Die drei ??? und das Gespensterschloss

Kommen wir noch einmal zu den drei Fragezeichen zurück. Am Anfang (und zu seiner Zeit) war das eine verdammt gute Serie von Robert Arthur, und neben Miss Marple und Sherlock Holmes sicherlich eine der Buchreihen die mich zum Krimi gebracht haben. Insgesamt gibt es 43 Originalbücher, die von 1964 bis 1987 erschienen sind, bevor die drei Detektive zu einer rein deutschen Angelegenheit wurden. Allerdings hören die guten Abenteuer ab Band 29 auf.

Die Grundidee, die Mitte der 60er Jahre das Licht der Welt erblickte, war, dass drei Jugendliche eine Detektei gründen. Sie hießen Jupiter Jones, Bob Andrews und Peter Crenshaw. Ihr Hauptquartier befindet sich auf dem Schrottplatz von Jupiters Onkel Titus in Rocky Beach.

Findet mir eine Gespensterschloss!

Teror Castle

Rocky Beach liegt in einer Ebene, die auf der einen Seite vom Meer und auf der anderen von einer Bergkette begrenzt wird, unweit von Los Angeles. Die Stadt selbst ist fiktiv, obwohl es ein echtes Rocky Beach im Indischen Ozean gibt, das heute allerdings Gilchrist Beach heißt. Und natürlich heißen die drei Detektive Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews. Die Hörspiele mit den drei Fragezeichen sind Kult, auch wenn sie nur rudimentäre Versionen der Bücher enthalten und nicht alle Bücher gleich gut sind, aber es lohnt sich, sie noch einmal zu entdecken. Die Abenteuer begannen mit dem Gespensterschloss, das 1964 im Original und vier Jahre später auch bei uns erschien. Es ist nicht gerade das beste Buch über die drei Detektive, aber immerhin das erste. Natürlich geht es um ihre blutigen Anfänge. Sie drucken ihre berühmten Visitenkarten und haben am Anfang noch nichts mit Alfred Hitchcock zu tun, der ihnen später immer wieder Fälle schickt. Er ist zunächst nicht begeistert, als sie sich in sein abgeschirmtes Studio einschleichen, um für ihn ein Geisterhaus für einen seiner Filme zu finden.

Das Gespensterschloss, Die drei ???
The Secret of Terror Castle – Endseite; von Harry Kane

Terror Castle

Von Anfang an hat man es hier mit einem herrlich trashigen Spaß zu tun. Ein Clubhaus mit geheimen Eingängen und vielen Gadgets, die sie aus allerlei Schrott zusammengebaut haben.

Sogar ein vergoldeter Rolls Royce steht ihnen zur Verfügung, weil Justus bei einem Bohnenzählwettbewerb die richtige Anzahl genannt hat, inklusive Chauffeur, der im Original Worthington heißt, bei uns aber Morton, was wohl mit der Aussprache zu tun hat. Morton fungiert hier als der ausgewählte Erwachsene, wenn ein Erwachsener benötigt wird, was hier der Fall ist.

Das Haus, das sie finden, trägt den ominösen Namen „Terror Castle“ und ist das ehemalige Schloss eines Stummfilmstars, der vor vielen Jahren bei einem mysteriösen Unfall ums Leben kam. In der deutschen Übersetzung wurde der Name in „Schloss Terrill“ geändert.

Gespensterschloss

Das Haus scheint jeden zu beunruhigen, der es nach Einbruch der Dunkelheit betritt, was sich für das Trio bestätigt, als ihr erster nächtlicher Ausflug scheitert und sie vor Angst fliehen müssen.

Justus, der durch einen verstauchten Knöchel außer Gefecht gesetzt ist, ist fest entschlossen, nicht zu scheitern und drängt seine Freunde, die Burg noch einmal von oben bis unten zu erkunden und ihm jedes Detail zu berichten.

Justus ist der intelligenteste der drei. Er hat eine viel stärkere Persönlichkeit als die beiden anderen Jungen, die sich im Wesentlichen über ihre Rolle definieren. Bob ist der Bücherwurm, Peter der Sportler. Justus hingegen bekommt eine viel größere Hintergrundgeschichte, um einige seiner Fähigkeiten zu rechtfertigen, wie z.B. sein Talent, andere zu imitieren, das schon früh in der Geschichte auf recht amüsante Weise eingesetzt wird. Tatsächlich kommen auch die beiden anderen im Laufe der Abenteuer etwas besser weg, aber das war im ersten Band natürlich noch nicht abzusehen.

