Warum wir Geschichten wieder und wieder erzählen

Carl Jung

Im Laufe der Zeit hat die Menschheit immer wieder die gleichen grundlegenden Geschichten erzählt. Von den antiken Mythen bis zum modernen Kino folgen die Erzählungen oft vertrauten Strukturen, wie die Reise des Helden, die Tragödie der Hybris oder der Triumph der Liebe über alle Widrigkeiten. Doch trotz dieser Wiederholungen haben diese Geschichten eine große Anziehungskraft und offenbaren mit jeder neuen Erzählung neue Dimensionen. Dieses Phänomen lässt sich auf drei zentrale Faktoren zurückführen: die Universalität menschlicher Erfahrungen, die Anpassungsfähigkeit von Geschichten an sich verändernde Kontexte und die vielschichtige Komplexität, die dem Erzählen von Geschichten innewohnt.

Im Herzen jeder Geschichte, die Bestand hat, spiegelt sich der Zustand des Menschen wider. Themen wie Liebe, Angst, Ehrgeiz und Sterblichkeit sind nicht an Kultur oder Zeit gebunden; sie sind der menschlichen Erfahrung inhärent. Carl Jungs Konzept der Archetypen – universelle Symbole und Motive, die im kollektiven Unbewussten eingebettet sind – bietet einen Rahmen, um zu verstehen, warum sich bestimmte Geschichten ewig anfühlen. Archetypen wie der Held, der Mentor, der Schatten und der Betrüger kommen immer wieder vor, weil sie grundlegende Aspekte unserer Psyche widerspiegeln.

Die Geschichte eines Helden, der sich ins Unbekannte wagt, Prüfungen besteht und verändert zurückkehrt, ist in allen Kulturen allgegenwärtig. Von Odysseus in Homers Odyssee bis zu Luke Skywalker in Star Wars spricht diese Erzählstruktur zu unseren eigenen Reisen des Wachstums und der Selbstentdeckung. Die Wiederholung dieser Themen unterstreicht ihre Relevanz; wir erzählen diese Geschichten immer wieder, weil sie Wahrheiten zum Ausdruck bringen, die konstant bleiben, auch wenn sich die Welt weiterentwickelt.

Während die Kernstrukturen der Geschichten jedoch bestehen bleiben, verändern sich ihre Details, um die Werte, Ängste und Hoffnungen ihrer Zeit widerzuspiegeln. Diese Anpassungsfähigkeit sorgt dafür, dass sich alte Geschichten für ein neues Publikum frisch und relevant anfühlen. Shakespeares Stücke zum Beispiel wurden unzählige Male in verschiedenen Medien und an unterschiedlichen Schauplätzen adaptiert – vom feudalen Japan in Kurosawas Thron des Blutes bis zum modernen Highschool-Drama 10 Dinge, die ich an dir hasse. In jeder Nacherzählung werden Aspekte der ursprünglichen Erzählung hervorgehoben, die mit zeitgenössischen Anliegen in Einklang stehen.

Shakespeare
Shakespeare

Der technologische Fortschritt trägt ebenfalls dazu bei, bekannten Geschichten neues Leben einzuhauchen. Die epischen Schlachten der alten Sagen können heute mit atemberaubenden visuellen Effekten in Filmen wie Der Herr der Ringe dargestellt werden. In ähnlicher Weise bieten die spekulativen Welten der Science-Fiction einen modernen Kontext für uralte Fragen über Moral und Identität, wie in Blade Runner, wo es um die Frage geht, was es bedeutet, ein Mensch zu sein.

Geschichten sind nicht statisch; sie entwickeln sich mit der Interpretation. Jede Nacherzählung, ob durch mündliche Überlieferung, geschriebenen Text oder visuelle Medien, fügt Bedeutungsebenen hinzu. Die Zuhörer bringen ihre eigene Perspektive ein, die durch persönliche Erfahrungen und kulturelle Hintergründe geprägt ist und ihr Verständnis einer Erzählung beeinflusst. Diese dynamische Interaktion zwischen Geschichte und Publikum sorgt dafür, dass selbst die bekanntesten Geschichten neue Erkenntnisse liefern können.

