Comics sind seit dem letzten Jahrhundert ein beliebtes fiktionales Medium, und die Erfindung von Superman wird oft als Grundstein der Branche angesehen. Doch bevor der Mann aus Stahl sein Debüt feierte, gab es einen anderen Comicartigen Helden, der das Genre anführte: Doc Savage aus den Pulp-Magazinen. Pulp-Magazine waren in den 1930er Jahren die beliebteste Form der gedruckten sequentiellen Kunstgeschichte, bevor Marvel und DC das Medium dominierten.
Zu Beginn des letzten Jahrhunderts gehörten Pulp-Helden wie Zorro, Das Phantom, Tarzan, den Shadow und Flash Gordon zu den Helden, zu denen junge Leser in ihren Zeitschriften aufschauten. Im Jahr 1933 lernte die Öffentlichkeit den Mann kennen, der zum Aushängeschild des Pulp Fiction Magazins werden sollte: Doc Savage. Einer der Hauptunterschiede zwischen Savage und seinen Vorgängern war sein Sinn für Modernität, seine Weltoffenheit und die Idee eines Menschen, der sich nicht von den Umständen bestimmen lässt.
Pulp Fiction richteten sich an ein älteres Publikum als die Superhelden und wurde in Magazinen, Zeitungsstrips und als Romanen veröffentlicht. Savage selbst wurde von dem Verleger Henry W. Ralston und dem Herausgeber John L. Nanovic bei Street & Smith Publications in seiner eigenen Serie, dem Doc Savage Magazine, herausgegeben. Das Genre war viel direkter und ehrlicher als manche Superheldengeschichten. Dies ist einer der Gründe, warum es sich so gut für das Medium Roman eignete. Einer der wichtigsten definitorischen Unterschiede zwischen Superhelden und Pulp-Helden besteht darin, dass sich letztere durch ein hohes Maß an Kompetenz auszeichnen. Genau diese Kompetenz stand im Mittelpunkt der Geschichte von Savage und seinen Freunden. Tatsächlich kann der zentrale Archetyp des Pulp-Helden als der „fähige Mann“ definiert werden, wie ihn Robert A. Heinlein in seinem Science-Fiction-Roman Zeit genug für die Liebe beschrieben hat.
Doc Savage von Tom Guthery IV
Diese Helden gelten als vielseitige Persönlichkeiten mit einem breiten Spektrum an Fähigkeiten. All diese Eigenschaften werden von Doc Savage, dem Inbegriff des fähigen Mannes, nahezu perfekt verkörpert. Genau dieser Archetyp diente später als Grundlage für unzählige Comicfiguren von Reed Richards bis Bruce Wayne. Savage definierte sich nicht nur durch seine Kompetenz, sondern wurde auch geschrieben, um den idealen modernen Mann der damaligen Zeit darzustellen. Relativ wenig in seiner Geschichte oder in dem Archetyp, den er verkörpert, ist in der realen Welt unmöglich, so dass die Leser einen Charakter vorfinden, den sie nachahmen können. Diese Idee sollte später mit Superman, der die gleiche Pfadfinderpersönlichkeit wie Savage verkörperte, zu neuen Höhen geführt werden. Seine Geschichten waren eine deutliche Inspiration für andere Pulp-Helden, von denen das Phantom am offensichtlichsten ist.
Das Abenteuer war schon immer ein wichtiger Aspekt des Pulp-Subgenres, aber Doc Savage trieb diese Idee auf die Spitze. Während der typische Pulp-Held noch an einen Ort oder ein Subgenre gebunden war, war Savage ein kosmopolitischer Held. Es gab keinen Winkel der Welt, den Savage nicht bereiste, um Gutes zu tun. Während eine Superheldengeschichte in der Regel von Figuren handelt, die gottähnliche Macht mit menschlichem Leben in Einklang bringen, zeigen Pulp-Helden das Beste, was ein Mensch sein kann. Wenn man bedenkt, dass Savage der Gipfel der menschlichen Rasse ist, trifft dies sicherlich zu. Während vor Savage jeder Held eine bestimmte Ecke des Pulp besetzte, vereinte Savage sie alle zu einem einzigen, einheitlichen Genre. Seine Geschichten griffen die klassischen Tropen der Vergangenheit auf und transformierten sie in einen Helden der Moderne. Anders als Zorro, der an die Vergangenheit gebunden war, oder John Carter, der an den Mars gebunden war, wurde Savage zu einem zeitlosen Standartenträger der Pulp Fiction.
