Spider-Man – Die Spinne

Auch nach über fünfzig Jahren macht sich Spider-Man als Außenseiter immer noch recht gut. Man versucht immer wieder, ihn zu verfilmen, und er schafft es irgendwie, sowohl bei Kindern als auch bei seinen langjährigen Fans authentisch zu bleiben. Spider-Mans anhaltender Erfolg hat allerdings wenig mit seiner Fähigkeit zu tun, Wände hochzukrabbeln, seinen übermenschlichen Kräften oder seinem coolen Kostüm. Die Fans lieben Spider-Man, weil er Probleme damit hat, seine Miete zu bezahlen. Er war nicht gerade der beliebteste Kerl in der Schule und hatte auch nicht immer Erfolg bei Mädchen. Comicleser – oder „die wahren Gläubigen“, wie Spider-Mans Miterfinder Stan Lee sie nennt – folgten dem Netzschwinger wegen seines menschlichen Alter Egos Peter Parker, der mit den gleichen täglichen Herausforderungen zu kämpfen hat wie sie selbst.

Spider-Man

Bevor Spider-Man 1962 debütierte, waren Batman und Superman die beiden populärsten Comic-Helden. Diese beiden und viele andere in ihrem Dunstkreis wurden als gottgleich gezeichnet: Sie schienen omnipräsent zu sein und hatten die körperlichen Eigenschaften eines Adonis. Da gab es eine ganz klare Linie zwischen den Helden und den Menschen, die sie beschützten. Lee und Spider-Man-Mitgestalter Steve Ditko verwischten diese Grenze, als ihr Wandkrabbler in der 15. Ausgabe von Marvel Comics’ „Amazing Fantasy” seinen ersten Auftritt hatte.

Lee, der 1961 mit der Einführung der „Fantastischen Vier” einen Erfolg verbuchen konnte, wollte einen einzigartigen Helden erschaffen, der nicht in die Superman-/Batman-Ecke des Comic-Universums passte, aber in der jungen „Amazing Fantasy”-Serie funktionieren könnte. Trotzdem war sein Verleger Martin Goodman sehr skeptisch.

„Martin sagte mir drei Dinge, die ich niemals vergessen sollte“, sagt Lee. „Er sagte, die Leute hassen Spinnen, deshalb könne man einen Helden nicht ‚Spider-Man‘ nennen. Als ich ihm dann sagte, dass der Held am Anfang ein Jugendlicher sein sollte, meinte Martin, dass ein Jugendlicher unmöglich ein Held sein könne, höchstens ein Gefährte. Als ich ihm dann noch sagte, dass ich ihn nicht gerade erfolgreich bei den Mädchen sein lassen wollte, sondern eher an einen pickligen Schüler dachte, fragte Martin mich, ob ich überhaupt eine Vorstellung davon hätte, was ein Held sei.“

Den Lesern wird Peter Parker als ein schüchterner, hochintelligenter Außenseiter vorgestellt, der bei seiner Tante May und seinem Onkel Ben lebt. Er ist das Opfer vieler Späße der angesagten Jungs und ein Objekt der Verachtung der Mädchen. Peter, ein einsames Waisenkind, hat nur zwei Freunde: seine Tante und seinen Onkel.

Sein Leben ändert sich, als er auf einer Schulfahrt von einer radioaktiven Spinne gebissen wird. Plötzlich verfügt er über außergewöhnliche körperliche Kräfte und die Sinne einer Spinne. Zunächst führt er heimlich eine Nebenbeschäftigung als „The Spider-Man“ aus, bei der er nach der Schule in zirkusähnlichen Shows auftritt.

