The Shadow

„Who knows what evil lurks in the hearts of men? The Shadow knows!“ (Wer weiß, welches Böse in den Herzen der Menschen lauert? Der Schatten weiß es!). Dieser Satz, gesprochen von dem Schauspieler Frank Readick, wurden begleitet von einem musikalischen Thema, dem 1872 komponierten Le Rouet d’Omphale von Camille Saint-Saëns.

In unseren Breitengraden spielte The Shadow keine große Rolle, aber in Amerika ist er einer der bekanntesten Pulp-Helden überhaupt.

Meister der Täuschung

The Shadow #1
„The Living Shadow“;
Cover von The Shadow #1
(April 7, 1931). Gezeichnet
von Modest Stein.

The Shadow ist der Batman der Groschenromane, sowie Doc Savage dort der Superman ist. Die Analogie zu Batman ist allein schon deshalb berechtigt, weil viele Shadow-Romane dann später als Vorlage für Batman-Geschichten verwendet wurden. Ganz zu Beginn, im Jahr 1931 war die Figur zunächst nur ein mysteriöser Erzähler, der die Geschichten aus dem Street & Smith’s Detective Story Magazine zum Besten gab, um die Verkaufszahlen des Magazins zu steigern.

Als die Redakteure erfuhren, dass die Leser häufig an den Kiosken nach einem „Shadow-Magazin“ fragten, wussten sie, dass sie schnell handeln mussten. Herausgeber Henry Ralston beauftragte schließlich Walter Gibson mit der Schaffung der Figur. 

Mit Gibson, einem Bühnenzauberer und Schriftsteller, trafen sie eine gute Wahl, denn er baute die Bühnenmagie um die Figur herum, die als Grundlage für die besonderen Fähigkeiten des Shadow diente. Es gab allerdings keine übernatürliche Komponente. Wenn man sich die Figur und die Elemente, die Gibson später enthüllte, genauer ansieht, erkennt man, dass der Shadow tatsächlich ein Meister der Spionage und Täuschung war, und dass er diese Fähigkeiten zusammen mit seinen Illusionen zur Verbrechensbekämpfung einsetzte.

In vielen der frühen Geschichten hielt sich der Shadow eher im Hintergrund, sammelte Informationen und fand heraus, was der Bösewicht tat, bevor er seinen eigenen Zug machte. Er hatte einen Kader von Agenten rekrutiert, die ihm helfen sollten. Und es waren tatsächlich Agenten, keine Helfer oder Partner wie bei den anderen Helden. Keiner kannte seine wahre Identität; sie waren nicht seine Freunde; sie hingen nicht mit ihm herum. Die meisten gingen ihrem normalen Leben und ihrer Arbeit nach, sprangen bei Bedarf aber ein. Einige sammelten lediglich Informationen und gaben sie weiter.

The Shadow
Werbefoto für die CBS-Radioserie The Detective Story Hour, die Sendung, mit der The Shadow 
dem Radiopublikum vorgestellt wurde. Die Figur wurde ursprünglich von James La Curto
gespielt; November 1930

Ein Mann namens Harry Vincent war in den ersten Groschenromanen fast ein Ersatzheld, der meist in Situationen geriet, aus denen der Shadow ihn dann herausholen musste. Cliff Marsland und Hawkeye waren seine Unterweltkontakte. Moses Shrevnitz, der Taxifahrer, chauffierte ihn herum, und der Pilot Miles Crofton kümmerte sich um seinen kleinen Traghubschrauber. 

Wer ist The Shadow wirklich?

Die meisten kennen auch Margo Lane, eine Kreation der späteren Radioshow, die viel später in den Pulps auftauchte. Und es gibt noch einige andere, von denen viele nur in ein paar Geschichten auftauchen. Es ist bedauerlich, dass die meisten Comicserien diese vielen Figuren kaum nutzen: Jericho Druke, Dr. Roy Tam, Slade Farrow, Myra Reldon und andere.

Es ist gar nicht so klar, wer der Shadow überhaupt ist. In den späteren Radiosendungen schien es der Millionär Lamont Cranston zu sein. Aber alle, die die Romane kennen, wissen, dass das nicht der Fall ist.

