hin zu einer mächtigen Weide, von der sie angegriffen werden. Der Alte Wald und auch der noch ältere Düsterwald (Mirkwood) sind Reflexionen der Feindseligkeit und der Gefahr, die in der Wildnis lauern. In „Der kleine Hobbit“ liegt der Düsterwald in ewiger Dunkelheit, dort hineinzugehen birgt die Gefahr, für immer in ihm verloren zu gehen.

Die Berge des Wahnsinns

1923, über ein Jahrzehnt, bevor der Hobbit das Licht der Welt erblickte, kam das Weird Tales Magazine auf den Markt, das von Abenteuergeschichten bis zu Horror-Geschichten alles veröffentlichte. Den Schwerpunkt bildete allerdings der „Lovecraft-Zirkel“, also jene Gruppe von Autoren, mit denen Lovecraft rege in Kontakt stand und die von ihm inspiriert wurden. H.P. Lovecraft beschrieb seine Sicht der Weird Fiction (was wir bei uns mit „unheimlicher Literatur“ oder „Schauerliteratur“ nur unzureichend übersetzen können) folgendermaßen:

„Eine gewisse Atmosphäre atemloser und unerklärbarer Angst vor äußeren, unbekannten Kräften muss gegenwärtig sein; und es muss einen Hinweis darauf geben … auf die schrecklichste Vorstellung, die ein menschliches Gehirn ersinnen kann – eine unheilvolle und einmalige Übertretung oder Aussetzung der Naturgesetze, die unser Schutz gegen die Angriffe des Chaos und der Dämonen aus dem ungestalteten Raum sind.“

Seine klassische Erzählung „Berge des Wahnsinns“ beginnt mit einer Gruppe Wissenschaftler, die in ein unerschlossenes Gebiet der Antarktis ziehen, um dieses zu untersuchen. Diese Wildnis ist, wie so oft, die Domäne älterer, feindseliger Wesen. Die Wissenschaftler finden die Überreste einer uralten Rasse, die einst die urzeitliche Erde regiert haben musste. Diese erwacht zum Leben und tötet die Crew, bevor sie wieder zu ihren Ruinen in den Bergen des Wahnsinns zurückkehrt. Die Protagonisten, Danforth und Dyer, folgen den Kreaturen in die uralte Stadt Leng und entdecken, dass die Erde nur aufgrund der Gnade dieser mächtigen, finsteren Wesen noch existiert, die in den Tiefen des Ozeans und in den Weiten des dunklen Raums lauern.

Inspiriert von Arthur Machen, der selbst fasziniert war von einem mittelalterlichen, unbekannten Zeitalter, hatte Lovecraft einen gewaltigen Einfluss auf viele seiner Zeitgenossen, besonders auf die seines Zirkels, wie z.B. Robert E. Howard, dem Erfinder des Conan, und Clark Asthon Smith, dem Schöpfer der Welt Zothique. Beide Autoren, deren Geschichten sich um Diebe, Totenbeschwörer, Krieger und Abenteurer in vergessenen Tempeln drehen, pflegten während ihrer gesamten schriftstellerischen Karriere einen regen Briefkontakt mit Lovecraft; sie entlehnten Ideen von ihm und aus seinem Werk, ganz besonders aus dem Cthulhu-Mythos.

Ursula Le Guin

Das Erbe des „Kerzenscheins“ in der Folklore wirkt auch heute noch in den Werken der bekanntesten Fantasy-Autoren nach. 1970 schrieb Ursula Le Guin, die gefeierte Verfasserin der Erdsee-Saga, „Die Gräber von Atuan“. Darin wird das Leben der Tenar beleuchtet, einem jungen Mädchen, das zur Hohepriesterin der Gräber der Namenlosen gewählt wird. Es handelt sich hierbei um ein unterirdisches Labyrinth, in immerwährender Dunkelheit gelegen. Durch das ganze Buch hindurch wird „die Dunkelheit“ als der Verschlinger von Tenars Selbst und als Synonym für die „Namenlosen“ genannt. Deren Höhle ist der Sitz der Ur-Finsternis: es wurde nie vom Licht der Schöpfung der Welt berührt. Als Tenar und der Zauberer Ged versuchen, den Gräbern zu entkommen, beginnt die Dunkelheit Tenar derart in Panik zu versetzen, dass sie Ged anfleht, sein magisches Licht einzusetzen. Aber Ged offenbart ihr, dass seine gesamte Kraft dabei aufgebraucht wurde, die Dunkelheit daran zu hindern, sie beide zu verschlingen.

Im ersten Band der Erdsee-Saga, Der Magier von Erdsee, ist Geds Stolz daran schuld, dass die Finsternis überhaupt in die Welt gelangen kann. Nachdem er von einem anderen Magier permanent verspottet und verlacht wird, will Ged seine Macht beweisen, indem er Tote wieder zum Leben erweckt. Er beschwört den Schatten von Elfarran herauf, aber dann –

„das fahle Oval zwischen Geds Armen wurde breiter und weiter, ein Riss in der Finsternis der Erde und der Nacht, ein Zerreißen des Gewebes. Durch diese leuchtende, unförmige Verletzung kletterte etwas wie ein Klumpen schwarzen Schattens …“

Ged hat in seiner Arroganz die Schwelle zwischen der Welt und der Finsternis zerstört.