Bei einer dieser Shows weigert sich „The Spider-Man“, einen Räuber aufzuhalten, der vor einem Polizisten flieht. Dieser Räuber wird später Peters Onkel Ben bei einem Einbruch töten und den gequälten Teenager so dazu bringen, sein Leben und seine Kraft dem Kampf für Gerechtigkeit zu widmen. Spider-Man hat die Lektion gelernt, die sein Onkel ihm kurz vor seinem Tod mit auf den Weg gab: „Aus großer Macht folgt große Verantwortung.“

Von Anfang an wurden den Lesern Spider-Mans Menschlichkeit und Schwächen vor Augen geführt. Selbst mit seinen Fähigkeiten konnte er seine Lieben nicht vor Schaden schützen und war den täglichen Härten des Lebens ausgeliefert. Das sind die zwei grundlegenden Themen, die in den Comics immer wieder auftauchen. Damit konnten sich die Leser identifizieren.

Batman und Superman haben sich bewusst dazu entschlossen, ihre Kräfte für das Gute einzusetzen“, sagt Thomas Inge, Professor für englische Literatur und Geisteswissenschaften am Randolph-Macon-College in Virginia. „Superman kam mit dieser Gabe auf die Welt, während Batman sein Leben der Rache widmete, weil seine Eltern ermordet wurden. Peter Parker wurde hingegen zufällig zum Superhelden. Er ist 16 Jahre alt, unbeliebt in der Highschool, hat Akne und eine Menge Probleme. Gewissermaßen hat er keine andere Wahl, weil seine Kräfte ihm auferlegt wurden. Wir könnten alle Peter Parker sein.“ Inge fügt hinzu:

“Es gehört zu unseren typischen Fantasien, uns selbst zu entkommen. Manchmal wollen wir einfach jemand anders sein.”

Nach Spider-Man eroberten immer mehr Superhelden, die mit alltäglichen Problemen zu kämpfen hatten, die Comics. Während sich „Die Unsichtbare“ der Fantastischen Vier über Dr. Doom (und wie die Welt zu retten ist) Gedanken macht, plagt sich ihre Alter Ego Susan Richards damit, für ihren Ehemann Reed Richards (Mr. Fantastic), den Workaholic der Gruppe, vielleicht wirklich unsichtbar zu sein.

Iron Mans Alter Ego, Tony Stark, kämpfte in den 70ern mit seiner Alkoholsucht. Bruce Banner war nicht nur das Opfer einer Gammastrahlenexplosion, sondern verwandelt sich auch immer dann in den Hulk, wenn er verärgert ist. In den Geschichten der 90er Jahre wurde aufgedeckt, dass er als Kind missbraucht wurde, was eine Menge Wut in ihm zum Gären bringt.

Dadurch wurden selbst langjährige Charaktere menschlicher. In den DC-Comics tauchten immer mehr Geschichten auf, in denen sich Clark Kent fragt, ob Lois Lane ihn als den sanften Reporter des Daily Planet oder als seine geheime Identität Superman liebt.

„Nach Spider-Man hatte jeder die Formel verstanden, die Stan Lee entwickelt hatte, um die kostümierten Helden greifbarer zu machen. Man muss die private Seite zeigen, um sie interessant zu machen“, sagt Joe Quesada, Chefredakteur bei Marvel Comics. „Wenn die Helden stets nur den Sieg davontragen, ist das Thema nach einiger Zeit ausgelutscht.“

Spider-Man hat gezeigt, dass Comicleser ihre Helden übermenschlich, aber mit einigen Schwächen wollen. Sie nutzen die Helden für ihren Eskapismus, wünschen sich aber auch einen Schuss Realität. Spider-Man spiegelt die jahrzehntelange Anziehungskraft fehlerbehafteter Helden wider. Samsons Haar war seine Stärke – und ein leichtes Ziel für Delilah. Achilles hatte seine Ferse.

„All unsere Helden haben eine Schwachstelle, die sie liebenswert macht“, sagt Inge. Sie haben eine ambivalente Moral. Huck Finn war zum Beispiel kein idealer Charakter. Er tat einige fragwürdige Dinge, um das zu bekommen, was er wollte, und stand vor einem moralischen Dilemma, als es um Jim, den Sklaven, ging, bevor er das Richtige tat.“

Ein Großteil des Realismus von Spider-Man gründet auf seiner Umgebung. Superman und Batman beschützen hingegen die fiktiven Städte Metropolis bzw. Gotham. Peter Parker ist in New York zu Hause, als Jugendlicher lebte er in Queens. Später zieht er nach Hell’s Kitchen, um dort als freiberuflicher Fotograf zu arbeiten.

