Ouroboros

Im glitzernden Türkis der Adria treibt ein Mann, er steckt in Seenot, freiwillig, sofern das möglich ist. Sehnige Arme und Beine ringen um Auftrieb, er spuckt Wasser. Bald wird ihn die Kraft verlassen, er droht abzusaufen, obwohl Lapad, der Strand von Dubrovnik, in Sichtweite ist. In den Sekunden, bevor er untergeht, ziehen die Stunden des Tages an ihm vorüber.

Tillmann hat den Urlaub schon oft in Dubrovnik verbracht, aber nie ohne Fiona. Erst, als der Airbus auf der Startbahn von Kölnbonn auf 300 Sachen beschleunigt, in letzter Sekunde abhebt und die verdorrten Sträucher der Wahner Heide unter ihm zu Klecksen schrumpfen, wird ihm das bewusst. Niemand sitzt neben ihm, der vor Flugangst an den Fingergelenken knabbert. Fiona sitzt nicht neben ihm, an der er mit einer Handmassage die eigene Flugangst abreagieren kann.

Nach der Landung die Taxifahrt: Eine aufgedunsene Boxervisage mit Kaffeespritzern unter dem Auge kutschiert ihn durch die Steppe, die als erstarrte See den Flughafen von Dubrovnik umgibt. Der Kerl trägt ein gelbschwitziges Unterhemd, hat ein Handtuch um den Nacken geschlungen und rasiert sich während der Fahrt mit einem Elektrorasierer. Das Brummen dämpft das unbehagliche Schweigen kaum.

Das Hotelzimmer hasst er schon, als seine Hand noch die Klinke berührt: Monetdruck an der Wand (Mohnblumenfeld, was sonst?), steife Laken mit Bundeswehrkanten, die Klimaanlage ein fauchendes Ungetüm aus einem Monsterfilm. Er bleibt gerade lang genug, bis die Energiesparbirne unter der Decke die Trostlosigkeit voll ausleuchtet.

In der Hotelkantine findet er einen Einzeltisch neben der Kasse. Ein Aknebalg mit verspiegelter Sonnenbrille im Haar fragt ihn, ob er hier arbeitet.

Er muss raus, raus aus der Menschenmenge, raus aus Verkehrslärm und Hitze und der Erinnerung an Fiona, die wie ein nasses Laken an ihm haftet; der Trauer um Fiona, die ihm die Kehle zuschnürt.

Und so stolpert er auf tauben Beinen in die Pinienluft hinaus, weiter die Straße entlang, bis diese am Strand endet, er stürzt ins Meer, das sich ihm in den Weg stellt, schwimmt auf den Horizont zu, um endlich aus der Welt zu fallen, doch der Horizont rückt Meter um Meter, die er, Tillmann, den Wellen abgewinnt, von ihm weg wie die Möhre vom Esel, bleibt auf Distanz, bleibt unerreichbar.

Sein Kopf taucht unter, statt Sauerstoff dringt Wasser in die Luftröhre, Salz sticht in Auge und Lunge. Das Herz setzt einen Schlag aus, durch den Schock beschleunigt pumpt es Adrenalin ins Blut, frische Kraftreserven schießen in die Muskeln.

Der Geist leert sich und Tillmann erkennt: Zwar will er tot sein, aber sterben? Sterben will er nicht.

***

Letzter Wille und Testament

Wir lernten Fiona an der Uni kennen. Tillmann und ich hatten zähneknirschend einen Lateinkurs zu belegen, der für geistige Fächer Voraussetzung war. In der Schule hatten wir beide Französisch gewählt, der Sprache wohnte der Zauber einer Zufallsbegegnung unter dem Eiffelturm inne – mit 13 waren wir aus Valenbrück, unserem Heimatnest, kaum herausgekommen. Latein? Das muffte nach Birkenwasser in den Haaren ergrauter Eminenzen.
Fiona leitete den Kurs in voller Verantwortung, obwohl sie bloß Assistentin – im dritten Semester – war. Zu unserem Glück war sie nicht nur intelligent, sondern einfühlend genug, unsere Angststarre im Angesicht von »Abl. abs.« und »AcI« zu erkennen. Sie wurde unsere private Lehrerin.
Wir nannten unsere Ménage à trois scherzhaft »The Latin Lovers«, wenngleich das Studium des Lateinischen bald in den Hintergrund rückte.

25 Jahre ist das her und ich spare mir die Floskel, dass es wie gestern erscheint. Die Zeit hat Krallen, die sie am Schonbezug der Erinnerung wetzt, als sei sie ein Sofa. Was darunter zum Vorschein kommt? Rostige Federn, zerfetzter Schaumstoff. Die Knochen der Ereignisse, die uns heilig waren.
Die Menschen, die wir waren, verblassen wie die Farben einer Photographie. Vielleicht ist das gut so. Nichts soll bleiben von den Kreaturen, die wir geworden sind: Der Betrogene. Der Betrüger. Das Monster.

