Tarzan – Der Affenmensch

Wir sind alle nur Tiere

Tarzan of the Apes

In den folgenden Jahren forderten die Leser etwa fünfundzwanzig Fortsetzungen von Burroughs. Die Statistiken sind erstaunlich: Bis 1970 gab es zum Beispiel mehr als sechsunddreißig Millionen Tarzan-Bücher in einunddreißig Sprachen; außerdem gab es mehr als fünfzig Tarzan-Filme (von den unzähligen Samstagsmatineen, in denen Johnny Weissmuller seinen berühmten Tarzan-Schrei ausgab, bis hin zu den jüngsten Inkarnationen wie “Greystoke” und “Legend of Tarzan”). Der Gelehrte Russel Nye hörte sich in der gesamten amerikanischen Kultur um und kam zu dem Schluss: “Tarzan bleibt die größte populäre Schöpfung aller Zeiten.” Die Strahlkraft mag in Europa nicht ganz so bedeutend sein (man träumt auf dem alten Kontinent anders), und dennoch bleibt Tarzan auch hier ein Phänomen.

Burroughs’ privater Traum sprach Millionen von Lesern an und wurde dann zu einem gemeinsamen Traum, einem öffentlichen Traum, einem Mythos. Burroughs tat nicht weniger, als uns zum wilden Ursprung zurückzubringen. Das bedeutete Lendenschurz und Nacktheit. Entfernte Überreste unseres Werdegangs. Der Text spricht die Wahrheit aus, dass wir im Grunde genommen Tiere sind – Konkurrenten, allein mit dem eigenen Überleben beschäftigt. Noch über unserer Kultur und den angeblich guten Manieren liegen Gier und der Wunsch nach Macht. Rationales Denken ist nur ein zerbrechlicher Deckel, der einen stärkeren und tieferen Eintopf aus Trieben, Impulsen und Leidenschaften bedeckt. Denn was sind wir am Ende? Wie würden wir uns in der Wildnis verhalten, wenn alle Annehmlichkeiten nicht mehr vorhanden wären? Burroughs findet am Ende eine Antwort. Bei Darwin und Freud.

Der Traum von Afrika

So sehr Burroughs sich von Legenden über das Wolfskind und von Kiplings Dschungelbuch inspirieren ließ, so sehr wich er von dieser Tradition ab, als er Tarzan anstelle von Wölfen von Affen aufziehen ließ. Allerdings waren das keine Gorillas, wie das wahrscheinlich die Mehrheit noch immer glaubt, weil es in vielen Filmen falsch dargestellt wurde.

Tatsächlich wurde Tarzan von einer der Wissenschaft unbekannten Affenart aufgezogen. Diese Kreaturen ähneln Gorillas in Größe und Stärke, aber sie unterscheiden sich eben auch. Diese Menschenaffen gehen oft aufrecht, jagen Tiere, essen Fleisch und haben eine wirkliche Sprache. Sie nennen sich selbst die “Mangani”, und Burroughs beschreibt sie als “riesig”, “heftig” und “schrecklich”. Er fügt hinzu, dass sie “eine Spezies sind, die eng mit dem Gorilla verwandt ist, aber noch intelligenter.” Dank ihrer Intelligenz und Stärke sind die Mangane “die furchterregendsten Vorfahren des Menschen”.

Burroughs folgt in seinem “Affenkind-Mythos” nur lose den Darstellungen in Darwins “Über die Entstehung der Arten”. Vielmehr hält er sich an jene Artikel des Naturforschers, die in Zeitschriften erschienen sind und die sich um das Überleben des Stärkeren, Evolution und niedere Ordnungen drehten.