Das ist auch der Grund, warum Spider-Man der erste Charakter war, der auf die Terroranschläge des 11. Septembers innerhalb einer Storyline reagierte. Diese Ausgabe, „Amazing Spider-Man” Nr. 36, war eine der meistverkauften Comics überhaupt.

Amazing Spider-Man #36; Marvel 2001

Es ist unklar, aber äußerst unwahrscheinlich, ob die Superheldenfilme den Comics mehr Leser beschert haben oder ob jüngere Leute dadurch wieder zu Comics greifen. Tatsächlich sind in Comicläden weltweit hauptsächlich Geschäftsleute mit Aktentaschen, aufstrebende Künstler oder Schriftsteller zu sehen – aber keine Kinder oder Jugendlichen.

Popeye – Der Seemann

Popeye, der Seemann hatte seinen Höhenflug in der goldenen Ära der Cartoons in den 30er und 40er Jahren. Während andere Trickfiguren (wie Donald Duck oder Bugs Bunny) sich zwar entwickelten und veränderten, aber ihre Popularität nicht unbedingt einbüßten, verhielt es sich bei Popeye anders. Jüngere Leser (falls es die hier geben sollte) werden die Figur kaum mehr kennen, und wenn, dann nur vom Hörensagen durch ihre Eltern. Alle Versuche, die Figur aufzufrischen, sind gescheitert.

Sein Comic-Debüt gab Popeye im Jahre 1929, und wie das so oft der Fall ist, war der Matrose gar nicht als eine Hauptfigur gedacht, sondern eine unter vielen für Elzie Segars Comic-Serie Thimble Theatre (Fingerhut-Theater), die er bereits seit 1919 zeichnete. Dort war Popeye ein einäugiger, deformiert aussehender Matrose mit einer schweren Sprachbehinderung. Die anderen Figuren waren Popeyes große Liebe Olive Oyl, die wie eine Magersüchtige aussah und ein weiterer (viel größerer) Matrosen namens Bluto (später aus rechtlichen Gründen in „Brutus“ geändert). Als Segar diese Figur dann zurückzog, schrieben ihm viele verärgerte Leser und forderten Popeye zurück. Das Ergebnis war, dass Popeye endlich seine Hauptrolle bekam. Es ist später etwas unklar, ob Popeye tatsächlich nur ein Auge hat oder nur schielt (obwohl ihn Bluto in mindestens einem Cartoon als „einäugigen Zwerg“ bezeichnet). Auf den Matrosen verfiel Segar, als zwei andere Figuren seines ursprünglichen Comics – Ham und Castor – beschlossen, auf die Suche nach einer legendären Kreatur namens Whiffle Henn in See zu stechen. Weder Ham noch Castor wussten etwas vom Segeln, also heuerten sie einen Matrosen an, der sie auf ihre Reise mitnahm. Im Strip vom 17. Juni 1929 geht Castor auf einen rauflustigen, einäugigen Mann mit Kapitänsmütze zu und fragt ihn: „Sind Sie ein Matrose?

„Ja, halten Sie mich für einen Cowboy?“, antwortet der Matrose. Popeye, der Seemann, war geboren.

Popeyes unsterbliche Liebe zu Olive Oyl hält während der gesamten Karriere des Matrosen an, trotz der offensichtlichen Tatsache, dass Olive unattraktiv ist und es ihr an Sexappeal mangelt. In den ursprünglichen Thimble Theatre-Comics war Olive Oyls Freund „Ham Gravy“. Er wurde wegen Popeyes sprunghaft ansteigender Popularität dann aus der Comicserie gestrichen.

