Warum wir Geschichten wieder und wieder erzählen

Carl Jung

Im Laufe der Zeit hat die Menschheit immer wieder die gleichen grundlegenden Geschichten erzählt. Von den antiken Mythen bis zum modernen Kino folgen die Erzählungen oft vertrauten Strukturen, wie die Reise des Helden, die Tragödie der Hybris oder der Triumph der Liebe über alle Widrigkeiten. Doch trotz dieser Wiederholungen haben diese Geschichten eine große Anziehungskraft und offenbaren mit jeder neuen Erzählung neue Dimensionen. Dieses Phänomen lässt sich auf drei zentrale Faktoren zurückführen: die Universalität menschlicher Erfahrungen, die Anpassungsfähigkeit von Geschichten an sich verändernde Kontexte und die vielschichtige Komplexität, die dem Erzählen von Geschichten innewohnt.

Im Herzen jeder Geschichte, die Bestand hat, spiegelt sich der Zustand des Menschen wider. Themen wie Liebe, Angst, Ehrgeiz und Sterblichkeit sind nicht an Kultur oder Zeit gebunden; sie sind der menschlichen Erfahrung inhärent. Carl Jungs Konzept der Archetypen – universelle Symbole und Motive, die im kollektiven Unbewussten eingebettet sind – bietet einen Rahmen, um zu verstehen, warum sich bestimmte Geschichten ewig anfühlen. Archetypen wie der Held, der Mentor, der Schatten und der Betrüger kommen immer wieder vor, weil sie grundlegende Aspekte unserer Psyche widerspiegeln.

Die Geschichte eines Helden, der sich ins Unbekannte wagt, Prüfungen besteht und verändert zurückkehrt, ist in allen Kulturen allgegenwärtig. Von Odysseus in Homers Odyssee bis zu Luke Skywalker in Star Wars spricht diese Erzählstruktur zu unseren eigenen Reisen des Wachstums und der Selbstentdeckung. Die Wiederholung dieser Themen unterstreicht ihre Relevanz; wir erzählen diese Geschichten immer wieder, weil sie Wahrheiten zum Ausdruck bringen, die konstant bleiben, auch wenn sich die Welt weiterentwickelt.

Während die Kernstrukturen der Geschichten jedoch bestehen bleiben, verändern sich ihre Details, um die Werte, Ängste und Hoffnungen ihrer Zeit widerzuspiegeln. Diese Anpassungsfähigkeit sorgt dafür, dass sich alte Geschichten für ein neues Publikum frisch und relevant anfühlen. Shakespeares Stücke zum Beispiel wurden unzählige Male in verschiedenen Medien und an unterschiedlichen Schauplätzen adaptiert – vom feudalen Japan in Kurosawas Thron des Blutes bis zum modernen Highschool-Drama 10 Dinge, die ich an dir hasse. In jeder Nacherzählung werden Aspekte der ursprünglichen Erzählung hervorgehoben, die mit zeitgenössischen Anliegen in Einklang stehen.

Shakespeare
Shakespeare

Der technologische Fortschritt trägt ebenfalls dazu bei, bekannten Geschichten neues Leben einzuhauchen. Die epischen Schlachten der alten Sagen können heute mit atemberaubenden visuellen Effekten in Filmen wie Der Herr der Ringe dargestellt werden. In ähnlicher Weise bieten die spekulativen Welten der Science-Fiction einen modernen Kontext für uralte Fragen über Moral und Identität, wie in Blade Runner, wo es um die Frage geht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

Geschichten sind nicht statisch; sie entwickeln sich mit der Interpretation. Jede Nacherzählung, ob durch mündliche Überlieferung, geschriebenen Text oder visuelle Medien, fügt Bedeutungsebenen hinzu. Die Zuhörer bringen ihre eigene Perspektive ein, die durch persönliche Erfahrungen und kulturelle Hintergründe geprägt ist und ihr Verständnis einer Erzählung beeinflusst. Diese dynamische Interaktion zwischen Geschichte und Publikum sorgt dafür, dass selbst die bekanntesten Geschichten neue Erkenntnisse liefern können.