Tatsächlich erscheint er im zweiten Roman als Lamont Cranston. Allerdings gibt es hier einen Haaken, denn in der dritten Geschichte kehrt Lamont Cranston von einer Auslandsreise zurück und wird plötzlich mit sich selbst konfrontiert. Es scheint, dass der Shadow Cranstons Identität benutzt hat, um sich unauffällig in der High Society bewegen zu können. Die beiden treffen eine Vereinbarung. Der echte Cranston reist weiterhin ins Ausland und erlaubt dem Shadow, seine Identität zu benutzen. Das funktioniert gut, bis Cranston sechs Jahre später verletzt wird und der Shadow gezwungen ist, seine wahre Identität anzunehmen, Kent Allard, ein Pilot und Spion des Ersten Weltkriegs. Cranston tauchte sogar gelegentlich auf und half dem Shadow bei seinen Fällen. 

Der Shadow hatte allerdings noch andere Identitäten, die er benutzte. Er schlüpfte in die Rolle von Fritz, dem Hausmeister, der im Polizeipräsidium arbeitete, um die Polizisten auszuspionieren, meistens Detective Joe Cardona. Er benutzte auch die Identität des Geschäftsmanns Henry Arnaud und des älteren Isaac Twambley. Was wir nie erfahren haben, ist sein Ursprung, seine Origin Story. Was brachte Kent Allard dazu, seinen Kampf gegen das Verbrechen als The Shadow zu beginnen?

In den früheren Geschichten hatte es The Shadow mit den üblichen Gangstern, Erpressern, Verbrechern und dergleichen zu tun, später sogar mit verrückten Wissenschaftlern, Spionen und ausländischen Agenten. Schon bald bekam er es aber mit farbenfroheren „Superschurken“ zu tun, mit Namen wie The Cobra, The Red Envoy, Zemba, Five-Face, The Death Giver, Silver Skull, Gray Fist, The Black Dragon, The Red Blot, The Black Falcon, The Black Master, The Gray Ghost und Dr. Z. Eine Handvoll von ihnen tauchte sogar mehr als einmal auf.

Der bekannteste und von den meisten als Hauptfeind des Shadow angesehene ist Shiwan Khan, der in vier Abenteuern auftrat. Der nächste ist der Prinz des Bösen, Benedicy Stark, ebenfalls in vier Geschichten, die alle von Tinsley stammen. Der Voodoo-Master bekam drei Geschichten. Die Hand war eine Gruppe von fünf Kriminellen, mit denen sich der Shadow in fünf verschiedenen Geschichten auseinandersetzte.

Und zum Glück spielten nicht alle Geschichten in New York. Der Shadow reiste auch in andere Städte, um sich dort mit Verbrechen zu befassen. Chinatown, sowohl in New York als auch in San Francisco, war ein häufiger Schauplatz. Mehrere Geschichten spielten in Washington, D.C.

Von 1931 bis 1949 erschienen von The Shadow 325 Ausgaben und teilte dann leider dasselbe Schicksal wie andere Pulp-Helden, obwohl er länger überlebte als die meisten. Zum Glück hat er mit neuen Geschichten und in anderen Medien weiter gelebt, sonst wäre er vielleicht heute ebenfalls vergessen. Ein großes Revival gab es zwar nie, was aber nicht heißt, dass es nicht noch kommen kann.

The Shadow im Radio

Sechs Jahre nach dem Start der Groschenromanreihe, bekam der Shadow seine eigene Radiosendung. Dazu war es jedoch notwendig, die Dinge etwas zu vereinfachen. Deshalb einigte man sich auf den Namen Lamont Cranston als Identität der Figur. Außerdem wurden ihm jetzt wirkliche magische Kräfte zugeschrieben, wie zB. die Gabe, Gedanken beeinflussen zu können. Margo Lane wurde neu eingeführt, weil es wichtig war, eine weibliche Stimme als Gegengewicht zu haben.

Das Phantom – Der wandelnde Geist

Am 17. Februar 1936 erschien das erste Comicbuch über Das Phantom, in dem zu lesen war, dass der Vorfahre des Helden dieses Kostüm zum ersten Mal im 16. Jahrhundert überstreifte.