Man denke nur an die anhaltende Anziehungskraft von Mary Shelleys Frankenstein. Ursprünglich als warnende Erzählung über unkontrollierten wissenschaftlichen Ehrgeiz gedacht, wurde sie seitdem durch so unterschiedliche Aspekte wie postkoloniale Theorie, feministische Kritik und Bioethik neu interpretiert. Jede Generation findet Aspekte der Geschichte, die ihre spezifischen Ängste und Hoffnungen ansprechen, so dass die Erzählung relevant bleibt und zum Nachdenken anregt.

Ein wichtiger Grund, warum die Menschheit immer wieder dieselben Geschichten erzählt, ist der Trost und die Erleichterung, die sie bieten. Vertraute Erzählungen dienen als Anker in einer unberechenbaren Welt, sie bieten Sicherheit und ein Gefühl der Kontinuität. Die Vorhersehbarkeit bestimmter Handlungsstränge, wie z. B. die Auflösung einer romantischen Komödie oder der Triumph des Guten über das Böse in einem Fantasy-Epos, verschafft eine emotionale Befriedigung, die in heutiger Zeit anders nicht zu erreichen ist.

Außerdem vertieft die Wiederholung unsere Auseinandersetzung mit einer Geschichte. Bei jeder Begegnung fallen uns Details auf, die wir zuvor übersehen haben, wir schätzen die Kunstfertigkeit der Erzählung und denken darüber nach, wie sich unsere eigene Perspektive verändert hat. Die vielschichtige Natur des Geschichtenerzählens sorgt dafür, dass sich das Wiedersehen mit einer Geschichte anfühlt, als würde man einen alten Freund treffen.

Eine Geschichte über die Anderen

Nur mal angenommen, wir lernen Menschen kennen, die uns normalerweise erschauern lassen würden. Weil sie gar nicht mehr da sein dürften. Es sind nette, ein bisschen seltsame, durchweg aber freundliche, aufmerksame, hilfsbereite Menschen. Gut so weit. Und dann finden wir Fotos von ihnen. Alte Post-mortem-Bilder. Echte Bilder, die unmittelbar nach ihrem Tod gemacht wurden. Eben Bilder von just Verstorbenen, die man im 19. und frühen 20. Jahrhundert zur Erinnerung an geliebte Familienmitglieder und innig geschätzte Freunde noch eilends anfertigen ließ und in Ehren hielt. Diese Bilder waren die oft einzigen Aufnahmen von ihnen, – die Fotografie, noch in den Kinderschuhen, war halt eine sehr kostspielige Angelegenheit – , und sie zeigten deren Leichen. Das war, salopp formuliert, ja auch besser als nichts.

Nun nehmen wir nochmals an, wir lernen diese Leichen kennen, ohne zu wissen, dass es welche sind. Da läuft es einem schon kalt den Rücken herunter. Nicht schleichend, sondern in eisigem Rutsch. Wir haben Geister getroffen. Mit ihnen gesprochen.

Vielleicht ist man ja selbst schon tot

© Senator Filmverleih GmbH

Vielleicht haben wir diese besondere Gabe. Vielleicht sind wir aber auch selbst schon tot. Wollen das nicht wahr haben und müssen auf Umwegen begreifen, dass wir jetzt dazu gehören. Zu den Anderen. Wer weiß.

Geschichten über die Anderen gibt es reichlich. Einige sind wohl wirklich wahr. Manche sind erdacht, geträumt, gewünscht. Oder ein bisschen wahr. Und speziell diese eine hier? Ist auf jeden Fall gut. Wirklich gut. Sie heißt:

The Others. Ganz schlicht. Die Anderen. Eine krasse Klasse-Story. Ein beseelter Romanautor aus der Ecke, in der das Kerzenlicht verdächtig flackert, hätte aus dem Stoff ein Wahnsinnsbuch gemacht. Regisseur Alejandro Amenábar war aber schneller. Er hatte die Grundidee, tatsächlich erkennbar erst beim grandiosen Gänsehaut-Finale, schrieb das Drehbuch, komponierte die Musik, setzte auf künstlerischen Freigang im Dämmerlicht und die Urangst vor der Dunkelheit, kreierte Großes und sagt(e) bescheiden:

„Es gibt weder Helden noch Bösewichte. Nur Menschen, die versuchen, eine Bedeutung in den Dingen zu finden, die ihnen widerfahren.“

