Zorro – Der mexikanische Robin Hood

Zorro, “der Fuchs”, wurde 1919 von dem Schriftsteller Johnston McCulley für seine Pulp-Serie “The Curse of Capistrano” erschaffen. Diese ungemein erfolgreiche Geschichte war die erste von 65, in denen der romantische Held im spanischen Reina de Los Angeles in Kalifornien gegen Ungerechtigkeiten aller Art kämpfte.

McCulley war ein ehemaliger Zeitungsmann und schrieb von Krimis bis Western alles. Er stellte Zorro am 9. August 1919 in der Zeitschrift Argosy‘s All-Story Weekly vor. The Curse of Capistrano endete nach der fünften wöchentlichen Folge mit der Enthüllung seines Helden. Das gesamte Dorf wusste von da an, dass Zorro Don Diego de la Vega war. Und das Publikum verlangte noch mehr Zorro-Geschichten, nachdem es Douglas Fairbanks Stummfilmadaption gesehen hatte. The Further Adventures of Zorro wurde 1922 veröffentlicht und McCulley schrieb die Zorro-Geschichten bis zu seinem Tod im Jahre 1958.

Hundert Jahre später wirkt der maskierte Held aus dem spanischen Kalifornien ähnlich antiquiert wie die drei Musketiere, man sollte aber nicht vergessen, dass er nicht zuletzt Bob Kane und Bill Finger zu ihrem Batman inspirierte, und auch Hollywood niemals ganz von ihm lassen konnte. Ein Edelmann, der den Bedrängten gegen Ungerechtigkeiten aller Art beisteht, nicht ein „dunkler“, sondern ein Western-Ritter, der nicht einfach nur mit dem Degen fuchtelt, sondern auch eine Pistole benutzt, was zu der Zeit, in der Zorro spielt, seine Überlegenheit garantiert. Das erinnert doch stark an einen Milliardär, der sich moderne Technologie zu eigen macht, um Gotham vor allerlei Gefahren zu schützen.

Tatsächlich waren die Helden der Vergangenheit einzigartig. Im Gegensatz zu ihren zeitgenössischen Kollegen besaßen sie nur ein sehr spärliches Arsenal. Genauer gesagt, hatten die herausragenden und renommierten Helden der Vergangenheit kaum etwas anderes als sich auf ihre eigenen körperlichen Fähigkeiten und ihren geistigen Erfindungsreichtum zu verlassen.

Darüber hinaus ist es besonders denkwürdig, dass sie den Kampf gegen Ungerechtigkeit und soziale Ungleichheit stets beibehielten, während moderne Helden routinemäßig gegen Naturkatastrophen und außerirdische Invasoren und Monster zu Felde ziehen.

Einer der herausragenden Helden der bewegten amerikanischen Vergangenheit ist dann auch Zorro. Das Ziel seiner Existenz und seiner heldenhaften Taten war der Schutz der armen Menschen und all jener, die seinen Schutz, seine Verteidigung und seine Unterstützung brauchten. Das spanische Wort Zorro wird dabei ganz allgemein mit “Fuchs” übersetzt. Johnston McCulley nutzte diesen Namen, um eine sehr wichtige Botschaft an seine Zielgruppe zu vermitteln: Die Hauptfigur der Geschichte ist bereit, all ihre Fähigkeiten und Kenntnisse einzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen: Klugheit, Täuschung und Beweglichkeit; um zu vermeiden, von den Behörden der Regierung verfolgt zu werden und um alle seine Feinde zu besiegen, sowohl erklärte als auch latente.

Die Geschichte von Zorro hat wesentlich zur Entstehung und Entwicklung des kulturellen Erbes der Vereinigten Staaten von Amerika beigetragen. Zorro war nicht nur ein Symbol für diejenigen, die gegen Ungerechtigkeit und soziale Ungleichheit kämpften, sondern auch für die ganze Union und die Umsetzung ihrer freiheitlichen Ziele (und all jener, die eine ähnliche Vision verfolgten). Der Autor hat in Zorro die texanische, kalifornische und amerikanische Folklore verpackt, mit anderen Worten, die Entstehung Zorros entsprang nicht allein der Fantasie, sondern war ein Sammelsurium der Hoffnungen und Sehnsüchte der einfachen Menschen, die wirklich einen Helden benötigten, der sich um ihr Wohlergehen kümmerte. Und weil es so einen Helden nun einmal nicht gab, wurde er von McCulley erschaffen.

Dennoch bleibt unklar, woher Zorro wirklich stammt. Verschiedene Wissenschaftler und Anhänger seiner Geschichte geben unterschiedliche Antworten auf diese Frage. Bis zum heutigen Tag steht eine gründliche Untersuchung aller über Zorro veröffentlichten Werke noch aus, und Kritiker sind sich einig, dass es aus diesem Grund (noch) unmöglich ist, eine verbindliche Antwort zu geben.

Historisch gesehen ist Zorro als eine geschickte und sehr treffende Zusammenfassung der Helden und Persönlichkeiten der Vergangenheit zu betrachten, die eine ähnliche Funktion wie er hatten. Seine Heldentaten und Leistungen sind in erster Linie dem legendären Joaquin Murrieta (1829 – 1853) nachgezeichnet, dem Beschützer der Armen und Unterdrückten der Gesellschaft.

Eine weitere Parallele, die häufig zwischen Zorro und seinen Kollegen gezogen wird, ist jene zum berühmten englischen Robin Hood. Obwohl ihre Taten durch Jahrhunderte getrennt sind, sind sich die Handlungen und der Charakter der beiden Protagonisten ziemlich ähnlich.

Beide sehen sich als Verteidiger der Armen und jener, die von der Gesellschaft marginalisiert werden. Die beiden haben ähnliche Wurzeln in der Gesetzlosigkeit (Robin Hood wiederum wird formell sogar zu einem Gesetzlosen erklärt, im Gegensatz zu seinem amerikanischen Kollegen, der nur dann außerhalb des Gesetz steht, wenn er seine Maske trägt und wenn er die Staatsgewalt herausfordert, während er seine heldenhaften Taten begeht).

Insgesamt lässt sich jedoch zusammenfassen, dass der Beginn der Zorro-Legende die Zusammenfassung der nationalen Folklore der Menschen in Kalifornien und in Texas ist.

Wo liegt Entenhausen?

Nun ist die Frage nach dem Wo naturgemäß nicht so leicht zu beantworten, was man allein daran erkennen kann, dass es darüber unterschiedliche Meinungen gibt. Über eine Stadt wie München muss man nicht diskutieren, sie verändert ihren Standort nicht.

Verändert denn Entenhausen seinen Standort?