Dieser Held verkörperte auch die stoische, ausgeglichene Persönlichkeit, die dann in den Comics so beliebt wurde. Savage inspirierte nicht nur Superhelden wie Superman und Iron Man, sondern beeinflusste auch das Kino. Figuren wie Indiana Jones und Rick O’Connell, die als robuste, kompetente Abenteurer das Kommando übernahmen, ließen sich von Doc Savage inspirieren. George Lucas hat selbst zugegeben, dass die klassische Abenteuerliteratur seine Filme beeinflusst hat. Und die Fabulous Five, die Freunde von Savage, legten den Grundstein für Superheldenteams wie die Justice League. Elemente der Pulp-Tropen finden sich in allen Superhelden-Comics: von Zorros Fassade, sich privat ziemlich tölpelhaft zu benehmen, die sich Clark Kent abschaute, bis zu Doc Savages stupender Bildung in vielen Wissensgebieten, die wiederum gut zu Batman passte. Man kann also durchaus sagen, dass einige der besten Superhelden der Comics, wie Blue Beetle und Batman selbst, direkte Hommagen an Savage sind.
Pulp ist zwar nicht mehr die dominierende Kraft im Comicbereich, hat aber auf einem von Superhelden dominierten Markt nach wie vor seine Bedeutung. Auch wenn sie bei Marvel und DC seltener zu finden sind, sind Verlage wie Dark Horse und Dynamite für ihre Adaptionen von Pulp-Helden wie Zorro, dem Lone Ranger und Tarzan bekannt. Darüber hinaus wandte sich Alan Moore nach seinem Abschied vom Mainstream-Comic selbst dem Pulp-Genre zu, um neue Geschichten zu erzählen. Sein bester Beitrag in diesem Bereich ist sein Held Tom Strong, der stark vom Archetyp Doc Savage beeinflusst ist. Strong debütierte sogar im DCU, wo er eine zentrale Rolle in den Abenteuern von Mr. Terrific spielte, der dadurch seinerseits an die vielseitigen Helden von einst erinnerte.
In vielerlei Hinsicht ist das Pulp-Genre nicht ausgestorben, sondern hat sich nach und nach in die Mainstream-Superhelden-Comics integriert, oft in der Rolle von Nebenfiguren. Schließlich ist es für ein Unternehmen wie DC viel einfacher, hin und wieder eine Adam-Strange-Geschichte zu veröffentlichen, als für einen Verlag, der sich an einer Phantom-Serie versucht. Leider fällt das Genre heute oft der Dekonstruktion zum Opfer, und die Ehrlichkeit, die die alten Geschichten so groß gemacht hat, bleibt auf der Strecke. Aber selbst eine kurzlebige Doc Savage-Serie aus dem Jahr 2009 zeigt, dass es immer noch Leute gibt, die sich dafür interessieren.
Comic-Verfilmungen lassen sich in der Regel in zwei klar abgegrenzte Kategorien einteilen: erstens Werke, die die eigentliche Fangemeinde verärgern, und zweitens solche, bei denen das nicht der Fall ist.
Band 1 mit Jesse Custer
Es gibt sehr wenige Ausnahmen, denen es gelingt, erhebliche Änderungen gegenüber der Vorlage vorzunehmen und dennoch die Fans bei der Stange zu halten. Bei „The Walking Dead“ werden die großen Todesfälle aus den Comics stets anders inszeniert, womit die Fans im Großen und Ganzen zufrieden sind, da sie so im Ungewissen bleiben. „Gotham“ hat so gut wie jeden Aspekt von Batman fröhlich verändert, behält aber die Zuneigung der Fans, weil seine Pulp-Comic-Ästhetik die Heimatstadt des Dunklen Ritters so treffend einfängt wie keine Adaption zuvor (außer vielleicht „Batman: The Animated Series“).