Lee Falks „Mandrake“

Die Figur ist eine Erfindung des Autors Lee Falk, der 1911 in St. Louis/Missourie als Leon Harrison Gross geboren wurde. Während seines Literaturstudiums an der University of Illinois hatte er plötzlich die Idee für ein Comic, in dem der Held das Verbrechen durch Hypnose bekämpft. Dieser hypnotische Held – Mandrake, der Zauberer – wurde als Mandra, der Zauberer recht schlecht ins Deutsche übersetzt. Er debütierte am 11. Juni 1934 und der Autor nannte sich fortan nur noch Lee Falk. Mandrake wurde so erfolgreich, dass der Verlag King Features ihn um eine weitere Figur bat.

Sein erster Entwurf war ein Comic, das auf den Abenteuern von König Artus und den Rittern der Tafelrunde basiert. Als das abgelehnt wurde, schuf er einen maskierten Helden in der Art von Zorro, der aber wie Tarzan im Dschungel Afrikas lebte und das Böse und die Ungerechtigkeit in ähnlicher Weise bekämpfte wie die Ritter der Tafelrunde. Seine Hintergrundgeschichte besagt, dass er einen Angriff von Piraten überlebt hatte und gelobte, sie und andere Schurken mit einer geheimen Identität zu bekämpfen. Die Rolle des Verbrechensbekämpfers wurde im Laufe der Generationen von Vater zu Sohn weitergegeben, so dass der Anschein entstand, dass er unsterblich ist. Im Gegensatz zu anderen kostümierten Helden hat er – wie Batman – keine Superkräfte und verlässt sich auf seine Stärke, Intelligenz und die Legende seiner Unsterblichkeit, um seine Feinde zu besiegen.

Ein früher Name für die Figur war The Grey Ghost, aber Falk entschied sich schließlich für The Phantom. Falk erwähnte, dass er von griechischen Büsten inspiriert wurde, als er beschloss, die Pupillen der Figur nicht durch die Maske zu zeigen. Griechische Büsten nämlich haben keine Pupillen und Falk dachte, das gäbe ihnen ein unmenschliches und interessantes Aussehen. In einem weiteren Interview gab Falk Robin Hood als Einfluss für das hautenge Kostüm an.

Die ersten Comicstrips in den Zeitschriften waren noch nicht in Farbe erschienen. Dort war das Phantom grau gezeichnet (und auch im Text als grau bezeichnet). Erst als 1939 in den USA beschlossen wurde, die Sonntags-Comics in Farbe zu drucken, musste sich der Kolorist für einen offiziellen Phantom-Ton entscheiden und wählte lila. Falk erklärte später, dass die Farbe sich von den violetten Dschungelbeeren ableite.

Schnell erlangte die neue Figur eine Anhängerschaft in den USA und beeinflusste eine ganze Reihe anderer Helden in Strumpfhosen, wie zum Beispiel Superman. In Australien gab das Phantom sein Debüt am 1. September 1936 in der Zeitschrift Australian Woman’s Mirror. Einige der Orte, die Falk in dem Comic festgelegt hatte, wurden in diesen Ausgaben in australische Schauplätze verwandelt, was viele Leute glauben ließ, dass der Comic eine australische Kreation sei. Tatsächlich hält der Verlag Frew Publications mit dem Phantom den Rekord über die längste ununterbrochene Veröffentlichung einer Comicreihe.

Interessant ist vielleicht, dass die beiden großen Comic-Häuser Marvel und DC jeweils eine eigene Version des Comic-Helden veröffentlichten. Den Anfang machte DC in den Jahren 1988/89. Dort gab es zu dieser Zeit eine Serie mit insgesamt 13 Ausgaben. DC hielt sich dabei relativ nahe an Falks Original. Im Gegensatz zu Marvel, deren Phantom 1995 als dreiteilige Miniserie erschien. Im Gegensatz zur regulären Version erscheint der Held hier stärker und rechthaberischer. Er trägt einen kugelabweisenden Rüstungsanzug, ist ausgestattet mit einem fortschrittlichen Infrarot-Suchgerät und einer ausklappbaren Spezialausrüstung an den Handschuhen, die jedem Schwerthieb widerstehen können.