Man denke nur an die anhaltende Anziehungskraft von Mary Shelleys Frankenstein. Ursprünglich als warnende Erzählung über unkontrollierten wissenschaftlichen Ehrgeiz gedacht, wurde sie seitdem durch so unterschiedliche Aspekte wie postkoloniale Theorie, feministische Kritik und Bioethik neu interpretiert. Jede Generation findet Aspekte der Geschichte, die ihre spezifischen Ängste und Hoffnungen ansprechen, so dass die Erzählung relevant bleibt und zum Nachdenken anregt.

Ein wichtiger Grund, warum die Menschheit immer wieder dieselben Geschichten erzählt, ist der Trost und die Erleichterung, die sie bieten. Vertraute Erzählungen dienen als Anker in einer unberechenbaren Welt, sie bieten Sicherheit und ein Gefühl der Kontinuität. Die Vorhersehbarkeit bestimmter Handlungsstränge, wie z. B. die Auflösung einer romantischen Komödie oder der Triumph des Guten über das Böse in einem Fantasy-Epos, verschafft eine emotionale Befriedigung, die in heutiger Zeit anders nicht zu erreichen ist.

Außerdem vertieft die Wiederholung unsere Auseinandersetzung mit einer Geschichte. Bei jeder Begegnung fallen uns Details auf, die wir zuvor übersehen haben, wir schätzen die Kunstfertigkeit der Erzählung und denken darüber nach, wie sich unsere eigene Perspektive verändert hat. Die vielschichtige Natur des Geschichtenerzählens sorgt dafür, dass sich das Wiedersehen mit einer Geschichte anfühlt, als würde man einen alten Freund treffen.

Eine Geschichte über die Anderen

Nur mal angenommen, wir lernen Menschen kennen, die uns normalerweise erschauern lassen würden. Weil sie gar nicht mehr da sein dürften. Es sind nette, ein bisschen seltsame, durchweg aber freundliche, aufmerksame, hilfsbereite Menschen. Gut so weit. Und dann finden wir Fotos von ihnen. Alte Post-mortem-Bilder. Echte Bilder, die unmittelbar nach ihrem Tod gemacht wurden. Eben Bilder von just Verstorbenen, die man im 19. und frühen 20. Jahrhundert zur Erinnerung an geliebte Familienmitglieder und innig geschätzte Freunde noch eilends anfertigen ließ und in Ehren hielt. Diese Bilder waren die oft einzigen Aufnahmen von ihnen, – die Fotografie, noch in den Kinderschuhen, war halt eine sehr kostspielige Angelegenheit – , und sie zeigten deren Leichen. Das war, salopp formuliert, ja auch besser als nichts.

Nun nehmen wir nochmals an, wir lernen diese Leichen kennen, ohne zu wissen, dass es welche sind. Da läuft es einem schon kalt den Rücken herunter. Nicht schleichend, sondern in eisigem Rutsch. Wir haben Geister getroffen. Mit ihnen gesprochen.

Vielleicht ist man ja selbst schon tot

© Senator Filmverleih GmbH

Vielleicht haben wir diese besondere Gabe. Vielleicht sind wir aber auch selbst schon tot. Wollen das nicht wahr haben und müssen auf Umwegen begreifen, dass wir jetzt dazu gehören. Zu den Anderen. Wer weiß.

Geschichten über die Anderen gibt es reichlich. Einige sind wohl wirklich wahr. Manche sind erdacht, geträumt, gewünscht. Oder ein bisschen wahr. Und speziell diese eine hier? Ist auf jeden Fall gut. Wirklich gut. Sie heißt:

The Others. Ganz schlicht. Die Anderen. Eine krasse Klasse-Story. Ein beseelter Romanautor aus der Ecke, in der das Kerzenlicht verdächtig flackert, hätte aus dem Stoff ein Wahnsinnsbuch gemacht. Regisseur Alejandro Amenábar war aber schneller. Er hatte die Grundidee, tatsächlich erkennbar erst beim grandiosen Gänsehaut-Finale, schrieb das Drehbuch, komponierte die Musik, setzte auf künstlerischen Freigang im Dämmerlicht und die Urangst vor der Dunkelheit, kreierte Großes und sagt(e) bescheiden:

„Es gibt weder Helden noch Bösewichte. Nur Menschen, die versuchen, eine Bedeutung in den Dingen zu finden, die ihnen widerfahren.“

