Elfen

Wenn die meisten Leute an klassische Fantasy denken, denken sie vielleicht an Tolkien, und bei weiterem Nachdenken wahrscheinlich an Elfen. Und das aus gutem Grund: Elfen gibt es in der Fantasy schon sehr lange. Aber wie viele Tropen und Wesen, die unsere Buchseiten bevölkern, stammen sie aus der germanischen Folklore. Die Elfen ließen sich davon allerdings nicht aufhalten und wanderten quer durch ganz Europa, nach Skandinavien und Großbritannien. Es ist jedoch Island, das die größte Population der Elfen beherbergt, besser bekannt als das vergessene Volk, das in Felsformationen lebt.

Jacob Grimm definiert in den 1830er Jahren Elfen als übernatürliche Wesen dritter Klasse in seinem Standartwerk „Deutsche Mythologie“. Es dauerte nicht lange, und sie erlebten in den USA der 1890er Jahre einen Aufschwung als fleißige Helfer des Weihnachtsmanns, die in Skandinavien lebten und ihre Magie zur Herstellung von Geschenken einsetzten. Die Elfen widmeten sich eifrig der Aufgabe und entwickelten schnell den Ruf, die beste Handarbeiter der Welt zu sein.

Die meisten Elfen-Sichtungen finden dann auch in den wenigen Tagen vor Weihnachten statt, wenn sie unterwegs sind, um Kinder mit grenzwertigem Verhalten auszuspionieren. Eine Elfe namens Albtraum besucht Kinder Tage vor Weihnachten. Wenn die Kinder unartig sind, beschert sie ihnen Elfenträume oder ganz ihrem Namen nach Albträume, indem sie sich auf ihre Brust setzt, während sie schlafen. Elfen bestrafen Kinder auch mit Schluckauf, wenn sie zu ungestüm werden.

Die Romantik des 19. Jahrhunderts gibt den Elfen eine Größe von 1,50 m, atemberaubende Schönheit und lang anhaltende Jugendlichkeit während ihres tausendjährigen Lebens. Laut der Literatur des 19. Jahrhunderts haben Elfen göttliche Einflüsse, einschließlich magischer Fähigkeiten. Ihre blattförmigen Ohren kanalisieren magische Energien vom Himmel, was ihnen die Fähigkeit verleiht, zu kontrollieren, was Menschen sehen und fühlen. Sie legen Magie in Gegenstände, wie z. B. Pilze, um Menschen vorübergehend eine magische Sicht zu gewähren.

Viele Elfen im materiellen Erdkreis haben ihr Zuhause in Bäumen. Es handelt sich dabei um längliche Öffnungen in den Stämmen der Bäume, die die gleiche Höhe erreichen, wie die jeweilige Spezies, die darin wohnt.

Am 6. Januar eines jeden Jahres feiern die Elfen den letzten Tag der Weihnacht in verborgenen Feldern. Ihre brennenden Fackeln sind schon von weitem zu sehen. In jeder Nacht oder an einem nebligen Morgen kann man Elfen auf Wiesen tanzen sehen, wo sie Elfenkreise hinterlassen. Wer auf einen Elfenkreis tritt, hat Pech, und wer in einen solchen uriniert, bekommt eine Geschlechtskrankheit.

Ältere Aufzeichnungen

Um 1220 dokumentierte Snorri Sturluson die Unterschiede zwischen Licht- und Dunkelelfen in der Prosa-Edda. Laut Snorris Edda sind Lichtelfen strahlender als das Sonnenlicht und leben an einem himmlischen Ort namens Alfheim, während Dunkelelfen dunkler als Pech sind und sich in unterirdischen Höhlen oder tief in den Wäldern aufhalten. Eine dritte Art, die schwarzen Elfen, ähneln Zwergen und leben in Svartalfaheim. Die skandinavische Folklore verstärkt die übernatürlichen Fähigkeiten der Elfen.