Hat alles bestens funktioniert. Der Mystery- und Psychothriller aus dem Jahr 2001 mit der bleichen, kühlen Schönheit Nicole Kidman in der Hauptrolle ist ein absolut stimmiger Gruselschocker mit visuellen Anleihen an die große Schwarz-Weiß-Horror-Film-Aera der 40er-Jahre, der leise Klänge langsam und düster durch die Nerven jagt, bis der Trommelwirbel einsetzt. Famos finstere Töne sind das, herrlich edel und fürchterlich echt. Genial durchdacht, das Ganze: Der Zuschauer wandert mit stetig steigender Erregung und Erwartung durch die Geschichte, die einsame Gegend, das alte Anwesen, die düstere Atmosphäre, die merkwürdigen Akteure werden ihm vertrauter, er glaubt, zu verstehen, und steht am Ende vor einer Erkenntnis, die ihn wie ein plötzlicher Regenguss hautnah und eiskalt erwischt.

„Keine Messer, keine Schlitz-Szenen, keine dunklen, vermummten Killer, allein die Musik ist klassisch spannungsfördernd, um nicht zu sagen spannungsheischend eingesetzt.“ (Wolfgang Huang, filmspiegel.de)

Schauplatz des Films, der hauptsächlich in Kantabrien, Madrid und auf der Kanalinsel Jersey gedreht wurde, ist ein imposantes altes Gemäuer, das von einem riesigen, üppig bewachsenen Grundstück umgeben ist. An diesem irritierend schönen und doch gänzlich unheimlichen Ort bleibt der Zuschauer ausnahmslos bis zum verblüffenden Ende Gast, kurzweilige Ausflüge, die von der geheimnisvollen Stätte mit etwas netter Idylle vielleicht mal ablenken könnten, gibt es nicht. Ein Picknick im Grünen bei Sonnenschein und bester Laune steht nicht im Drehbuch, hier herrschen Strenge und Konzentration vor, Traurigkeit, Sorge, Furcht, Zweifel und Angst.

Alles erstklassig inszeniert und herüber geschickt. Die Resonanz war dementsprechend: The Others spielte bei vergleichsweise bescheidenen 17 Millonen US-Dollar an Produktionskosten weltweit in den Kinos rund 210 Millionen US-Dollar ein, erhielt etliche Auszeichnungen, allein acht Goyas und den Saturn Award in drei Kategorien, darunter Bester Horrorfilm.

Lobende Worte für den spanischen Regisseur, der 1997 mit Abre los Ojos (Virtual Nightmare – Open your Eyes: Remake Vanilla Sky, 2001) bereits die Reise über den großen Teich mit Ziel Film-Olymp erfolgreich anvisiert hatte, fanden viele, die notorischen Nörgler, die nicht anders können, blieben herrlich ruhig. So schrieb Manfred Müller 2001 im Spiegel:

„Alejandro Amenábar hält eindrucksvoll Einzug in Hollywood. Mit seinem subtilen Gruselfilm „The Others“ trieb er seine Hauptdarstellerin Nicole Kidman zu Höchstleistungen an und schuf einen Genreklassiker, der ohne grelle Effekte auskommt und auf die Phantasie des Zuschauers setzt.“

Viel Phantasie, viel Finsternis

Zur Story sei Wesentliches gesagt, eben das, was man vielleicht eh‘ längst weiß, aber gern mal wieder im von finsteren Sinnen beseelten Kopf hätte: Ende des Zweiten Weltkriegs, Kanalinsel Jersey: Grace lebt mit ihren Kindern Anne und Nicholas in völliger Abgeschiedenheit in einem riesigen Landhaus und hofft auf die Rückkehr ihres Ehemanns Charles, der als Soldat für England gekämpft hat. Personal ist zwar vorhanden, dieses verlässt Grace aber ohne Erklärung. Sie findet unverhofft Ersatz in der Haushälterin Mrs. Mills, dem Gärtner Mr. Tuttle und der stumme Dienstbotin Lydia. Die drei erhalten konkrete Anweisungen: Türen immer verschließen, Vorhänge stets zugezogen halten, um die Kinder zu schützen, die an einer Lichtallergie leiden. So weit geklärt, das Unheil nimmt seinen Lauf, es wird bedrohlich, es wird wirklich richtig spannend.