Das Herz der Fantasy

George R. R. Martins Werk  „Das Lied von Eis und Feuer“, birgt ebenfalls deutliche Spuren einer „Welt bei Kerzenschein“, die wir aus der Folklore kennen. Das erste Kapitel von „Die Herren von Winterfell“ trägt den Leser in das Reich von Eddard Stark, einem Landstrich am Rande der zivilisierten Welt. Starks Pflicht ist es, die „Mauer“, die Grenze also zwischen einem wilden, gefährlichen Land im Norden, und den Sieben Königreichen, zu erhalten.

Das ist das Herz der Fantasy: die Kämpfer, Waldläufer, und Magier, die unsere Seiten bevölkern, sind jene Archetypen, die als Wächter unserer Grenzen und Schwellen zwischen den Menschen und der Dunkelheit begannen. Wohin auch immer sich die Fantasy noch entwickeln wird, dieses Erbe ist und wird der Kern der Sache bleiben.

Vom True Crime zur Fiktion: Die Geschichte des Kriminalromans

Genrebeschreibungen sind selten eine klare Sache, aber nur deshalb kann man darüber diskutieren. Wäre immer alles klar und für jeden ersichtlich, würde ein Lexikoneintrag genügen und die Sache wäre erledigt. Heute widmen wir uns dem wohl beliebtesten literarischen Genre überhaupt. Dem Kriminalroman.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass es niemals eine erschöpfende Aussage über ein Genre geben kann, und so ist auch dies nur ein kleiner Überblick.

Es gibt so viele verschiedene Arten von Kriminalromanen, dass bereits in den 1920er Jahren eine der ersten „Queens of Crime“, Dorothy L. Sayers, darüber klagte:

„Es ist unmöglich, den Überblick über all die Krimis zu behalten, die heute produziert werden. Buch um Buch, Zeitschrift um Zeitschrift strömt aus der Presse, vollgestopft mit Morden, Diebstählen, Brandstiftungen, Betrügereien, Verschwörungen, Problemen, Rätseln, Geheimnissen, Nervenkitzel, Verrückten, Gaunern, Giftmischern, Fälschern, Würgern, Polizisten, Spionen, Geheimdienstlern, Detektiven, bis es scheint, als müsse die halbe Welt damit beschäftigt sein, Rätsel zu erfinden, damit die andere Hälfte sie lösen kann.“

Beginnen wir unseren kleinen Rundgang jedoch mit einer grundsätzlichen Unterscheidung zwischen Rätselgeschichte und Kriminalroman, bevor wir uns einigen historischen Daten zuwenden.

Dorothy Sayers

Wenn man sich nicht ausschließlich auf die deutsche Terminologie beschränkt, ist es von vornherein angebracht, die hierzulande gebräuchlichen Gattungsbezeichnungen fast ausnahmslos zu verwerfen. Englisch ist die literarische Leitsprache der Populärliteratur, daran ändern auch länderspezifische Besonderheiten nichts. Ein Beispiel von vielen ist die „Mystery Fiction“, also die „Rätselgeschichte“, die hierzulande kaum als Begriff verwendet wird. Stattdessen wird der englische Begriff “Mystery” beibehalten und für eine Form der phantastischen Erzählung verwendet, die eigentlich der Weird Fiction nahe steht, während “Mystery Fiction” zur Kriminalliteratur wird. Diese wäre eigentlich Crime Fiction, die sich wiederum von der Mystery Fiction unterscheidet.

Rätselgeschichte vs Kriminalgeschichte

In der Rätselgeschichte wird ein Verbrechen begangen. Oft ist es ein Mord, aber nicht immer. Die Handlung schreitet voran und zeigt, wie das Verbrechen aufgeklärt wird: Wer hat es getan und warum? (Fairerweise muss gesagt werden, dass sich daraus wiederum zwei Subgenres ableiten lassen: Whodunit und Whydunit). Die besten Detektivgeschichten erforschen oft die einzigartige Fähigkeit des Menschen zur Täuschung – insbesondere zur Selbsttäuschung – und zeigen die Grenzen der menschlichen Vernunft auf. Tatsächlich gilt dieses Genre als das intelligenteste der Spannungsliteratur. Gewalt ist hier nicht die treibende Kraft, sondern das Spiel des Intellekts. Wie können wir überhaupt so etwas wie Wahrheit erkennen? Ein Mysterium ist per definitionem etwas, das sich dem gewöhnlichen Verständnis entzieht, und vielleicht ist das der Grund, warum “Mystery” im deutschen Sprachgebrauch eine abgeschwächte Form der Horrorliteratur bezeichnet.

In der eigentlichen Detektivgeschichte liegt der Schwerpunkt auf dem Willenskonflikt zwischen dem Helden des Gesetzes und dem Gesetzlosen, auf ihren unterschiedlichen Auffassungen von Moral und den Aspekten der Gesellschaft, die sie repräsentieren.

Die besten Kriminalgeschichten sind eine moralische Abrechnung des Helden mit seinem ganzen Leben oder bieten eine neue Perspektive auf das Spannungsverhältnis zwischen Gesellschaft und Individuum. Was ist eine gerechte Gesellschaft? Die Erzählwelt des Romans ist aus dem Gleichgewicht geraten, irgendwo zwischen einem Naturzustand (in dem Chaos herrscht und diejenigen mit Geld und/oder Waffen die Macht ausüben) und einem Polizeistaat (in dem Paranoia herrscht und der Staat die Macht monopolisiert). Der Held hofft, dieses Ungleichgewicht irgendwie zu korrigieren.