Sogar die Rivalität mit Skinny Norris, einem anderen Jungen aus der Schule, ist hier schon angedeutet und wird später in der Geschichte schön aufgegriffen.

Bei allem Spaß und der Tatsache, dass dieser Roman gut geschrieben ist, ist die Prämisse des ersten Abenteuers eher schwach.

The Secret of Terror Castle
Originalausgabe; Harry Kane

Zunächst stellt sich natürlich die ganz nüchterne Frage, warum Hitchcock nicht weiß, dass es in seiner unmittelbaren Umgebung ein Haus gibt, das den Anforderungen seiner geplanten Produktion entspricht, und warum er ausgerechnet ein Haus sucht, in dem es wirklich spukt. Schließlich hat Hitchcock nie wirklich Horrorfilme gedreht, wie es etwas missverständlich dargestellt wird.

Glücklicherweise ist das titelgebende Gespensterschloss ansprechend und faszinierend genug, um über die problematische Konstruktion hinwegzusehen. Das Argument, es handele sich um ein Kinderbuch, zieht da an keiner Stelle. Man schaue sich nur die hohe Qualität an, mit der viele Jugendbücher geschrieben wurden und werden.

Die Antwort auf die Frage, warum das Haus in der Lage ist, bei den Menschen, die sich darin aufhalten, ein Gefühl der Panik hervorzurufen, ist faszinierend, und die Erklärung ist sicherlich akzeptabel, aber nicht wirklich überzeugend.

Auf dem Weg dorthin können wir einige recht solide Ermittlungen der Jungen verfolgen, die uns einige ziemlich gute Hinweise liefern.

Das Gespensterschloss

Eine Begegnung mit einem Nachbarn sorgt für einige besonders eindringliche Beispiele, und auch wenn der erwachsene Leser wahrscheinlich an keiner Stelle beunruhigt sein wird, berührt diese Geschichte genau das Thema, das jeden in meiner Kindheit angesprochen hat und das auch heute noch eine gewisse Faszination ausübt.

Obwohl es sich – nach Erwachsenenmaßstäben – um einen einfachen Krimi und der Aufbau einige kindliche Aspekte aufweist, spricht Arthur nie von oben herab zu seinen Lesern. Wir sollen auch nicht etwa glauben, dass seine kindlichen Protagonisten übernatürliche Fähigkeiten (oder Glück) haben – stattdessen nutzen sie Beobachtungen und Schlussfolgerungen, um herauszufinden, was vor sich geht.

Auch wenn „Das Gespensterschloss“ nicht zu den besten Krimis der drei Detektive gehört, so ist es doch eine wirklich unterhaltsame und spannende Lektüre und vor allem eine wunderbare Vorbereitung auf die folgenden Abenteuer.

Die Nummerierung

Die Nummerierung der Serie ist nicht ganz unproblematisch, denn während Buch 1 mit der amerikanischen Originalausgabe identisch ist, so trifft das auch die Hörspiele nicht zu. Dort erschien Das Gespensterschloss erst als Nummer 11. Im Gegensatz zu den Büchern schneiden die Hörspiele ohnehin schlecht ab. Sie sind teilweise unglaublich schlecht zusammengestückelt und auch billig produziert, haben aber natürlich einen immensen Nostalgie-Faktor, bei dem es den meisten Hörern gar nicht auf etwas anderes ankommt.

Bilbo Beutlin – Hin und wieder zurück

Man könnte aus Tolkiens Kosmos sehr viele Heldenfiguren aufführen, die sich in die populäre Kultur eingeschrieben haben (und ich bin mir sicher, der ein oder andere wird auch noch auftauchen), allerdings stellt sich die Frage nach jener Figur, die auf einer Liste wie dieser unentbehrlich ist. Gandalf zum Beispiel ist nicht der Prototyp der weisen, väterlichen Zauberer des Fantasy-Genres, er hat seine Quelle in Merlin. Mit Bilbo allerdings schuf Tolkien den Vertreter einer Rasse, die völlig originell zu nennen ist.