***

Auf dem Weg zurück an Land sieht Tillmann den Greis mit den Silberknöpfen zum ersten Mal. Zug um Zug durchtrennt er die Fluten, Wärme strömt in die unterkühlten Glieder. Eine Bikini-Schönheit mit einem gelb-transparenten Tuch um die Hüften kehrt ihm den Rücken zu. Bis zu den Knien watet sie im Meer und träufelt Wasser auf Arme und Nacken. Dahinter tobt ein Stall Kinder einem windschiefen Strandball hinterher.

Das ist der Moment, da der Greis sich zeigt: Mit winzigen Schrittchen trapselt er durch die johlende Horde. Er trägt einen schwarzen Anzug, dessen Jackettknöpfe funkelnde Silbertaler sind, wie getrocknetes Blut schimmert der Stoff in der Sonne. Er muss darin schwitzen wie ein Hähnchen auf dem Grill. Seine Füße stecken in lichtblauen Sneakers, die nicht zu den weißen Haaren, die über den Kragen wachsen, passen wollen.
Niemand der Badenden reagiert auf die groteske Erscheinung. Kennt man ihn hier als bunten Hund, als Kuriosum?
Tillmann saugt die Lungen voll Luft, taucht den Kopf ins Wasser und krault dem Strand entgegen. Beim nächsten Atemzug ist der Greis verschwunden.

***

Letzter Wille und Testament (Fortsetzung)

Wir saßen im Café Tiefsinn und verschlangen Pastrami-Sandwiches mit Senf und Bier, auf dem Tisch als Alibi die Naturgeschichte Plinius’ des Älteren. Das Café Tiefsinn war eine typische Studentenpinte: Sperrmüllsessel und staubig-bunte Lichterketten, ihr ahnt die heimelige Tristesse.

Nebenan, auf einer Veranda, die unter Studenten Wintergarten hieß (wobei der Grasdunst in der Luft das Einzige war, das an einen Garten erinnerte), zerdepperte ein Hausmeister mit einer Klappleiter einen Wandspiegel.
Die Kellnerin und zwei bekiffte Ponchoträger bestaunten ratlos das Scherbenmeer. Fiona hingegen tauchte hinter den Tresen, kramte eine Tube Klebstoff hervor und begann, die Scherben aufzusammeln. Sie klebte sie an Wände und Blumenkübel, rückte eine Stehlampe mit bemalter Glühbirne zurecht und nahm den Schirm ab. Vor unseren staunenden Augen verwandelte sie den Wintergarten in ein begehbares Kaleidoskop.

Es wirkte wie ein übermütiger Zaubertrick, doch mit Fiona geschah etwas Seltsames. Sie wurde besessen von ihrem Werk, verbrachte ganze Tage auf den Knien, schleppte allen möglichen Tand heran: raschelndes Krepppapier; Rasseln aus Smarties-Röhren, in die sie als Klangkörper winzige Steinchen füllte; Windspiele aus Bambus, Räucherstäbchen. Stundenlang meditierte sie, umgeben von Schalen voll Wasser, Milch und eitrig-trüber Brühen unsagbarer Herkunft. Es stank nach Jauche, gleichzeitig versprühte der Raum den Rausch eines LSD-Trips. An einer Wäscheleine baumelten die Kadaver von Mäusen.

Nach einer Woche fing sie an, sich zu ritzen. Erst sachte mit einem Schälmesser auf dem Rücken des Unterarms, später mit Teppichmesser und Spritzennadeln auf dem Unterleib. Wir waren ratlos, sie einliefern zu lassen kam nicht in Frage. Es wäre uns wie ein Verrat vorgekommen.
In der dritten Woche des Wintersemesters kehrte sie an die Uni zurück. Sie trug ein bauchfreies Top, obwohl der Oktober sich aufführte wie ein Januar. Wollmäntel ersetzten die T-Shirts, die noch vor kurzem das Treiben auf dem Campus dominiert hatten.

Fiona wollte, dass wir es sehen: ein schreckliches Piercing, verborgen im Fleisch unterhalb des Bauchnabels. Eine Öse ragte aus der Haut, umschlossen von einer Kruste getrockneten Bluts. Es war ein Angelhaken, seine Spitze steckte tief im Gewebe.

In derselben Stunde kam man sie holen.