Auf den Erfolg von von Tarzan angesprochen sagte Burroughs:

Burroughs machte Afrika zum Schauplatz seiner Phantasien. Es ist natürlich ein Afrika, das es so gar nicht gibt. In einer Szene zum Beispiel schlägt Tarzan einen Tiger (der nur auf dem indischen Subkontinent zu finden ist) mit einer Ananas (einer Frucht, die in der Karibik wächst). Trotz dieser enormen Freiheiten, die sich diese Geschichte gönnt, richtete der damalige Kaiser von Äthiopien – Hailie Selassi – die Bitte an Hollywood, man möge ihm doch alle Tarzan-Filme schicken, denn Burroughs’ Bücher sind zwar nicht wahr, aber sie stellen den Traum von Afrika dar.

Ein Afrika, das Freud das “absolute Anderswo” genannt hätte, den dunklen Kontinent.

In der Welt von Edgar Rice Burroughs haben die Menschenaffen ihre eigene, einzigartige Sprache. Und nach diesem Primatendialekt bedeutet “tar” “weiß” und “zan” “Haut”. Fügt man diese beiden Silben zusammen, bekommen wir “Tarzan”. In den Romanen gibt ihm Tarzans adoptive Affenmutter Kala diesen Namen, als sie seine blasse, haarlose Haut sieht.

Aber Burroughs fiel dieser Name nicht aus heiterem Himmel ein. Während er 1910 in Chicago lebte, verliebte er sich in die Gemeinde Tarzana. Er kaufte sogar etwas Land dort. Einige Jahre später, als er einen Namen für den von Affen aufgezogenen menschlichen Jungen brauchte, dachte er an Tarzana. Er ließ den letzten Vokal vom Ende weg und eine Legende war geboren. Interessanterweise gab es den Namen “Tarzana” nicht offiziell. Erst 1930, als sich der Stadtteil sozusagen gründete und eine Poststelle bekam, wurde der Name amtlich. Dies führte zu der Legende, dass die Stadt nach dem Affenmenschen benannt wurde, obwohl es in Wahrheit umgekehrt war.

Zusätzlich zu den Tarzan-Büchern schrieb Burroughs mehrere andere Serien, darunter die Pellucidar-Romane. In diesen Geschichten bauen die Abenteurer David Innis und Abner Perry eine experimentelle Bohrmaschine und entdecken, dass die Erde hohl ist. Tatsächlich wird sie sogar von einer inneren Sonne beleuchtet. Diese Welt wird von Dinosauriern, primitiven Menschen und einer Vielzahl intelligenter, nicht-menschlicher Rassen bewohnt.

In “Tarzan am Mittelpunkt der Erde” machen sich der Affenmensch und eine kleine Gruppe von Begleitern auf die Suche nach Innis und Perry. Tarzan verwendet sein Vermögen, um den Bau eines speziellen Luftschiffs namens O-220 zu finanzieren. Mit dieser riesigen Flugmaschine reisen sie durch ein gigantisches Loch am Nordpol und landen im Zentrum der Erde

Die Idee einer hohlen Erde ist eine pseudowissenschaftliche Idee, die es seit dem 18. Jahrhundert gibt. Es ist nicht klar, ob Burroughs diese Idee ernst nahm, aber er fand sie sicherlich nützlich für seine Literatur.

In “Tarzans Suche” gerät der Affenmensch in Konflikt mit den Kavuru, einem feindlichen Stamm, der den Dschungel terrorisiert und Frauen stiehlt. Sie haben sogar Jane entführt. Es stellt sich auch heraus, dass die Kavuru unsterblich sind, da sie eine Pille entwickelt haben, die ihnen ewige Jugend gewährt.

Nachdem Tarzan Jane gerettet hat, kehren sie mit einer Schachtel der Unsterblichkeitspillen nach Hause zurück und teilen sie unter ihren Verbündeten auf. Sie ließen sogar Tarzans Affenbegleiter Nkima etwas von ihrer Medizin nehmen. Vor diesem Hintergrund ist es merkwürdig, dass Tarzan und Jane nicht daran gedacht haben, ein paar Pillen für ihren Sohn Korak und seine Frau Meriem zu bekommen. Aber sie spielten in diesem Buch keine Rolle, also zum Teufel mit ihnen.