Eine italienische Postkarte von 1963, die durchaus etwas von Entenhausen an sich hat

Nun, das hat es tatsächlich schon einmal gegeben, nämlich als Erika Fuchs – die ja den Namen überhaupt erst erfunden hat – für sich beschloss, dass Entenhausen in Deutschland liegt, genauer: in Oberfranken, und noch genauer: in Schwarzenbach an der Saale. Dort nämlich, wo sie lebte,  als sie als erste Chefredakteurin und Übersetzerin der Micky Maus die erste Generation deutscher Disney-Fans mit ihrem Sprachwitz prägte. Von da her ist es folgerichtig, Entenhausen in Deutschland zu verorten – und die Donaldisten haben das dann auch getan. Carl Barks war natürlich der Urheber jenes Duckburg, das Erika Fuchs erst zu Entenhausen machte, und hier haben wir das erste Problem vor uns, denn eigentlich ist Entenhausen nicht einfach nur eine Übersetzung von Duckburg, auch wenn wir heute ein und dieselbe Stadt darunter verorten.

Es gibt da einen interessanten Stadtplan Entenhausens, den der Donaldist Jürgen Wollina der Welt nach 13jähriger Arbeit im Jahre 2008  vorgestellt hat.  Er kann bei der donald.org bestellt werden.

Entenhausen – Der Stadtplan

Stadtplan von Jürgen Wollina

Ein Stadtplan gibt natürlich noch keine Auskunft, wo sich eine Stadt überhaupt befindet, und um das zu klären, muss man zwei Dinge wissen. Erstens: Woher kam Carl Barks, und zweitens: Was ist Entenhausen (im Sinne von Duckburg) überhaupt.

Die Allgemeinheit geht davon aus, es handle sich bei Entenhausen um einen fiktiven Ort, der sich nirgendwo befinde, weil er ja eben fiktiv sei, bloße Erfindung. So einfach ist es aber nicht. Ich nämlich behaupte: Entenhausen existiert. Reisen wir nicht andauernd dorthin, um mitzuerleben, was sich dort so tut? Und selbst wenn das noch nicht genügen würde – seit Jahrzehnten schicken Zeichner, Texter und Leser gewaltige Energien aus, um Entenhausen zu erschaffen und weiterzuentwickeln. Wir können nur nicht körperlich anwesend sein, weil Entenhausen in einer anderen Dimension liegt, so wie Träume (die ja ebenfalls existieren). Die wissenschaftliche Disziplin des Donaldismus geht etwas anders vor, sie stützt sich überhaupt erst auf die Prämisse, dass sich Barks die Geschichten nicht einfach ausgedacht hat, sondern dass sie wahr sind. Also auch keine Traumreisen, keine Literatur oder Fantasie, sondern absolut wahr. Und das führt wiederum zu dem Problem, dass auch nur Carl Barks aus Entenhausen berichten konnte. Tatsächlich wird man diese wunderbare Stadt zunächst einmal in Barks eigener Erinnerung finden, denn nichts entsteht im luftleeren Raum. Ob andere Zeichner Entenhausen dann woanders hin verfrachteten, muss erst untersucht werden.

Calisota

Beachtet man alle Hinweise, kann es keinen Zweifel geben, dass Entenhausen alias Duckburg in Nordamerika liegt. In einigen Fällen gibt es sogar Entfernungshinweise. So ist zB. Puget Sound (eine Meeresbucht im Norden der USA) 1000 Meilen entfernt, Burbank wird als in der Nähe liegend erwähnt. Aber all die Hinweise werden uns Entenhausen natürlich nicht finden lassen, weil es aus einer Zusammensetzung besteht. Barks hat lange in Hemet, Kalifornien gelebt und von dieser Erfahrung viel in seine Arbeit integriert. Allerdings ist Hemet keine Küstenstadt, Entenhausen aber schon. Und Barks hatte viel übrig für Schneelandschaften. Aber auch da konnte er auf seine Erinnerungen zurückgreifen, denn aufgewachsen ist der Meister in Oregon und lebte in den 30ern in Minnesota, also ganz im kalten Norden, an der Grenze zu Kanada. Duckburg stellt nun genau diese Kombination her. Dass Entenhausen in einem erträumten und zusammengesetzten Staat liegt, erwähnt Barks selbst. In der Geschichte “Gilded Man” (dt. “Jagd nach der roten Magenta”) von 1952 (Deutscher Erstdruck im Micky Maus Sonderheft 16) gibt es folgenden Hinweis: “She floated away in 1901. Said forward her mail to 45 Mallard Avenue, Duckburg, Calisota”. In der deutschen Übersetzung findet sich das allerdings nicht, wie überhaupt die (sicher zu recht) hochgelobte Erika Fuchs in ihren Übersetzungen auch viel Schaden anrichtete. Calisota ist nun also diese Verbindung aus Kalifornien – dem Sommer, das Meer, die Palmen, die Wüste) und Minnesota (Berge, Winter, Flüsse). Nur wenn man diese erinnerten Verbindungen und präzisen Beobachtungen Barks kennt, wird man Entenhausen finden.

Stella Anatium

Die Ducks sind keine Enten, sie sehen nur so aus. Warum wir einen Teil der Bewohner Entenhausens als Tiere sehen, ist bisher noch nicht eindeutig geklärt, hat aber etwas damit zu tun, wo Entenhausen überhaupt liegt. Weiter oben habe ich ein paar geographische Daten herbeigezogen. Die sind allerdings nur halbwegs plausibel, wenn man davon ausgeht, Entenhausen sei auf unserer Erde zu finden. Es gibt da unterschiedliche Theorien.

Wir selbst sind im Grunde Affen, bezeichnen uns aber genauso als Menschen wie die Bewohner Entenhausens. Tatsächlich erscheinen uns neben Enten Mäuse, Hunde, Schweine, Wölfe, usw. Aus einem bestimmten Grund glaube ich, dass es etwas mit der Charakterbildung zu tun haben könnte. Wir selbst geben uns Tiernamen. Schweine, Ratten, Hunde, Vögel oder Füchse sind bei uns ebenfalls zu finden; Frauen sind Katzen, Hühner, Kühe oder Hasen. Es gibt in Entenhausen freilich auch Menschen, die tatsächlich so aussehen. Das ist sogar die Mehrheit, eine undefinierbare Masse – wie auch bei uns. Sie sind meist unspektakulär, reines Requisit. Und trotzdem sehen die Entenhausener Menschen nicht wirklich so aus wie die Menschen auf der Erde. Wir erkennen sie nur, weil sie sich ganz eindeutig von all jenen unterscheiden, die animalid aussehen.