***

Auf dem Weg vom Strand ins Hotel sieht Tillmann den Greis mit den Silberknöpfen erneut. Keuchend erklimmt er den Hügel, über den sich die Straße quält, die Lapad mit dem städtischen Teil Dubrovniks verbindet. Unten, auf der anderen Seite der Erhebung, schimmert der Beerdigungsanzug im Nachmittagslicht. Der Alte fischt etwas aus der Westentasche und betrachtet es. Mit Sneakerschrittchen trippelt er um eine Kurve. Tillmann folgt ihm.

Vor einem Supermarkt bleibt der Greis stehen. Er wippt auf den Zehenspitzen, reckt den Hals, sieht ihn, Tillmann, kommen und verschwindet im Inneren des Flachbaus. Das Verhalten des Mannes erinnert an das Weiße Kaninchen aus Alices Abenteuer im Wunderland. Ein Kaninchen mit Glacéhandschuhen. Oh weh! Oh weh! Ich werde zu spät kommen!

Zwischen den Regalen ist es herrlich kühl, es riecht nach Melonen und Trockeneis. Von dem Greis fehlt jede Spur. Steif vor Kälte kauft Tillmann zwei Dosen Bier, zahlt und steckt das Wechselgeld unbesehen in die Tasche der Bermudashorts. Der Atem friert in der Luft.

Draußen verschlingt ihn das Dornengestrüpp der Hitze, als habe es auf ihn gewartet. Verwirrt sieht er sich um: Das ist nicht die Straße, über die er gekommen ist. Hat er einen Hinterausgang genommen? Auf gut Glück marschiert er drauflos, die Gassen ähneln sich, wirken vage vertraut und fremd zugleich. Nach zwei Abzweigungen muss er zugeben, dass er sich verlaufen hat. Selbst den Supermarkt findet er nicht wieder. Wie kann das sein?

Er kauert sich auf ein Mäuerchen, fühlt einen leichten Sonnenstich heraufdämmern, das Zirpen der Grillen bricht wie eine Flutwelle über ihm zusammen.

Gegenüber, in einem Mietshaus, dessen Putz von der Fassade blättert, lauert hinter einer Gardine im ersten Stock der Greis mit den Silberknöpfen. Aus schwarzen Krähenaugen funkelt er Tillmann an. Durch das Glas der Scheibe sieht es aus, als sei er mitsamt dem Anzug einem Stummfilm entsprungen.

Neben ihm taucht eine Silhouette auf. Ihr Gesicht bleibt in den Schatten verborgen, doch es ist eindeutig eine Frau. Sie legt dem Alten eine Hand auf die Schulter und zieht ihn vom Fenster weg.
Tillmann fühlt sich auf den Arm genommen. Er will wissen, was es mit dem Kauz auf sich hat. Er beschließt, den Kerl zur Rede zur stellen. Er erhebt sich und geht auf die Haustür zu.

Im Treppenhaus stinkt es nach Kohl, er zieht den Kragen des T-Shirts über die Nase und steigt die Stufen hinauf. Die Wohnungstür ist nur angelehnt, zögernd drückt er sie auf.

Ein schabendes Geräusch dringt aus einem der hinteren Räume: das Kratzen von Angebranntem aus einer Auflaufform mit einer Gabel, das Quietschen von Kreide auf einer Schiefertafel. Im Durchgang zum Nebenraum hängt ein Windspiel aus Hühnerknochen, die in einer Brise aneinanderklackern.

Tillmann setzt einen Fuß in den Flur, unter seinem Schuh knistert es. Der Holzboden ist über und über mit Federn bedeckt, schillernde Krähenfedern mit langem Kiel, zerzauste Flaumnester, insektenhafte Kropfgebinde, braun gesprenkelte Greifvogelfedern.

Das quietschende Schaben verstummt. Schritte nähern sich, trotzige Tritte mit den Fersen, aus dem unteren Stockwerk dröhnt ein Echo herauf. Die Schritte kommen näher, schwellen an, doch niemand ist zu sehen. Irgendwo wird eine Tür geknallt, das Poltern verebbt. Nach ein paar Sekunden setzt das quietschende Schaben wieder ein.
Ein Funkeln zieht Tillmanns Aufmerksamkeit auf sich. Inmitten des widerwärtigen Teppichs aus Vogelfedern schimmert etwas im Sonnenlicht, das durch einen unerklärlichen Winkel in den Flur fällt. Erst jetzt bemerkt er, dass er Schwimmschuhe trägt. Sie sind feucht vom Meereswasser, die Federn bleiben an der Gummisohle kleben und verwandeln seine Füße in die einer Vogelscheuche. Hastig taucht er ab und pickt den glitzernden Gegenstand vom Boden.

