Zatanna – Die Tochter des Magiers

Eine Tochter sucht ihren Vater — und findet sich selbst

Hawkman #4
Hawkman #4

Zatanna ist eine kleine Sensation. Das liegt an einem strukturellen Trick, den Autor Gardner Fox anwandte: Die Figur erschien im Juli 1964 in Hawkman #4 und ihr Debüt war zugleich der Beginn einer mehrteiligen Suche quer durch das ganze DC-Universum, die sich konsequent über mehrere Serien und Ausgaben erstreckte. Das war 1964 eine unerhörte Idee. Zwar gab es bereits Crossover, doch ein Charakter, der in fremden Heften auftauchte, weil er dort aktiv jemanden suchte, war narrativ äußerst kühn und stellte eine Neuerung im Superhelden-Comic dar.

Wen suchte sie? Nun, ihren Vater. Giovanni Zatara, der im DC-Universum bereits eine Legende war. Der Bühnenmagier, der allerdings ein echter Magier war, der seit den späten 1930er Jahren in den Comics erschien, war verschwunden. Seine Tochter Zatanna zog nun von Heft zu Heft, von Held zu Held, um ihn aufzuspüren. Sie bat Batman, die Atome, Green Lantern und den Elastoman um Hilfe. Schließlich fand sie ihn in Justice League of America #51 (1967) sowohl ihren Vater und wurde außerdem auch endgültig in die Gemeinschaft der DC-Helden aufgenommen. Diese Suche über verschiedene Serien hinweg war bereits die Charakterzeichnung der Figur. Sie wurde als jemand eingeführt, der keine Grenzen kennt, wenn es darum geht, zu finden, was sie sucht.

Zatanna – Die Tochter des Magiers weiterlesen

Der Architekt des Traums: Stan Lee

Die Bronx und die Geburt eines Namens

Stanley Martin Lieber wurde am 28. Dezember 1922 in New York City als Sohn jüdisch-rumänischer Einwanderer geboren, die in der Bronx eine bescheidene Existenz führten. Nach der Großen Depression fand sein Vater, ein Kleiderschneider, kaum noch regelmäßige Arbeit, sodass die Familie mehrfach umzog, aber immer innerhalb des gleichen Milieus blieb. In dicht bewohnte Mietskasernen mit der Geräuschkulisse der Stadt als permanente Begleitung und dem Bewusstsein, dass Aufstieg zwar möglich, aber keineswegs garantiert war. In diesem Umfeld entwickelte Lieber früh eine Leidenschaft für das Kino, für Literatur, für Errol Flynn und für die Idee, dass Geschichten Menschen aus ihrem Alltag herausheben können, wenn auch nur vorübergehend und illusorisch. Manche überleben seelisch allerdings nur deshalb.

via Stan Lee Legacy

Mit siebzehn Jahren begann er als Assistent bei Timely Comics, einem kleinen Verlagshaus, das Comichefte produzierte, was damals noch ein kaum ernstzunehmendes Medium war, das sich in den Kioskregalen zwischen Groschenromanen und Pulp-Magazinen behaupten musste. Er brachte Kaffee, löschte Tintenflecken und erledigte Botengänge. Dass er schon bald selbst schreiben würde, war weniger seinem Talent als der Gelegenheit geschuldet. Der Betrieb war klein, der Bedarf groß und er war vor Ort. Sein erster Text war eine zweiseitige Füllgeschichte in einem Captain-America-Heft, die er unter einem Pseudonym veröffentlichte: Stan Lee. Er wollte, so sagte er später, seinen richtigen Namen für die große Literatur aufheben, die er noch zu schreiben beabsichtigte. Die große Literatur kam nie. Stan Lee blieb, wo er war. Und wurde unsterblich.

Der Architekt des Traums: Stan Lee weiterlesen

Etrigan – Der reimende Dämon aus Camelot

Ein König, ein Zauberer und eine Strafe für die Ewigkeit

Etrigan

Es gibt Momente in der Comicgeschichte, die sich im Nachhinein wie Naturgewalten lesen, das sind Schöpfungsakte, bei denen ein einzelner Autor eine so vollständige und fremde Idee in die Welt setzte, dass das Medium danach ein kleines Stückchen anders aussah. Jack Kirbys Erfindung von Etrigan im Jahr 1972 ist einer dieser Momente. Merkwürdig ist nur, dass er heute zu den am wenigsten gefeierten zählt.