Es gibt Donaldisten, die behaupten, Entenhausen wäre eine längst vergangene Epoche, läge also in der Vergangenheit; und es gibt Donaldisten, die sagen, Entenhausen läge in der Zukunft (Atomtheorie). Das ist jene Strömung, die Entenhausen auf unserem Planeten verortet. Das Problem daran ist, dass wir bisher auf keinen einzigen Hinweis gestoßen sind, der uns Entenhausen in der Vergangenheit glaubhaft machen könnte. Das gleiche lässt sich über die Zukunft sagen, wenn auch mit einer etwas anderen Argumentation. Es ist nämlich höchst unwahrscheinlich, dass es noch einmal zu einem Goldrausch am Klondike kommen wird, oder dass jemand wie Dagobert Duck in einem Menschenleben sowohl den Goldrausch als auch die Eroberung des Weltraums erlebt. Denkbar schon, aber unwahrscheinlich. Das wichtigste Gegenargument ist aber – wie auch schon bei der Theorie über die Vergangenheit – das nicht vorhandene Interieur unseres Planeten. Bedenkt man, was wir unseren künftigen Generationen alles hinterlassen, ist es doch wenig glaubhaft, dass die Entenhausener ihrerseits nichts von unseren Hinterlassenschaften je entdeckt haben.

Die interessanteren beiden Theorien gehen so: Entenhausen befindet sich auf einem anderen Planeten; und: Entenhausen befindet sich in einem Paralleluniversum. Diese beiden Theorien gehen meistens Hand in Hand, es ist die berühmte “Stella Anatium” – Theorie, und diese ist, meines Erachtens, die richtige. Allerdings glaube ich dabei nicht direkt an einen anderen Planeten, sondern tatsächlich an ein Paralleluniversum. Schließlich ist die Erde Entenhausens auch als Erde erkennbar und wird in den Comics nicht anders genannt. Auch die historischen Ereignisse gleichen sich auf verblüffende Weise. Nimmt man alle Ähnlichkeiten mit unserem Planeten zusammen, könnte es sich – sieht man einmal von manchen sonderbaren naturwissenschaftlichen Problemen ab – eben auch um unsere Erde handeln. Es ist ja gerade diese Ähnlichkeit, die manche Donaldisten zu ihrer Terra-Theorie veranlasste.

Es gibt noch weitere Theorien, aber die lassen sich alle in die genannten eingliedern. So geht die Chrononen-Theorie ebenfalls von einem Paralleluniversum aus, erklärt die Verzahnung mit unserer Welt nur etwas anders, indem es den Zeitbegriff modifiziert.

Das Erika-Fuchs-Haus

D.O.N.A.L.D.org (Donaldisten)

Carl Barks

Comix – Ein Medium im Aufstieg

Herr Rossi sucht das Glück

Signor Rossi – oder wie er auch genannt wurde, Herr Rossi, M. Rossi, Mr. Rossi und Señor Rossi – wurde von dem berühmten italienischen Animationsfilmer Bruno Bozzetto im Alter von 22 Jahren geschaffen. Die Figur debütierte 1960 in dem Film Un Oscar per il Signor Rossi. Signor Rossi ist ein „Jedermann“ aus der Mittelschicht (Rossi ist der häufigste Nachname in Italien), der einfach nur das einfache Leben leben möchte (Urlaub machen, ein Auto kaufen, auf Safari gehen, einen Oscar gewinnen usw.), aber irgendwie sieht er seine Träume immer um sich herum zappeln. Seine komischen Missgeschicke, die er oft mit seinem Hund und Kumpel Gastone unternimmt, spiegeln die sozialen Veränderungen in der italienischen Nachkriegsgesellschaft wider, wie etwa die Überlastung und den Umgang mit allerlei sinnloser Bürokratie. Der verrückte, extrem farbenfrohe Animationsstil erinnerte an etwas, das der Pop-Art-Künstler Peter Max produziert haben könnte. In den 1960er Jahren wurden vier Signor-Rossi-Kurzfilme gedreht und drei weitere in den 1970er Jahren, bevor die Titelmusik 1975 durch Franco Godis unfassbar eingängigen Song „Viva Felicità“ („Es lebe das Glück“) ersetzt wurde.

Da es fast keine Dialoge gab, konnten die Original-Zeichentrickfilme von jedem in jeder Sprache genossen werden, und die Serie wurde in Deutschland, Spanien, Frankreich und England unglaublich beliebt. (Der Disney Channel in Amerika strahlte die Zeichentrickfilme in den frühen 80er Jahren aus). Der Titelsong von Godi hat zweifellos zum weltweiten Erfolg der Serie beigetragen. Wenn man die skurrile Titelmelodie einmal gehört hat, kann man sie nur schwer wieder vergessen.

Die Kurzfilme wurden so populär, dass drei abendfüllende Mr. Rossi-Filme gedreht – und anschließend in Kurzfilme für das Fernsehen umgewandelt wurden -, bevor Bozzetto seine Figur in Allegro Non-Troppo, seiner Parodie auf Walt Disneys Fantasia von 1976, tötete. Die Figur kehrte für einen letzten Auftritt von den Toten zurück, obwohl sie Mitte der 2000er Jahre in Deutschland wieder als Verkäufer von Lotterielosen tätig war.

Im Grunde ist Herr Rossi ist ein Mann wie jeder andere. Er lebt in einer grauen Stadt, in einer grauen Wohnung, in einem grauen Leben. Doch eines Tages beschließt er, dass er genug hat von dieser Tristesse und begibt sich auf die Suche nach dem Glück.

Diese Suche führt ihn an die entlegensten Orte der Welt, durch Wüsten und Dschungel, über Berge und Täler. Doch das Glück scheint unerreichbar zu sein und Herr Rossi verliert sich immer mehr in seiner Verzweiflung.

Doch dann geschieht etwas Seltsames. Während er in einer Wüste umherirrt, begegnet er einem merkwürdigen Wesen, das ihn auf eine Reise durch die Zeit und Raum mitnimmt. Herr Rossi erlebt Abenteuer und hat Begegnungen mit außerirdischen Wesen und fantasievollen Kreaturen.

Auf dieser phantastischen Reise lernt er dann endlich, dass das Glück nicht immer an materiellen Dingen oder Erfolg gebunden ist, sondern dass es in den kleinen Dingen des Lebens liegt, in den Begegnungen mit anderen Menschen und in der Natur. Wie alle guten Cartoons können Kinder ihn mit Begeisterung sehen, ohne ihn recht verstehen zu müssen (was natürlich auch für Erwachsene gilt). Die phantasievollen Welten, die der Protagonist bereist, sind eine Hommage an die Science-Fiction- und Fantasy-Kultur, und erinnern an Werke wie Alice im Wunderland oder Das Dschungelbuch mit einer zusätzlichen Schippe Surrealismus.