Hat alles bestens funktioniert. Der Mystery- und Psychothriller aus dem Jahr 2001 mit der bleichen, kühlen Schönheit Nicole Kidman in der Hauptrolle ist ein absolut stimmiger Gruselschocker mit visuellen Anleihen an die große Schwarz-Weiß-Horror-Film-Aera der 40er-Jahre, der leise Klänge langsam und düster durch die Nerven jagt, bis der Trommelwirbel einsetzt. Famos finstere Töne sind das, herrlich edel und fürchterlich echt. Genial durchdacht, das Ganze: Der Zuschauer wandert mit stetig steigender Erregung und Erwartung durch die Geschichte, die einsame Gegend, das alte Anwesen, die düstere Atmosphäre, die merkwürdigen Akteure werden ihm vertrauter, er glaubt, zu verstehen, und steht am Ende vor einer Erkenntnis, die ihn wie ein plötzlicher Regenguss hautnah und eiskalt erwischt.

„Keine Messer, keine Schlitz-Szenen, keine dunklen, vermummten Killer, allein die Musik ist klassisch spannungsfördernd, um nicht zu sagen spannungsheischend eingesetzt.“ (Wolfgang Huang, filmspiegel.de)

Schauplatz des Films, der hauptsächlich in Kantabrien, Madrid und auf der Kanalinsel Jersey gedreht wurde, ist ein imposantes altes Gemäuer, das von einem riesigen, üppig bewachsenen Grundstück umgeben ist. An diesem irritierend schönen und doch gänzlich unheimlichen Ort bleibt der Zuschauer ausnahmslos bis zum verblüffenden Ende Gast, kurzweilige Ausflüge, die von der geheimnisvollen Stätte mit etwas netter Idylle vielleicht mal ablenken könnten, gibt es nicht. Ein Picknick im Grünen bei Sonnenschein und bester Laune steht nicht im Drehbuch, hier herrschen Strenge und Konzentration vor, Traurigkeit, Sorge, Furcht, Zweifel und Angst.

Alles erstklassig inszeniert und herüber geschickt. Die Resonanz war dementsprechend: The Others spielte bei vergleichsweise bescheidenen 17 Millonen US-Dollar an Produktionskosten weltweit in den Kinos rund 210 Millionen US-Dollar ein, erhielt etliche Auszeichnungen, allein acht Goyas und den Saturn Award in drei Kategorien, darunter Bester Horrorfilm.

Lobende Worte für den spanischen Regisseur, der 1997 mit Abre los Ojos (Virtual Nightmare – Open your Eyes: Remake Vanilla Sky, 2001) bereits die Reise über den großen Teich mit Ziel Film-Olymp erfolgreich anvisiert hatte, fanden viele, die notorischen Nörgler, die nicht anders können, blieben herrlich ruhig. So schrieb Manfred Müller 2001 im Spiegel:

„Alejandro Amenábar hält eindrucksvoll Einzug in Hollywood. Mit seinem subtilen Gruselfilm „The Others“ trieb er seine Hauptdarstellerin Nicole Kidman zu Höchstleistungen an und schuf einen Genreklassiker, der ohne grelle Effekte auskommt und auf die Phantasie des Zuschauers setzt.“

Viel Phantasie, viel Finsternis

Zur Story sei Wesentliches gesagt, eben das, was man vielleicht eh‘ längst weiß, aber gern mal wieder im von finsteren Sinnen beseelten Kopf hätte: Ende des Zweiten Weltkriegs, Kanalinsel Jersey: Grace lebt mit ihren Kindern Anne und Nicholas in völliger Abgeschiedenheit in einem riesigen Landhaus und hofft auf die Rückkehr ihres Ehemanns Charles, der als Soldat für England gekämpft hat. Personal ist zwar vorhanden, dieses verlässt Grace aber ohne Erklärung. Sie findet unverhofft Ersatz in der Haushälterin Mrs. Mills, dem Gärtner Mr. Tuttle und der stumme Dienstbotin Lydia. Die drei erhalten konkrete Anweisungen: Türen immer verschließen, Vorhänge stets zugezogen halten, um die Kinder zu schützen, die an einer Lichtallergie leiden. So weit geklärt, das Unheil nimmt seinen Lauf, es wird bedrohlich, es wird wirklich richtig spannend.