Andere moralische Themen können die Herausforderung von Anstand, Ehre und Integrität in einer korrupten Welt, individuelle Freiheit versus Recht und Ordnung und die Spannung zwischen Ehrgeiz und Verpflichtungen gegenüber anderen sein.

Werfen wir nun einen Blick auf die historische Entwicklung des Genres.

Die Geschichte des Kriminalromans

G2F867 Cain Slaying Abel by Peter Paul Rubens, Oil on panel, c.1608-09. Cain and Abel were the two eldest sons of Adam and Eve and this painting shows Cain slaying his brother.

Es ist zwar leicht, den einen oder anderen zu finden, der behauptet, zu wissen, was wirklich der erste Krimi der Weltgeschichte war, aber es ist fast unmöglich, ein solches Werk wirklich zu benennen. Manchmal wird sogar die Geschichte von Kain und Abel genannt, und in diesem Fall wäre Gott wohl der Detektiv. Aber da er allwissend ist, ist das nun keine große Sache. Auch die “drei goldenen Äpfel” aus Tausendundeiner Nacht werden manchmal zitiert, aber ob es sich dabei auch nur im Entferntesten um einen Krimi handelt, ist fraglich, da der Protagonist keine Anstalten macht, das Verbrechen aufzuklären und den Mörder der Frau zu finden. Aus diesem Grund argumentieren andere, dass die Trophäe an ein anderes Märchen mit dem Titel “Die drei Prinzen von Serendip” gehen sollte, ein mittelalterliches persisches Märchen, das auf Sri Lanka spielt (Serendip ist der persische Name für diese Insel). Die Prinzen sind hier die Detektive und finden das verschwundene Kamel durch Zufall (oder durch “Serendipity”, ein Wort, das von Horace Walpole, dem Autor der ersten Gothic Novel, geprägt wurde und seitdem in Gebrauch ist). Es bezeichnet wertvolle Dinge, nach denen man nicht gesucht hat, die einem aber zufällig in den Schoß fallen).

Sayers und die Antike

Wo finden wir die Anfänge des Kriminalromans in der Literatur und wer hat den ersten Whodunit geschrieben? Die Antwort liegt weiter zurück als bei Arthur Conan Doyle, Wilkie Collins oder gar Edgar Allan Poe, der oft als Vater des Genres bezeichnet wird. Viel weiter zurück.

Eine der ersten Autorinnen, die sich mit der Frage nach Vorläufern beschäftigte, war Dorothy Sayers. In der Einleitung zu ihrer bahnbrechenden Anthologie „The Omnibus of Crime“ (1929) stellte Sayers eine kurze Liste der sogenannten „Vorfahren“ des Genres auf.

Antonio del Pollaiolo: Herkules

Aus der antiken römischen Literatur zitierte Sayers die Geschichte von Herkules und Kakus. Als Herkules sein Vieh den Tiber entlang trieb, hielt er an, um ein Nickerchen zu machen. Während er schlief, tauchte das Ungeheuer Kakus aus seiner Höhle auf dem Palatin-Hügel auf und raubte einen Teil der Herde. Als Herkules erwachte, zählte er die Rinder und stellte fest, dass einige fehlten. Er folgte den Spuren der fehlenden Tiere, kam an eine Stelle, an der die Hufspuren abrupt aufhörten, und war verblüfft. Tatsächlich hatte der schlaue Kakus die Rinder in diese Richtung gelenkt und sie dann an den Schwänzen zurück in seine Höhle gezogen. Herkules – offensichtlich kein großer Detektiv – war ratlos, bis er das Muhen des fehlenden Viehs hörte, die Höhle fand und den Dieb erschlug.

Sayers zitierte diese Geschichte, weil der Plan des Bösewichts auf dem beruhte, was sie „die Schaffung falscher Spuren“ nannte – Hufspuren, die ins Leere führten. Wir haben es hier nicht mit einem vollwertigen Krimi zu tun, sondern mit einem rudimentären Element der Kriminalliteratur, das hier vielleicht zum ersten Mal als literarisches Mittel eingesetzt wird. Wie alt ist die Geschichte? Obwohl sie in einer prähistorischen, mythischen Vergangenheit angesiedelt ist, stammen unsere frühesten Beispiele dieser Geschichte (wie die in Vergils Aeneis) aus dem ersten Jahrhundert vor Christus; der große römische Religionshistoriker Georges Dumézil stellt fest, dass „die Legende von der eher unfreundlichen Begegnung zwischen Herkules und Kakus sicherlich noch nicht sehr alt war, als Vergil sie durch seine Dichtkunst aufwertete“.