Da sind überall unerklärliche Geräusche, Grabsteine, die Wahres raunen, die kleine Tochter, die von einem fremden Jungen und einer seltsamen alten Frau erzählt, da ist eine verstörte Grace, die ein Foto-Album mit Bildern von Mrs. Mills, Mr. Tuttle und Lydia findet, die sie (völlig zu Recht) erschrecken, die durch den Nebel irrt, um den Pfarrer aufzusuchen und stattdessen auf Charles trifft, der sie ins Haus begleitet, mit dem sie streitet, mit dem sie schläft, der die Nacht bei ihr bleibt, einzig, um am nächsten Morgen wieder spurlos zu verschwinden. Wie eine Spukgestalt. Wie ihre Tochter, die plötzlich als völlig andere, schreckliche Person vor ihr steht. Wie eben all die Geister, Untoten, Seelen, die Zurückgelassenen, Wiedergekommenen, die Heimatsuchenden in Geschichten wie The Others es zu tun pflegen. Weil das nur so funktioniert, wenn auf eine Art gefesselt werden soll, die mächtig Eindruck hinterlässt. Nicht mehr, nicht weniger.

„Dieses Haus gehört uns.“

Hinzu kommt dieser herrlich angestaubte Stil, da werden beste Erinnerungen an Filme wie Hitchcocks berühmten Nervenkitzler Rebecca wach. Kurz und präzise formuliert ist The Others ein „…an klassischen Vorgaben orientierter düsterer Thriller, dessen vermeintlich vorhersehbare Geschichte in dem Augenblick umschlägt, in dem man glaubt, alles begriffen zu haben. (Lexikon des Internationalen Films). Philipp Bühler in Die Tageszeitung formuliert diesem einen Wahnsinns-Augenblick im antiquiert scheinenden Ambiente recht salopp, haut aber hin:

„Natürlich ist es vor allem das nostalgische Flair, das „The Others“ von neueren Mystery-Thrillern wie „Sixth Sense“ abhebt. Viktorianische Kommoden sind einfach behaglicher als ausflippende Kühlschränke und Fernsehgeräte.“

Und weil die Kommoden sich allmählich beruhigen, kocht Mrs. Mills irgendwann, vielleicht im Morgengrauen, vielleicht in der Dämmerung oder typisch um Mitternacht allen „eine gute Tasse Tee“ und nickt ihnen zu, während sie lächelnd im Chor flüstern: „Dieses Haus gehört uns.“

Und alles ist gut. Könnte so sein. Wäre echt schön. Könnte auch anders sein. Wäre echt gruselig. Oder beides. Immer gut.

Die ultimative Halloween-Horrorgeschichte

Es gibt Geschichten, die sind erzählt, und gut ist. Man klappt das Buch zu, verlässt das Kino, schaltet den Fernseher aus und denkt: Feierabend. So war’s. Das war’s.

Bei Halloween, erstmalig vor legendärer Urzeit geguckt, hätte ich von der Grundstory her gewettet, dass die Killer-Karriere von Michael Myers prinzipiell ein einziger, zweifellos richtig bös‘ sauberer Mega-Abwasch sein müsste: Ein gefährlicher Psychopath, der schon als Kind unbekümmert stumpfsinnig Leute abgeschlachtet hat, flieht aus der Anstalt aus und kehrt in seine Heimatstadt zurück, um erstaunlich sinnlos Leute abzuschlachten. Punkt. Am Ende wird er geschnappt und natürlich getötet, damit so was derb Fieses nicht noch mal passiert. Richtig? Nein, völlig falsch.

© Warner-Columbia: Halloween – Die Nacht des Schreckens

Die Geschichte wird erneut erzählt, dann noch einmal und noch einmal, und anstatt verstohlen gähnend zu erwähnen, dass man den komischen Kerl mit der wächsernen Gesichtsmaske und dieser unorthodoxen Art, harmlose Mitmenschen zuerst gewaltig zu erschrecken und dann niederzumetzeln, ja nun schon reichlichst kenne, wird jeder frische Aufguss gierig in die alte Kanne gekippt und mit schauderhaftem Wonnegenuß komplett vertilgt.