Es gibt Serien, die spielen lieber im seichten und sicheren Element. Und dann gibt es Preacher. Als die Adaption der legendären Vertigo-Comics von Garth Ennis und Steve Dillon das Licht der Welt erblickte, war schnell klar: Das hier ist keineswegs das übliche dümmliche Fernsehen. Es ist eine gottlose, blutgetränkte Odyssee durch das amerikanische Hinterland, die alles zertrümmert, was man über Religion, Moral und Superhelden zu wissen glaubte.
Ein Trio aus der Hölle (oder dem Fegefeuer)
Absolute Preacher mit Cassidy
Im Zentrum dieser bizarren Welt steht Jesse Custer. Dominic Cooper verleiht dem titelgebenden Prediger eine brodelnde Intensität. Jesse ist allerdings kein Heiliger; er ist ein Mann mit einer dunklen Vergangenheit, der versucht, in der texanischen Einöde von Annville Buße zu tun. Doch das Schicksal hat andere Pläne. Er wird zum Wirt für „Genesis“, eine Wesenheit, die aus der verbotenen Verbindung zwischen einem Engel und einem Dämon entstanden ist. Diese Macht verleiht ihm die „Stimme Gottes“: Was er befiehlt, geschieht – ohne Ausnahme.
Flankiert wird er von zwei der charismatischsten Sidekicks der Seriengeschichte:
Einmal Tulip O’Hare (Ruth Negga): Eine Frau, die eine Bazooka aus Haushaltsgegenständen baut und moralische Kompasse für überbewertet hält. Sie ist der emotionale Anker und gleichzeitig der personifizierte Chaos-Faktor.
Und dann Cassidy (Joseph Gilgun): Ein irischer Vampir, der lieber Drogen konsumiert und über Popkultur philosophiert, als sich mit der Bürde der Unsterblichkeit zu beschäftigen. Gilgun dominiert fast jede Szene und liefert den nötigen schwarzen Humor, um die düstere Handlung aufzulockern.
Western-Ästhetik trifft auf Splatter-Exzess
Was Preacher so besonders macht, ist der visuelle Mut. Die Showrunner Seth Rogen und Evan Goldberg, unterstützt vom erzählerischen Feingefühl eines Sam Catlin, der das Drehbuch schrieb, haben eine Welt geschaffen, die sich wie ein moderner Western auf Acid anfühlt. Staubige Landstraßen, neonbeleuchtete Diner und eine Gewalt, die so überzeichnet ist, dass sie nur als wirklich kunstvoll zu bezeichnen ist.
Die Serie scheut sich nicht vor dem Absurden. Wo sonst trifft man auf einen jungen Mann namens „Arschgesicht“, der einen Schrotflintenschuss ins Gesicht überlebt hat, oder auf Geheimorganisationen wie den „Gral“, die die Blutlinie Christi schützen wollen?
Hinter der Fassade aus fliegenden Körperteilen und blasphemischen Witzen verbirgt sich eine tiefere philosophische Frage: Was passiert, wenn Gott seine Schöpfung im Stich lässt? Jesses Suche nach dem Allmächtigen ist eine zutiefst menschliche Suche nach Sinn in einer Welt, in der es keinen mehr gibt. Die Serie dekonstruiert den blinden Glauben und ersetzt ihn durch eine gnadenlose Eigenverantwortung.
In Zeiten von glattpolierten Multiversen und formelhaften Blockbustern wirkt Preacher wie ein Befreiungsschlag. Die Serie nimmt ihre Zuschauer ernst, indem sie sie ständig vor den Kopf stößt. Sie ist dreckig, sie ist laut und sie hat ein Herz aus purem Rock ’n’ Roll.
„Preacher“ ist nichts für Zartbesaitete. Diese düstere, gewalttätige und respektlose Geschichte setzt neue Maßstäbe im Bereich der grafischen Erzählkunst. Wer einzigartige Geschichten mag, die die dunklen Seiten des Lebens und der Religion mit Humor und Witz beleuchten, für den ist „Preacher“ genau das Richtige. Diese Comic-Reihe prägte viele nachfolgende Werke und Adaptionen. Die ursprüngliche Comic-Reihe ist nach wie vor ein Meisterwerk und sollte im Regal jedes ernsthaften Comic-Fans stehen.