Die englische Tradition sieht Elfen als boshafte Wesen, die ihren menschlichen Opfern Unglück und Krankheit bescheren. Die Christen entwickelten Erzählungen von Elfen, die mit bösen Absichten handeln. Ein metrischer Zauberspruch aus dem 10. Jahrhundert bietet ein Elfenheilmittel für Rheuma, das durch ein Projektil namens Elfenschuss oder einen von einem Elfen geschossenen Pfeil verursacht wird. Elfen benutzen Pfeilspitzen aus Feuerstein, um Menschen und Vieh scharfe Schmerzen zuzufügen. Wiederholte Einstiche führten zu einem Elfenschlag, der Lähmungen verursachte. Verführerisch attraktive Frauen wurden in England mit Elfenschönheit beschrieben. Im Beowulf lesen wir von einer Elfenschönheit, die ihre Opfer betäubt, und die dadurch mit Dämonen in Verbindung gebracht wird. Eine Elfe namens Königin Mab verknotete Haare zu Elfenlocken.

In Schottland wurde Alfheim zu „Elphame“ oder „Elfhame“ und seine Herrscherin ist die Feenkönigin; oft wird sie die Königin von Elphame genannt, besonders in Balladen wie Thomas the Rhymer. Trotz der Tatsache, dass die meisten modernen Interpretationen von Feen und Elfen kleinwüchsige Kreaturen beinhalten, trifft dies nicht unbedingt auf diese spezielle Feenkönigin zu, vor allem angesichts der etablierten gälischen Tradition von Feen und Elfen in ihrer Mythologie (die als Sídhe bekannt sind).

Manche Gelehrte sind der Meinung, dass die Dunkelelfen lediglich Zwerge waren, aber die Tatsache, dass die Zwerge gesondert im Gebiet um Nidarvellir wohnen, legt etwas anderes nahe.

Natürlich bleibt es beim Rätselraten, denn die Mythologie ist bereits so alt und die Quellen, die wir zu Rate ziehen können, im Vergleich zu den überlieferten Texten aus anderen Mythologien so schmerzhaft spärlich. Daran ist wahrscheinlich die mündliche Überlieferung schuld.

Um bei den Lichtelfen zu bleiben: Wenn wir einen Blick auf ihre Erwähnung in der nordischen Mythologie werfen, finden wir Freyr als ihren Gott. Es gibt aber noch einen anderen Namen, der viel älter zu sein scheint, je nachdem, welche Quelle man konsultiert, und der lautet „Yngvi“. Wenn wir noch einmal einen Blick in Tolkiens Werk werfen, mag es angesichts seiner Vorliebe für Mythologien nicht überraschen, „Ingwe“ als Namen für den Hochkönig der Elfen im Westen zu finden.

Gütige und böse Elfen

Wenn wir uns von der nordischen Mythologie wegbewegen und uns in die englische und gälische Folklore hineinwagen, stellen wir also fest, dass sich die Vorstellung von Elfen im Allgemeinen zu verändern beginnt. Anstatt wohlwollende Kreaturen oder kleine Gottheiten, sind es nun Betrüger und Unholde, wie in der Ballade „Lady Isabel and the Elf Knight“, wo der Elf versucht, Isabel zu ermorden. Besehen wir uns die Rolle der Drachen in der weltweiten Mythologie, stellten wir merkwürdigerweise fest, dass der Drache umso grausamer ist, je weiter die Mythologie im Westen liegt. Nordische Drachen und asiatische Drachen waren weitaus wohlwollender als ihre verschiedenen Gegenstücke.

Die Dökkálfar waren jedoch weder gütig noch wohlwollend, und die Tradition der „Dunkelelfen“ hat sich gegenüber dem nordischen Konzept nur wenig verändert. Ob Drow, Dunkelelfen oder Schwarze Elfen, die Idee von dunkelhäutigen und/oder in der Dunkelheit lebenden Kreaturen, die weit mehr in Fantasy-Rollenspielen und Videospielen auftauchen als in der Literatur, scheint genug Anklang zu finden, um überdauern zu können.

Eines lässt sich jedoch festhalten: die Elfen sind heute so weit von ihren ursprünglichen mythologischen Konzepten entfernt, wie sie von Tolkiens Darstellung entfernt sind. Man könnte freilich dasselbe über Vampire sagen.