Da sind überall unerklärliche Geräusche, Grabsteine, die Wahres raunen, die kleine Tochter, die von einem fremden Jungen und einer seltsamen alten Frau erzählt, da ist eine verstörte Grace, die ein Foto-Album mit Bildern von Mrs. Mills, Mr. Tuttle und Lydia findet, die sie (völlig zu Recht) erschrecken, die durch den Nebel irrt, um den Pfarrer aufzusuchen und stattdessen auf Charles trifft, der sie ins Haus begleitet, mit dem sie streitet, mit dem sie schläft, der die Nacht bei ihr bleibt, einzig, um am nächsten Morgen wieder spurlos zu verschwinden. Wie eine Spukgestalt. Wie ihre Tochter, die plötzlich als völlig andere, schreckliche Person vor ihr steht. Wie eben all die Geister, Untoten, Seelen, die Zurückgelassenen, Wiedergekommenen, die Heimatsuchenden in Geschichten wie The Others es zu tun pflegen. Weil das nur so funktioniert, wenn auf eine Art gefesselt werden soll, die mächtig Eindruck hinterlässt. Nicht mehr, nicht weniger.

„Dieses Haus gehört uns.“

Hinzu kommt dieser herrlich angestaubte Stil, da werden beste Erinnerungen an Filme wie Hitchcocks berühmten Nervenkitzler Rebecca wach. Kurz und präzise formuliert ist The Others ein „…an klassischen Vorgaben orientierter düsterer Thriller, dessen vermeintlich vorhersehbare Geschichte in dem Augenblick umschlägt, in dem man glaubt, alles begriffen zu haben. (Lexikon des Internationalen Films). Philipp Bühler in Die Tageszeitung formuliert diesem einen Wahnsinns-Augenblick im antiquiert scheinenden Ambiente recht salopp, haut aber hin:

„Natürlich ist es vor allem das nostalgische Flair, das „The Others“ von neueren Mystery-Thrillern wie „Sixth Sense“ abhebt. Viktorianische Kommoden sind einfach behaglicher als ausflippende Kühlschränke und Fernsehgeräte.“

Und weil die Kommoden sich allmählich beruhigen, kocht Mrs. Mills irgendwann, vielleicht im Morgengrauen, vielleicht in der Dämmerung oder typisch um Mitternacht allen „eine gute Tasse Tee“ und nickt ihnen zu, während sie lächelnd im Chor flüstern: „Dieses Haus gehört uns.“

Und alles ist gut. Könnte so sein. Wäre echt schön. Könnte auch anders sein. Wäre echt gruselig. Oder beides. Immer gut.

Die Femme fatale

Nebel und Mondlicht, schattige Gassen und Silhouetten – die Welt des Noir ist eine Welt der Intrigen, Geheimnisse und der Spannung. Und die rätselhafte, oft missverstandene Figur der Femme fatale bahnt sich ihren Weg durch diese schattenhaften Geschichten. Diese in Sinnlichkeit und Geheimnis gehüllte Figur ist aus dem Noir-Genre ebenso wenig wegzudenken wie der abgebrühte Detektiv und die kriminellen Straßen der Stadt. Aber was genau ist eine Femme fatale, und warum bleibt ihre Anziehungskraft trotz des Wandels der Zeiten und des Geschmacks ungebrochen?

Der Begriff „femme fatale“ ist französisch für „verhängnisvolle Frau“, und mit dieser Dame ist, wie zu erwarten, nicht zu spaßen. Sie ist zwar nicht immer der Bösewicht, aber auch nicht die einfache Heldin. Sie ist eine vielschichtige Frau, die ihren Charme, ihren Witz und ihre Anziehungskraft einsetzt, um zu bekommen, was sie will, und dabei oft Chaos hinterlässt. Stellen Sie sich vor, sie sei die Spinne in einem hauchdünnen Netz, die den Ahnungslosen in ihre komplizierten Pläne hineinzieht, und Sie sind auf der richtigen Spur.