Aus der jüdischen Literatur zitiert Sayers zwei Geschichten über den biblischen Helden Daniel. Die eine ist die oft gemalte Geschichte von Susanna im Bade. Zwei geile Richter, die zu den Ältesten gehören, spionieren Susanna aus, während sie nackt in einem Teich badet; erregt sprechen die alten Säcke sie an und verlangen Sex von ihr. Sonst würden sie das Gerücht verbreiten, sie treffe sich heimlich mit einem Liebhaber. Susanna weigert sich, woraufhin die Alten sie des Ehebruchs bezichtigen. Es sieht schlecht aus für die Badeschönheit, bis Daniel ihr zu Hilfe kommt. Er besteht darauf, dass die Ältesten getrennt verhört werden, und tatsächlich passen ihre unterschiedlichen Versionen nicht zusammen. Als Lügner und falsche Ankläger entlarvt, werden die Ältesten hingerichtet und Susanna rehabilitiert. Sayers nennt dies die erste Anwendung der „Zeugenanalyse“.

Die Sphinx und Daniel.

Daniel nutzte seine detektivischen Fähigkeiten auch, um einige Götzenpriester zu entlarven. Jede Nacht wurde ein großes Festmahl für den Götzen Bel in seinen Tempel gebracht, das Heiligtum wurde versiegelt und am Morgen waren alle Speisen verschwunden, offenbar von Bel gegessen. Eines Tages, kurz bevor der Raum für die Nacht verschlossen wurde, blieb Daniel zurück und streute heimlich Asche auf den Boden. Am nächsten Morgen waren die Schritte der Scharlatane, die sich als Priester ausgaben, deutlich zu sehen; sie waren in der Nacht durch eine Geheimtür eingedrungen und hatten das Festmahl selbst verzehrt. Sayers nannte dies die erste Anwendung der „Analyse materieller Beweise“. Offensichtlich war dieser Daniel ein cleverer Bursche, man könnte ihn sogar als Detektiv bezeichnen (wenn nicht als Mordermittler) und in der Geschichte von Bel einen Vorläufer des Mysteriums des verschlossenen Raumes sehen.

1951 veröffentlichte Ellery Queen in Queen’s Quorum „A History of the Detective-Crime Short Story“ dieselben Beispiele aus der antiken Literatur und nannte sie die „Inkunabeln“ der Kriminalliteratur. (Inkunabeln: die frühesten Stadien oder ersten Spuren von etwas; von einem alten lateinischen Wort für die Riemen, die ein Baby in einer Wiege halten).

Was die Behauptung betrifft, Daniel sei der erste Detektiv der Literatur gewesen, so haben sowohl Ellery Queen als auch Dorothy Sayers einen anderen Kandidaten völlig übersehen: Ödipus, König von Theben.

Das berühmte Theaterstück von Sophokles über die Tragödie des Ödipus wurde um 429 v. Chr. in Athen uraufgeführt – Jahrhunderte bevor die „Inkunabeln“ über Daniel oder Herkules geschrieben wurden. Schriftliche Fragmente der Ödipus-Geschichte reichen sogar noch weiter zurück, bis in die Anfänge der antiken Literatur.

Es ist nicht nur wahrscheinlich, dass Sophokles‘ Ödipus der älteste der hier zitierten „Vorfahren“ oder „Inkunabeln“ ist, sondern die Tragödie ist auch ein vollwertiger Kriminalroman mit allen Elementen, die dem modernen Leser vertraut sind – ein Mörder, ein Opfer, ein Augenzeuge und ein Detektiv, der nach der Wahrheit sucht, bis er die Büchse der Pandora mit den schändlichen Geheimnissen aller Menschen geöffnet hat.

Zu Beginn des Stücks wird die Stadt Theben von einer verheerenden Seuche heimgesucht. Die Seuche kann nur gestoppt werden, wenn der Mörder des vorherigen Königs gefunden wird. Es ist die Aufgabe des amtierenden Königs Ödipus, das Verbrechen aufzuklären.

Und wie wurde Ödipus König? Er kam als einsamer Wanderer nach Theben und beendete eine frühere Pestepidemie, indem er das berühmte Rätsel der Sphinx löste (womit er bereits seine Fähigkeiten als Rätsellöser unter Beweis stellte); die dankbaren Thebaner machten ihn zum König, um den Platz einzunehmen, den der kürzlich ermordete König Laios hinterlassen hatte.

Spoiler

Die alten Griechen wussten, dass Sophokles etwas Besonderes gelungen war. Aristoteles schrieb in seiner Poetik über Ödipus: „Von allen Erkenntnissen ist die beste diejenige, die sich aus den Ereignissen selbst ergibt, wo die erstaunliche Entdeckung mit natürlichen Mitteln gemacht wird. So ist es im Ödipus des Sophokles. … . . Diese Entdeckungen allein kommen ohne die künstliche Hilfe von Zeichen oder Amuletten aus“. Mit anderen Worten, die Enthüllungen im Ödipus kommen nicht durch das Ziehen eines Kaninchens aus dem Hut, sondern durch schrittweise detektivische Arbeit, und sie sind um so wirkungsvoller, als sie durch einen unvermeidlichen Deduktionsprozess zustande kommen.

Hätte Sophokles die Geschichte linear erzählt, hätten wir zuerst den Mord und dann die Folgen gesehen und wüssten von Anfang an, wer der Mörder ist. Stattdessen begann er mit dem Ende der Geschichte und konstruierte eine vollständig realisierte Mordgeschichte, die, soweit wir wissen, von keiner vorherigen Vorlage ausging. Sophokles hat nicht nur den Kriminalroman erfunden, er war auch der erste, der das Genre selbst unterlief, indem er Detektiv und Mörder zur selben Person machte. (Als König ist Ödipus auch Richter und Geschworener, der die Strafe für das Verbrechen verhängt.)