Stellen wir uns doch einmal die Frage, ob man eine Elfe noch als Elfe bezeichnen sollte oder ob man einen ganz anderen Namen benötigt. Hier kommen wir an einen Scheideweg: In der einen Richtung haben wir die Elfen, die sich unter dem Banner der klassischen Mythologie und der Folklore tummeln, und diejenigen, die Elfen in einer wesentlich neuen Haut präsentieren.

Sam Sykes Die Tore zur Unterwelt und Richard Morgans Dwenda (Das Zeitalter der Helden 1 – 3, erschienen bei Heyne) sind hier die Bücher, die dem geneigten Leser als erstes einfallen mögen. Natürlich sind diese Rassen keine Elfen im eigentlichen Sinne, sie werden von uns nur mit Elfen verglichen, so wie man eine fiktive Kultur, die luftige, weite Hosen trägt und mit dünnen Klingen kämpft, mit japanischen und anderen ostasiatischen Kulturen vergleichen würde. In gewisser Weise wollen die Leser immer etwas Vertrautes sehen. Es könnte sein, dass eine Rasse, die wir als Elfen wahrnehmen, in Wirklichkeit, abgesehen von den spitzen Ohren und der natürlichen Schlankheit, von Elfen so weit entfernt ist wie Kreide von Käse. So sind wir nun mal.

Früher boten Elfen eine Möglichkeit, etwas Ungewöhnliches in Geschichten einzubringen. Jetzt, wo Elfen in der epischen Fantasy so abgetragen erscheinen, ist das etwas anderes. Das Konzept hat sich überholt. Es gibt neuere und relevantere Wege, fremde Rassen zu erforschen, und da viele Autoren in der modernen Fantasy auf verschiedene Quellen schauen, um sich inspirieren zu lassen, wird die Elfe immer weniger beachtet – bis jemand beschließt, neoklassisch zu sein und sie zurückzubringen oder ihnen ein komplettes Makeover zu verpassen. So oder so, irgendwann wird man sich mit ihren mythologischen Ursprüngen auseinandersetzen; sei es mit einem literarischen Kopfnicken oder einer kompletten Ablehnung des traditionellen Konzepts.

Elfen wurden in der Fantasy-Literatur des 20. Jahrhunderts durch ihren größten Fan, J.R.R. Tolkien, bekannt. Ihre bemerkenswertesten Beschreibungen finden sich in Tolkiens Silmarillion. Als geschätzte Geschichtenerzähler teilen Elfen gerne ihre Erfahrungen mit talentierten menschlichen Schriftstellern.

Karloff the Uncanny

Traumfabrik Hollywood, wir blicken weit zurück: 1931, der Tonfilm steckte (fast) noch in den Kinderschuhen, vielen populären Stummfilmstars hatte er aber bereits das Genick gebrochen. Der große „Rest“ träumte von großen Rollen. Einer von den Träumern, die Ehrgeiz hatten und hofften, war Boris Karloff, gebürtig William Henry Pratt (1887 – 1969), ein noch recht unbekannter britischer Theater- und Filmschauspieler. Ihm wurde eine Rolle angeboten, die sein Leben verändern sollte. Die ihn zur Legende machte.

Karloff war Frankensteins Monster in der ersten Ton-Verfilmung des weltbekannten Romans von Mary Shelley. Er wurde über Nacht in der Monstermaske mit dem traurig-sehnsuchtsvollen Blick, die prägend war für das Bild, das wir immer noch kennen und kompromisslos als das richtige definieren, zum Leinwandstar. Man nannte ihn „Karloff the Uncanny.“ Master of Horror.