Eine Vereinfachung der Charakterisierung von Alan Moore als wütender Mann wäre eine zu einfache Darstellung, obwohl er dieses Verhalten in der Tat an den Tag legt. Der am 18. November 1953 in Northampton geborene Sohn einer Druckerin und eines Brauerei-Arbeiters trägt die Topographie dieser englischen Mittelstadt tief in seiner Imagination: Northampton, eine Stadt ohne Glamour, deren Geschichte unter der Oberfläche der Gegenwart brodelt wie Unterwasser-Geologie, hat Moore zu einer Art mythologischem Koordinatensystem gemacht. Kaum ein anderer bedeutender Autor hat seinen Geburtsort so konsequent in sein Werk eingeschrieben – von den viktorianischen Pflastersteinen in From Hell bis zu den elisabethanischen Geisterstimmen in Voice of the Fire, seinem einzigen Prosawerk. Northampton ist für Moore, was Dublin für Joyce war: ein ontologischer Grund.
Diese Verwurzelung hat nichts mit Nostalgie zu tun. Sie ist eine politische und ästhetische Entscheidung. Moore hat London nie als Gravitationszentrum seiner Karriere akzeptiert und auch Amerika nie als seine kulturelle Heimat, obwohl sein Name in der Geschichte amerikanischer Comicverlage unauslöschlich eingeschrieben ist. Er blieb in Northampton, ließ sich einen Bart wachsen und legte sich auch sonst eine Physiognomie zu, die ihn wie einen viktorianischen Propheten aussehen ließ. Von dort aus schrieb er Werke, die die Koordinaten des Mediums für immer verschoben.
Moores Jugend war geprägt von einer frühen intellektuellen Radikalisierung: Mit fünfzehn wurde er von der Schule geworfen – nach eigener Aussage wegen Drogenhandels – und begann eine autodidaktische Bildungskarriere. Diese führte ihn von der Beat-Generation zu William Blake, von Michael Moorcock zur Beschäftigung mit Magie und der Kabbala. Diese Bildungslücken und -sprünge hinterließen in seinem Werk eine charakteristische Spur: eine Gelehrsamkeit ohne akademische Glätte, ein Wissen, das sich nicht beruhigt hat, sondern immer noch kämpft.
Das Britische Erbe und der Sprung nach Amerika
Moores frühe Karriere ist ohne den Kontext von „2000 AD”, dem im Jahr 1977 gegründeten britischen Anthologie-Comicmagazin, nicht zu verstehen. In den frühen 1980er-Jahren wurde es zum Inkubator einer ganzen Generation von Talenten, die den amerikanischen Mainstream-Comic für die nächsten Jahrzehnte prägen sollten. 2000 AD leistete eine Art Kulturübersetzung: Das Magazin übernahm die Energie und die visuelle Sprache der amerikanischen Superheldencomics und verband sie mit britischem Klassenbewusstsein, schwarzem Humor und satirischer Schärfe, die der amerikanischen Comicindustrie weitgehend fehlten.
Moores frühe Arbeiten für 2000 AD und den britischen Ableger Warrior – allen voran Marvelman (der später als Miracleman im amerikanischen Markt erscheinen sollte) und der erste Auftritt vonV for Vendetta – zeigen bereits das vollständig entwickelte Morrison’sche Gegenprogramm: Während Morrisons späteres Werk den Mythos affirmiert, ist Moores früher Impuls der eines Anatomen. Er schrieb Marvelman, eine schlecht gealterte britische Imitation des amerikanischen Captain Marvel, zu einer psychologischen Horrorgeschichte um. Was passiert, wenn ein normaler Mensch tatsächlich gottgleiche Kräfte besitzt? Die Antwort ist verstörend, manchmal sogar unerträglich.
Der Durchbruch auf dem amerikanischen Markt gelang ihm 1983 mit Swamp Thing bei DC Comics, einem damals kommerziell irrelevanten Horrorcomic über einen Sumpfmenschen. Was Moore mit dieser Figur anstellte, war bahnbrechend: Er zerstörte die Prämisse der Serie bereits in der ersten Ausgabe. Swamp Thing, so Moores Enthüllung, ist kein verwandelter Mensch, sondern eine Pflanze, die glaubt, ein Mensch zu sein. Die gesamte Identität der Figur erweist sich somit als Selbsttäuschung. Auf dieser nihilistischen Geste basierend schuf Moore eine der philosophisch reichsten Superheldengeschichten der Dekade: einen Trip durch Kosmologie, Mystik und politische Ökologie, der das Medium zugleich ausdehnte und destabilisierte.
