Oskar Matzerath (Der Blechtrommler)

Auf einer oberflächlichen Ebene erzählt Die Blechtrommel die Geschichte von Oskar Matzerath, einem eingesperrten Wahnsinnigen, Zwerg aus eigenem Willen, Paranoiker, Besitzer übernatürlicher Gaben, rachsüchtiges Genie, gefallener Engel, Miniaturtyrann, obsessiver Trommler des titelgebenden Instruments. Oskar ist all das und nichts davon; der ultimative unzuverlässige Erzähler.

Als der junge Grass Ende der 1950er Jahre in Paris anfing, sein extravagantes Schelmenstück zu schreiben, studierte er gerade Bildhauerei und Grafik und war zum Steinmetz ausgebildet worden. Mit diesen Künsten beschlagen wollte er sich den verschiedenen Versionen der deutschen Geschichte stellen, die ihm beigebracht worden waren und die er bis dahin gelebt hatten. Die Blechtrommel kombiniert Historisches, Horrorgeschichte, Burleske, Komik und satirische Fabel mit lebendigen, subversiven Bildern. Stilistisch ist der Roman Lichtjahre von den stattlichen Erzählungen Thomas Manns entfernt, der 1929, zwei Jahre nach der Geburt von Grass, den Nobelpreis gewonnen hatte.

Die Blechtrommel löste sich zweifellos von der gewaltigen Präsenz Manns. Grass zieht es in seinem Roman stattdessen zu den wilden, organischen Wortbildern, die den Magischen Realismus des Kubaners Alejo Carpentier prägten. Grass wiederum hatte dann seinerseits einen großen Einfluss auf Salman Rushdies 1981 mit dem Booker Prize versehenen Mitternachtskinder.

Oskars Odyssee

Einige Menschen finden Zuflucht nur in einem Irrenhaus. Von seinem weiß emaillierten Krankenhausbett aus, unter dem wachsamen, wenn auch verwirrten Auge von Bruno, seiner Pflegekraft, macht sich Oskar Matzerath mit Hilfe eines Familienfotoalbums auf den Weg, um nicht nur seine Geschichte, sondern auch die seines Landes zu erzählen. Dabei entscheidet er sich zwischen einem Wechsel der Erzählperspektive zwischen erster Person und dritter Person. Trommeln ist seine Art, sich von seiner Familie und den Ereignissen um ihn herum zu lösen. Er zertrümmert jede neue Trommel, und der Ersatz lässt einige Tage auf sich warten. So entfaltet sich der Wahnsinn der Geschichte; so bedrückend schildert er die Realität, der er zu entkommen beabsichtigt.

Wenn er auf den ersten Seiten dieser wütenden, schwindelerregenden und erdigen Tour de Force sagt: “Das Bettgitter möchte ich erhöhen lassen, damit mir niemand mehr zu nahe tritt”, ist das keine Überraschung. Hier haben wir einen Roman, der aus dem Erbe eines barbarischen Krieges entstanden ist. Die Blechtrommel hat alle erzählerischen Regeln gebrochen und ein paar weitere erfunden.

Oskars Odyssee beginnt, als er an seinem dritten Geburtstag die Kellertreppe “hinunterfällt”, und sich entschließt, von nun an nicht mehr zu wachsen. Stattdessen will er von nun an unerbittlich trommeln und das Glas mit seiner Stimme zersingen. Seine Geschichte aber beginnt einige Jahre früher, noch bevor er geboren wurde.

In der Tat liegen seine Wurzeln in der Vorstellung, die er von seiner Mutter hat. An einem Montagnachmittag fabuliert er ihre Entstehung durch seine Großmutter Anna, die damit beschäftigt ist, Kartoffeln auf einem kaschubischen Feld zu sammeln. Sie hält an, um ein paar davon zu rösten und macht ein kleines Feuer. Nach einer Weile beschließt sie, eine zu probieren und schaut “mit gerundetem Blick über geblähten, Rauch und Oktoberluft ansaugenden Nasenlöchern über das Feld zum nahen Horizont und den einteilenden Telegrafenstangen und dem knappen oberen Drittel des Ziegeleischornsteines”.

Anna beobachtet, wie sich eine Verfolgungsjagd vor ihr entfaltet. Sie versteckt den Flüchtigen unter ihren vielen Röcken, genauer gesagt vieren davon, und lotst die Polizei auf eine falsche Fährte. Obwohl nicht gerade eine Liebesgeschichte, wird Joseph Koljaiczek, der sich unter den Röcken versteckt, der Vater von Oskars Mutter Agnes. Aber Oskar lässt mit dem Flair eines wahren Geschichtenerzählers die Fakten tanzen: “Anna Bronski, meine Großmutter, wechselte noch unterm Schwarz der nämlichen Nacht ihren Namen: ließ sich also mit Hilfe eines freigiebig mit Sakramenten umgehenden Priesters zur Anna Koljaiczek machen und folgte dem Joseph, wenn nicht nach Ägypten, so doch in die Provinzhauptstadt an der Mottlau, wo Joseph Arbeit als Flößer und einstweilen Ruhe vor der Gendarmerie fand.”