Verstört blickt er sich um: Er sitzt im Schatten einer Pinie, auf dem Scheitelpunkt des Hügels, der Lapad vom städtischen Teil Dubrovniks trennt. Außer einem Bauarbeiter, der auf eine Schaufel gelehnt raucht, ist niemand zu sehen.

Eine scharfe Kante gräbt sich in seinen Handballen, Blut tropft aus der Faust auf den brodelnden Asphalt. Zitternd öffnet er die Finger und begutachtet das Beutestück, das er der rätselhaften Wohnung entrissen hat.
Es ist eine feingliedrige Silberkette, an der ein ebenfalls silberner Anhänger baumelt. Er hat die Form einer Schlange, die ihren eigenen Schwanz verspeist. Fiona hat so ein Ding getragen, als sie …

***

Letzter Wille und Testament (Fortsetzung)

In der dritten Adventswoche wurde Fiona aus der Geschlossenen entlassen. Das verwunschene Kaleidoskop im Wintergarten vom Café Tiefsinn und ihre Psychose hat niemand von uns je wieder erwähnt. Bald verblasste die Erinnerung an den Zwischenfall und die Ereignisse der Wochen und Jahre traten in den Vordergrund.

Sie heirateten einen Monat, nachdem Till mit Bravour das Staatsexamen abgelegt hatte. Fiona hatte ihr Studium abgebrochen und jobbte für Reisebüros, der Verlust der Assistenten-Stelle hatte sie aus dem Tritt gebracht. Es war ein Jammer, sie wusste nicht, wohin mit ihrem Sprachentalent und verschwendete es als Dolmetscherin für Pauschaltouristen.

Letzten Sommer, als die beiden den Urlaub in Dubrovnik verbrachten, war Fiona im dritten Monat schwanger. In den Wochen vor der Reise litt sie unter depressiven Schüben, zog morgens die Decke über den Kopf und blieb tagelang im abgedunkelten Schlafzimmer. Die Hitze der kroatischen Sonne aber schien eine belebende Wirkung auf sie zu haben. Sie begann, Spaziergänge zu unternehmen, allein, wobei sie die Adria mied und das versengte Hinterland bevorzugte.

Von einem dieser Ausflüge kehrte sie wie verwandelt zurück. Ihr Interesse an der Natur hatte sich zuvor auf die Blumen und Sträucher in ihrem Garten beschränkt, die wie Entführungsopfer wirkten, die um Hilfe schrien. Plötzlich aber war sie besessen von allem, was wuchert und blüht. Stundenlang hielt sie sich in der Nähe knorriger Bäume auf, streifte auf endlosen Wanderungen durch Wildblumenfelder und schlief auf Wurzeln und im Moosbett.
Seit diesem Tag trug sie ein Amulett um den Hals, das Tillmann noch nie gesehen hatte. Es hatte die Form eines Ouroboros, einer in sich geschlossenen Schlange, die den eigenen Schwanz verschlingt.
Fiona wurde mit dem scheußlichen Ding beerdigt. Es war ihr letzter Wille.

***

Im Hotelzimmer schält Tillmann die durchschwitzten Klamotten vom Leib und nimmt eine Dusche. Befreit von Schweiß und Straßenstaub setzt er sich im Zwielicht der Abenddämmerung auf die Bettkante und öffnet eine der Bierdosen, die er im Supermarkt gekauft hat. Er versucht, die Ereignisse des Tages zu ordnen, doch das Amulett verhindert jeden klaren Gedanken. Wie ein Störsender liegt es auf dem Nachttisch. Es kann nicht dasselbe sein, mit dem Fiona beerdigt wurde. Und dennoch …

Das Bier schmeckt schal. Wie lange hat er grübelnd da gesessen und an die Wand gestarrt? Er erträgt den Raum nicht mehr, er wird ihm zum Sarg. Er beschließt, in die Altstadt zu gehen, raus, unter Menschen.
Die Abendluft ist deutlich kühler, er genießt ihre Frische. Neben einer verwitterten Villa im Kolonialstil bleibt er einen Moment stehen. Ein gusseisernes Geländer begrenzt den Bürgersteig, dahinter fallen schroff die Klippen zum Meer hin ab. Unten entsteigen Geister den schwarzen Wellen, entfliehen in Felsschründen und Trichtern dem Sternenlicht.

Er beugt sich tief über das Geländer, schließt die Augen und saugt die zentnerschwere Meeresluft durch die Nase. Er wird körperlos, beginnt zu schweben, sich aufzulösen. Zum ersten Mal seit ihrem Tod denkt er nicht an Fiona, und schon diese Erkenntnis beendet den süßen Moment des Nichterinnerns.