Watchmen – Das Buch, das das Medium veränderte
Kein anderes Werk in der Geschichte des amerikanischen Comics hat eine vergleichbare kulturelle Wirkung entfaltet wie Watchmen (1986–1987, gezeichnet von Dave Gibbons). Das ist eine comichistorische Tatsache, die sich daran bemisst, wie das Medium vor und nach diesem Werk aussah. Zusammen mit Frank MillersThe Dark Knight Returns, das im selben Jahr erschien, markiert Watchmen den Moment, in dem das Superheldencomic aufhörte, Kinderliteratur zu sein, und anfing, sich selbst als ernstzunehmendes erzählerisches Medium zu begreifen.
Was Watchmen so epochal macht, lässt sich auf mehreren Ebenen beschreiben. Auf der inhaltlichen ist es eine radikale Dekonstruktion des Superheldenmythos: Die Figuren sind traumatisiert, ideologisch korrumpiert, sexuell gestört, gewalttätig – kurz, Menschen, denen man keine übernatürlichen Kräfte wünscht. Der eigentliche Superheld des Werkes, Dr. Manhattan, der einzige Charakter mit echter Überlegenheit gegenüber der Physik, ist paradoxerweise der am meisten Entmenschlichte: ein Wesen, das die Zeit als Simultanereignis erlebt und deshalb jeden Begriff von Entscheidungsfreiheit und Verantwortung verloren hat. Der Held als moralisches Vakuum – das war 1986 eine Provokation ersten Ranges.
„Who watches the watchmen?“ — Diese antike Frage aus Juvenals Satiren ist für Moore das Fundament einer ganzen politischen Anthropologie der Macht.
Vgl. Alan Moore / Dave Gibbons, Watchmen, 1986–87
Auf formaler Ebene ist Watchmen ein Traktat über die Spezifik des Comicmediums. Moore und Gibbons entwickelten ein System von neun gleichmäßig angeordneten Panels pro Seite. Dieses Raster scheint auf den ersten Blick beengend, ermöglicht aber in Wirklichkeit eine enorme gestalterische Kontrolle. Jede Seite ist symmetrisch komponiert und jede Farbpalette ist durch Dave Stewarts Kolorierung präzise auf die Stimmung der Handlung abgestimmt. Innerhalb dieser Strenge operiert Moore mit einer Virtuosität an Zeitraffer, Rückblende und Parallelmontage. Dies zeigt, wie viel das Comic von der Filmsprache gelernt hat – und wie weit es diese Sprache übertreffen kann. Denn anders als beim Film kann der Leser das Tempo selbst bestimmen.
Die Einbeziehung von Prosatexten – darunter fiktive Zeitungsartikel, Tagebuchfragmente und akademische Aufsätze – zwischen den Kapiteln war im Jahr 1986 eine radikale Neuerung. Diese Texte erzeugen eine Tiefe des fiktiven Universums, die sonst nur in langen Romanen erreicht wird, und sie verlangen vom Leser eine Aufmerksamkeit, die weit über das passive Bilderlesen hinausgeht. Watchmen zu lesen bedeutet: aktiv mitdenken, Verweisen folgen und Bedeutungsschichten freilegen.
From Hell – Geschichte als Alptraum
Während Watchmen Moores formale Meisterschaft im Rahmen des Superheldengenres demonstriert, ist From Hell (1989–1996, gezeichnet von Eddie Campbell) der Beweis, dass diese Meisterschaft eine Weltanschauung ist. Das Werk über die Jack-the-Ripper-Morde im viktorianischen London zählt zu den dichtesten und ambitioniertesten Werken in der gesamten Geschichte des Comics – und ist gleichzeitig eines der am wenigsten konsumierbaren im populären Sinne. Campbells krakeliger, schwarz-weißer Strich, der meilenweit von der geschliffenen Ästhetik eines Superheldencomics entfernt ist, setzt jedem Versuch, das Werk als Unterhaltung zu lesen, einen hartnäckigen Widerstand entgegen.