Der erste Kriminalroman

Die erste moderne Kriminalgeschichte wird Edgar Allan Poe und seinen “Morden in der Rue Morgue” (1841) zugeschrieben, tatsächlich ist E.T.A. Hoffmanns “Das Fräulein von Scuderi” über zwanzig Jahre älter. Es gibt auch eine Erzählung mit dem Titel “The Secret Cell” (1837), die von Poes eigenem Verleger William Evans Burton verfasst wurde, einige Jahre älter als “Die Morde in der Rue Morgue” ist und ein frühes Beispiel für eine Detektivgeschichte darstellt. In dieser Erzählung muss ein Polizist das Rätsel um ein entführtes Mädchen lösen.

Als erster Kriminalroman wird oft “Der Monddiamant” (1868) von Wilkie Collins genannt, aber “Das Rätsel von Notting Hill” (1862) von Charles Warren Adams ist ihm um fünf Jahre voraus und damit tatsächlich der erste Kriminalroman, zumindest wenn man den Literaturwissenschaftlern glauben darf. Denn Voltaires “Zadig” (1748), mehr als ein Jahrhundert zuvor erschienen, hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Poe und seinen C. Auguste Dupin. Andere nennen Dickens’ Roman “Bleak House” (1853) als wichtigen Meilenstein in der Entstehung des modernen Kriminalromans, da er mit Inspektor Bucket einen Detektiv einführt, der den Mord an dem Anwalt Tulkinghorn aufklären soll, wobei die detektivische Handlung nur den letzten Teil des Buches ausmacht.

Der berühmteste Detektiv ist Sherlock Holmes

Sherlock Holmes ist zweifellos der berühmteste fiktive Detektiv, der je geschaffen wurde, und neben Hamlet, Peter Pan, Ödipus (dessen Geschichte tatsächlich als die erste Detektivgeschichte der gesamten Literatur betrachtet werden kann), Heathcliff, Dracula, Frankenstein und anderen eine der berühmtesten fiktiven Figuren der Welt.

Holmes wurde natürlich von Sir Arthur Conan Doyle erschaffen und ist weitgehend eine Mischung aus Poes Dupin (einige von Dupins Ticks tauchen kaum verhüllt in den Sherlock-Holmes-Geschichten auf) und Dr. Joseph Bell, einem Arzt, der Doyle während seines Medizinstudiums an der Universität Edinburgh unterrichtete.

Holmes & Watson

Sherlock Holmes hingegen zieht entgegen landläufiger Meinung keine wirklichen Schlüsse, deduziert also nicht: Streng genommen nimmt seine Analyse die Form einer Induktion an, die etwas ganz anderes ist. In der Logik bedeutet Deduktion, Schlussfolgerungen aus allgemeinen Aussagen zu ziehen, während die Induktion konkrete Beispiele voraussetzt (die Zigarettenasche auf der Kleidung des Klienten, der Lehm an seinen Stiefeln usw.). Alternativ haben einige Logiker behauptet, dass Holmes’ Argumentationsketten eher als Abduktion denn als Deduktion oder Induktion bezeichnet werden können. Abduktives Denken ist das Aufstellen einer Hypothese auf der Grundlage von Beweisen, was eine ziemlich gute Zusammenfassung dessen ist, was Holmes tut.

Die okkulten Detektive

Nach dem Erfolg der Sherlock-Holmes-Geschichten und der wachsenden Popularität von Geistergeschichten und Schauerromanen Ende des 19. Jahrhunderts entstand ein neues Subgenre: der okkulte Detektiv, der Verbrechen (möglicherweise) übernatürlichen Ursprungs aufklärt, oft im Sherlock-Stil. Dr. Hesselius von Sheridan Le Fanu wird oft als erste Figur dieses Genres genannt, obwohl er selbst nicht viel aufklärt. Meistens sitzt er nur auf einem Stuhl und hört zu. Die populärste Figur dieses Subgenres ist der von Algernon Blackwood geschaffene “Psycho-Arzt” John Silence. Blackwoods John Silence: Physician Extraordinary (1908) war das erste belletristische Werk, das auf Reklametafeln am Straßenrand beworben wurde, und entwickelte sich zu einem Bestseller.

Das 20te Jahrhundert

Im 20. Jahrhundert war Endeavour Morse nur einer in einer langen Reihe von Detektiven aus dem Oxford-Milieu. Zu seinen bemerkenswerten Vorgängern zählen Lord Peter Wimsey (geschaffen von Dorothy L. Sayers) und der Oxford-Professor Gervase Fen aus der Feder von Edmund Crispin (eigentlich Bruce Montgomery). Crispin gilt als einer der letzten großen Vertreter des klassischen Kriminalromans.

Die populärste Krimiautorin aller Zeiten ist jedoch Agatha Christie – und es gibt so viele faszinierende Fakten über Agatha Christie, dass wir sie in einem eigenen Artikel behandeln müssen.