Er hasst, wie Fiona, die Erinnerung an Grübchen und Gesten und den heiseren Klang ihres Lachens zur Krankheit verkommen ist. Er hasst den Schmerz, den sie ihm bereitet, hasst das Ende der Unbeschwertheit, das so endgültig ist; hasst sie, die sich um nichts mehr sorgen muss und verachtet sich für diesen Gedanken.

»Till?«

Eine Stimme zerpflückt das Geflecht aus Grübeleien, das durch seinen Kopf wuchert. Eine Frau mit Fransenpony und ausgeschnittenem Trägerkleid beäugt ihn, als sei er ein Haustier, das vor Jahren abhandengekommen ist. Ihr Lächeln gibt den Blick auf makellos weiße Zähne frei.

»Tillmann Martz! Kneif mir in den Arm und gib mir Tiernamen!«

Tillmann schließt die Augen, wühlt fieberhaft in seinem Gedächtnis und schmeckt vorsichtig einen Namen, um zu versuchen, ob er passt.

»Claudia? Claudia …«

Die Frau zieht einen Schmollmund, kann ein Lächeln aber nicht unterdrücken.

»Du hast meinen Namen vergessen?« Sie schnalzt mit der Zunge und schüttelt mit gespielter Strenge den Kopf.

»Na, Schnaps drauf, immerhin hast du mich nicht mit Barbara Weihenstein verwechselt.«

Cordula Sanchez! Er hat sie seit dem Abitur nicht gesehen, Cordula ist Teil einer versunkenen Welt.

»Was treibst du hier?«, fragt sie. »Bist du etwa alleine unterwegs?«

»Nein. Ja. Ich meine …«

Cordula Sanchez hört schon nicht mehr zu, plappert drauflos, dass man sich unbedingt an diesem herrlichen Ort zum Baden oder Essen verabreden müsse. Sie kritzelt den Namen ihres Hotels auf die Rückseite eines Kinotickets, setzt Zimmernummer und E-Mail-Adresse hinzu und drückt ihm zum Abschied einen Kuss auf die Wange. Sprachlos blickt Tillmann ihrem Hüftschwung hinterher.

Die Altstadt ist prachtvoll beleuchtet. Die Gässchen zwischen Stadtmauern und Kai bersten vor Gelächter, Straßenmusik und dem Geschepper von Messer und Gabel auf Teller und Untertasse. Er findet einen freien Tisch, schlingt eine sahnelastige Carbonara hinunter und beschließt beim Espresso, den Tag in einer Kneipe zu beenden. Nach kurzer Suche findet er eine Pinte, die Ale ausschenkt. Sie sieht nicht sehr touristisch aus.

Neben dem Eingang sitzt eine Frau in Strickweste und schiebt Sonnenblumenkerne zwischen die Lippen. An einer Leine, die sie ums Handgelenk gebunden hat, döst ein Fuchs. Als Tillmann die Kneipe betritt, streckt das Tier die Vorderläufe und reißt die Kiefer zu einem klaffenden Gähnen auseinander.

Eine Sängerin hat sich hinter einem Mikro aufgebaut, leichter Jazz begleitet ihren knisternden Singsang. Die Musik kommt aus dem CD-Player, ihr rotes Haar trägt sie zu einem Bauernzopf geflochten. Ihre weit auseinanderstehenden Augen schillern türkis wie Meereswasser.

Tillmann pflanzt sich an den Tresen und bestellt mit universeller Geste ein Bier. Das Kleid der Sängerin ist atemberaubend, ihre Brüste heben und senken das Ende des Zopfes, der auf ihnen lagert, im Rhythmus des Gesangs.
Jemand betritt die Kneipe und zieht einen Streifen Altstadtlärm hinter sich her. Die Tür fällt ins Schloss und schneidet ihn ab. Mit winzigen Schrittchen trippelt der Neuankömmling durch den Kneipenraum und steigt auf einen Barhocker. Eine Wolke sauren Tabakdunsts umgibt den Unbekannten. Tillmann mustert ihn aus dem Augenwinkel. Es ist der Greis mit den Silberknöpfen, das Licht der Kerzen tanzt über das blankpolierte Edelmetall.

Er schenkt Tillmann ein zahnloses Grinsen und lässt geräuschvoll einen fahren.

»Muss raus«, sagt der Alte. »Mehr Platz in Welt als in Bauch.«

Er schmatzt auf dem Zahnfleisch, kramt etwas aus der Westentasche hervor und stellt es behutsam auf die Theke. Es ist eine Muschel, wie eine Bienenkorbfrisur schraubt sie sich rosig schimmernd in die Höhe. Mit knotigen Fingern pult er darin herum. Er zieht eine Makrele aus der Muschel, zwischen tabakgelben Fingern lässt er sie zappeln.
Tillmann beobachtet gebannt, wie der Alte den Kopf in den Nacken legt. Langsam führt er die Makrele an den Mund und zuzelt sie durch die Lippen in den zahnlosen Kiefer. Er schließt die Augen und schluckt sie am Stück herunter, ein Reißgeräusch dringt aus der Kehle.