Über Nacht der Master of Horror

Da war er nun berühmt, der mittlerweile 44jährige Pratt, der bis dahin eher als Typ-Darsteller, – oft ungenannter Indianer, Araber, Inder, Leibwächter, Taschendieb oder Bösewicht und Schurke allgemein -, freilich auch als ernstzunehmender Charakter durch Hollywood lief, verweilte, weiter lief und suchte. Gute Rollen. DieRolle. Gefragt war er schon. Den schwierigen Übergang vom Stumm- zum Tonfilm schaffte Karloff problemlos. Er spielte nicht überzogen künstlich, seine Stimme war geschult, sein leichtes Lispeln empfand man als ungewöhnlich, ergo positiv, und seinem Oxford-Englisch trainierte er ein tiefes, dunkles Knarren an. Seine Optik trug Übriges dazu bei: Er klang exotisch, er sah auch so aus.

Gescheit überleben konnte Karloff vor Frankensteins Monster von den Gagen allein in der Filmmetropole freilich nicht. Er fuhr nebenher LKW (ohne Führerschein), heiratete allerdings auch bis Ende der 1920er dreimal und ließ sich gleichsam dreimal scheiden, was grundsätzlich unklug ist und den Geldbeutel zusätzlich derb lädierte. Der füllte sich nicht nur ganz beträchtlich mit Frankensteins Monster (Regie: James Whale, Originaltitel: nur Frankenstein), er war jetzt auch ein Mann, den alle kannten, schätzten und haben wollten.

Die 1930er Jahre stehen für eine besonders wirkungsvolle Zeit. Die Maske des Fu-Manchu, Das Haus des Grauens, Scarface, Die Mumie, Der Rabe, Die schwarze Katze…es war das ganz große Kino. Mit Frankensteins Braut (Bride of Frankenstein, 1935), ebenfalls unter der Regie von James Whale, mit der phantastischen Elsa Lanchester in der Titelrolle, gelang dann der absolute Clou. Der Film gilt nicht nur als einer der besten des Schwarz-Weiß-Horrors, des Genres überhaupt, er wird auch zu den Meisterwerken des Hollywood-Kinos gezählt.

Meisterwerk des Schwarz-Weiß-Horrors

Ursprünglich sollte The Uncanny höchstpersönlich in der genial-köstlichen Verfilmung des Theaterstücks Arsen und Spitzenhäubchen (1944, Regie: Frank Capra) mit dem göttlichen Cary Grant (Mortimer Brewster) den aus dem Knast entflohenen Massenmörder Jonathan Brewster spielen, der nach einer missglückten Gesichts-OP wie Karloff in seiner Frankenstein-Maske aussieht. Der Gag wäre phänomenal gewesen, zumal die Rolle eigens für Karloff geschrieben worden war; allein, es war nicht machbar, er stand zeitgleich zu den Dreharbeiten als Jonathan auf der Bühne am New Yorker Broadway. Die Theaterproduktion war überaus erfolgreich und brachte es auf über 1.400 Vorstellungen; da Karloff selbst sie finanziert hatte, verdiente er damit viel Geld.

Natürlich konnte der Alt-Meister Karloff nicht ewig auf dem Thron bleiben. Sein persönliches Zepter nahm er mit, wer sollte ihm nachfolgen? Andere Zeiten, Techniken, Ideen, Möglichkeiten, Stars kamen. Und die Farbe. Immerhin drehte man mit Karloff noch bis Ende der 1950er Jahre in Schwarz-Weiß, um die düstere Atmosphäre, die morbide Stimmung, sein unvergleichliches Finster-Schauspiel zu verstärken. Er blieb auch später immer noch ordentlich im Geschäft, engagierte sich weiterhin gewerkschaftlich (SAG: Screen Actors Guild), arbeitete für das Fernsehen, als Synchronsprecher, Vorleser und Erzähler, – seine markante Stimme konnte wunderbar sanft sein, sagt man -, im Radio und auf Schallplatten. 1962 drehte Roger Corman mit Karloff noch einmal Leinwand-Finsternis mit ironischer Prise: Der Rabe – Duell der Zauberer und The Terror – Schloß des Schreckens, zwei B-Movies, gelten als Kult-Muss in Genre-Kreisen.