Moore nutzt die Ripper-Geschichte nicht als Kriminalfall, sondern als Einstieg in das Bewusstsein des viktorianischen Englands – in seine Klassenstrukturen, seinen Misogynismus, seine Angst vor dem Weiblichen und seine Faszination für den Tod. Der mutmaßliche Täter in Moores Version ist kein psychopathisches Monster, sondern ein gebildeter Mann mit einer ausgeklügelten kosmologischen Ideologie. Für ihn sind die Morde ein ritueller Akt, eine Beschwörung des patriarchalischen 20. Jahrhunderts. Diese monströse Logik, die Moore mit verstörender Konsequenz von innen heraus entwickelt, macht From Hell zu einem der unbequemsten Werke der Popkultur.
Comichistorisch ist From Hell bedeutsam als Beweis, dass das Medium ohne die Krücke des Genres auskommt – dass es eine Geschichte ohne Superhelden, ohne Science-Fiction, ohne Fantasy mit derselben erzählerischen Tiefe tragen kann wie ein großer Roman. Diese Behauptung war 1989 noch alles andere als selbstverständlich.
Comichistorisch ist From Hell bedeutsam als Beweis, dass das Medium ohne die Krücke des Genres auskommt – dass es eine Geschichte ohne Superhelden, ohne Science-Fiction, ohne Fantasy mit derselben erzählerischen Tiefe tragen kann wie ein großer Roman. Diese Behauptung war 1989 noch alles andere als selbstverständlich.
Die Philosophie – Kunst als Magie, Magie als Verantwortung
Moores intellektuelle Entwicklung ist noch lange nicht abgeschlossen. Seit den 1990er-Jahren hat er sich zunehmend dem Studium der Magie gewidmet – einen Schritt, den er ähnlich wie Grant Morrison als konsequente Weiterentwicklung seiner künstlerischen Überzeugungen begreift. Während Morrison die Magie jedoch als Werkzeug der Affirmation benutzt, als Methode zur Erweiterung des Möglichen, ist Moores Bezug zur Magie stärker ethisch konnotiert. Es ist ein Versuch, die Verantwortung des Schöpfens zu durchdenken.
Wer die Kontrolle über sein Werk verliert, verliert auch die Kontrolle darüber, was es in der Welt bewirkt.
Seine Definition von Magie, die er in Interviews und Essays vielfach entwickelt hat, ist erfrischend materialistisch: Magie ist für ihn die Fähigkeit, Bewusstsein zu verändern – durch Sprache, durch Bilder, durch Geschichten. Ein Roman, der den Leser anders entlässt, als er ihn vorgefunden hat, hat einen magischen Akt vollzogen. Diese Definition ist weniger mystisch als sie klingt: Sie ist im Kern eine sehr ernste, fast beängstigende Theorie der Wirkung von Kunst. Wenn Literatur wirklich Bewusstsein verändert, wenn Comics wirklich in die Psyche eingreifen – dann ist jede kreative Entscheidung auch eine moralische Entscheidung.
Diese Überzeugung erklärt Moores immer wieder provokante Haltung gegenüber der Comicsindustrie. Seine Konflikte mit DC Comics über die Rechte an Watchmen und V for Vendetta, mit Marvel über Marvelman, und zuletzt seine kategorische Ablehnung aller Verfilmungen seiner Werke sowie seine Weigerung, seinen Namen in den Credits der entsprechenden Filme zu führen, sind die konsequente Umsetzung seiner Überzeugung: Kunst gehört ihren Schöpfern, nicht den Institutionen, die sie vermarkten. Wer die Kontrolle über sein Werk verliert, verliert die Kontrolle über das, was es in der Welt bewirkt.
Diese Haltung hat Moore zu einer der meistdiskutierten und meistkritisierten Persönlichkeiten der Comicwelt gemacht. Die Anklagen lauten: Sturheit, Selbstgerechtigkeit, Unfähigkeit zur Kompromissfähigkeit. Die Gegenseite dieser Medaille ist aber eine Integrität, die in einer Industrie, die chronisch von Kollaboration und Kompromiss lebt, so selten vorkommt und deshalb kostbar ist. Man muss Moores Entscheidungen nicht teilen, um anzuerkennen, dass er darin zumindest konsequent war.