Triumphierend blickt er Tillmann an und präsentiert den Rachen. Ganz hinten, kurz vor dem Schlund, ragt ein Wolfszahn aus der Gaumenplatte. Von der Spitze des Hauers baumeln die Innereien des Fisches wie ein makabrer Traumfänger.

»Lebendig aus Totes«, sagt der Alte. »Ende aus Anfang.«

Tillmann ergreift das Glas wie einen Rettungsring, trinkt gierig und begrüßt das Nächste, das ihm der Wirt hinschiebt. Die Sängerin duzt sich durch einen deutschen Schlager der Fünfziger, wann hat sie den Chanson beendet? Hat es eine Pause gegeben? Applaus? Der Alkohol brennt auf der Hirnrinde, die Zeit löst sich auf.

»Wie geht der Trick?«, fragt er den Alten. »Wo ist der Fisch jetzt?«

Zwischen zwei Schlückchen sagt der Alte so beiläufig, dass Tillmann zweifelt, es gehört zu haben: »Kein Perlchen in das Muschel, näh?«

Ihm wird speiübel. Perlchen? Es muss ein Zufall sein, der Greis kann nicht wissen, dass »Perlchen« Tillmanns Kosename für Fiona war. Gerade, als er die Fassung wiedererlangt, flüstert der Alte: »Muschel mit Perlchen. Komm, ich zeig.«

***

Letzter Wille und Testament (Fortsetzung)

Zeit für die Beichte. Die erste und letzte meines Lebens.
Ich habe mit Fiona geschlafen, auch nachdem sie sich für meinen besten Freund entschieden hatte. Ich habe sie geschwängert. Auf absurde Weise bin ich für ihren jetzigen Zustand verantwortlich.
Sie starb im Wochenbett. Auch das Kind hat nicht überlebt.
Starb sie wirklich? Hat Tillmann die Leiche gesehen?

***

Der Alte droht, zwischen den Talaren einiger Franziskaner, die der Basilika mit ihrem Kuppeldach und den sandweißen Säulen zustrebt, zu verschwinden. Drei Asiatinnen in Flip-Flops hasten einem Stadtplan hinterher, das arhythmische Klatschen ihrer Gummilatschen steigt Tillmann zu Kopf.

Von oben betrachtet bilden die Straßen der Altstadt eine Matrix, ein Gitternetz. Die Winkel sind nicht mit Senkblei und Kompass gezogen, sie wirken verwachsen, organisch, einer urtümlichen Logik folgend. Die Gässchen und Sträßchen ergeben keine ordnende Drainage, durch die Verkehr und Mensch abfließen. Sie sind ein Spinnennetz, in dem Tillmann nach wenigen Häuserecken zappelt.

Der Greis biegt nach links, schon wieder. Tillmann stolpert hinterher, er wundert sich: An jeder Abzweigung biegen sie links ab, immer nach links, trotzdem erreichen sie niemals den Ausgangspunkt. Sie scheinen in eine abwärtsführende Spirale geraten zu sein, mit jeder Runde verliert das Licht an Intensität, obwohl zwischen den Dächern die Sterne funkeln.

Vor einer Kellertreppe, die unter ein fensterloses Haus führt, bleibt der Greis abrupt stehen. Seine Augen funkeln wie Katzengold.

»Da«, sagt er und zeigt mit dem Daumen auf die Stiege. Die Kanten der Steinstufen sind durch jahrhundertelange Abnutzung rund wie Klavierdeckel. »Perlchen.«

Tillmann packt den Alten an der Schulter und wirbelt ihn herum. Mit schwerer Zunge stellt er ihn zur Rede. »Schluss jetzt! Was soll das Gerede von Perlchen? Meinst du Fiona? Woher kennst du sie?«

Mitleid steigt in den Blick des Greises. Er bedenkt Tillmanns Faust, die sich in den Kragen seines Hemdes krallt, mit einem Seitenblick und seufzt. Einen Moment scheint er unter der Last der Jahre in die Knie zu gehen, dann wirbelt er flink auf dem Absatz herum. Er packt Tillmanns Ärmel und zerrt ihn hinter sich her, auf die Stufen, Tritt für Tritt in den Keller hinab. Absolute Finsternis umschließt sie hier unten.