Bilbo Beutlin, der Protagonist in Der kleine Hobbit, gehört einer Rasse von bartlosen Kreaturen an, die etwa halb so groß sind wie Menschen und haarige Füße haben. Er lebt in einer unbestimmten Zeit (im Buch dem Dritten Zeitalter), die gleichzeitig uralt und doch der viktorianischen Zeit sehr ähnlich ist mit ihren gemütlichen häuslichen Routinen. Wie die meisten Hobbits liebt Bilbo den Komfort von Haus und Herd: Er liebt gutes, einfaches Essen im Überfluss, und er liebt seine Pfeife und seine gut ausgestattete Hobbithöhle.

Obwohl alle Versuche, das Auenland als Tolkiens Erinnerungen an seine Kindheit in Sarehole bei Birmingham festzulegen, scheiterten, bildete dieser Landstrich nach eigenem Bekunden die Grundlage für Bilbos grüne Heimat. Oft wird das Auenland als idealisierte Form eines vorindustriellen (und damit in den Augen von Tolkien vorzeitlichen) England angesehen. Tolkien selbst erzählte seinen Verlegern, dass seine Darstellung mehr oder weniger einem Warwickshire-Dorf aus der Zeit von Queen Victorias Herrschaft entspricht.

Das Buch beginnt damit, dass Bilbo eines Morgens vor seinem Haus eine Pfeife raucht; kurz darauf serviert er dreizehn Zwergen „High Tea“, darunter Kaffee, Kuchen, Kekse, Marmelade, Torte und Pasteten. Erinnerungen an diese Art von einfacher englischer Küche folgen Bilbo während den gesamten Schwierigkeiten seiner Reise, wo er oft Hunger leidet. Diese Erinnerungen repräsentieren das, was Heimat für ihn bedeutet. Bilbo ist durchaus auch anspruchsvoll: Er mag das Chaos, das die Zwerge in seinem Haus verursachen, nicht, und obwohl er von Gandalf zu einem dramatischen Abenteuer eingeladen wird, kehrt er in Kapitel 2 beinahe nach Hause zurück, weil er seine Taschentücher und seine Pfeife vergessen hat.

Bilbo ist aufgerufen, mehr zu tun, als er für sich für möglich hält. Er reist nicht gerne und bevorzugt die Sicherheit seiner Hobbithöhle, aber er hat eben auch von der Seite seiner Mutter, den Tuks, eine Spur von Abenteuerlust geerbt. Die abenteuerlustige Tuk-Seite und seine bequeme Beutlin-Seite stehen während des Großteils der Geschichte miteinander in Konflikt. In der ersten Hälfte des Buches ist er oft unglücklich und ziemlich feige. Er bekommt einen Anfall, als er sich gezwungen sieht, sich Gandalf und den Zwergen anzuschließen, und später muss er von Dori getragen werden, als sie den Goblins entkommen. Angesichts der Schwierigkeiten hat er oft Angst und träumt ständig von Speck und Eiern und wünscht sich zurück nach Hause. In Kapitel 2 wird er dabei erwischt, wie er versucht, die Trolle zu bestehlen.

Und doch zeigt Bilbo bald Anzeichen von Einfallsreichtum. Er nimmt den Schlüssel zur geheimen Höhle der Trolle und versorgt sich so mit einem Schwert aus deren Lager. Obwohl Gandalf ihn und die Zwerge in Kapitel 4 vor den Goblins retten muss, findet Bilbo im nächsten Kapitel den Ring, der ihn unsichtbar macht, und beweist im Austausch von Rätseln seine Konkurrenzfähigkeit mit Gollum. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass Bilbo sich dem Impuls widersetzt, Gollum in Kapitel 5 zu töten, weil er denkt, dass dies unfair wäre: Gollum ist unbewaffnet, während Bilbo unsichtbar und bewaffnet ist. Bilbo wird daher nicht nur als klug, sondern auch als ethisch dargestellt. Dies spiegelt sich in der wachsenden Achtung der Zwerge vor ihm in Kapitel 6 wider.