In den Popeye-Comics und -Zeichentrickfilmen beleidigt und beschimpft Olive Popeye regelmäßig, ist routinemäßig untreu und behandelt ihn im Allgemeinen bei zahlreichen Gelegenheiten wie Dreck. In mehr als einem Popeye-Cartoon schlägt oder verprügelt Olive den glücklosen Matrosen. Man fragt sich, was Popeye an der figurlosen Olive Oyl so anziehend findet. Ähnliches fragt man sich auch über Popeyes beziehung zu Bluto. In den meisten Episoden ist Bluto ein ausgewiesener Rivale um Olives Zuneigung, in anderen sehen wir bei beiden jedoch die Karikatur einer Freundschaft. Bluto treibt trotzdem unweigerlich fast immer ein doppeltes Spiel mit seinem „Kumpel“, so dass man sich fragt, warum Popeye den Kerl nicht aus seinem Leben wirft.

Die frühen 1930er Jahre waren eine Zeit heftiger Konkurrenz unter den amerikanischen Zeichentrickstudios, die hart daran arbeiteten, kleine Zeichentrickfiguren zu „Stars“ aufzubauen, die zur Steigerung der Kinobesuche und des Gewinns der Studios genutzt werden konnten. Die Walt Disney Studios machten es mit Mickey Mouse, Donald Duck und Goofy, und Warner Brothers machte es mit Bugs Bunny und Daffy Duck. Eine Firma namens Fleischer Studios, die von den Brüdern Max und Dave Fleischer geleitet wurde, hatte eine sehr beliebte Figur namens Betty Boop und war auf der Suche nach weiteren Figuren.

Popeye war Max Fleischers Lieblingscomicstrip, und im November 1932 wandte er sich an eine Führungskraft des King Features Syndicate, der Firma, der der Popeye-Strip gehörte.

Fleischer beschloss, Popeyes Attraktivität zu testen, indem er ihn in einem Betty-Boop-Cartoon zeigte. Doch aus Angst, dass andere Studios seine Idee stehlen und ihre eigenen Seemannscharaktere kreieren könnten, sperrte er den Trickfilmzeichner Roland Crandall in ein Studio ein, wo Crandall die nächsten Monate damit verbrachte, den ersten Popeye-Zeichentrickfilm im Geheimen zu animieren.

„Betty Boop Presents Popeye the Sailor“ war ein Riesenhit, als er im Sommer 1933 Premiere hatte, und in den nächsten Jahren folgten eine Reihe von Cartoons. In den späten 1930er Jahren stellte Popeye sogar Disneys Mickey Mouse in den Schatten und wurde zur beliebtesten Zeichentrickfigur der Vereinigten Staaten.

Auf seinem Höhepunkt war der Popeye-Wahnsinn mehr als nur eine Modeerscheinung – er war ein kulturelles Phänomen. Der Comicstrip, der in 638 Zeitungen in ganz Amerika erschien, war dafür verantwortlich, dass der englischen Sprache die Wörter „Jeep“ und „Goon“ (beides Figuren im Comicstrip) hinzugefügt wurden; und die Spinatbauern machten Popeyes Popularität dafür verantwortlich, dass der Absatz von Spinat zwischen 1931 und 1936 um 33% stieg und sie so vor dem Ruin während der Großen Depression bewahrte. (Segar brauchte eine Erklärung für Popeyes Superkraft. In den späten 20er Jahren priesen Gesundheitsspezialisten die Vorteile von Spinat als Supernahrungsmittel, so dass Segar Popeyes Kraft dem Gemüse zuschrieb.)

Kämpfe gehörten von Anfang an zu Popeyes Persona. Am heftigsten war er zu Beginn der Comicstrips zu beobachten, als er fluchte, sich prügelte und oft Tiere, Menschen und leblose Objekte schlug. Die Schroffheit dieser frühen Zeichentrickfilme war für das Publikum der 1930er und 1940er Jahre gut geeignet, denn man erkennt sie leicht als eine natürliche Reaktion der Zeit. Eine Bevölkerung, die von der Weltwirtschaftskrise frustriert war, mochte die Idee, dass ein kleiner Mann zurückschlägt und gewinnt. Auch sie wollten sich gegen etwas wehren, das sie fürchteten und nicht verstanden.