Der Tramp – Das bekannteste Bild der Welt

Charlie Chaplin war auf eine Art und Weise berühmt, wie es noch niemand zuvor war; wahrscheinlich war seitdem niemand wieder jemals so berühmt. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität galt seine schnurrbärtige Interpretation des „Tramp“ als das bekannteste Bild der Welt.

Der Tramp

Sein Name stand an vorderster Front, als das neue Medium „Film“ als populäre Unterhaltung diskutiert und als eigenständige Kunstform verteidigt wurde – eine kulturelle Position, die später nur noch von den Beatles eingenommen wurde, deren eigene, popkulturell prägende Ära Chaplin allerdings nie erlebte. Er kommt dem am nächsten, was man unter dem universellen kulturellen Maßstab des 20. Jahrhunderts versteht.

Filmhistoriker werden nicht müde zu betonen, dass Chaplins Massenpopularität der Art und Weise zu verdanken ist, wie der Tramp einen mittellosen Jedermann darstellte. Seine Filme verwandelten Hunger, Faulheit und das Gefühl, unerwünscht zu sein, in Komik. Er war ein eigenwilliger Künstler, ein Schauspieler mit einem unheimlichen Verhältnis zur Kamera, der den ersten Teil seiner Karriere damit verbrachte, seine Leinwandpersönlichkeit zu verfeinern und den Rest zu dekonstruieren.

Hinzu kommt die Frage nach Chaplins tatsächlichem Verhältnis zum Zeitgeist – und der Tatsache, dass seine Popularität mehrere Perioden tiefgreifenden kulturellen Wandels überdauerte. Seine Filme nach der Stummfilmära – darunter seine beiden populärsten Filme „Moderne Zeiten“ und „Der große Diktator“ – spiegeln eher seine eigenen Einstellungen als die Gefühle des amerikanischen Publikums jener Zeit wider. Sein reifes Werk ist bewusst artifiziell und spielt in einer Welt, die noch nie zuvor aus Versatzstücken der europäischen und amerikanischen Vergangenheit, Gegenwart und sogar antizipierten Zukunft zusammengesetzt worden war. Niemand hatte bis dahin versucht, eine kohärente Realität darzustellen. Mit seinen zarten Gesichtszügen und dem gepflegten Schnurrbart war der „Tramp“ jedoch nie mit einem echten Landstreicher, Flüchtling oder Goldsucher zu vergleichen. Ist es wirklich so, dass nichts den Alltag des Publikums besser widerspiegelt als die bittersüßen, episodenhaften Architekturphantasien eines englischen Pazifisten? Die Antwort lautet ja und nein.

Der erste Film mit dem „Tramp“ war „Kid Auto Races At Venice“, bekannt unter verschiedenen Alternativtiteln wie „Kids‘ Auto Races“, „Kid Auto Races In Venice Beach“ und „The Pest“ (deutscher Titel: „Seifenkistenrennen in Venice“). Chaplins dritter Film kam bereits am 7. Februar 1914 in die Kinos – nur fünf Tage nach „Wunderbares Leben“. Die Filmindustrie entwickelte sich in diesen Tagen rasant.

„Kid Auto Races“ ist eine freie Found-Footage-Komödie ohne Drehbuch, die als Wochenschau des Junior Vanderbilt Cups, einem echten Seifenkisten-Derby, das am 10. Januar dieses Jahres stattfand, präsentiert wird. Während die Kamerateams das Rennen aus verschiedenen Blickwinkeln filmen, versucht ein Gaffer – der Tramp – immer wieder, vor die Kamera zu kommen. Die ganze Szene wurde vor Ort improvisiert, wobei Chaplin seinen Charakter beibehielt; er weicht nur knapp echten Rennfahrern aus, wird von einem echten Polizisten angegangen (die erste von vielen unfreundlichen Begegnungen des „Tramps“ mit der Polizei) und erntet missbilligende Blicke von echten Zuschauern.

Es liegt eine gehörige Portion Poesie in der Tatsache, dass der „Tramp seine Karriere damit beginnt, die Wirklichkeit zu zerstören. Er springt unbeholfen ins Bild, folgt der Kamera, wenn sie schwenkt, und tut immer so, als ob er nur zufällig in die Szene hineinspaziert. Er bettelt förmlich darum, gefilmt zu werden.

Technisch gesehen war „Kid Auto Races“ der zweite Auftritt der Figur; Chaplin benutzte sie zuerst in „Mabel in peinlicher Lage“, der früher gedreht, aber erst einige Tage später veröffentlicht wurde. Der ikonische Schnurrbart des „Tramp“ diente dazu, Chaplin älter aussehen zu lassen; er war ein Leichtgewicht mit glatten Wangen und sah ungeschminkt wie 19 aus. In den frühen Filmen wurden seinem Gesicht künstliche Falten aufgemalt, aber als Chaplin seine Figur verfeinerte, ließ er diese Falten weg. Dadurch scheint der Tramp rückwärts zu altern. Schon früh sieht er aus, als könnte er Ende dreißig sein; als Chaplin begann, Spielfilme zu drehen, bekam die Figur ein bewusst unbestimmtes Aussehen – eine Art Zeitlosigkeit, die die gezielt im Diffusen belassenen Schauplätze seiner späteren Filme widerspiegelt. Das passt auch gut zu Chaplins Verwendung von Kauderwelsch anstelle von Sprache in seinen ersten drei Tonfilmen. Dies reicht von den Kazoos, die in „Lichter der Großstadt“ anstelle von Stimmen verwendet wurden, bis zu den gefälschten deutschen Reden in „Der große Diktator“, seinem ersten Film mit Dialogen.

Mit anderen Worten: Chaplins „Trampfilme“ (zu denen im Grunde auch „Der große Diktator“ gehört) sind darauf angelegt, kulturelle Grenzen zu durchbrechen und zu überschreiten. Chaplins Sinn für Design, von der elementaren Figur des „Tramps“ bis zum Film selbst, ist anmutig und direkt.

Nehmen wir zum Beispiel die erste Begegnung des „Tramp“ mit dem blinden Blumenmädchen (Virginia Cherrill) in „Lichter der Großstadt“, eine der elegantesten Szenen der Filmgeschichte. Der „Tramp“ entdeckt einen Motorradpolizisten und krabbelt durch ein geparktes Luxusauto, um auf der anderen Seite des Bürgersteigs wieder zum Vorschein zu kommen. Das Mädchen hört, wie die Autotür geöffnet wird, und bietet ihm, in der Annahme, dass der „Tramp“ der Besitzer des Wagens ist, eine Blume für sein Revers an. Als sie ihm die Blume reicht, reißt er sie ihr versehentlich aus der Hand. Er hebt sie auf, bemerkt, dass sie noch auf dem Boden nach ihr sucht und erkennt, dass sie blind ist. Er gibt ihr die Blume zurück. Sie steckt sie behutsam in das Knopfloch seines Revers. Er bezahlt sie mit seiner letzten Münze, aber bevor sie ihm das Wechselgeld geben kann, kommt der Besitzer des Luxuswagens zurück. Die Tür wird zugeschlagen, der Wagen fährt davon, und der „Tramp“ steht neben dem Blumenmädchen, das glaubt, sein Kunde sei in aller Eile verschwunden. Statt die Illusion zu zerstören, schweigt er. Für einen Moment war er ein respektabler Mann.