In Kapitel 8, als Bilbo sein Schwert benutzt, um sich aus dem Spinnennetz zu befreien, wird beschrieben, dass er sich selbst gegenüber ein anders Gefühl bekommen hat, dass sein Selbstbewusstsein wächst. An dieser Stelle gibt er seinem Schwert einen Namen, wie es viele legendäre Helden getan haben, und es ist klar, dass in ihm die Qualitäten von Heldentum und Führungsgeist heranreifen. In Kapitel 9 zeigt er Tapferkeit und Intelligenz bei der Ausarbeitung des Plans für die Flucht mit den Zwergen nach Esgaroth; Gandalf ist gegangen und ihr Schicksal liegt in Bilbos Händen. Schließlich ist es in Kapitel 12 nur Bilbo, der in die Drachenhöhle von Smaug hinabsteigt – nachdem er zuerst entdeckt hat, wie man mit Thorins Schlüssel die Tür zum Einsamen Berg öffnet – und einen Becher und den Arkenstein aus dem Hort stiehlt. Er zeigt extreme Tapferkeit, weil er Smaug wirklich nicht reizen will, aber er geht trotzdem. Auch entdeckt er Smaugs verletzliche Stelle, wo er schließlich von Bards Pfeil tödlich getroffen wird.

Nach der Schlacht der fünf Armeen kehrt Bilbo jedoch zu seiner Hobbithöhle zurück und zu einem Leben, das demjenigen, das er verlassen hat, sehr ähnlich ist – mit einigen wichtigen Unterschieden. Er hat mehr Geld, nachdem er einen Teil von Smaugs Hort erhalten hat, und sein Leben nach seiner Rückkehr gestaltet sich etwas exzentrischer als vorher, es ist ein viel mehr von den Tuks geprägtes Leben.

Die Vampirin vom Amazonas

Habt ihr schon einmal von Marie Camille Monfort gehört?

Vor kurzem, im Juni 2023, tauchten in den sozialen Netzwerken Bilder einer angeblichen lyrischen Sängerin auf, die Ende des 19. Jahrhunderts lebte, aus Frankreich eingewandert war und sich in der Stadt Belém do Pará in Brasilien niedergelassen hatte.

Die Geschichte für diejenigen, die sie nicht gelesen haben, lautet wie folgt:

CAMILLE MONFORT, DIE VAMPIRIN DES AMAZONAS

Villa Bologna

Im Jahr 1896 florierte Belém durch den Verkauf von Kautschuk aus dem Amazonasgebiet in die ganze Welt und bereicherte über Nacht die Grundbesitzer, die ihre reichen Paläste mit Materialien aus Europa bauten.

Das Theatro da Paz war das Zentrum des kulturellen Lebens in Amazonien, mit Konzerten europäischer Künstler. Eine von ihnen erregte die besondere Aufmerksamkeit des Publikums: die schöne französische Sängerin Camille Monfort (1869 – 1896), die bei den reichen Herren der Region ungezügelte Begierde und bei ihren Frauen grausame Eifersucht wegen ihrer großen Schönheit auslöste.

Camille Monfort sorgte auch für Empörung wegen ihres von den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit losgelösten Verhaltens – man sah sie halbnackt durch die Straßen von Belém tanzen, während sie sich im nachmittäglichen Regen abkühlte; man sah sie auch bei einsamen Abendspaziergängen in ihren langen, wallenden schwarzen Kleidern an den Ufern des Guajará-Flusses.

Schon bald machten Gerüchte über sie die Runde und gaben Anlass zu bösartigen Kommentaren über sie. Man munkelte, sie sei die Geliebte von Francisco Bologna, der sie aus Europa mitgebracht hatte, und dass er sie in der Badewanne seines Palastes mit teurem, aus Frankreich importiertem Champagner badete; Es hieß auch, sie sei in London wegen ihrer Blässe und ihres kränklichen Aussehens vom Vampirismus befallen worden und habe dieses große Übel nach Belém gebracht, da sie ein mysteriöses Bedürfnis habe, menschliches Blut zu trinken, bis hin zu dem Punkt, dass sie in ihren Konzerten junge Mädchen mit ihrer Stimme hypnotisiere, die dann in ihrer Garderobe einschlafen, wo die mysteriöse Dame ihnen das Blut aussaugt (Was seltsamerweise mit Berichten über Ohnmachtsanfälle in den Theaterräumen während ihrer Konzerte zusammenfiel, die als bloße Auswirkung der starken Emotionen erklärt wurden, die ihre Musik in den Ohren des Publikums auslöste); man sagte ihr auch nach, dass sie die Macht besäße, mit den Toten zu kommunizieren und deren Geister in dichten ätherischen Nebeln aus ektoplasmatischen Materialien zu materialisieren, die von ihrem eigenen Körper in medialen Séancen ausgestoßen wurden. (Dies wären dann zweifellos die ersten Manifestationen dessen, was später als Spiritismus bezeichnet wurde und in geheimnisvollen Kulten in Palästen von Belém wie dem Palacete Pinho im Amazonasgebiet praktiziert wurde.)