Film noir: Knarre, Kippe, Whisky und ein Mordsweib

Merke: Fang nie was mit einer Klientin an. Zudem sei unbestechlich, nett und fair und unbewaffnet, träum‘ was Schönes und merk‘ dir das genaue Gegenteil. Denn so soll es natürlich (nicht!) sein im Film Noir. Dort liebt man die Straßen der Nacht, wedelt mit dreckigen Geldscheinen, die man sich nicht sauber denken muss und will, traut nichts und niemandem und liebt, wenn überhaupt, in erster Linie sich selbst. Seine Knarre, seine Kippe, seinen Whisky, seine Wut. Aber dann…

Sie war eine Blondine von der Art, die einen Bischof dazu bringen kann, mit einem Ball ein Loch in ein Kirchenfenster zu schießen.“ (Raymond Chandler )

Film Noir: Man liebt in erster Linie sich selbst

Im Mitternachtskino sind es keine Dämonen, die atemlos machen. Es sind diese umwerfenden Frauen, die in finsteren Spelunken und billigen Absteigen so selbstverständlich schön, geheimnisvoll und gefährlich auftauchen, als gäbe es keine idealeren Ort dafür, sich in Glamour-Szene zu setzen. Sie sind raffiniert, lebenshungrig und zu allem bereit, das sie zu echten Ladies achen könnte. Aber das sind sie längst. Ladies in black mit lackierten Krallen und gierigen Blicken, die auffressen, was gefressen werden soll. Und das manchmal auch bevorzugt.

Are you taking me for a drive? Or a ride?“(Asphalt-Dschungel, 1950, Regie: John Huston)

Im Kino der Nacht sind es keine Monster, die für düstere Stimmung und Nervenkitzel sorgen. Es sind diese gut aussehenden Kerle, die schlecht gelaunt und von der Zeit zerrissen ihren Whisky trinken, den Hut tief ins Gesicht gezogen, die Hand griffbereit für die Pistole und das Feuerzeug. Viel mehr brauchen sie nicht, wenn sie in ihren durchnässten Trenchcoats in dunklen Gassen stehen, den Regen verfluchen, in Pfützen spucken und grimmig nach etwas Farbe im Schatten Ausschau halten. (Good) American way of life? Hier garantiert nicht, der Weg verläuft anders.

Sie teilen den Hunger, Sarkasmus, die Leidenschaft

Und diese unglaublich attraktiven Frauen, die aus der Dunkelheit kommen, sie von sich jagen, sie an sich ziehen, sie belügen, brauchen, benutzen, begehren und die mit ihnen irgendwohin verschwinden, teilen ihren Hunger, den Sarkasmus, diese wahnsinnige Leidenschaft, gleichwohl den Pessimismus ohne Selbstmitleid. Sie alle machen sich nichts vor, sie balancieren stets gefährlich nah am Abgrund. Ein falscher Schritt. Der falsche Schachzug. Das Licht geht aus.

Ein Freund von mir hat eine feine Theorie. Er sagt, wenn zwei einen Mord begehen, fahren sie in der gleichen Richtung und können nicht anhalten, keiner kann vor der Endstation abspringen. Sie müssen gemeinsam fahren, und ihre Endstation ist der elektrische Stuhl.“ (Frau ohne Gewissen, 1944, Regie: Billy Wilder)

Im Film Noir tickt die Uhr etwas anders. Ehrlicher. Gefährlicher. Diese Gutmenschen, die auf der Sonnenseite leben und ihr Glöckchenglück in ihrem Lachen tragen, gibt es nicht. Keine zarten, geschmeichelten Püppchen, die in Villen mit Pool, Nanny und Silberbesteck landen, weil sie ihren Millionär kriegen, keine Helden von altem Schrot und Korn, die in Krisensituationen immer chic und cool bleiben. Sie sind die Zweifler und die Verzweifelten. Nicht die, die durchladen, Messer ziehen, ihre Fäuste sprechen lassen und Frauenherzen brechen in dem festen Glauben, dass der Himmel blau bleibt. Weil sie feststellen, dass er grau ist. Dass es gewittern wird. Dass sie keinen Cent für einen Schirm besitzen, der Platz für zwei bieten würde. Und dass es an der Zeit ist, das Ganze zynisch zu betrachten. Denn nur so geht’s. So überlebt man. So liebt man. So hat man seine Prinzipien:

Wie trinken Sie Ihren Brandy am liebsten?“ – „Aus einem Glas.“ (Tote schlafen fest, 1946, Regie: Howard Hawks))

Die Uhr tickt ehrlicher und damit deutlich gefährlicher

Geprägt hat die Bezeichung Film Noir für die „Schwarze Serie Hollywoods“ in den 1940er/-50er Jahren der französische Filmkritiker Nino Frank, der 1946 einen Artikel brachte über amerikanische Thriller wie „Die Spur des Falken“ und „Frau ohne Gewissen“, die in Europa erst nach Kriegsende gezeigt werden konnten. Er erkannte in den „dunkel“ gespielten Krimis, meist B-Filme mit geringem Budget gedreht, diese auffällige Besonderheit, – Schwarz-Weiß-Ästhetik in künstlerischer Perfektion, Markenzeichen: Lichtgestaltung ohne Trennlinie zwischen innen und außen, Tag und Nacht – , für deren Machart der deutsche expressionistische Stummfilm kennzeichnend ist, während die Grundthematik die Asphaltcowboys in der US-amerikanischen Hardboiled-Kriminalliteratur behandelt:

Autoren wie Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Graham Greene und James M. Cain, die längst im Genre zu den ganz großen Stilprägenden zählen, machte Nino Frank als Schöpfer der nächtlichen Großstadt-Dschungel-Stories mit ihren zwielichtigen Gestalten zwischen jeglichen erdenklichen Fronten zuerst in Frankreich, dann überall in Europa bekannt. Schon 1945 erschienen die Bücher in der von Marcel Duhamel editierten Série Noire. Neuauflagen köderten die Leser zudem mit Cover-Fotos aus den Verfilmungen. So mancher späteren Hollywood-Legende diente der Film Noir in den 1940ern als Sprungbrett für die Weltkarriere: Burt Lancester, Robert Mitchum, Richard Widmark. Bogart!

Der populärste Figurentypus ist der Privatdetektiv, meist ein Ex-Cop wie Philipp „Humphrey“ Marlowe (Chandler), der misstrauisch und oft zynisch Welt und Sachlage kommentiert, illusionslos und ohne grundsätzliche Skrupel seine eigenen Regeln schafft, der unrasiert seine Whisky-Nikotin-Fahne spazieren führt und der es trotzdem hinbekommt, dass die schönsten Frauen in seinen Armen dahin schmelzen.

Sie sind Privatdetektiv? Ich wusste gar nicht, dass es welche gibt, außer in Kriminalromanen, schmutzige kleine Männer, die in Hotels herumschnüffeln. Sehr attraktiv sehen Sie auch nicht aus.“
„Ich bin eben ein bisschen klein geraten. Das nächste Mal werde ich auf Stelzen kommen, eine weiße Krawatte tragen und einen Tennisschläger unterm Arm.“
(Tote schlafen fest, Bacall/Bogart)

„Im Zeichen des Bösen“ (Touch of Evil) von und mit Orson Welles gilt zwar als das glänzend klassische Schlusslicht der „Schwarzen Serie Hollywoods“ , – dazu zählen gut 400 Filme, die von 1941 bis 1958 größtenteils in den USA gedreht wurden – , der Film Noir freilich prägte weiterhin weltweit den Stil oft begnadet guter Filmemacher.