Die Prämisse ist so schlicht wie sie gewagt ist: In der letzten Nacht von Camelot, als Artus‘ Reich in Flammen und Verrat versank, band der Zauberer Merlin einen Höllendämon namens Etrigan an einen menschlichen Ritter namens Jason Blood. Es handelte sich um eine Strafe, war aber für ihn auch Schutz und damit Fluch und Gabe in einem. Die Quellen sind sich da uneins, und das ist mit Bedacht so gewählt. Seitdem streift Jason Blood unsterblich durch die Jahrhunderte, trägt das Wissen um die Vergänglichkeit aller Dinge in sich und die Fähigkeit, sich in ein gelbes, feuerspuckendes Höllengeschöpf zu verwandeln, das in Reimen spricht und das Böse mit einer Begeisterung bekämpft, die gelegentlich beunruhigender wirkt als das Böse selbst.

Etrigan – Der reimende Dämon aus Camelot weiterlesen

Wonder Woman

Sensation Comics #1

Es gibt eine Szene im ersten Wonder-Woman-Comic von 1942, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal gesehen hat: Eine Frau im Sternenbanner-Bikini und mit roten Stiefeln schleudert einen Nazi-Panzer durch die Luft, als wäre es Spielzeug, und lächelt dabei. Es ist ein breites, beinah kindliches Strahlen, das echte Freude an der eigenen Stärke ausdrückt. Das war 1942 in einem amerikanischen Mainstream-Comicheft. Mit einer Frau als Protagonistin.

Man muss kurz innehalten, um zu begreifen, wie ungeheuerlich das war.

Wonder Woman erschien erstmals in All Star Comics #8 im Oktober 1941, knapp einen Monat vor dem Angriff auf Pearl Harbor. Ab Frühjahr 1942 erhielt die Figur dann ihre eigene Serie. Ihr Schöpfer war William Moulton Marston, ein Psychologe, Erfinder des ersten brauchbaren Lügendetektors, Harvard-Absolvent und promovierter Jurist. Er schrieb die Comics unter dem Pseudonym Charles Moulton. Der Name war eine Mischung aus seinem eigenen mittleren Vornamen und dem seines Verlegers Maxwell Charles Gaines, dem Gründer von All-American Comics, dem Vorläufer von DC. Gaines hatte Marston auf Empfehlung der damaligen Bildungsberaterin Olive Richard engagiert. Wie sich herausstellte, war Olive Richard eine seiner beiden Lebensgefährtinnen.

Wonder Woman weiterlesen

Die Bedeutung der Robins im Batman-Kosmos

Mehr als nur ein Sidekick

Es gibt eine Frage, die Comicfans seit Jahrzehnten spaltet, und sie lautet ungefähr so: Warum braucht Batman überhaupt einen Robin? Der Dunkle Ritter, diese monolithische Figur aus Schmerz, Disziplin und Nacht, wirkt auf den ersten Blick vollständig in sich selbst ruhend. Er ist kein Teamplayer. Er braucht niemanden. Und trotzdem kehrt Robin immer wieder zurück, in verschiedenen Gesichtern, verschiedenen Kostümen, mit verschiedenen Lebensgeschichten. Hinter dieser Absicht steckt eine der klügsten erzählerischen Entscheidungen in der Geschichte des amerikanischen Comics.

Der erste Robin und die Wahrheit hinter seiner Erschaffung

Dick Grayson trat 1940 auf den Plan, gerade einmal ein Jahr nach Batman selbst. Geschaffen wurde er von Bob Kane, Bill Finger und dem Zeichner Jerry Robinson, wobei Robinson als der eigentliche kreative Motor hinter der Figur gilt, was in der Comicgeschichte leider lange zu wenig gewürdigt wurde. Die offizielle Begründung war zunächst eine rein kommerzielle: Batman verkaufte sich gut, aber die Redaktion von DC wollte eine Identifikationsfigur für jüngere Leser. Ein Teenager, der neben dem großen Helden kämpft, sollte es sein, und der dieselbe Sprache spricht wie der Leser zu Hause.