Doch als Popeye in den 1930er Jahren bei Kindern immer beliebter wurde, forderte der Besitzer der King Features Segar auf, das Fluchen und die Gewalt abzumildern und den Streifen kindgerechter zu gestalten. Popeye hörte auf zu fluchen, blieb aber genauso gewalttätig wie eh und je, nur kämpfte Popeye jetzt nicht mehr grundlos, sondern immer für das, was richtig war – er war kein Raufbold mehr. Popeye war nun ein vollwertiger Held. Was Popeye jedoch während der Weltwirtschaftkrise und nach dem zweiten Weltkrieg berühmt gemacht hatte, begann in den 70er und 80er Jahren gegen ihn zu wirken. Eltern machten sich Sorgen über das Ausmaß der Gewalt, die Kinder im Fernsehen sahen. Heute, da Gewalt das Merkmal der Unterhaltungsindustrie schlechthin ist, kann man das kaum mehr nachvollziehen, auch wenn es weiterhin Pseudo-Debatten über FSK-Richtlinien gibt.

Popeye erhielt 1987 eine Runderneuerung: Er tauschte das Segeln gegen den Besitz eines Fitnessclubs ein, war mit Olive Oyl verheiratet und hatte einen Sohn namens Junior. Ebenso war Bluto mit einer Frau namens Lizzie verheiratet und hatte einen Sohn namens Tank. Die neue Serie mit dem Namen „Popeye and Son“ war ein solches Quoten-Desaster, dass sie nach nur 13 Wochen abgesetzt wurde.

Alfred E. Neumann – Das geheimnisvolle Mondgesicht

Alfred E. Neumann ist eine der geheimnisvollsten Figuren der gesamten Popkultur. Über seine genau Herkunft ist wenig bekannt, allerdings tauchte er im Laufe der Geschichte schon lange an den ungewöhnlichsten Orten auf, bevor er zum Maskottchen der Satirezeitschrift MAD wurde.

Alfred E. Neumann
Die berühmte Postkarte, die Norman Mingo
als Vorlage zu seiner Version von Alfred E. Neumanns hernahm

Der Mitbegründer des MAD-Magazins Harvey Kurtzman behauptete, das erste Mal ein Abbild von Alfred auf einer Postkarte entdeckt zu haben, die in den 50er Jahren an das schwarze Brett im Büro eines Redakteurs von Ballantine Books geheftet war.

Es sah aus wie das Porträt eines Bauerntrampels, teils anzüglicher Klugscheißer, teils jemand, der der Welt nichts zu sagen hatte, außer Unfug zu treiben. Die Bildunterschrift lautete „Was soll ich mir Sorgen machen?“.

Diese Unterschrift – im Original „What, me worry?“ – wurde als „Na und?“ in die deutsche Fassung übertragen.

Der Name Alfred Neumann wurde einfach vom gleichnamigen amerikanischen Filmkomponisten abgeschaut und von dem MAD-Zeichner Al Jaffee mit einem zusätzlichen E versehen.

Sein offizielles Debüt gab der schelmische Rotschopf im Dezember 1956, als er auf dem Cover von MAD Nr. 30 als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen erschien. Seitdem war er auf fast jedem MAD-Titelbild zu sehen: Er verulkte und verunglimpfte kulturelle Ikonen mit nichts weiter als einem schläfrigen Gesichtsausdruck. Obwohl MAD ihm einen Zweck und ein dauerhaftes Zuhause gab, bleibt seine Entstehungsgeschichte bis heute schwer zu fassen.

Sie handelt unter anderem von einer Pflaumenpudding-Werbung, einem dubiosen Rechtsstreit und einem Wanderzirkus aus dem neunzehnten Jahrhundert. Neumann ist für immer ein Synonym für das Magazin und seine unendliche Respektlosigkeit, aber das Rätsel um sein wahres Alter setzt dem Ganzen vielleicht die Krone auf.

Im November 1954 debütierte Neumann mit MAD auf dem Cover einer Taschenbuchsammlung mit Nachdrucken aus den ersten beiden Jahren der Satirezeitschrift. Alfred erschien erstmals in Comics auf dem Cover der Ausgabe 21 im März 1955, aber nur als winziges Bild in einer Scherzanzeige. Es handelte sich um eine Gummimaske mit der Aufschrift „Idiot“, die für 1,29 Dollar angeboten wurde.