Der Detektivroman vor der viktorianischen Ära

Es ist kein großes Geheimnis, dass der Kriminalroman und die Detektivgeschichte ihre Wurzeln im Viktorianischen Zeitalter haben, obwohl es Geschichten über Verbrechen schon viel früher gab. Zwischen 1800 und 1900 wurden etwa 6000 Titel in englischer Sprache veröffentlicht. Auch das ist nicht verwunderlich: Die englischsprachigen Länder strotzten damals nur so vor kulturellen Innovationen, und das ist bis heute, von wenigen Ausnahmen abgesehen, so geblieben.

Charles Dickens, Portrait
von Jeremiah Gurney

Offensichtlich hatte das englische Lesepublikum des viktorianischen Zeitalters einen großen und lang anhaltenden Appetit auf Kriminalromane. Woher kam dieser Appetit?

Der berühmte Newgate-Kalender versorgte ab 1773 die englische Öffentlichkeit erstmals regelmäßig mit Informationen über kriminelle Aktivitäten, indem er Geschichten veröffentlichte, die auf wahren Taten von Gefangenen des Newgate-Gefängnisses basierten. Zusammen mit den biographischen Hintergründen der einzelnen Angeklagten ergaben sich Geschichten, die den persönlichen moralischen Verfall in den Mittelpunkt stellten und, obwohl als lehrreiche Warnung gedacht, auch den Appetit auf mehr solcher Geschichten weckten. So verbreiteten sich die Geschichten und beeinflussten bald auch die Belletristik. Volkstümliche Autoren sahen sich plötzlich veranlasst, über Verbrechen zu schreiben, um die Zahlungsbereitschaft der Bevölkerung für solche Geschichten auszunutzen. Die so entstandenen Romane nannte man Newgate-Romane. In ihnen wurde oft Sympathie für die Verbrecher geäußert und die Umstände, die sie zum Verbrechen trieben, dargestellt.

Charles Dickens (Oliver Twist und Barnaby Rudge), Edward Bulwer-Lytton (Paul Clifford und Eugene Aram) und Harrison Ainsworth (Jack Sheppard) erfreuten sich mit ihren spannenden Geschichten über das Leben realer oder erfundener Verbrecher großer Beliebtheit.

Tageszeitungen berichteten über Gerichtsverhandlungen, darunter die Illustradet Times, die 1856 eine Sonderausgabe über den Prozess gegen Dr. William Palmer herausbrachte, der unter anderem seine Frau und mehrere seiner Kinder vergiftet hatte. Die Auflage der Zeitung verdoppelte sich daraufhin.

Einige Verbrechen schafften es sogar bis ins Theater. Es schien, dass die englische Öffentlichkeit nicht nur von Verbrechen fasziniert war, sondern auch alle möglichen Formen der Darstellung schätzte, von Prozessberichten über Nachrichten bis hin zu Romanen und Theaterstücken.

Die Gründung von Scotland Yard

Mit der Gründung des London Metropolitan Police Service (Scotland Yard) im Jahr 1829 und der City of London Police im Jahr 1839 kam ein zweiter Aspekt in die Betrachtung der Kriminalität: Wie wurden Verbrecher identifiziert, gefasst und vor Gericht gestellt? Hier boten sich dramatische Möglichkeiten, den Kampf zwischen Polizei und Kriminellen, zwischen Gut und Böse zu erforschen. Die Einführung von Männern, die sich der Aufklärung von Verbrechen widmeten, bot ein Modell für den persönlichen Kampf zwischen Detektiv und Schurken, der als eines der grundlegenden Merkmale des Kriminalromans angesehen werden muss.

Old Scotland Yard

Innerhalb dieser morbiden Faszination für das Verbrechen gab es ein besonderes Interesse an Frauen, die zu Mörderinnen wurden. Dies mag vor allem daran gelegen haben, dass Frauen seltener vor Gericht gestellt wurden als Männer, und dass dies eine Kuriosität in der damaligen Vorstellung von der Frau als einer weniger gewalttätigen und eher nährenden und liebenden Beschützerin von Heim und Kindern darstellte. Diese Ansicht war auch der Grund dafür, dass Frauen weit weniger streng oder eher medizinisch behandelt wurden.

Gerichtsfälle wie der von Constance Kent, die 1865 ihren dreijährigen Halbbruder ermordete, indem sie ihm die Kehle durchschnitt, oder der von Madeleine Smith, die 1857 ihren Liebhaber mit Arsen ermordete, veranschaulichten und verstärkten die Vorstellung, dass Frauen die schlimmsten Verbrechen sowohl gegen die Zivilisation als auch gegen ihre eigene weibliche Natur begehen konnten. In einem Bericht der Times (28.07.1865) wird ein Mangel an Emotionen bei Kent festgestellt, der dazu führte, dass ihr Todesurteil in Zwangsarbeit umgewandelt wurde.

Madeleine Smith, die angeklagt war, einen lästigen Liebhaber vergiftet zu haben, stand genau auf der anderen Seite, nämlich der des ungezügelten sexuellen Appetits,

Trotz einer Staatsanwaltschaft, die entschlossen war, Smiths moralische Verwerflichkeit aufgrund ihrer sexuellen Aktivitäten vor Gericht zu bringen, gelang es ihr, einer Verurteilung zu entgehen. Rechtshistoriker vermuten, dass es zwar wenig Beweise gab, die sie mit dem Mord in Verbindung brachten, dass sie aber ebenso wahrscheinlich einem Schuldspruch entging, weil sie die Aussage verweigerte und sich so einer direkten Befragung entzog, und weil sie während des neuntägigen Prozesses die Ruhe bewahrte.