 Dick Graysons unterschiedliche Erscheinungsformen auf dem variant cover von Nightwing #118 (September 2024).
Gestaltet von Nicola Scott.
Zu sehen sind Dick Graysons unterschiedliche Erscheinungsformen auf dem Variant-Cover von Nightwing #118 (September 2024).
Gestaltet von Nicola Scott.

Das funktionierte. Die Verkaufszahlen schnellten nach Dicks erstem Auftritt in Detective Comics #38 in die Höhe. Aber was dabei entstand, war weit mehr als ein Marketinginstrument. Dick Grayson spiegelt Bruce Wayne auf eine Weise, die das gesamte emotionale Fundament der Figur verändert. Beide verloren ihre Eltern durch Gewalt. Beide kennen das schwarze Loch, das ein solcher Verlust hinterlässt. Der Unterschied ist, dass Dick Grayson trotzdem noch lacht. Wo Bruce Wayne sich in sein Trauma eingegraben hat wie in eine Festung, trägt Dick sein Leid mit einer Offenheit, die geradezu beunruhigend wirkt, wenn man es neben Batmans stoische Starre hält.

Das ist der eigentliche Grund, warum Robin existiert. Er ist das, was Batman hätte werden können, wenn Thomas und Martha Wayne in einem anderen Moment erschossen worden wären. Wenn Bruce ein Jahr jünger gewesen wäre, oder ein Jahr älter, oder wenn Alfred früher eingegriffen hätte. Robin ist die Möglichkeit, die Bruce Wayne nie hatte.

Die Bedeutung der Robins im Batman-Kosmos weiterlesen

Der Ketzer aus Belfast: Garth Ennis

Belfast und die Formung eines Blicks

Garth Ennis via Marvel Fandom

Garth Ennis wurde 1970 in Holywood im County Down in Nordirland geboren und wuchs in Belfast auf, einer Stadt, die in den 1970er- und frühen 1980er Jahren buchstäblich im Krieg mit sich selbst lag. Der jahrzehntelang andauernde bewaffnete Konflikt zwischen republikanischen und unionistischen paramilitärischen Gruppen sowie der britischen Armee prägte den Alltag Belfasts mit einer Intensität, die für Außenstehende kaum vorstellbar ist: überall musste man Checkpoints passieren, Bombendrohungen und die allgegenwärtige Präsenz des Todes als politisches Instrument waren an der Tagesordnung. Ennis hat in Interviews stets betont, dass er sich an diese Kindheit nicht bewusst erinnert, und gerade diese scheinbare Beiläufigkeit ist dann doch recht aufschlussreich. Man wächst nicht in einem Kriegsgebiet auf, ohne eine bestimmte Beziehung zur Gewalt zu entwickeln, und sei es ein nüchternes Wissen darum, was Gewalt ist und was sie mit Menschen macht.

Der Ketzer aus Belfast: Garth Ennis weiterlesen

Doctor Strange – Hüter der Realität

Ein Sturz in die Tiefe

Strange Tales #110
Strange Tales #110

Es gibt eine sehr kleine Kategorie von Comicfiguren, bei denen man sagen kann: Ohne eine bestimmte Persönlichkeit hinter dem Zeichentisch wäre die Figur buchstäblich undenkbar. Doctor Strange gehört eindeutig in diese Kategorie, und die Persönlichkeit ist Steve Ditko. Als Stan Lee und Ditko die Figur im Juli 1963 in Strange Tales #110 debütieren ließen, war das Marvel-Universum gerade dabei, sich mit einer Geschwindigkeit zu erfinden, die selbst Beteiligte später kaum fassen konnten. Innerhalb von drei Jahren hatte Jack Kirby die Fantastic FourThor und die New Gods mitaufgebaut, während Lee und Ditko den Spider-Man erschufen. Doctor Strange war ganz anders als die anderen. Er war so leise wie ein Kammermusikstück in der Bigband-Ära.