Als das Grauen anonymer wurde

Für typische Einzel-Heroen wie Karloff ging Ende der 1960er so langsam endgültig das Licht aus. Realer Schrecken beeinflusste den Horror-Film, das Grauen wurde anonymer und allumfassender: Gesichts- und namenlose Zombies (Night of the Living Dead, 1968, George A. Romero) kämpften und bissen sich durch die Kinosäle. Der Vorhang für The Uncanny fiel. Er starb 1969 in West Sussex, England. Seit 1946 bis zu seinem Tod an seiner Seite: die sechszehn Jahre jüngere Evelyn Helmore, seine fünfte Ehefrau.

Boris Karloff
Boris Karloff

Was allemal bleibt: Frankensteins Monster als Riesenwurf. 1938 wurde die Monstermaske aus dem Film zum Symbol der Surrealismus-Ausstellung in Paris. Filmplakate wurden zu gigantischen Summen versteigert, und bis Anfang 1980 zierte er als Zeichnung die Comicbuch-Reihe Boris Karloff’s Tales of Mystery (Gold Key Comics).

Frankensteins Monster: Für Boris Karloff durchaus ein Segen. Auch sein Fluch? Sagt man ja so. Segen ist klar, zum (bedingten) Fluch wird es, wenn man nicht mehr schätzt, auf ewig auf etwas reduziert zu werden, das einem unweigerlich ein Stück von der eigenen Persönlichkeit gestohlen hat, obgleich es einem so viel schenkte. Karloff war zufrieden, das erzählt man sich, das glauben wir. Gesagt haben soll er, sein „Leben als Monster“ sei lang und glücklich gewesen. Karloff war ein zufriedener Mann, das erzählt man sich, das glauben wir.

Sympathisch war er wohl auch. Eine kleine Anekdote: Zum Set von Frankensteins Monster fuhr die siebenjährige Marilyn Harris, ein damaliger Kinderstar,- sie war die „Little Mary“ im Film, das kleine Mädchen am See, das vom Monster (versehentlich) getötet wird -, gemeinsam mit Karloff, der in voller Montur neben ihr saß und vergnügt mit ihr plauderte. Die Crew hatte zuvor gedacht, sie hätte vermutlich furchtbare Angst vor ihm, aber Marilyn nahm seine Hand und fragte ihn ganz unbekümmert, ob sie mit ihm in seiner Limousine sitzen dürfe. Karloff, ganz Gentleman, lächelte: „Es wäre mir ein Vergnügen, Kleines.“

So war es. Das war es. Das war er.

Vincent Price: Ikone der Nacht

Ob es Poe gefallen hätte, dieses Diabolische, Irrsinnige, das Vincent Price auf der Leinwand so genial verkörperte? Gute Frage wohl. Auf jeden Fall hat der Ausnahmeschauspieler dem weltbekannten Ausnahmeschriftsteller eine spannende Extraportion an Popularität geschenkt, die dem literarischen Vermächtnis auf spezielle Art Respekt und Bewunderung zollt.

Sieben Filme nach literarischen Vorlagen von Edgar Allan Poe drehte Vincent Price (1911-1993) in den 1960er Jahren, und seine unverwechselbare Art, mit seiner Darstellungskunst, seiner Sprechweise, seiner Mimik auf dem schmalen Grat zwischen (fast) idealem Genie und schleichendem, packendem, bezwingendem Wahnsinn balancieren zu können, machte ihn zu einem Idol der Horrorszene, zum Kultstar des Genres, zu einer der wenigen echten Ikonen der Nacht.

In all diesen Filmen, – House of Usher (Die Verfluchten), Pit and the Pendulum (Das Pendel des Todes), The Haunted Palace (Die Folterkammer des Hexenjägers), Tales of Terror (Der grauenvolle Mr. X), The Raven (Der Rabe – Duell der Zauberer), Masque of the Red Death (Satanas – Das Schloß der blutigen Bestie), Prematural Burial (Lebendig begraben) -, war B-Film-König Roger Corman Regisseur; er setzte auf den perfekten, wie für ihn persönlich geschaffenen Poe-/Price-Charakter, und er gewann mit ihm haushoch.