Detektiv-Geschichten als hochgeschätztes Kaliber

Die von gesellschaftlichen Krisen geprägte Grundstimmung, die Typologie und das Handwerk sind zentrale Mitbestimmer der französische Nouvelle Vague, des amerikanischen Mainstreamkinos und auch der „Neo-Noirs“ mit ihren freieren Interpretationen, oft sympatische Rekonstruktionen der Detektiv-Filme des alten hochgeschätzten Kalibers:

Mein Presseausweis ist abgelaufen, na und? Mein Auto hier ist auch abgelaufen. Läuft trotzdem noch. Ich selbst bin auch abgelaufen. Lebe aber immer noch.“
(R. Dubillard in „Polar: Unter der Schattenlinie“, 1983, Regie: Jaques Bral)“)

Die frech-coole Kodderschnauze hat allemal überdauert. Und weiterhin gilt sowieso, was manchmal gar nicht so schwer zu beweisen ist. Weil es sein muss, wie es sein soll:

All us tough guys are hopeless sentimentalists at heart.“ (Chandler, Brief an Roger Machell, 1955)

Erst krieg ich dich, dann fress ich dich

Diese Erinnerung an meinen Großvater ist nicht meine liebste. Ich fürchtete mich, wenn er das sagte und lachte und nach mir griff. »Erst krieg ich dich, dann fress ich dich.«

Meist entkam ich. Er war uralt und müde. Das war mein Glück.

Ich hatte schon als Kind immer Angst davor, nicht schnell genug zu sein. Zu langsam für den schwarzen Mann. Den Bi-ba-butzemann. Den Bullemann. Buhmann. Kornmann. Wassermann. Ich hatte auch Angst davor, auf der Aschenbahn überholt zu werden. Dass ich beim Völkerball auf dem Feld erstarren und tödlich getroffen würde. Als Letzte eine Treppe hinauf zu steigen. Zu stolpern, wenn andere schreiend fliehen.

Beim Laufen strengte ich mich an, ich war nicht die Sportlichste, aber flinker als die Kurzbeinigen und Fetten, und zu wissen, dass sie es wären, die gepackt würden, wenn da irgendwas hinter uns her käme, beruhigte mich.

Ich hasste den Plumpsack, der urplötzlich hinter mir stand und mich zwang, ihn zu jagen, um zu verlieren und in seine grausige Rolle zu schlüpfen. Wer hat sich das vor über hundert Jahren ausgedacht, um mich zu quälen?

»Dreht euch nicht um, der Plumpsack geht herum. Und wer ihn ansieht oder lacht, dem wird der Buckel blau gemacht.«

Später hörte ich von der Bloody Mary, und wie hypnotisiert stand ich vor dem Spiegel und flüsterte mir zu, es doch zu versuchen. Dreimal hintereinander den Namen aussprechen. Dann kommt sie. Hässlich wie die Hölle. Blutrünstig. Böse.

Mein Spiegelbild zeigte eine weiße Frau mit riesigen roten Augen, vielleicht war ich das, sie nickte mir zu und lächelte. Fremde Zähne, schwarze Lippen.

Bloody Mary. Bloody Mary. Noch ein einziges Mal. Sag’s schon.

Ich habe es nie getan. Ich bin vorsichtig. In Hotelzimmern sehe ich in jede Schrankecke, schau unter dem Bett nach, lasse die Tür zum Bad offen stehen, damit niemand in der Nacht die Klinke herunter drücken kann, um mich durch ein Geräusch unbeweglich zu machen. Ich trage dicke Socken, während ich schlafe, weil ich nicht barfuß in Scherben treten darf. Das würde meine Flucht blockieren, irgendjemand könnte das beabsichtigen. Irgendwas. Ich bin erwachsen, aber nicht blöd, ich hüte mich.

In Russland gibt es einen alten Mann namens Babajka, der vor dem Haus lauert und die Frechen in einen Sack stopft. Er schleppt sie fort, vermutlich frisst er sie. Das ist keine deutlich schlimmere Vorstellung als die, in einem Sack zu ersticken oder darin tot gedrückt zu werden.