Madeline Smith war als Giftmörderin alles andere als einzigartig. Ein Drittel aller Kriminalfälle des 19. Jahrhunderts, in denen Vergiftungen nachgewiesen wurden, betrafen Arsen. Es war leicht in Apotheken erhältlich, um Schädlinge im Haushalt zu töten, und billig. Die Symptome einer Arsenvergiftung waren für einen Gerichtsmediziner nicht von anderen Magenerkrankungen zu unterscheiden, so dass ein Giftmörder gute Chancen hatte, der Strafverfolgung zu entgehen. Zumindest bis 1836, als Arsen im Körper nachgewiesen werden konnte und Arsenvergiftungen tatsächlich seltener wurden. Zudem boten neue Scheidungsgesetze Frauen die Möglichkeit, einer unglücklichen Ehe zu entfliehen. Das Klischee, dass Gift eine Waffe der Frauen sei, entstand in dieser Zeit durch Mörderinnen wie Madeleine Smith.

Als Königin Victoria 1837 den Thron bestieg und damit das Viktorianische Zeitalter einläutete, war die Popularität von Kriminalgeschichten in allen Medien bereits 60 Jahre alt. Der Grundstein für die erste Blütezeit des Kriminalromans war gelegt, unter anderem mit den Geschichten von Arthur Conan Doyle und seinem Detektiv Sherlock Holmes.

Die drei ??? und der Fluch des Rubins

Der menschliche Geist ist besessen von Mustern. Sobald wir sie in der Natur erkennen, ergeben sie unweigerlich einen Sinn; sei es der Goldene Schnitt in den Keimspiralen im Kopf einer Sonnenblume, oder die Strömungsdynamik bei der Bildung von Sanddünen – Mustern kann man nur schwer widerstehen.

Bis dahin war Robert Arthurs Serie mit Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews unter dem Namen Die drei Detektive einem eigenen Muster gefolgt: Das Gespensterschloss (1964), Die flüsternde Mumie (1965) und Der verschwundene Schatz (1966) – bekannt als Die ungeraden Nummern – waren sehr gut; Der Super-Papagei (1964), Der grüne Geist (1965) und Die Geisterinsel (1966) – auch bekannt als Die geraden Nummern – waren, äh, weniger gut. Nicht unbedingt schlecht, aber definitiv der schwächere Arm der Serie. Der Fluch des Rubins (1967) ist das siebte Buch der Reihe, und jetzt stehen wir vor den Frage, ob sich das Muster in der Qualität der Nummern hier bestätigt? (Da sich die deutsche Erscheinungsweise vom Original unterscheidet, sollte man sich immer – wie wir hier – um die eigentliche Zählung kümmern. Okay, die deutsche Übersetzung ist ohnehin eher schlecht, aber wir haben nun einmal nichts anderes, und um ehrlich zu sein, gewöhnt man sich irgendwie daran).

Fluch des Rubins
(c) Harry Kane 

Der Aufhänger ist sicherlich gut, vielleicht sogar der beste bisher: Der junge August ‚Gus‘ August erhält von seinem verschiedenen Onkel Horatio August einen geheimnisvollen Brief, der auf eine wunderbare Entdeckung hinzuweisen scheint, die ihn aber nur dann erwartet, wenn er das Rätsel löst, das der Brief enthält. Wieso ist der Brief ein Rätsel? Nicht nur, weil Onkel Horatio gerne spielt, sondern auch weil …

„Ich wage es nicht unverhüllt auszusprechen, damit andere nicht entdecken, was Dir zugedacht ist. Es ist mein Eigen; ich erwarb es und besitze es, doch seine böse Macht forderte ich nie heraus. Nun sind fünfzig Jahre vergangen – dieses halbe Jahrhundert sollte Läuterung bewirkt haben. Es darf jedoch nicht geraubt oder gestohlen werden. Es muss gekauft, als Geschenk empfangen oder gefunden werden.“

Und so geht der junge Herr August zu Alfred Hitchcock, und Hitch ruft Just an, und wir sind unterwegs. Und was für eine Reise das ist …

Ob es nun das größere Vertrauen in seine Erfindung ist, die er mit sechs Büchern im Hintergrund weiß, das Potenzial, auf das er zurückgreifen kann, oder ob es an diesem speziellen Plot liegt, der Arthurs Säfte plötzlich zum Fließen brachte, dies ist eine wunderbar selbstbewusste, kreatives und unterhaltsames Abenteuer. Sogar Kleinigkeiten wie die Tatsache, dass die zentrale Idee einer Sherlock-Holmes-Geschichte entnommen wurde, mit der erzählungsinternen Erklärung, dass dies absichtlich eine Anspielung ist, weil Onkel Horatio die Werke von Conan Doyle liebt, vermitteln das Gefühl, dass Arthur es vorzieht, sich von ähnlichen Werken dieses Genres inspirieren zu lassen und ihnen neue Dimensionen zu verleihen.