Und warum machen wir das? Weil wir als Zehnjährige mit der gleichen Faszination Wer fürchtet sich vor dem schwarzen Mann? in entsetzlich schöner Endlos-Schleife gespielt haben. Wir wollten Angst haben. Wir wollten selbstredend entkommen, nur mit Gänsehaut, bloß nicht mit imaginären kalten Klauen im Nacken. Und genau selbstverständlich wollten wir wiederkommen, um diese Angst nochmals und ein großartiges Mal mehr zu erleben. Wenn in der Nacht zu Halloween ein kleiner Junge lachend prophezeit:

„Er holt dich heut! Er holt dich heut! Der schwarze Mann kommt! Der schwarze Mann kommt!“

…dann wissen wir, was für ein Film da abläuft. Wir sind erwachsen, wir schalten das Licht aus und zur Sicherheit wieder an. Wir kennen den Hyper-Horrorstreifen, in dem Michael Myers seine irren, blutigen Karten mischt, wir sind darauf bedacht, auch in den hintersten Ecken nachzusehen, versuchen, vernünftig zu erklären und nicken ernst, wenn der Junge sagt:

„You can’t kill the bogeyman.“

Den Bogeyman, den schwarzen Mann töten? Nein, geht nicht. Myers ist jemand, etwas, irgendwas logisch nicht Greif- oder Definierbares, den/das nichts wirklich umbringen kann. Anders als Freddy Krueger, ursprünglich ein realer Mensch, für den gilt, dass erst der eigene Tod, der seiner Geschichte vorangeht, ihm die Unsterblichkeit und die damit verbundene finstere Macht ermöglicht, scheint Michael praktisch von Geburt an nicht von dieser Welt zu sein. Er ist kein wirklich echter Junge, kein wirklich echter Kerl, er ist der Schwarze Mann, ewig währendes Angstsymbol und nur vermeintlich Phantasieprodukt, weil er existiert. Mit Augen, die eine furchtbare Erkenntnis sind: Wer hineinblickt, sieht Seelenlosigkeit. Und weiß, dass auch nicht der geringste Funke eines Gewissens es zulassen könnte, einen zu verschonen. Schreien, wimmern, um Gnade betteln? Keine Chance.

Treffend düster sagt es Dr. Sam Loomis im Film: „Ich hab ihn vor 15 Jahren kennengelernt. (…) Ich traf auf ein 6-jähriges Kind, mit einem blassen, farblosen, emotionslosen Blick und den schwärzesten Augen. (…) Ich wusste zu gut, was sich hinter diesen Augen verbirgt… das absolut Böse.“

Das absolut Böse als Halloween-Grusler

Dieses personifizierte Böse als originellen Halloween-Grusler auf die Leinwand zu bringen war 1978 einfach nur eine gute und zudem preisgünstige Umsetzung des jungen Regisseurs John Carpenter, dessen Story vom wahnsinnigen Killerknaben Michael aus dem Kleinstädtchen Haddonfield in Illlinois, der seine irrationelle Gewohnheit als Erwachsener konsequent weiter pflegt, vermutlich nicht als Genre-prägend mit immensen Konsequenzen gedacht war. Die Idee stammte von dem amerikanischen Produzenten Irwin Yablans, der sich von Carpenter einen Film über einen total abgedrehten Killer wünschte, der an Halloween Babysitter umbringt. Der wurde Michael Myers getauft. Ein Name, so unschuldig wie Peter Müller. Der könnte nett als Beifahrer sein. Oder auf der Rückbank sitzen und einem die Kehle durchschneiden.

Schauriges Entertainment ohne allzu kompliziertes Drumherum, hübsch bedrohlich mit vom Regisseur persönlich komponierter, geschickt einfach nervender Synthesizer-Musik unterlegt, stand ergo auf dem Programm, dafür wurden 325.000 Dollar locker gemacht, die galten als verschmerzbar, falls der Film keine Gunstzuweisungen erhalten hätte. Die erhielt er aber. Massig. Wohl bekannt. Allein an US-amerikanischen Kino-Kassen spielte Halloween 47 Millionen Dollar ein, weltweit über 70 Millionen. Für die blutjunge Jamie Lee Curtis, im Film die Laurie Strode, Mutter aller Scream-Queens, war’s ein absolutes Sprungbrett, gleichsam eine Art Aber-gern-Verpflichtung, sich zwanzig Jahre später (Halloween 20) und nochmals viel, viel später bis Halloween Ends (2022) an Michael erinnern zu müssen.

Mutter der Scream-Queens, ewige Laurie

Längst schon zählt das Urgestein aller Slasher-Filme, – der im Vergleich zu seinen unzähligen „Zöglingen“ krasserer Natur mit erfrischend wenig Blut auskommt -, zu den erfolgreichsten Horror-Machwerken überhaupt, wurde demzufolge auch 2006 ins National Film Registry aufgenommen und gilt damit unweigerlich als Meisterarbeit: Bildungsarm, wer die nicht kennt. Darf gesagt sein, jeglichem anderen Intellektverständnis zum Trotze.