Ende 1896 wurde die Stadt Belém von einer schrecklichen Choleraepidemie heimgesucht, der unter anderem Camille Monfort zum Opfer fiel, die auf dem Friedhof von Soledade begraben wurde.

Heute befindet sich ihr Grab dort, überwuchert von Schlamm, Moos und trockenen Blättern, unter einem riesigen Mangobaum, der das Grab in die Dunkelheit seines Schattens versinken lässt, nur erhellt von ein paar Sonnenstrahlen, die durch seine grünen Blätter dringen. Es ist ein klassizistisches Mausoleum mit einem Tor, das mit einem alten, rostigen Vorhängeschloss versehen ist. Von dort aus kann man eine weibliche Büste aus weißem Marmor auf dem breiten Deckel des verlassenen Grabes sehen und, an der Wand befestigt, ein kleines gerahmtes Bild einer schwarz gekleideten Frau, auf deren Grabstein die Inschrift zu lesen ist:

Hier ruht
Camille Marie Monfort (1869 – 1896)
Die Stimme, die die Welt verzauberte

Aber es gibt auch diejenigen, die bis heute behaupten, dass ihr Grab leer ist, dass ihr Tod und ihr Begräbnis nur eine Inszenierung waren, um ihren Vampirismus zu vertuschen, und dass Camille Monfort heute im Alter von 154 Jahren noch in Europa lebt.

Wenn ihr (zugegeben ein unwahrscheinlicher Fall) den Soledade-Friedhof in Belém besuchen solltet, vergesst also nicht, an ihrem Grab halt zu machen und eine Rose darauf zu legen; und wundert euch nicht, wenn sich die Rose am nächsten Tag in Blut verwandelt hat.

Bei so vielen Details und den daraus resultierenden Auswirkungen fragten sich einige Leute, ob diese lyrische Sängerin wirklich existierte und ob an ihrer Geschichte etwas Wahres dran sein könnte.

Leider ist es wie so oft bei Dingen, die im Internet veröffentlicht werden, gut, wenn man sich mit den Meinungen zurückhält. In diesem Fall ist es leider eine Tatsache, dass die faszinierende Geschichte nichts weiter als ein Märchen ist. Um es ganz offen zu sagen: Das Mädchen hat in der realen Welt nicht existiert.

Nach Angaben von Historikern, die um ihre Meinung zu dieser Geschichte gebeten wurden, gibt es keine Aufzeichnungen über eine Camille Montfort in den Annalen der damaligen Zeit. Wenn sie so berühmt und weltweit anerkannt war, müsste es eine Menge Informationen über sie geben, aber eine kurze Suche führt zu null Ergebnissen.

Darüber hinaus erwähnen die Zeitungen und Zeitschriften von Pará zu jener Zeit (von denen es nicht wenige gab) nicht einen ihrer Besuche und ihrer Auftritte im Nationaltheater. Tatsächlich wurde das Theater zu dieser Zeit renoviert und war geschlossen, was bedeutet, dass in dem Zeitraum, in dem sie auf Tournee gewesen sein soll, niemand dort aufgetreten ist. Es lässt sich zwar nachweisen, dass tatsächlich berühmte Künstler in Belém auftraten, aber es ist unmöglich, dass dies geschah, ohne dass die lokale Presse darüber berichtete. Das sehr rege gesellschaftliche Leben in der Stadt gab Anlass zu mehreren sozialen Kolumnen, und selbst ein kurzer Besuch würde von den Medien nicht unbemerkt bleiben.

Wie bereits erwähnt, erlebten Belém und Manaus, die größten Städte im Amazonasgebiet, zu Beginn des Jahrhunderts dank des Kautschukbooms, der viele Menschen reich machte, eine rasante Entwicklung. Dies ermöglichte es den Städten, sich zu modernisieren und ein überschwängliches kulturelles Leben zu entfalten. Die ungewöhnliche Tatsache, dass es mitten im Amazonasgebiet exquisite Theater gibt, diente auch als Anziehungspunkt für Künstler, die diese Region des Landes besuchen wollten.