Die okkulte und symbolische Dimension von James Bond

Laut Adam Howard von der National Broadcasting Company ist jeder Bond ein interessanter Spiegel seiner Zeit. So spiegelte Sean Connery zum Beispiel die sanfte Kraft wider, die die Kultur während des Kalten Krieges benötigte. Wer hat schon Angst vor Kommunisten, wenn es so elegante Operateure wie Bond gibt? Nach Watergate war jedoch Roger Moores pingeliger Bond ein großer Gegenpol zur Ernüchterung der damaligen Zeit.

Was Timothy Dalton betrifft, so tauchte sein weniger sexualisierter 007 auf der Leinwand etwa zur gleichen Zeit auf, als Amerika anfing, sich mit der zunehmenden AIDS-Krise auseinanderzusetzen. Und mit seinem Schwerpunkt auf Gadgets und extravaganten Stunts repräsentierte Pierce Brosnan den Tech-Boom der 90er Jahre. Heutzutage hat Daniel Craig uns eine Post-9/11-Version gegeben.

Wenn man Ian Flemings James Bond betrachtet – diesen scheinbar makellosen Gentleman-Agenten, der mit kalter Präzision tötet, trinkt, liebt und überlebt –, scheint man zunächst einer reinen Pop-Ikone gegenüberzustehen, einem Archetypus des modernen Abenteurers. Die Romane haben sich über 100 Millionen Mal verkauft, und das Film-Franchise ist das zweiterfolgreichste der Geschichte, nachdem es durch die Harry Potter-Reihe abgelöst wurde. In den Romanen und Filmen gibt es jedoch tiefere Unterströmungen, Themen, Symbole und Botschaften, die in eingehenden Analysen bestätigt wurden und die vor allem der Semiologe und Autor Umberto Eco akribisch untersuchte. Erst ab diesem Zeitpunkt wurde Bond zum Gegenstand des akademischen Interesses und der literarischen Seriosität. Und unter der glänzenden Oberfläche seiner Maßanzüge und Aston Martins verbirgt sich noch ein weiteres, dunkles Narrativ: Bond als Werkzeug einer verborgenen Ordnung, als Symbolfigur einer metaphysischen Auseinandersetzung zwischen Licht und Finsternis. Der Mythos des 007 ist weniger eine Spionagegeschichte als vielmehr ein modernes Mysterium – und Ian Fleming war sich dessen sehr bewusst.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Die meisten kennen Bond nicht gerade als Feinschmecker. Aber in den Büchern ist der Superspion ein regelrechter Gourmet. Luxuriöse Mahlzeiten, die bis ins kleinste Detail beschrieben wurden, gehörten für die britische Öffentlichkeit ebenso zu Bond wie Sex und Spionage.

Fleming wusste, dass merkwürdige Speisen die Leser an die exotischen Orte brachte, die er in den Romanen beschrieb. Er gab Bond einen extravaganten Geschmack und ließ den Doppelagenten Steinkrebse und ein Fleischgericht namens “Brazzola” schlemmen (das es nicht wirklich gibt). Dennoch wird schnell klar, warum man Bonds gastronomische Zwänge in den Filmen weg ließ. Zu hören, dass Bond von Schalentieren besessen ist, ist nicht ganz so cool wie zu sehen, wie er seine Martinis auf die allen bekannte Weise bestellt.

Die 14 Bond-Bücher, die von Ian Fleming geschrieben wurden, waren eine Art Fantasy-Version von Flemings realen Erfahrungen als Mitglied des britischen Marinegeheimdienstes. Der Autor war jedoch völlig unbekannt, als “Casino Royale” Veröffentlicht wurde, aber er war entschlossen, das Buch zu einem Erfolg werden zu lassen. Das will im Grunde zwar jeder, aber Fleming hatte die nötige Durchsetzungskraft. Zunächst schrieb er Briefe an Zeitungsredakteure und legte jedem Schreiben ein signiertes Buch bei. Er wandte sich sogar an den angesehenen Autor Somerset Maughan, der ihm mitteilte, dass ihm das Buch sehr gefallen habe. Als Fleming fragte, ob er seine freundlichen Worte verwenden dürfte, antwortete Maugham mit einem schlichten Nein.