Smoke City – Zwischen Heist-Thriller und Fantastik

Wenn sich düstere Gassen im Nebel verlieren, Gangster mit mysteriöser Vergangenheit auf übernatürliche Mächte treffen und ein Raubzug zur Reise ins Herz einer verkommenen Stadt wird, dann ist man in Smoke City angekommen. Das zweiteilige Comicwerk mit dem gleichen Titel stammt von dem französischen Duo Mathieu Mariolle (Autor) und Benjamin Carré (Zeichner) und ist ein stilistisch wie erzählerisch markantes Werk des frankobelgischen Comics der späten 2000er Jahre.

Ein Coup mit doppeltem Boden

Smoke City 1 – Splitter-Verlag

Die Geschichte beginnt wie ein klassischer Heist-Thriller: Die schöne und gefährliche Carmen, die inzwischen als Diebin gesucht wird, trommelt ihre alte Crew zusammen. Ihr Ziel ist ein spektakulärer Raub: Im Auftrag eines anonymen Kunstsammlers soll eine antike, geheimnisvolle Mumie aus einem schwer bewachten Museum gestohlen werden. Der Plan scheint zunächst wie ein Routinejob für Profis. Doch schnell wird deutlich, dass dieser Raub nur ein Teil eines größeren, unheimlicheren Spiels ist. Die Übergabe eskaliert und mündet in einem tödlichen Showdown. Die Wahrheit über den Auftraggeber, einen Mann namens Mr. Law, offenbart sich erst, als es für viele bereits zu spät ist.

Im Zentrum steht Cole, ein desillusionierter Ex-Gangster und Erzähler der Geschichte. Er fungiert als moralisches Gegengewicht zu Carmens kompromissloser Zielstrebigkeit und ermöglicht den Lesern einen introspektiven Zugang zur Geschichte.

Atmosphäre zwischen Rauch, Schuld und Schatten

Smoke City 2 – Splitter-Verlag

Was „Smoke City” besonders macht, ist weniger die Krimihandlung als vielmehr die düstere, intensive Atmosphäre. Die titelgebende Stadt ist ein urbanes Labyrinth voller Dampf, Schatten und Halbweltgestalten – ein fiktiver Moloch, der irgendwo zwischen dem Chicago der Prohibitionszeit und einem cyberpunkartigen Noir-Schauplatz angesiedelt ist. Diese Stadt atmet Verfall, Korruption und Verlorenheit.

Benjamin Carré nutzt einen ungewöhnlichen visuellen Stil, der klassische Zeichnungen mit digitalen Techniken und Fotocollagen verbindet. Das Ergebnis ist ein überaus cineastisches Erlebnis: Weitwinkel, weiche Unschärfen, harte Lichtkontraste und realistisch wirkende Figuren verleihen dem Comic eine visuelle Schwere, die sich perfekt mit dem melancholisch-düsteren Tonfall der Geschichte ergänzt. Deutlich erkennbar ist Carrés Herkunft aus der Welt der Videospiele (u. a. Alone in the Dark IV): Das Storyboardhafte seiner Panels erinnert mehr an Filmszenen als an klassische Comics.

Zwischen Genre und Grenzgang

Obwohl der erste Band von „Smoke City” als konventionelle Kriminalgeschichte beginnt, sprengt der zweite Teil zunehmend die Grenzen des Genres. Der mysteriöse Mr. Law, der sich letztlich als sinistre, beinahe übermenschliche Figur entpuppt, verschiebt das Geschehen ins Fantastische. Die Realität beginnt zu bröckeln, Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen und Schuld wird zu einer metaphysischen Währung. Die Stadt wird zum Spiegel der inneren Hölle ihrer Bewohner.

Splitter-Verlag

Damit positioniert sich „Smoke City” zwischen Werken wie „Sin City” von Frank Miller, „The Fade Out” von Ed Brubaker und stilistisch sogar „Blade Runner”. Der Comic verbindet klassische Noir-Motive – Femme fatale, gebrochene Männer, moralischer Verfall – mit übernatürlichen Elementen und einer gesellschaftlichen Dystopie.

Mathieu Mariolle, der bereits mit Serien wie Pixie und De Sang Froid auffiel, beweist mit Smoke City sein Gespür für Genre und Spannung. Die Dialoge sind knapp, lakonisch, oft zynisch – wie es sich für echte Noir-Literatur gehört. Gleichzeitig lässt er viel Raum für visuelles Erzählen.

Splitter-Verlag

Carrés Zeichnungen wurden von Kritikern einhellig gelobt – besonders in Comic-Hochburgen wie Frankreich und Spanien. Die französische Comicseite Planète BD bezeichnete die Bildsprache als „hypnotisch“, während die spanische Plattform Zona Negativa seine Arbeit als „schockierend kraftvoll und stilistisch einzigartig“ beschreibt.

Smoke City ist kein einfacher Comic – er fordert Aufmerksamkeit, gerade wegen seiner visuellen Komplexität und doppelbödigen Handlung. Doch wer sich auf das düstere Universum einlässt, wird mit einem ebenso stilistisch ambitionierten wie erzählerisch intensiven Werk belohnt. Es ist ein Comic, der seine Leser nicht nur unterhalten, sondern auch verstören will – und darin liegt seine Stärke.

Arthur Conan Doyle – Spiritist und Gentleman

Während der Schriftsteller und Arzt Sir Arthur Conan Doyle heute bei den meisten für seinen logisch denkenden Skeptiker Sherlock Holmes bekannt ist, wissen die Horrorbegeisterten aus aller Welt, dass er mit seiner bösartigen Mumie eine der besten Geistergeschichten der englischen Literatur verfasste und erkennen in ihm einen Vorfahren der Lovecraft unterstellten Weird Fiction. Tatsächlich ist Doyle für die Mumie das, was Stoker für den Vampir ist, und seine Geschichten von spitzhackenschwingenden Serienmördern, gespenstischen Folterinstrumenten, Geistern am sonnenlosen Nordpol, verfluchten Werwölfen, gelatineartigen Monstern am Himmel über uns und verunglückten Séancen, sind genauso kühl vorgetragen wie die Holmes-Abenteuer spannend sind. Der enorme Erfolg dieser Detektivgeschichten erlaubte es Conan Doyle, 1891 seine medizinische Praxis aufzugeben und sich dem Schreiben zu widmen. Sein Schaffen war breit gefächert: Theaterstücke, Verse, Memoiren, Artikel über Sport, Kurzgeschichten, historische Romane und schließlich Schauerromane und Schriften über Spiritualismus. Sein erfolgreichstes Werk blieb jedoch Holmes, sehr zu seiner späteren Frustration.