»Komm! Komm! Ist hier. Perlchen.« Die Stimme des Alten hallt als Echo von den Wänden wider, es klingt, als umschlösse sie eine gigantische Höhle. »Ist hier. Hat gewusst, dass stirbt. Kind nichts richtig. Totes aus lebendig, Anfang aus Ende. Wir alle tot, sonst wir nicht hier.«

Aus den Tiefen des Gewölbes pirscht ein Geräusch durch die Finsternis. Ein Schaben, dasselbe Kratzen einer Gabel durch festgebrannte Essensreste wie in der Wohnung, in der er Fionas Amulett gefunden hat. Schritte, trotziges Stampfen mit den Fersen auf einem Dielenboden: Das Echo franst zu einem Strudel kakophonischen Lärms aus, der Schädel droht unter dem Druck zu zerbersten. Tillmann reißt die Hände an die Ohren, Blut quillt dick und warm durch die Finger.

Es riecht nach Schwefel und ätherischem Öl, jemand entzündet eine Kerze. Ihre Aura wiegt sich als winziger Heiligenschein hin und her und malt eine Acht in die Finsternis. Aus der Krone der Flamme wächst ein roter Zopf: Ein Körper entsteigt den Haarspitzen, in die die Funken sich verwandeln. Eine Frau entwebt ihren Leib dem Feuer der Kerze, die sie hält.

Aber es ist keine Hand, die die Kerze hält. Unter den Ellenbogen enden die Arme der Frau in blutigen Stümpfen: Die gigantischen Scheren eines Hummers quetschen sich aus dem Fleisch, das in Fetzen von den Knochen baumelt. Das Zwitterwesen trägt ein Nachtkleid, das vorne offen ist. In schlaffen Wülsten quillen die Segmente eines wurmhaften Körpers hervor, fahl wie Madenhaut.

Kaltes Fleisch reibt sich an Tillmanns warmem, er erstickt in ihrem Gestank, der schwer wie Kohldunst in der Luft hängt. Er will schreien, aber die Zunge des Hummerwesens teilt seine Lippen, kriecht als zuckender Egel den Rachen hinab, bahnt sich tiefer und tiefer einen Weg. Vorbei an Gaumen und Zäpfchen, während die Scheren schmerzhaft in den Unterleib schneiden.

»Totes aus lebend, Anfang aus Ende.«

Tillmann reißt die Augen auf und starrt durch einen Schleier aus Tränen in das milchige Gelb trüber Augen. Die Fiebervision zerplatzt wie Seifenschaum, noch immer hockt er an der Theke, einen Finger am Rand des Glases. Es ist leer.

Der Raum dreht sich, die Sängerin ist verschwunden. Gemurmel und Gläserrücken sind die letzten Geräusche. Es ist stickig, eitriges Licht tropft durch den Mantel aus Fliegendreck, der die Neonröhre unter der Decke braun meliert. Vom Magen steigt Säure auf.
Unter dem Stuhl neben dem Eingang rollt der Fuchs sich zur Kugel ein und treibt mit leisem Knurren durch unruhige Träume.

***

Letzter Wille und Testament (Fortsetzung)

Gestern hat Till sie mir gezeigt. Er hält sie im Schuppen versteckt, zwischen Harken und Lösungsmitteln hat er ein Lager aus Decken errichtet.

Ich musste mich übergeben, als dicht wie ein Schleier die Fliegen aufschossen.

***

Hitze, schwer wie eine Bleiweste, presst ihn in die durchweichten Laken. Sein Körper scheint keinen einzigen Tropfen Wasser gehalten zu haben. Die Zunge klebt am Gaumen, er erwacht mit einem erstickten Knurren.

Wie spät ist es? Der Hitze nach zu urteilen muss es Mittag sein. Er öffnet ein Auge. Das Gepolter einer Baustelle zwängt sich durch den Spalt zwischen den Vorhängen ins Hotelzimmer.

Er schwingt die Füße aus dem Bett, massiert mit tauben Fingern die Knie, grapscht nach dem Wasser auf dem Nachttisch und säuft wie eine Ziege aus der Flasche. Sein Blick fällt auf eine umgestürzte Bierdose. Mit pochendem Schädel beugt er sich vornüber und richtet sie auf.

Er streckt sich auf die Beine, die Gelenke knirschen wie morsches Holz. Er fischt ein Handtuch aus der Reisetasche, geht schlaftrunken zur Badezimmertür und sieht aus dem Augenwinkel eine Frau. Sie liegt in seinem Bett. Sie hat die Beine gespreizt und rammt die Fingerspitzen gegen den Kitzler.

Es ist Fiona, ihr Haar verschwindet unter einer dichten Haube pelziger Fliegen, ihre Mundwinkel sind kotverschmiert.