Dennoch war Fleming kein Mann, der aufgab, und als das Buch einen Verlagsvertrag in Amerika bekam, erhöhte Fleming den Druck. Er schrieb an jeden Freund, den er kannte und versuchte, in die Vogue oder Time zu kommen, kurz: er meldete sich bei allem und jedem, der ihn in irgendeiner Weise bekannt machen könnte. Trotzdem verkauften sich seine Bücher weiterhin schlecht. Das änderte sich aber, als Fleming den gesundheitlich bereits sehr angeschlagenen Raymond Chandler traf. Natürlich bat Fleming den Todkranken, seinen Roman zu promoten.

Und Fleming ging noch weiter. Als Anthony Eden, der britische Premierminister von der Belastung der Suez-Krise krank wurde, bot Fleming dem Politiker eifrig einen Ort zum entspannen an: ein abgelegenes Haus in Jamaika, das ihm gehörte und das Fleming “Goldeneye” nannte. Der Ort verfügte jedoch weder über ein Telefon, heißes Wasser oder ein Badezimmer. Schlimmer noch, es liefen Ratten auf dem Dach herum. Es war nicht gerade ein großartiger Ort für einen kranken Mann, aber Fleming war begeistert von dem Besuch, in der Hoffnung, dass Edens Aufenthalt in Goldeneye seinen “amerikanischen Umsatz” steigern würde. Und ob man es glaubt oder nicht, das verrückte PR-Wagnis funktionierte und Fleming wurde erstmals in der Öffentlichkeit wahrgenommen.

Doch der eigentliche Bond-Kult begann 1963, als der amerikanische Präsident John F. Kennedy erklärte, dass Flemings Bücher seine Bettlektüre seien. Kennedy hatte Fleming 1960 auf einer Dinnerparty kennengelernt und ihn gefragt, wie man Fidel Castro stürzen könnte. Fleming erfand für Kennedy eine bizarre Handlung, in der es darum ging, dass man Castro davon überzeugen müsse, dass sein Bart Strahlung auf sich zog, damit er sich den Bart abrasiere, was dazu führen würde, dass Castro sein Glück völlig verlies.

Das Geheimnis von James Bond

Fleming, selbst Veteran des britischen Geheimdienstes, war kein Feldspion, sondern ein Architekt im Schatten. Er entwarf Operationen, deren wahre Natur oft verschleiert blieb, und bewegte sich in einer Welt aus Desinformation, Doppelidentitäten und ritualisierter Täuschung. In dieser Atmosphäre entwickelte sich auch sein literarisches Denken: Die Spionage wurde für ihn zu einer Metapher für die metaphysische Grenzüberschreitung, für das beständige Spiel zwischen Erkenntnis und Verblendung. Dass er Bond nach einem Ornithologen benannte – „James Bond“ aus Birds of the West Indies –, war kein Zufall. Der reale Bond war ein stiller Naturforscher, ein Mann der Beobachtung. Fleming überführte diesen Namen in eine andere Sphäre: Aus dem Beobachter der Vögel wurde der Beobachter des Menschlichen, der Spuren des Bösen.

Schon die Chiffre „007“ trägt eine okkulte Signatur. Die Doppelnull gewährt die „Lizenz zum Töten“ – das heißt, zur Überschreitung der moralischen Ordnung im Namen einer höheren Autorität. Die Sieben, traditionell die Zahl der Vollendung und des göttlichen Geistes, verbindet sich hier mit der Macht des Todes. Bond ist damit kein gewöhnlicher Agent, sondern ein geweihter Vollstrecker, ein Werkzeug des Schicksals. Er tötet nicht aus Lust, sondern im Vollzug einer kosmischen Ordnung, die er selbst kaum begreift. Die Romane und Filme wiederholen dieses Motiv beständig: Bond tritt stets in die Welt des Bösen ein, infiltriert sie, zerstört sie und kehrt zurück – gereinigt, aber nie erlöst. Es ist ein ritueller Zyklus, ein modernes Mysterium.

Die Gegner, auf die Bond trifft – von Le Chiffre über Blofeld bis Silva –, sind keine bloßen Verbrecher, sondern Symbolfiguren der Entropie, des Chaos, der Auflösung. Sie repräsentieren die Kräfte, die die Ordnung zersetzen: Gier, Hybris, Technokratie, Nihilismus. Bond begegnet ihnen als eine Art Templer moderner Zeit: diszipliniert, allein, in seinem Glauben an eine übergeordnete Mission verankert. Der Martini wird zum Sakrament, die Walther PPK zum Schwert. Die geheime Organisation MI6 – mit ihrem allsehenden „M“ an der Spitze – wirkt wie ein säkularer Orden, eine Hierarchie des Wissens, in der nur Eingeweihte Zutritt haben. Fleming, der in seiner Jugend mit esoterischen Ideen und dem Hermetismus flirtete, übersetzte alte Rituale der Initiation in den Code des Kalten Kriegs.