Conan Doyle
Conan Doyle
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V wie Vendetta

Ein ganzes Land steht unter offensichtlicher Massenüberwachung durch die eigene Regierung. Politische Experten hetzen im Fernsehen gegen “Immigranten, Homosexuelle und Minderheiten”. Terrorismus ist eine subtile, aber allgegenwärtige Bedrohung; das Wort schwebt über den Köpfen der Menschen, egal wo sie leben. Die Maske von Guy Fawkes, einst eine obskure Anspielung, wird zum Symbol für Gerechtigkeit in einer Gesellschaft, die zu lange zu viel Korruption an der Spitze erlebt hat.

Was für eine Welt wird hier beschrieben? Die des epischen Comics (und seiner Verfilmung) “V for Vendetta” oder die unsere?

Auch wenn es absurd erscheinen mag, zu behaupten, unsere Welt sei wie die in V wie Vendetta, in der ein Herrscher ohne Einfühlungsvermögen und Reue regiert, darf nicht vergessen werden, dass Alan Moore und David Lloyd, als sie an ihrem Comic arbeiteten, ihre eigene Gesellschaft kommentierten: Das England der achtziger Jahre. Eine Zeit, in der, so Moore, “eine konservative Regierung, die ununterbrochen an der Macht war, die Idee von Konzentrationslagern für Aidskranke, einer neuen Bereitschaftspolizei mit schwarzem Visier und dem Wunsch nach Ausrottung der Homosexualität äußerte”. Als er im März 1988 sein Vorwort für den Comic schrieb, bezeichnete er sein Land als “kalt” und “bösartig” und hegte den Wunsch, mit seiner Familie zu fliehen.

Die vergessene Freiheit

V wie Vendetta ist ein extremer Fall, aber er zeigt mehr als jede andere fiktive Erzählung, was in dieser Welt nicht stimmt. Es ist die Geschichte von V, einem Mann, der im wahrsten Sinne des Wortes von den Mächtigen vergiftet wurde und sich nun rächen will. Es ist auch die Geschichte der jungen Evey, die den Unterschied zwischen Glück und Freiheit entdeckt. Vor allem aber ist es eine Geschichte über Menschen, die aufhörten, über ihre Freiheit nachzudenken, bis sie merkten, dass sie keine mehr hatten.

©Warner Bros. Pictures Germany

V ist der perfekte Held, die perfekte Stimme und der perfekte Bösewicht für die heutige Welt, denn er ist nicht nur ein “guter Kerl”, der gegen einen “bösen Kerl” kämpft. Sicher, der Anführer und die Beamten von Larkhill wie Bischof Lilliman, Prothero und Delia Surridge haben alle abscheuliche Verbrechen begangen. Aber V zielt nicht auf Menschen, sondern auf das Böse. Er zielt auf die Trägheit, die Angst, die Duldung , das Böse also, das uns alle an der einen oder anderen Stelle befällt.

Im Comic wendet er sich wütend an die Menschen, die ihn zu Hause im Fernsehen sehen, und behauptet, dass es schließlich die Bürger waren, die “diese Leute gewählt haben … die ihnen die Macht gegeben haben, Entscheidungen für jeden Einzelnen zu treffen”. Er sagt also zu den Menschen und gleichzeitig zu uns: “Ihr hättet sie stoppen können”.

Die einzige Sache von Wert

Aber V ist nicht etwa nur ein Held. Auch wenn seine Angriffe darauf abzielen, diejenigen zu schockieren, die eine obszöne Regierungsautorität bilden, ist er per Definition immer noch ein Terrorist. Und deshalb ist er, obwohl er übermenschliche Kraft, übermenschlichen Intellekt und übermenschlichen Willen besitzt – wenn es um seinen Gerechtigkeitssinn geht -, nur ein Mensch.

Doch seine Idee ist das, was zählt

Die Idee, die V uns gibt, ist die gleiche, die er Evey gibt. Er nimmt ihr alles, indem er sie in diese kalte, unterirdische Zelle sperrt, ihr den Kopf rasiert und sie mit den Ratten essen lässt. Er nimmt ihr alles, um ihr die Gitterstäbe um ihr Leben zu zeigen, die sie vorher nicht sehen konnte. Er nimmt ihr alles, damit sie eine Lücke findet. Dieselbe Lücke, die wir finden müssen. Die Lücke, die klein und zerbrechlich ist und “das einzig Kostbare auf der Welt”. Diese Lücke ist unsere Würde, unser Mitgefühl, unsere Hoffnung. Und in diesem Moment ist diese Lücke das, was uns daran erinnert, einen Wert zu haben, auch wenn es sich so anfühlt, als ob jede Gegenstimme und jeder Protest genauso gut in den Wind geschlagen werden könnte.

Und das ist der Grund, V wie Vendetta jetzt zu sehen oder zu lesen. Sowohl der Comic als auch der Film hinterlassen ein Gefühl der Traurigkeit und des Entsetzens über eine dystopische Zukunft, aber die Geschichte vermittelt auch auf eindrucksvolle Weise eine Botschaft der Hoffnung.

Alice im Wunderland

Es war der 4. Juli 1862, als Lewis Carroll (in Wirklichkeit Charles Dodgson) – angeblich ein schüchterner und exzentrischer Mann, der Mathematik an der Oxford University lehrte, die drei kleinen Töchter seines Freundes Henry Liddell zu einer Bootsfahrt entlang der Themse mitnahm. Aus dem, was sich inzwischen aus seinen Tagebucheinträgen ableiten lässt, hat er sich spontan eine lustige und absurd ausgefallene Geschichte ausgedacht, um sie zu unterhalten. Dieser Tag ging in die Literaturgeschichte ein.

Alice im Wunderland

Kurz zusammengefasst: Ein junges Mädchen namens Alice (nach einer der Liddell-Schwestern selbst benannt) stürzt versehentlich in eine bizarre Fantasiewelt, in der es auf verschiedene anthropomorphe Kreaturen trifft, einen Wahnsinnigen, der eine sehr seltsame und sehr wunderliche Teeparty veranstaltet, und eine merkwürdige Herzdame, die gerne Krocket spielt, wobei sie Flamingos als Schläger benutzt. Jahre später erinnerte sich Carroll an die Geschichte und entschied sich, sie weiterzuentwickeln und zu transkribieren.