Die Stadt an der Mündung der Mottlau ist natürlich keine Geringere als Grass’ Geburtsort Danzig. Oskar und Grass spielen durchgehend metafiktionale Spiele; keiner von beiden kann jemals einem Exkurs widerstehen – die meisten davon sind signifikant. Es werden Geschichten erzählt. Die Charaktere wandern rein und raus. Manchmal sterben sie, manchmal nicht.

Die wahnwitzige Erzählung

Die Erzählung rast überschwänglich und selbstbewusst mit einer schieren Körperlichkeit der Sprache dahin, mit ihren rollenden Phrasen, Nebenbemerkungen, einem originell-rhythmischen Einsatz von Wiederholungen, märchenhaften Motiven und einer Fülle von Sprachwitzen.

Obwohl er großzügig mit den Details von allem umgeht, was vor ihm geschah, entschuldigt sich Oskar nicht für sein besonderes Interesse an seiner Geschichte, da er darauf brennt, den Beginn seiner Existenz zu verkünden. Er trommelt weiter, und seine Geschichte wird schnell kompliziert, als seine Mutter den Lebensmittelhändler Alfred Matzerath heiratet, aber ihre Romanze mit ihrem Cousin Jan wieder aufnimmt und Oskar mit zwei Vätern zurücklässt. Jan ist der Romantiker, aber Alfred kann kochen. Oskar ist ein lakonischer Erzähler, mit einem Auge für Details:

“Ich erblickte das Licht dieser Welt in Gestalt zweier Sechzig-Watt-Glühbirnen”.

In Oskar hat Grass einen Zeugen, dessen Geschichte in der Kindheit beginnt. Als Baby war er bereits vollkommen. “Ich war eines dieser hellhörigen Säuglinge, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist und sich fortan nur bestätigen muss.” Er konnte hören, wie seine Mutter ihre Enttäuschung darüber, dass er kein “kleines Mädchen” war, mit einer Bemerkung milderte, die sich als ironisch erweisen sollte:

“Wenn der kleine Oskar drei Jahre alt ist, soll er eine Blechtrommel bekommen.”

Von Geburt an hatte Oskar die Fähigkeit, Dinge außerhalb des natürlichen Bereichs der menschlichen Sinne wahrzunehmen. Seine Blechtrommel kommentiert symbolisch das Blechohr (Trommelfell) einer apathischen Bevölkerung und seine Fähigkeit, Stimmen zu hören, die außerhalb der Reichweite der gewöhnlichen Wahrnehmung liegen. So unangenehm es auch ist, Oskar hört die authentischen Geräusche seiner Welt, Vergangenheit und Gegenwart, und versucht so, die grausamen Wahrheiten festzuhalten, denen eine kriegsgeschädigte Nation widersteht.

Der junge Oskar ist ein trotziges Individuum, offen für Abenteuer, insbesondere für sexuelle Eskapaden. Das Komische verwandelt sich oft ins Groteske, wenn etwa ein Ausflug am Karfreitag zum Kauf von Aalen führt. Die Szene beinhaltet das ekelhafte Schauspiel, wie ein Pferdekopf, randvoll mit Aalen aus der Ostsee gezogen wird. Bald darauf stirbt Oskars hübsche Mutter und wird im Roman zur “armen Mama”. Ihr Tod ist der erste von vielen.

Während des gesamten Romans beschäftigt sich Oskar in ziemlich grafisch dargestellten Sexszenen mit einer Reihe von Frauen. Er begibt sich auf eine Tournee mit Bebras Zirkusgruppe und beobachtet, wie Roswitha, seine Geliebte, stirbt, von einer verirrten Granate getötet, und das alles, weil er sich weigerte, ihren Morgenkaffee zu holen.

Das neue Wachstum

Es geht munter weiter in dieser Burleske, bis Oskar von einem Stein am Kopf getroffen wird und wieder wächst. Er setzt sich für Künstler ein, wird Jazzmusiker, findet Ruhm. Aber immer ist er auf der Suche nach etwas: Liebe? Sicherheit? Antworten?

Danzig, zwischen Deutschland und Polen gefangen, ist Oskars tragischer Spielplatz. Die Geschichte ist dicht, eine Achterbahnfahrt; Oskar ist sowohl Monster als auch tragischer Held. Vor allem ist er ein Zeuge, wütend und verzweifelt. Zum Abschluss des Romans sagt Oskar: “Mir gehen jetzt die Worte aus, aber ich muss noch darüber nachdenken, was Oskar nach seiner unvermeidlichen Entlassung aus der psychiatrischen Einrichtung tun wird. Heiraten? Ledigbleiben? Auswandern? Modellstehen? Steinbruch kaufen? Jünger sammeln? Sekte gründen?”

Man hat sich oft nach dem Symbol für das zwanzigste Jahrhundert gefragt; Oskar ist dieses Symbol, mehr noch: er ist nicht nur das Symbol des zwanzigsten Jahrhunderts, er IST das zwanzigste Jahrhundert. Gleichzeitig ist es einer der wenigen phantastischen Romane eines deutschen Autors von Weltrang. Und für alle, die nicht lesen können: der Film ist auch nicht schlecht.

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