Doctor Strange – Hüter der Realität weiterlesen

Spirou – Der Page im roten Kostüm

Rob-Vel

Die Figur des Spirou wurde erstmals 1938 von dem Künstler François Robert Velter (besser bekannt unter seinem Pseudonym „Rob-Vel“) gezeichnet. In dem phantasievollen ersten Comic läuft Spirou buchstäblich vom Blatt, als er auf eine Stellenanzeige als Page antwortet. (Im Laufe der Zeit wechselte Spirou den Beruf und wurde Reporter, aber seine kultige rote Pagenuniform legte er nie ab.) Velters Comics über Spirou und sein Eichhörnchen Pips konzentrierten sich im Allgemeinen auf alberne Gags und verzichteten auf ernsthafte Dramen. Sie erwiesen sich als recht populär, und der Verlag Dupuis bekundete Interesse, die Comics herauszugeben. Für die damalige Zeit ungewöhnlich, verkaufte Velter die Rechte an den Figuren, so dass seither andere Geschichten für Spirou schreiben und zeichnen konnten – und es auch taten! Bis heute haben sich mehr als 20 Autoren und Künstler daran versucht. Am bekanntesten sind André Franquin (der den Comic von 1947 bis 1969 führte) und das Team Philippe ‚Tome‘ Vandevelde und Jean-Richard.

Spirou – Der Page im roten Kostüm weiterlesen

Poison Ivy – Die Frau, die die Natur zur Waffe machte

Batman #181
Batman #181

Es gibt Comicfiguren, die aus dem Zeitgeist heraus geboren werden und für immer in ihm stecken bleiben. Und dann gibt es Poison Ivy. Als Robert Kanigher und der Zeichner Sheldon Moldoff die Figur im Juni 1966 für Batman #181 erschufen, dachten sie vermutlich nicht daran, eine der komplexesten Figuren der DC-Geschichte zu erschaffen. Ihr Ziel war bodenständiger: Sie wollten dem immer erfolgreicher werdenden Batman-Franchise mit einer neuen weiblichen Schurkin frischen Wind geben. Dabei ließen sie sich, so geht die Überlieferung, von Bettie Page und dem Stummfilm-Vamp Theda Bara inspirieren. Kanigher war kein unbekannter Name im Comicbusiness. Er hatte Wonder Woman durch die 1950er- und frühen 1960er-Jahre gesteuert, die Metal Men miterfunden und verfügte über einen Instinkt für Figuren, die sich im Gedächtnis festsetzen.

Poison Ivy – Die Frau, die die Natur zur Waffe machte weiterlesen

Die Mumie. Eine vergessene Kreatur

Wenn man an klassische Monster denkt, fallen einem sofort einige ein. Dracula, Frankenstein, der Wolfsmensch. Die Mumie ist immer dabei, aber irgendwie abseits. Wie das Ungeheuer aus der Schwarzen Lagune spielt auch die Mumie im Universal-Pantheon eher eine Nebenrolle. Sie hatte sowohl in der klassischen Universal- als auch in der Hammer-Ära ihr eigenes Franchise. Aber das war sozusagen ihre Blütezeit. Seitdem humpelt die Mumie vor sich hin.

Genrewechsel

© Universal Picture

Tatsächlich musste sie das Genre wechseln, um am Leben zu bleiben. Die meisten Horrorkreaturen haben schon das eine oder andere Genre gekreuzt, sei es in den witzigen Zeitreise-Possen von Frankenstein Unbound oder den Goonies-artigen Abenteuern von Monster Busters. Aber wenn es um die Mumie geht, so scheint dieses Monster tatsächlich vom Horror- ins Action-Genre gewechselt zu sein, nur um sich über Wasser zu halten. Und wenn ich meine Mumien auf diese Weise bekommen muss, dann soll es so sein. Aber um ehrlich zu sein, ich vermisse die einfacheren Zeiten, in denen eine Mumie einfach nur eine watschelnde, vertrocknete Leiche war.

Die Mumie. Eine vergessene Kreatur weiterlesen