Fürchten lehren: Eine Passion

Das galt und gilt vom ersten Moment an, in dem Price 1960 als Roderick Usher, letzter Nachfahre der alten, zum Untergang verdammten Familie Usher, sein Publikum das Fürchten lehrt. Seine große, wahre Passion? Vor der Filmkamera gestanden, um fröstelnd erschauern zu lassen, hat Price schon 1939. Ihm zu Ehren sei genießerisch verwegen spekuliert:

Blauschwarzer Nebel schlief über der Themse, Herbstregen raunte geheimnisvoll, und der Big Ben weckte die Mitternacht. So ungefähr war das bestimmt, vielleicht auch etwas anders, als die erste Horrorfilmrolle eines der berühmtesten Genre-Darsteller überhaupt im Kasten war. Die Zeichen waren ergo gesetzt. Mit seinem bescheidenen Kurzauftritt in Tower of London (Der Henker von London) als ein im Weinfass ertrinkender Graf an der Seite von Boris Karloff und Basil Rathbone war der erste, freilich gemütliche Schritt in die große, geniale, gute Finsternis getan. Ein sehr gemütlicher.

Damit hatte es sich dann erst einmal. Neue Schauer-Stories, zumal mit mehr Raum und Zeit, gab es vorerst keine für den 1,93-Meter-Mann mit dem gewissen optischen Etwas, – attraktiv, arrogant (war er aber nicht) und undurchschaubar. Price, wohl blitzgescheit zudem, der in Yale Kunstgeschichte und Anglistik studiert hatte und für seine Doktorarbeit über Albrecht Dürer ein Jahr in Frankfurt und Nürnberg lebte, war in New York zwar fleißig auf der Kinoleinwand und auf der Theaterbühne vertreten, seine famose dunkle Stunde schlug aber später.

»And whosoever shall be found, without the soul for getting down, must stand and face the houl of hell, and rot inside a corpse’s shell…«

Sie schlug 1953 mit House of Wax (Das Kabinett des Professor Bondi). Es vergingen ergo stolze vierzehn Jahre, bis Vincent Leonard Price jun. , Sohn eines Süßwarenfabrikanten aus St. Louis, den Riesentreffer landete, der ihn berühmt machte und später in Edgar Allan Poe (1809 – 1849) einen Meister finden ließ, dessen Name jeder passionierte Filmfan untrennbar von seinem im Kopf hat. Auch wer Poe gar nie gelesen hat, – und von der Sorte, so munkelt man gar entrüstet und betrübt, soll es einige Viele geben -, kennt Poe. Dagegen mag sich jeder noch so Detailverliebte sträuben.
Sensationserfolg mit Wachsleichen

Price spielt in House of Wax, im brandneuen, ergo spektakulären 3-D-Verfahren gedreht, den begnadeten, freilich wahnsinnigen Henry Jarrod, Schöpfer von großartig gemachten Wachsfiguren. Es bleibt nicht dabei, Jarrod benutzt Leichen für seine Kunst, wird entlarvt und findet seinen Tod in einem Kessel mit heißem Wachs. Unschön, aber fair. Der Film wurde ein Sensationserfolg, man zeigte ihn bis Ende der 1980er immer wieder in den Kinos. Bei der Hollywood-Uraufführung, in Bildern der damaligen Wochenschau festgehalten, unter den beeindruckenden (und beeindruckten) Gästen: Bela Lugosi in seinem Dracula-Kostüm und Leinwand-Cowboy Ronald Reagan, der spätere US-Präsident.
Der Weg steil nach oben war mit House of Wax für Price frei gegeben. Es folgte The Mad Magician; hier verkörpert er einen irren Zauberkünstler, der einen Kollegen mit einer gewaltigen Kreissäge ermordet und in dessen Identität schlüpft. House on Haunted Hill (Das Haus auf dem Geisterhügel, 1958), – Price als exzentrischer Millionär Frederick Loren mit schaurig-netten Einfällen -, erlebte im Jahr 1999 ein Remake; Loren heißt in der Neuverfilmung Stephen Price, das galt als dicke Verneigung. In Erinnerung gebracht wird Price auch heute noch immer wieder mit The Fly ; hier gibt er zwar weder den finsteren Schurken noch den geistig verwirrten Bösen, aber es ist (mit) sein Film. Einwandfrei.