Die Einfügung berühmter Persönlichkeiten aus dem gesellschaftlichen Leben von Belém do Pará in jener Zeit verleiht der Fiktion eine gewisse Glaubwürdigkeit. Der Name Francisco Bologna lässt uns die Augenbrauen hochziehen, denn er war wirklich eine bekannte Persönlichkeit in der Stadt.

Francisco Bologna war der Erbauer des so genannten Bologna-Palastes, eines Herrenhauses in Belém do Pará, in dem es auch spuken soll.

Was das Bild von Camille Montfort betrifft, das angeblich 1901 von einem englischen Studio aufgenommen wurde, so gibt es keine Informationen, die seinen Wahrheitsgehalt bestätigen könnten. Es ist recht einfach, Fotos zu „bearbeiten“ und sie zu verändern, um sie alt aussehen zu lassen. Das fragliche Studio in der Baker Street 55 hat tatsächlich existiert, aber dieser Rahmen mit Adresse kann leicht im Internet gefunden und über ein neueres Foto geklebt werden, das so verändert wurde, dass es authentisch aussieht.

Das betreffende Studio wurde in den 1940er Jahren bei Luftangriffen auf die britische Hauptstadt zerstört. Die Kundenunterlagen verschwanden nach dem Konflikt, und von diesem Foto sind keine Negative mehr vorhanden.

Außerdem haben aufmerksame Leute darauf hingewiesen, dass die Person auf dem Foto ein angebliches Smartphone in der Hand hält (nun, so besonders aufmerksam muss man hier tatsächlich nicht sein). Einige gehen davon aus, dass es sich bei dem, was sie in der Hand hält, um eine Art Visitenkartenhalter handelt, ein zu dieser Zeit recht gängiger Gegenstand.

Es sieht jedoch sehr nach einem nagelneuen Smartphone aus, direkt aus dem Laden.

Ein weiteres Detail, das der Erzählung direkt widerspricht, ist, dass es auf dem Friedhof von Soledade keinen Grabstein oder ein Grab mit dem Namen Montfort gibt. Einige Neugierige besuchten den Friedhof und fragten nach, erhielten aber keinerlei Informationen. Einige gaben sich damit nicht zufrieden und suchten sogar unter den Grabsteinen nach dem Grab der Sängerin. Sie fanden keine Hinweise auf das in der Geschichte erwähnte Mausoleum.

Die Aufzeichnungen des Soledade-Friedhofs sind recht vollständig und ordentlich. Nirgendwo wird die Beerdigung einer Frau namens Camille Montfort oder der Ort ihrer ewigen Ruhe auf dem Friedhofsgelände erwähnt. Es ist praktisch unmöglich, dass das Register manipuliert wurde oder dass das Grab einer Ausländerin, geschweige denn einer Berühmtheit, übersehen wurde.

In Anbetracht all dessen scheint es richtig zu sein, zu behaupten, dass das alles nur eine Erfindung ist. Aber wenn das der Fall ist, woher kommt dann diese Geschichte und zu welchem Zweck wurde sie erfunden?

Die rätselhafte Biografie einer eigenwilligen Sängerin aus Frankreich, die im 19. Jahrhundert für das Frauenwahlrecht kämpft und mit ihrem freigeistigen Verhalten die konservative Gesellschaft von Pará schockiert, wirkt wie aus einem Roman. Und tatsächlich ist sie Teil des des Buches Após a Chuva da Tarde (Etwa: „Nach dem Regen am Nachmittag“) von Bosco Chancen, einem Schriftsteller aus Belém.

Der im Schauerromantik-Stil geschriebene Roman passt sich dem tropischen Klima und den Palästen der Stadt Belém, den realen Personen, amazonischen Legenden, der Romantik und dem Vampirismus an.

Der Autor Bosco Chancen oder jemand, der ihm nahesteht, hat wahrscheinlich die Gelegenheit genutzt, das Gerücht in den sozialen Medien zu verbreiten, um die Aufmerksamkeit auf seine Figur zu lenken. Eine clevere Methode, um Leser für sein Werk zu gewinnen.

Nicht alles ist so, wie es scheint, aber es ist trotzdem eine gute Geschichte.