Von Heft 30 an erschien er mit wenigen Ausnahmen auf dem Cover jeder Ausgabe. Maskottchen waren inzwischen zu einem Prestigepunkt geworden: Der Playboy hatte sein Häschen, Esquire hatte den großäugigen Mr. Esky, und MAD hatte nun seinen Alfred.

Allerdings war Alfred eine kurze Zeit auch als Mel Haney bekannt. Und eine Frau mit einem ähnlichen Gesicht, das nur eine Mutter lieben konnte, namens Moxie Cowznofski erschien ebenfalls kurz in den späten 1950er Jahren. Im redaktionellen Text wurde sie als Alfreds „Freundin“ ausgegeben, aber es gab einige Spekulationen darüber, dass es sich um ihn in weiblicher Gestalt handelte. Um solche Vermutungen zu zerstreuen, wurden Alfred und Moxie dann zusammen abgebildet.

Der Name leitete sich von Moxie ab, einem damals bekannten Erfrischungsgetränk, das in den 1950er Jahren in Portland, Maine, hergestellt wurde. Natürlich ist es kein Zufall, dass es in vielen Ausgaben auch beworben wurde.

Das erste Titelbild wurde von Norman Mingo gezeichnet. Bis dahin war Mingo auf Pin-ups im Vargas-Stil spezialisiert. Er befand sich kurz vor dem Ruhestand, als er auf die Anzeige der New York Times reagierte, die ILLUSTRATOR WANTED lautet. Zunächst schreckte er zurück, als er zum ersten Mal den Hauptsitz des Magazins in 485 “MADison Avenue” besuchte, aber sein üppiger Stil passte perfekt zu der aufkeimenden Publikation, und – um es kurz zu machen – er brauchte das Geld. Beginnend mit dem Neumann-Auftrag malte er in den nächsten zwanzig Jahren tatsächlich die meisten Cover von MAD.

Die Klage

Im Jahr 1965, als das Gesicht zu einer vertrauten Posse in der nationalen Kultur geworden war, verklagte die Witwe eines Karikaturisten namens Harry Spencer Stuff das Magazin. Neumann, so die Klägerin, sei eine Kopie von Stuffs Karikatur „The Original Optimist“, auch bekannt als „Me-worry?“, die er 1914 urheberrechtlich schützen hat lassen.

Antikama
Antikama-Kalender von 1908

Um sich gegen die Klage zu wehren, wendete sich MAD an seine Leser und bat sie um Beweise für die Existenz des Jungen vor 1914. Das Bild, das Kurtzman zuerst auf einer Postkarte entdeckte, entpuppte sich dann tatsächlich als immer wieder auftauchendes Motiv der Billigwerbung, das bis ins frühe zwanzigste Jahrhundert zurückreicht. So war er zum Beispiel 1942 auf einer Streichholzschachtel für ein Autoteilegeschäft in Longhorn, Texas, zu sehen, auf dem Etikett von Happy Jack, einer 1939 verbreiteten Limonade, auf der Speisekarte eines Coffeeshops in Ashland, Nebraska, auf einem Kalender von 1908 für Antikamnia, ein mit Heroin versetztes Schmerzmittel, in einer Anzeige von 1905 für „schmerzfreie Zahnbehandlung“ mit dem Hinweis: Es tut kein bisschen weh!, und in einem Programmheft von 1902 für Maloney’s Wedding Day, einer Musical-Komödie. Im Mittelpunkt jeder Grafik stand das Porträt eines Jungen mit zerzaustem rotem Haar, Untertassenohren und dem typischen Grinsen einer Kackfresse, dem ein Zahn fehlt. Stuff mag das Bild geschützt haben, indem er dem Jungen das verschlafene Grinsen und die schiefe Haltung gab, aber frühere Versionen legen nahe, dass seine Karikatur selbst eine modifizierte Kopie war. Das Gericht entschied zu Gunsten von MAD: Neumann war also ein vaterloser Mutant und damit gemeinfrei.