Die veröffentlichte Version, die von John Tenniel illustriert wurde, war ein sofortiger Erfolg, der von Erwachsenen und Kindern gleichermaßen geschätzt wurde. Selbst die berüchtigte, schwer zu beeindruckende Queen Victoria war amüsiert. Alice im Wunderland war reiner Eskapismus (wie jede gute Literatur) – völlig absurd und doch wunderbar bunt, erhebend und unendlich inspirierend.

Aber, wie es vielleicht bei jedem erfolgreichen Kunstwerk unvermeidlich ist – sei es literarisch, theatralisch oder filmisch -, wurde Carrolls Geschichte in den kommenden Jahren einer immensen Prüfung unterzogen. Kritiker und Wissenschaftler brüteten über die Geschichte und zerlegten jede Zeile in verzweifelten Versuchen, eine potenziell kodierte, tiefgründige und vielleicht unheimliche verborgene Bedeutung aufzudecken. Als außergewöhnlich intelligenter und offensichtlich gut belesener Mann ist es wahrscheinlich, dass Carroll bei der Entstehung seiner eigenen Geschichte auf verschiedene Einflüsse zurückgreifen konnte. Tatsächlich ist das Buch gefüllt mit literarischen und kulturellen Anspielungen sowie einer Reihe von mathematischen Problemen, Denksportaufgaben und Rätseln, die frustrierend unbeantwortet bleiben. Carroll scheint sich an seiner eigenen klugen Kreativität zu erfreut zu haben, dass seine Leser über ihre Lösungen und Konnotationen bis in alle Ewigkeit nachdenken und darüber streiten können.

Alice

Von allen Analysen, die Carrolls Arbeit im Laufe der Jahre erdulden musste, sind sich mindestens zwei darüber einig, dass Caroll die Erfahrungen seiner Protagonisten tatsächlich selbst gemacht haben muss, und zwar, indem er halluzinogene Drogen konsumierte. Noch verunglimpfender ist jedoch die Frage nach Carolls Beziehung zur echten Alice – der Tochter seines Freundes, der er die Geschichte als erste vorlas. Kurz: Man hat Caroll der Pädophilie bezichtigt.

Alice im Wunderland ist in der Tat ein Rätsel, und es ist unwahrscheinlich, dass außer dem Autor jemals jemand seine wahren konnotativen Bedeutungen vollständig verstehen wird. Dies ist jedoch zweifellos ein wesentlicher Teil der Attraktivität des Buches. Seit mehr als einem Jahrhundert lädt die Mehrdeutigkeit und Komplexität der Geschichte verschiedene Künstler — von Film- und Theaterregisseuren über Modestylisten bis hin zu Tänzern, Fotografen und anderen Kunstschaffenden — dazu ein, ihre eigenen Interpretationen von Carrolls Geschichte zu finden. Walt Disney und Tim Burton sind nur zwei der Legenden aus der Filmwelt, die Alices Geschichte verfilmt haben, das russische Model Natalia Vodianova hat sich als junge Heldin für die Vogue ablichten lassen, und der spanisch-amerikanische Bildhauer José de Creeft hat ihr zu Ehren eine Bronzestatue geformt, die im New Yorker Central Park steht. Die Herzkönigin, der wunderbar verrückte Hutmacher, und die grinsende Cheshire-Katze haben ebenfalls viel Ruhm erlangt und sind so etwas wie kulturelle Symbole geworden.

Alice Teeparty

Die Natur dieser Interpretationen ist ebenso faszinierend. Disneys fröhliche, familienorientierte Animation wird von viel Gesang und Tanz begleitet, während Burtons Version von 2010 mit Johnny Depp und Mia Wasikowska eine viel dunklere Angelegenheit ist. Salvador Dali schuf 12 Illustrationen auf der Grundlage des Romans, die so surreal und verblüffend sind wie Carrolls Originalgeschichte. London verfügt über einen angemessen exzentrischen Boutiquenladen, der Alices Utensilien (Alice Through the Looking Glass) gewidmet ist, sowie über einen Cocktailklub und einen malerischen, aber dennoch schrulligen Teeraum im Wonderland-Stil im Sanderson Hotel.

Selten hat eine Kindergeschichte einen so zeitlosen und weltweiten Reiz ausüben können – umso außergewöhnlicher, dass sie unbeschwert, tiefgründig, unheimlich, modisch, schön und bizarr zugleich ist und praktisch jeden denkbaren Aspekt der Populärkultur durchdringt. Alice und ihr wahrhaft bemerkenswertes Erbe werden sicherlich noch Jahrhunderte andauern – die charmante junge Protagonistin und ihre Wunderlandfreunde sind nicht nur in Carrolls Büchern, sondern auch in unzähligen Interpretationen und Bearbeitungen für immer verewigt worden.

Die Enwor-Saga von Wolfgang Hohlbein

Enwor / Wolfgang Hohlbein

In den 80er Jahren haben einige sehr interessante Werke der Fantasy ihren Ursprung. Stephen King begann sein gewaltiges Epos Der dunkle Turm, Stephen R. Donaldson legte seinen Thomas Covenant vor. Und es gab noch andere, die heute zur Grundlage dieses Genres zählen, alles in allem aber war es ein Tasten im Dunkeln. Die meisten Autoren zeigten sich von Tolkien inspiriert, der wie ein Magnet alle Ideen an sich zu reißen schien. Deutsche Autoren waren ohnehin nicht auf dieser Landkarte verzeichnet. Einer von ihnen machte aber gleich in seiner Anfangsphase dann doch von sich reden: Wolfgang Hohlbein. Und scheinbar brauchte der Mann keine Anlaufzeit, denn mit dem ersten Buch seiner Enwor-Saga brach er nicht nur mit der Tradition Tolkiens, sondern demonstrierte auch gleich jene ungeheure Fabulierlust, die ihm nicht nur Lob einbrachte.