Diese esoterische Lesart setzt sich in der filmischen Ikonographie fort. Der berühmte Gun Barrel-Vorspann, der seit 1962 jeden Bond-Film eröffnet, ist selbst ein Initiationssymbol: Der Zuschauer blickt durch das Auge des Todes – das Laufinnere einer Waffe – auf den Helden, der dieses Auge besiegt, indem er zurückblickt und tötet. Das Bild ist eine moderne Umkehrung des mythologischen Prinzips des Drachentöters: Der Blick des Vernichters wird auf ihn selbst gerichtet, und der Held siegt, indem er das Auge der Bedrohung übernimmt. Bond tötet den Blick selbst – und tritt damit in das Reich der Kontrolle und des Bewusstseins. Es ist, als ob jede Mission ihn tiefer in das Zentrum eines hermetischen Labyrinths führt, das von der Weltpolitik nur den Vorwand liefert.

In dieser Hinsicht ist James Bond nicht bloß ein britischer Agent, sondern ein Archetyp der Moderne – ein Erbe des alchemistischen Suchers. Während der klassische Held in mythischen Zeiten den Drachen erschlägt, um das Reich zu retten, tötet Bond die Verkörperung des Bösen, um das fragile Gleichgewicht einer Welt zu wahren, die längst keine metaphysische Ordnung mehr kennt. Seine Missionen gleichen Prüfungen: Versuchung, Initiation, Sieg, Rückkehr. Doch das Ergebnis ist nie Erlösung – nur Wiederholung. Deshalb bleibt Bond innerlich leer, ein „blunt instrument“, wie Fleming selbst ihn nannte. Er ist das Werkzeug, nicht der Schöpfer. In dieser Leere liegt die Essenz seines Geheimnisses.

Auch in Flemings Biographie spiegelt sich diese Dualität. Der Autor war von einer tiefen Ambivalenz zwischen Hedonismus und Moral durchdrungen. Seine Villen, seine Frauen, sein Hang zu Exzess und Selbstzerstörung – all das verweist auf eine Persönlichkeit, die in Bond eine Art magischen Spiegel schuf. Bond lebt Flemings Wunschtraum und Selbstverachtung zugleich. Manche Biographen sehen in ihm den „gefallenen Engel“ des Empire, einen Luzifer, der das Böse bekämpft, während er ihm in Stil und Geist gleicht. Der Feind ist immer ein Spiegelbild; jede Konfrontation eine Selbstprüfung.

Die filmische Bond-Tradition hat diese Dimension bewusst beibehalten, auch wenn sie sie nie explizit benennt. Skyfall etwa führt Bond an den Ort seiner Kindheit zurück – ein ritueller Rückzug in die Unterwelt, wo er sich der eigenen Herkunft und dem Tod seines Vaters stellt. Das Haus „Skyfall“ wird zum archetypischen Haus des Schattens, ein Ort, an dem der Agent sich selbst als mythische Figur erkennt. Spätestens hier tritt Bond offen als Symbolfigur auf: nicht mehr bloß Spion, sondern Stellvertreter einer zerrissenen Moderne, die nach Sinn sucht, aber nur noch Stil kennt.

Vielleicht liegt genau darin das letzte Geheimnis von James Bond: Er ist der moderne Mystiker ohne Gott. Seine Religion ist der Auftrag, sein Gebet das Handeln, sein Glaube die Präzision. In einer Welt, die an metaphysischem Sinn verarmt ist, verkörpert er die Sehnsucht nach dem Absoluten – verkleidet in Zynismus, Maßanzug und Coolness. Der Martini, das Casino, das Bett – sie sind keine banalen Vergnügungen, sondern Riten einer Initiation, deren Ziel nicht das Heil, sondern das Überleben ist. Bond ist der Ritter einer entzauberten Welt, und sein Sieg besteht darin, das Geheimnis zu bewahren, das ihn selbst ausmacht.