In The last man on earth verkörpert Price einen Wissenschaftler, der eine das Wesen verändernde, letztlich die Unmenschlichkeit und den Tod bringende Seuche überlebt hat. Die Gesamtbevölkerung ist infiziert. Der Film basiert auf dem Roman I am Legend von Richard Matheson und wurde 2007 unter dem Originaltitel mit Will Smith in der Hauptrolle gedreht. Den kennen wir.

Die Erstverfilmung mit Price freilich ist trotz seines großen Namens und trotz einer damals bereits stark und düster inszenierten Hammerstory fast völlig vergessen. Gilt allerdings in Fan- und Expertenwelt, selbst wenn die Mehrheit sie noch nie gesehen hat, als stilistischer Vorreiter und Vorbild auch für George A. Romero (The night of the Living Dead) und als wegweisend für die Entwicklung des modernen Horrorfilms.
Price als Legende: So bleibt’s!

Price wandte sich Mitte der 1970er Jahre, nachdem er noch erfolgreich in bewährter schräg-schön-schauriger Manier in The Abominable Dr. Phibes (Das Schreckenskabinett des Dr. Phibes), der Fortsetzung davon und in Theatre of Blood gewirkt und gegruselt hatte, wieder mehr dem Theater zu, zeigte Glanzleistung in dem Ein-Personen-Stück Diversions and Delights von Oscar Wilde. Überhaupt: Der Mann bestach vielfältig, war Kunstkenner und -sammler, schrieb Kochbücher, – sein Großvater hatte sich einen Namen gemacht mit der Erfindung eines Backpulver, der Vater war Süßigkeiten-Experte, irgendwas gut Appetitliches blieb auch auf dem Sektor an ihm hängen -, und er war Radio-/Kurz- und Zeichentrick-Film-Sprecher.

Darkness falls across the land

Seine markante Stimme, sein Markenzeichen, (s)ein Thriller: Er ist der Mann, den Michael Jackson 1982 für einen Song haben wollte, der ein absoluter Mega-Hit wurde. Die musikalische Schauermär Thriller ist legendär, da kocht das Blut, da verneigen auch wir uns vor und präsentieren gleichsam als Ehrerweis die im Lied von Horror-Altmeister gesprochenen Textzeilen. Produzent Quincy Jones bezeichnete Price, der seine Aufnahme in nur zwei Takes fertig hatte, als „einfach nur großartig“. Richtig so.

»Darkness falls across the land, the midnite hour is close at hand. Creatures crawl in search of blood, to terrorize y’awl’s neighbourhood…«

In dem preisgekrönten, mehrfach ausgezeichneten Kino-Welterfolg Edward mit den Scherenhänden (Johnny Depp) aus dem Jahr 1990 spielte Price, der dreimal verheiratet war und seiner dritten Frau Coral Browne zuliebe 1987 zum Katholizismus konvertierte, seine letzte große bekannte Rolle. Er war der Schöpfer des künstlichen Jungen, dessen Vollendung ihm nicht mehr gelang, weil er starb, bevor er Edward richtige Hände schenken konnte. Eine recht traurige letzte Geschichte. Aber nicht seine eigene. Die war bunt. Lebendig. Facettenreich. Mit Sicherheit gut. Der Tag seiner Bestattung am 25. Oktober 1993 war so. Ein guter. Er wurde verbrannt, die Asche vor der kalifornischen Küste verstreut, und sein geliebter Strohhut wurde in den Pazifik geworfen. Mit dem spielten eine ganze vergnügte Weile die Seehunde, wie seine Tochter Victoria erzählte. Hätte ihm wohl gefallen. Price konnte eben so.

»And though you fight to stay alive, your body starts to shiver, for no mere mortal can resist, the evil of the thriller.
Can you dig it?!«

Und so.