Das Spätwerk – Die Enzyklopädie der Imagination
The League of Extraordinary Gentlemen (ab 1999, gezeichnet von Kevin O’Neill) markiert den Beginn von Moores Spätwerk und ist zugleich sein ambitioniertestes Langzeitprojekt. Was als unterhaltsames Gedankenexperiment begann – was wäre, wenn die Helden der viktorianischen Abenteuerliteratur in einem gemeinsamen Universum lebten? – entwickelte sich im Verlauf der Jahrzehnte zu einer monumentalen Encyclopaedia Imaginaria: einem Versuch, die gesamte Imaginationsgeschichte der westlichen Kultur, von Homer bis zum zwanzigsten Jahrhundert, als ein zusammenhängendes, intertextuelles Gesamtwerk zu lesen.
Die späten Bände der League, insbesondere Century (2009–2012) und die Black-Dossier-Ausgabe (2007), sind für unvorbereitete Leser nahezu unzugänglich: Sie setzen eine Kenntnis von Texten voraus, die von Bram Stokers Dracula über Bertolt Brechts Dreigroschenoper bis zu Thomas Pynchons The Crying of Lot 49 reicht. Moore benutzt diese Intertextualität nicht als gelehrten Selbstzweck, sondern als Argument: Die Imagination hat eine Geschichte, und diese Geschichte ist kohärent, durchgehend, bedeutungsvoll. Jede neue Geschichte ist eine Reaktion auf alle vorherigen Geschichten.
Jerusalem (2016), Moores einziges vollständiges Prosawerk, ist das extremste Dokument dieser Überzeugung: ein über tausend Seiten langer Roman über Northampton, der in seiner strukturellen und stilistischen Komplexität an Joyces Ulysses gemessen werden muss – und diesem Vergleich, nach einhelliger Meinung der wenigen Kritiker, die das Werk vollständig gelesen haben, im Wesentlichen standhält. Jerusalem ist kein Comic; es gehört nicht in diesen Essay im engeren Sinne. Aber es belegt, dass Moores Talente keine medienspezifischen sind, und dass die Entscheidung, das größte der modernen Lebenswerke im Comic-Format zu entwickeln, eine bewusste Wahl war, aber keine Notwendigkeit.
Erbe und Stellung
Alan Moore und Grant Morrison: Das sind die beiden Pole, zwischen denen das englischsprachige Autorencomic der letzten vierzig Jahre oszilliert. Dekonstruktion gegen Affirmation, Ernüchterung gegen Begeisterung, die Überzeugung, dass der Mythos lügt, gegen die Überzeugung, dass der Mythos die einzige Wahrheit ist. Diese Spannung ist fruchtbar und notwendig; keiner der beiden Pole würde ohne den anderen so klar leuchten.
Aber Moores Stellung in der Comicgeschichte ist nicht nur durch diese Polarität definiert. Er ist der Autor, der als erster das Medium zwang, sich selbst ernst zu nehmen – der bewies, dass in der Sequenz von Bildern und Worten, die das Comic konstituiert, eine erzählerische und philosophische Kapazität steckt, die der des Romans ebenbürtig ist. Das ist keine kleine Leistung in einem Medium, das bis in die frühen 1980er-Jahre von der Kulturkritik weitgehend ignoriert oder verachtet wurde.
Was bleibt, ist das Werk: eine Handvoll Texte, die im zwanzigsten und einundzwanzigsten Jahrhundert zu den bedeutendsten Beiträgen zur visuellen Literatur zählen. Watchmen. From Hell. V for Vendetta. The League of Extraordinary Gentlemen. Sie werden gelesen werden, solange das Medium existiert – als Dokumente einer Stimme, die sich weigerte, das Mögliche mit dem Bekannten gleichzusetzen, die darauf bestand, dass die Kunst die Welt nicht nur abbildet, sondern verändert, und die für diesen Anspruch einen Preis zahlte, den die meisten Kreativen sich nicht leisten würden oder könnten.
Moore hat das Comic nicht erfunden. Aber er hat es zu einem Ort gemacht, an dem die Wahrheit nicht nur erlaubt, sondern notwendig ist. Das ist genug. Das ist mehr als genug.
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