***

Letzter Wille und Testament (Ende)

An wen sollen wir uns wenden? Fiona war tot, wie sollen wir ihre Wiederkehr erklären?

Die Rückfahrt musste Tillmann in einem Mietwagen bestreiten, auf der Rückbank einen Berg aus Decken und T-Shirts, unter dem es verdächtig raschelte. Er konnte sie nicht zurücklassen, sie sah aus wie Perlchen, unsere Fiona, auch wenn sie katatonisch war und auf keinen Reiz reagierte.

Schon während der Fahrt begann ihre Verwandlung: Die Arme bildeten sich zurück, die Wirbelsäule verkrümmte sich zu einem Buckel. Das Scheusal trägt Fionas Gesicht wie eine Maske. Es ist Fiona, doch etwas in ihr wächst, etwas Fremdartiges. In Blasen wirft das Ding die alte Haut ab.

Noch trägt sie die markanten Merkmale: den Halbmond unter dem Bauchnabel, die Narbe, die der Angelhaken hinterlassen hat; die Bratscherennaht des Kaiserschnitts, eine Schattenlinie zwischen Geschlecht und Unterleib. Wie Stacheldraht ragen die Enden der Nähte heraus.

Ich konnte den Blick nicht von ihr nehmen, die schrecklichen Details übten eine morbide Faszination auf mich aus: Schuppen, die sich einen Weg durchs Fleisch bahnen; Knochen, die sich als Schattengewächs der Sonne entgegen winden; Beine, die zum Korkenzieher verdreht verwachsen, einen Schwanz ausbilden – das Körperende einer Schlange, die nicht Anfang noch Ende hat. Die Zehen, deren Nägel abplatzen und zwischen die Lippen wuchern.
Auf der Suche nach einer Erklärung stießen wir bei Durchsicht ihrer Notizbücher auf die Fotokopie einer vergilbten Schrift: ein Auszug aus einem altgriechischen Dialog, das »Timaios« Platons – eine Passage war mit Bleistift markiert.

Tillmann übersetzte mit bebender Stimme: »Der Ouroboros braucht keine Wahrnehmung, da außerhalb seiner nichts existiert, keine Ernährung, da seine Nahrung die eigenen Ausscheidungen sind, und er bedarf keiner Fortbewegungsorgane, da außerhalb seiner kein Ort ist, zu dem er sich begeben könnte.«

Hat Fiona sich in esoterischen Studien verloren wie damals, als das verwunschene Kaleidoskop im Café Tiefsinn sie in eine Psychose riss? Ist sie bei ihren Wanderungen durch die Wildnis des Hinterlands in die Fänge einer Sekte, eines Kultes geraten? Ist das das Wesen des Greises mit den Silberknöpfen: ein Verführer, ein böser Zauberer?

Später, als wir matt über unseren Gläsern brüteten, drang dumpfes Poltern aus dem Schuppen. Ich starrte Tillmann entsetzt an. Er hob die Schultern, die Augen feucht von Tränen. Es war ihr Schädel, der wiederholt gegen die Holzwand donnerte. Dann erkannten wir ihre Stimme. Sie schrie um Hilfe.

Das Monstrum muss sterben, aber wie? Wie etwas erwürgen, das nicht atmet? Wie es ertränken, wo es Nahrung nur aus sich selbst heraus zu sich nimmt? Sollen wir es verbrennen, bis allein das verfluchte Medaillon übrig bleibt? Wie ein sinkendes Schiff ragt es aus dem Schlangengewebe.

Wenn unser Plan fehlschlägt, die Kraft uns fehlt oder das Mitleid uns überwältigt, so soll dieser Bericht mein Testament sein und dies mein letzter Wille:

Vernichtet meine sterblichen Überreste.

Sascha Lützeler

Sascha Lützeler

Sascha Lützeler betrieb in den Neunzigern das Punkrock-Fanzine »Notengezeter«. In den Nullerjahren überzeichnete er Autobiographisches zu den noirhaften Abenteuern des Antihelden Rock Holiday auf dem Blog »Die Geschichte schreibt der Sieger«.
Seit 2012 verfasst er Kurzgeschichten und Romane. Horror, Mystery, Phantastik, meist aus der Sicht von Verlierern und Außenseitern geschildert, bilden den Rahmen seiner Erzählungen.
Sascha Lützeler ist 42, lebt in Köln und ist als Sänger von »Kommando Petermann« bis heute der Punkszene verbunden.

Hinterlasse einen Kommentar

1 Kommentar auf "Ouroboros"

Kommentar verfassen

Sortiert nach:   neuste | älteste | beste Bewertung
wpDiscuz