Kleiner Schelm bist Du, weißt Du, was ich tu´?

Ich steck Dich in den Hafersack und bind ihn oben zu.

Und wenn Du dann noch schreist: »Ach bitte, mach doch auf!«,

dann bind ich ihn noch fester zu und setz mich obendrauf.

Die Melodie hat mir immer erstaunlich gut gefallen. So beschwingt. Das verniedlichte den Gedanken aber nicht, dass meine Großmutter mich platt sitzen könnte, wenn sie es wollte.

Beim russischen Babajka, neckisch kurz Baba, was sympathisch klingt, charakterlich aber irrelevant ist, fällt mir mein alter Bekannter Babadook ein. Ich nenne ihn so, weil er mich begleitet, seitdem ich die Angst vor dem kenne, der nicht sein sollte. Er wartet irgendwo, er ist ungeduldig, und mit seiner Unruhe wächst seine Wut. Wenn er da ist, muss ich schnell sein. Das bin ich aber nicht. Ich bin aus Stein. Tausend Jahre alt. Ich bin aus Eis. Da ist keine Sonne. Ich schmelze nicht.

Der Babadook kommt zu Besuch und bleibt einfach als ewig währender, mordshungriger Alptraum wohnen. Meine Eltern hätten niemals über ihn gesprochen. Sie haben den Namen des schwarzen Mannes nicht genannt, von dem ich immer gewusst habe, ohne ihn erklärt zu bekommen. Wie heißt er?

Nachtkrabb. Nachtgiger. Nachtbock. Vermummter Mann. Böser Mann. Hakemann. Boogeyman. El Coco. Mumus. Fremder. Angst. Schmerz. Tod. Vermutlich.

Märchen schüchterten mich nicht sonderlich ein. Mir war früh klar, dass Vögel Augen aushacken, Hexen brennen dürfen und hässliche Mädchen am Ende verlieren. Wirklich furchtbar fand ich einzig den Gedanken, bei jedem Schritt das Gefühl ertragen zu müssen, über spitze Messer zu laufen. Ich hätte keinen Prinzen gewollt.

Ich sage jetzt etwas Grundsätzliches über Kinderschreckfiguren, die es angeblich gar nicht gibt. Es genügt nicht, mit ihnen zu drohen. Man muss Beweise liefern. Wahre Geschichten erzählen. Wie die vom ungehorsamen Tom, der mal in dem gelben Haus schräg gegenüber gewohnt hat und plötzlich verschwunden war.

Weil der Wassermann ihn mit einem banalen Geschenk in den Ententeich gelockt hat, um ihn erbärmlich ertrinken zu lassen und seine kleine dumme Seele zu schlucken. Oder weil der Wolf ihn im Tannenwald gepackt, zerrissen, zerfetzt hat. Weil der böse Onkel ihn beim Spielen auf dem Hof hinter dem gelben Haus in verbotener Dämmerung geholt hat, um ihn lebendig zu häuten. Oder weil der Serienmörder aus dem Nachbarsort sein Grab verlassen hat, da es dort unten kein frisches Menschenfleisch gibt.

Die Auswahl ist groß. Wichtig ist, dass derjenige, dem von Toms verdientem Schicksal berichtet wird, Haus, Teich und Wald kennt. Das ist die halbe Miete, wenn man nicht als Lügner ausgelacht werden will.

Ich selbst kenne so manche Fälle, die tatsächlich passiert sind. Da muss man stets noch kräftig einen drauf geben, sonst wird man nicht ernst genommen. Egal auch. Selbst Schuld. Sollen sie sagen, das sei alles Unsinn. Sollen sie ungläubig glotzen. Ich glaube auch nicht.

Ich weiß.

Und halte mir die Ohren zu, wenn es flüstert:

Bloody Mary. Bloody Mary. Noch ein einziges Mal. Sag’s schon.