Fluch des Rubins

Und auch hier gibt es ein paar verdammt gute Szenen – nicht zu viele, es wird nicht plötzlich von der klassischen Ermittlungsarbeit in Richtung actiongeladenes Abenteuer driften -, aber das, was hier zu finden ist, ist auf eine Art und Weise intelligent genutzt, so dass man das Gefühl hat, es schon einmal erzählt, es aber noch nicht gezeigt bekommen hat. Die Tatsache, dass ein Kapitel mit dem Titel ‚Des Rätsels Lösung‘ tatsächlich einige handfeste Schlussfolgerungen liefert, und zwar auf der Grundlage von Informationen, die man selbst hat (obwohl – einige davon hat man eben nicht – aber man braucht sie auch nicht wirklich…), ist ein Vergnügen, und Arthur legt eine mehr als passable falsche Fährte und schafft es, in einer Schlüsselphase eine überraschende Wendung einzubauen… Meine Güte, das ist ja fast ein wirklicher klassischer Kriminalfall! Es gibt Wortspiele, es gibt ein mäßig komplexes Hin und Her von wechselnden Machtverhältnissen zwischen nicht nur einer, sondern zwei Gruppen von Bösewichten, und zum ersten Mal werden die scheinbar unbedeutenden Aktivitäten der Jungs, die eher immer in ihre Fälle stolpern und dann darauf reagieren, tatsächlich mit Bedeutung gefüllt. Man stelle sich Arthur vor, wie er mit einer Zigarette zwischen den Zähnen auf einer alten Schreibmaschine herumhämmert: „Ihr wollt Zusammenhänge? Ich gebe euch Zusammenhänge…!“

In der Tat ist die Handlung straffer, als man auf den ersten Blick vermuten würde, und es ist ein wenig schade, dass die Dinge nach dem Ende der Haupthandlung in einem anderthalbseitigen Epilog von Hitch aufgelöst werden, in dem die verschiedenen Entwicklungen beschrieben werden, die einige der Protagonisten und Ereignisse zusammengeführt haben. Man kann den Wunsch, diese Bücher immer nur auf ein paar wenige Seiten zu beschränken, akzeptieren, und es hätte andererseits die Dinge unnötig aufgebläht, müssten die Jungs herumlaufen und diese Dinge selbst herausfinden. Aus redaktioneller Sicht ist es also absolut die richtige Entscheidung, aber es ist eine so wunderbare Leistung von der ersten bis zur letzten Seite, dass ich mir wünschte, wir würden etwas mehr bekommen als das übliche „Ich sage euch, warum das passiert ist.“

Stephen Marchesi
(c) Stephen Marchesi 

Der Hauch von fremdartiger Verschrobenheit, mit dem diese Bücher so stark handeln, wird weniger durch das Englische Getue von Gus als durch den großen, schlanken indischen Gentleman erzeugt, der größtenteils als Dreipunkt bekannt ist. Seine offensichtliche Rücksichtslosigkeit bei der Suche nach dem MacGuffin gibt Anlass zu einigen köstlichen Befürchtungen über mögliche Gefahren:

„Angenommen, er glaubt nicht, dass wir tatsächlich nicht wissen, wo Augustus von Polen ist … Die Orientalen haben ganz brutale Foltermethoden, um die Leute zum Reden zu bringen!“
„Deine Phantasie geht mit dir durch, Nummer Zwei“, stellte Justus fest. „Wir sind in Kalifornien, nicht im Fernen Osten. Mir ist nicht bekannt, dass seit den Indianerkämpfen hier jemand gefoltert wurde.“
„Das ist noch lange keine Garantie für die Zukunft“, murmelte Peter düster…

Den gefährlichsten Moment des Buches stellt jedoch die schwarzer-Schnurrbart-Gang dar. So genannt, weil ihre Mitglieder alle die gleiche, an Groucho Marx (von den Marx-Brothers) erinnernde Verkleidung tragen, nämlich eine runde Brille und einen offensichtlich falschen Schnurrbart. So sehen wir sie, als sie Just schnappen und ihn einem nicht gerade richtig üblen, aber auch nicht gerade angenehmen Verhör unterziehen.

Interessanterweise ist das das erste Mal in diesen Büchern, dass man das Gefühl einer echten Gefahr hat, und ehrlich gesagt, hat dies das Buch um einiges besser gemacht.

Fluch des Rubins

Man erfährt auch etwas über den Hintergrund der Protagonisten. Die Drei Detektive begannen als Club der Knobelfreunde, also der Fans von Rätseln. Und wenn es einem nicht warm ums Herz wird, wenn Bob die eifrige Liz Logan alias „Fragezeichen-Superfan“ kennenlernt, dann stimmt etwas nicht mit einem. Der kurze Einblick in Bobs Arbeit in der Bibliothek und die Interaktion mit seiner Familie haben mir außerdem gezeigt, wie subtil sich diese Bücher an mich herangeschlichen haben und mich dazu brachten, mich auf sie einzulassen, ohne dass ich mich jemals allzu sehr anstrengen musste. Bei den ersten Büchern war ich mir nicht ganz sicher, wie das mit uns funktionieren würde, aber nach sieben Büchern – von denen vier sehr gut sind – bin ich jetzt bereit, auch die restlichen zu lesen. Es bleibt abzuwarten, ob die anderen Autoren, die die Chance hatten, der Serie ihren Stempel aufzudrücken, dies mit der gleichen Effizienz getan haben, die Arthur hier an den Tag legt.

Ich bin im Moment von dieser Serie äußerst begeistert, also erwarte ich in Kürze Die silberne Spinne.