Keine Diskussion über Femme fatales wäre vollständig ohne einen Hinweis auf die vielen illustren Figuren, die im Laufe der Jahre Romane und Leinwände geschmückt haben. Erinnern Sie sich an die schwüle und manipulative Brigid O’Shaughnessy in Dashiell Hammetts „Der Malteser Falke“? Sie ist ein klassisches Beispiel dafür, wie sie den Privatdetektiv Sam Spade in einen Strudel der Täuschung lockt. Und dann ist da noch Cora Papadakis aus James M. Cains „Der Postmann klingelt immer zweimal“. Sie ist die rastlose Frau eines Imbissbesitzers, die einen Herumtreiber in eine gefährliche Liebesbeziehung verwickelt. Die Literaturseiten sind voll von solchen Charakteren, jeder von ihnen ist unvergesslich, jeder hinterlässt eine unauslöschliche Spur in der Erzählung.

Die Umsetzung dieser fesselnden Charaktere auf der Leinwand hat uns einen Schatz an ikonischen Momenten beschert. Nehmen wir Barbara Stanwycks Darstellung der Phyllis Dietrichson in „Frau ohne Gewissen“. Mit einer blinkenden Fußfessel und einem sich anbahnenden Plan verleitet Phyllis den Versicherungsvertreter Walter Neff zu einem mörderischen Betrug. Rita Hayworth als Gilda und Jane Greer in „Goldenes Gift“ sind weitere filmische Beispiele. Diese Frauen ziehen mit ihrer Schönheit, ihrem Charme und ihrer Gerissenheit in den Bann und machen es unmöglich, sie zu vergessen.

Aber warum, so könnte man sich fragen, bleibt die Femme fatale im heutigen Film noir und im Krimi relevant, vor allem, wenn sich die Trends in der Erzählweise so sehr verändert haben? Die Antwort liegt in ihrer Anpassungsfähigkeit und den tieferen Themen, die sie verkörpert.

Moderne Femme fatales tragen vielleicht nicht immer schwülstige Kleider oder Smokey Eyes, aber sie üben immer noch Macht und Mystik in Scharen aus. Sie sind ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Ansichten über Weiblichkeit, Unabhängigkeit und Macht. In dem Maße, wie sich die gesellschaftlichen Ansichten ändern, ändert sich auch die Femme fatale. Sie dient als Barometer der Zeit und passt sich den Herausforderungen, Wünschen und Ängsten der Gegenwart an.

Und obwohl es leicht ist, sie als bloßes Handlungselement abzutun, wirft die Femme fatale tiefgreifende Fragen über die menschliche Natur auf. Sie stellt die Wahrnehmung der Moral in Frage und testet die Grenzen zwischen richtig und falsch aus. In gewisser Weise ist sie die Verkörperung des ewigen Kampfes zwischen Versuchung und Tugend. Ob es der Nervenkitzel einer unerlaubten Romanze ist, die Verlockung der Macht oder der Wunsch, sich von gesellschaftlichen Zwängen zu befreien – die Femme fatale erinnert Leser und Zuschauer an die Dualität, die uns allen innewohnt.

Die Welt des Noir, die von moralischer Ambiguität geprägt ist, ist der perfekte Spielplatz für die Femme fatale. Sie gedeiht in den Grauzonen und zeigt, dass nicht alles so einfach ist, wie es scheint. Inmitten des technologischen Fortschritts und der sich wandelnden sozialen Dynamik bleibt das Wesen der menschlichen Natur im heutigen Noir und Thrill im Wesentlichen gleich. Es ist das Tauziehen zwischen Licht und Dunkelheit, Hoffnung und Verzweiflung, Liebe und Verrat. Und wer wäre besser geeignet, sich in diesem Spannungsfeld zurechtzufinden, als die stets bezaubernde Femme fatale?

Im Laufe der Zeit werden sich Noir- und Krimi-Geschichten zweifelsohne weiter verändern. Die Schauplätze werden sich verändern, die Charaktere werden sich anpassen und die Handlung wird sich in neue, unvorhergesehene Richtungen entwickeln. Doch inmitten all dieser Veränderungen scheint eine Sache fast sicher: Die Femme fatale in ihren vielen Erscheinungsformen wird ein wesentlicher Bestandteil bleiben, der die Intrigengeschichten für kommende Generationen zusammenhält. Und dafür können Krimi-Liebhaber überall unendlich dankbar sein.