Ein Archetyp noch nicht in Sicht

Die Schriftstellerin und Forscherin Maria Reidelbach berichtete 1992 von einer Anzeige für Hackfleisch von Atmores und echtem englischen Pflaumenpudding von 1895, die sie gefunden hatte. Die Anzeige erschien in der New Yorker Ausgabe der Illustrated London News und im McClures Magazine.

Pflaumenpudding-Werbung, ca. 1895

“Die Gesichtszüge des Kindes sind voll entwickelt und unverkennbar”, schrieb Reidelbach, “und das Bild wurde sehr wahrscheinlich von einem noch älteren Vorbild entnommen, das noch nicht gefunden wurde.”

Es ist möglich, dass Alfred E. Neumanns Gesicht auf alte Medizin-Shows zurückgeht, die damals sehr populär waren.

Der König der kanadischen Medizinmänner war Thomas Patrick Kelley, der ab 1886 durch Kanada und die USA reiste und Patentmedizin wie ostindisches Tigerfett und Passionsblumentabletten verkaufte. Er war so bekannt, dass Drogisten in Toronto und Winnipeg seine Produkte in ihren Drogerien anboten. Seine bevorzugten Reiseziele waren Illinois, Michigan und Ohio. Andere Medizin-Shows, darunter die Kickapoo Company, reisten ebenfalls durch die Gegend, aber sie schienen es nie über die Grenzen von Toronto geschafft zu haben.

Jock McCulla

Neben den Banjospielern, Ringkämpfer-Bären usw. war das populärste Mitglied von Kelleys Truppe der in Schottland geborene Komiker Jock McCulla, der mit seinen oft sehr schmerzhaft anmutenden Possen und Slapstick zu einem der beliebtesten Komiker Nordamerikas wurde, noch vor Film und Vaudeville. Es ist durchaus denkbar, dass er nach einem besonders schlimmen Sturz sagte: „Es hat gar nicht wehgetan“, woraufhin in den Drogerien entlang der Strecke Flaschen mit irgendeinem Schmerzmittel für Jungen verkauft wurden, denen ein Hockey-Puck oder ein Baseball die Zähne ausgeschlagen hatte.

Jock McCulla hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Alfred E., er hatte karottenrote Haaren und ein zahnloses Grinsen. Möglicherweise ist er der Vorläufer des geheimnisvollen Mondgesichts irgendwann zwischen 1890 und 1896.

In der Zeit vor der schmerzfreien Zahnmedizin gehörte das Ziehen von Zähnen mit einer Zange und die Verabreichung von Schmerzmitteln zu den Hauptbestandteilen der umher reisenden Medizinshows. Das Schmerzmittel war recht wirksam, da es oft mit Opium oder Kokain gemischt wurde. Violet McNeal schrieb 1947 ein anschauliches Buch über die Zeit der Medizin-Shows: Four White Horses and a Brass Band (Vier weiße Pferde und eine Blaskapelle), in dem das Leben, die Betrügereien und Verbrechen der reisenden Künstler und Quacksalber detailliert beschrieben werden. Viele der an den Medizinshows beteiligten Männer und Frauen lieferten illegale Drogen wie Kokain und Opium an den ganzen Kontinent, von Manitoba über das Inland Empire, den amerikanischen Süden, den Mittleren Westen und die Ostküste. Medizinshows gehörten zu den ersten Werbeträgern in Zeitungen, Almanachen, auf Flaschenetiketten, illustrierten Karten, Zäunen, Bauernhäusern und sogar Felswänden.

Alfred E. Neumann könnte allerdings auch gar keinen wirklichen Ursprung haben und sehr wohl ein Teil des kollektiven Unbewussten der Welt sein, ein Trickster oder Schamane. Es könnte durchaus sein, dass sein idiotisches Gesicht und sein zahnloses Grinsen von den Wänden einer vergessenen Höhle herabstrahlen, die seit Anbeginn der Menschheit vor den Augen aller verborgen ist.