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Am Liebsten mag ich Monster

Emil Ferris

Es ist Emil Ferris‘ Erstlingswerk. Ca. zehn Jahre hat sie es mit sich herumgetragen und daran gearbeitet, sogar als sie zeitweise obdachlos war. Über 400 Seiten zählt der mehrfach prämierte (unter anderem Gewinner des Eisner Awards: in drei Kategorien) erste Teil dieses Meisterwerkes. Eines, an dem eine in die USA eingeschleppte infizierte Stechmücke nicht unwesentlich ihren Anteil hatte. Mit dem West-Nil-Virus infiziert, der Ferris von der Hüfte abwärts lähmte, auch der rechte Arm (wie auch ihre Hand) war betroffen, eroberte sie sich zeichnend ihren Körper weitestgehend zurück und machte sogar einen Abschluss im „Kreativen Schreiben“ an der School of the Art Institute of Chicago und erhielt zudem 2010 das Toby Devan Lewis Fellowship in den Bildenden Künsten. Emil Ferris, die wie ihre zehnjährige Protagonistin Karen Reyes selbst in den turbulenten 1960er Jahren aufgewachsen ist und dort heute noch lebt, war in einem früheren Leben Illustratorin und Spielzeugdesignerin für diverse unterschiedliche Kunden. Nach eigener Aussage liebt sie alles, was mit Monstern oder Horror zu tun hat.

Große Arbeit haben auch geleistet: Alessio Ravazzani, der für das Lettering zuständig war, wie auch Torsten Hempelt, der sich um die deutsche Übersetzung gekümmert hat.

Ein wahrlich monströses Kunstwerk!

Dieses üppige Kunstwerk in Form einer großen Kladde in Softcoverversion, an dessen Skizzen, kindlichem Gekritzel, Portraits, Szenenbildern, die teils wie Radierungen wirken, Panels und Gemälden von real existierenden Gemälden ich mich kaum sattsehen konnte, ist zugleich ein mysteriös monströser Psychothriller, ein Familiendrama, ein Geschichtsepos, eine Coming-of-Age-Geschichte, wie auch ein düsterer Krimi. Es ist eine Hommage an die vergangene Ära der Horror-B-Movies, sowie der Pulpmagazine. Liniertes, gelochtes Ringbuch-Schreibpapier, Kugelschreiber, Blei- und Farbstifte waren dabei alles, was Emil Ferris brauchte, um diese düstere aber enorm bezaubernde Geschichte in die Welt zu heben. Alles Utensilien, die den tagebuchartigen Stil noch verstärken.


Dabei wird der Comic durch die von Emil Ferris nachgezeichneten Titelbilder der Horrormagazine der 60er Jahre in so etwas wie Kapitel unterteilt. Es ist sprichwörtlich neben dem Gang durch die, wie bereits erwähnt, Zeit- und Kulturgeschichte einer Ära, auch ein Gang durchs Museum. Auch lernen wir die Lebensgewohnheiten und -bedingungen der damaligen ausländischen und armen Arbeiterschicht kennen. Neben den abergläubischen Bräuchen von Karens Mutter kommt auch die griechische Mythologie nicht zu kurz. Die vielen Handlungsstränge, die uns nach und nach eröffnet werden, entwickeln einen enormen Sog. Sprunghaft, uns immer wieder auf Zeitreise schickend, entwickelt Ferris dabei die Geschichte(n) vor unseren Augen, lässt uns aber zugleich verweilen. Dies geschieht zum einen durch die Kraft ihrer Bilder und Details, wie z.B. die kleinen versehentlichen Schmierereien und erkennbaren Eselsohren, oder durch kleine gemalte Notizen, die wir finden können, zum anderen, durch ihre Erzählart, in Szenischem in die Tiefe (in die Seele der kleinen Protagonistin) zu gehen, wie z.B. während der Besuche im Museum, wenn Karen in die Gemälde klettert, oder ein andermal, wenn sie sich im Auge ihrer Mutter auf einer kleinen Insel wiederfindet.

Karen Reyes

Karen Reyes, deren Vater Mexikaner ist und deren Mutter zu einem Teil von irischen Siedlern aus den Appalachen abstammt und zum anderen von amerikanischen Indianern, ist eine Außenseiterin, die nunmehr gemeinsam mit ihrer kranken Mutter und ihrem Bruder Deeze – ein Frauenschwarm und Künstler – in einer kleinen Wohnung in einem turbulenten Chicago lebt, das bald von der Ermordung Martin Luther Kings in politische Unruhen gestürzt wird. Karen hat es in der Welt nicht leicht, von ihren Mitschülern gehänselt, behauptet sie sich als WerwölfinZeichnerin und Detektivin. Dabei untersucht sie nicht nur den Mord (der Hauptstrang) an ihrer verrückten Nachbarin und Freundin Anka Silverberg, einer Holocaustüberlebenden. Sie gräbt auch immer tiefer in ihrer eigenen Lebensgeschichte, wie auch in der ihrer weiteren Nachbarn, die alle, wie auch ihre eigene Familie, irgendwie in den Mordfall verstrickt zu sein scheinen. Währenddessen entdeckt sie ihr Geschlecht, ihre Liebe für andere Mädchen. Dabei lernt sie unter anderem Sandy und Franklin kennen, zwei Kinder, die nicht weniger kurios und seltsam sind wie sie es ist. Sie nimmt die beiden unter anderem mit ins Museum, wo sie auf ihre „zuverlässigen“ Freunde (die Figuren in den Bildern) trifft, die sie ansonsten oft mit ihrem Bruder besucht, der ihr die Bildende Kunst schon als kleines Kind näher gebracht hat.

Emil Ferris, die besonders von Künstlern wie Goya, aber auch von anderen, den Pulpmagazinen, Horror-Movies beeinflusst wurde, bekam von ihrer Großmutter die illustrierten Dickens-Romane von Colliers, voll mit Stahlstichen. Als Kind ihrer Zeit und in Anbetracht ihrer eigenen familiären Biografie und Sicht auf die Welt der Menschen hat sie sich mit der Werwölfin Karen Reyes auch ein wenig selbst verewigt.

Expressionistisch und surrealistisch

Einen ungeheuren Sog entwickelt dieses üppige, farbstrotzende Kunstwerk, das ich kaum aus den Händen legen konnte, und das ich, obwohl ich es bereits gelesen habe, immer wieder zur Hand nehme, um darin zu blättern und erneut zu lesen. So stark sind die Bilder, so fein und bedacht ist die Sprache. Nichs ist zuviel, alles ist wesentlich. Man kann sich bis ins kleinste Detail, sei es nun wichtig oder nur beiläufig, verlieren. Die Gesichtsausdrücke sind hierbei besonders stark. Es ist ein düsteres Wunderland, in dem selbst ein kleiner, kurz auftauchender weißer Haushase seinen eigenen witzigen Kopf hat. Die gesamte Figurenentwicklung ist grandios, es sind allesamt extreme Charaktere, die uns in ihren Bann ziehen, unter deren Oberfläche, obwohl sie aussehen wie von sich selbst gezeichnete Karikaturen, dunkle und spannende Geschichten wabern. „Am liebsten mag ich Monster“ ist surrealistischexpressionistisch und extrem atmosphärisch. Eine absolut dichte, bezaubernde und nicht selten sehr poetische Erzählung.