Carpenter selbst hatte wohl seine eigene Motivation. Sein zentrales Thema, von Sheriff Brackett (Charls Cyphers) durchaus treffsicher genannt…

Heute ist Halloween, da darf jeder jeden mal so richtig erschrecken.“

…war für ihn damit abgehandelt. Mit weniger Gemetzel denn tüchtigem Erschrecken. Wie es sein sollte. Das änderte sich freilich. Dem phantastischen Boom folgte 1981 die unweigerliche Fortsetzung mit Halloween II, – Das Grauen kehrt zurück“, Carpenter agierte als Drehbuchautor, – Regie führte Rick Rosenthal – , und Carpenter befand, dass einige Szenen getrost durchaus blutiger ausfallen dürften. Es wurde derber, der berüchtigte Paragraph 131 (strafbare Gewaltverherrlichung) kam auf den Tisch. Egal.

Michael Myers, im ersten Teil von Psychiater Dr. Loomis (fast) zur Strecke gebracht, dann wohl doch eben doch nicht und im zweiten Teil frisch stumpfsinnig mit wirrem Haar und wächsernem Totengesicht parat stehend für das nächsten wirre Massenmorden, war/ist wieder da. Er erschlägt, vergiftet, durchbohrt, ersticht, steht immer da, irgendwo, irgendwie, guckt, geht, läßt schreien, schreien, ein letztes Mal auch noch. Aus. War klar. Und wird damit endgültig zur…

…Kraft, die nie vergehen wird. (Carpenter)

Michael Myers: Der zur ersten Horror-Ikone unserer Zeit aufgestiegene und vom Podest der ganz großen Bösen nicht mehr wegzudenkende Un-Mensch, dessen Intention, – konzentriert und doch völlig teilnahmslos mit seiner Klingenwaffe Leute, vorzugsweise Verwandte umzubringen – , genauso un(er)fassbar ist wie seine anatomische Beschaffenheit: Michael, der im ersten Film von sechs Kugeln getroffen wird und vom Balkon fällt, überlebt. Und ebnet damit den Weg dafür, unzerstörbar zu bleiben.

Ob mit Stricknadel im Hals, Kleiderbügel im Auge, Messer in der Brust, ob nach einer Gaseplosion, einem Auto-Crash, Sturz vom Abhang, grundsätzlich definitiv tödlichem Stromschlag, – 2002: The Homecoming – , er bleibt der Alte. Ein seltsamer stummer Kerl mit roboterhaften Bewegungen im dunklen Overall, mit eigentümlicher Maske, merkwürdiger Frisur und fiesen Augen, dessen Grund, zu töten, der beste Psychiater nicht herauskitzeln könnte. Lust auf Blut, Aversion gegen Sex, Hass auf alles? Rachewahn (wofür?), blanker Irrsinn, Kindheitstrauma oder plumper schwarzer Humor, gänzlich falsch interpretiert? Am besten: Nichts davon. Es sei einfach nur mit den einladenden Worten von Dr. Loomis gesagt:

„Willkommen in der Hölle!“

Dreizehn Halloween-Filme, zwei davon thematisch ausgebaute Neuverfilmungen, die letzten drei eine Vierzig-Jahre-danach-Trilogie. gibt es. Michael Myers, der bei seinen ersten Morden 1963, – er sticht seine Schwester und deren Freund ab – , ein sechsjähriger Junge war, geht mittlerweile auf die siebzig zu. Rente längst durch also. Normalerweise. Aber bei der Sturheit?

In Halloween Ends , dem 13., definitiv oder doch nicht letzten Akt des großen Schauderns, Schreckens, Schreiens, wird der Leichnam von Myers in einen Industrieschredder geworfen. So was überlebt prinzipiell der hartgesottenste Hund nicht. Sollte man meinen. Tja nun.

Allemal, noch ein bisschen mehr Halloween geht eh‘ immer. Und solange die Maske nicht fällt… Das hässliche Gummiteil, das sich Michael im ersten Teil nach seinem Ausbruch aus der Anstalt in Haddonfiel pünktlich in dieser einen Nacht der bösen Nächte zwecks Verkleidung aufsetzt und nicht mehr ablegt, zeigte übrigens ursprünglich das Gesicht von Capain Kirk. Unendliche Weiten! Aber das hat nun gar nichts damit zu tun.