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Onkel Hartmut kommt

Sie hatte mir von ihm erzählt. Während sie besticktes Leinen für meine Großmutter faltete, die seit zwanzig Jahren im Keller die gute Wäsche des Niederflözener Mittelstandes mangelte, trank sie Aufgesetzten, schob mir saure Beeren in den Mund und versuchte, mir Angst zu machen. Mit üblen Geschichten über Onkel Hartmut, die ich grundsätzlich hören wollte und manchmal doch eher nicht, weil er anschließend in der Dunkelheit nach mir griff und mich schwitzen ließ, ohne tatsächlich einen Finger zu krümmen.
Die schwarze Laura, mittlerweile schon leicht ergraut, fand wohl Gefallen an meinen weit aufgerissenen Augen, die an ihren dicken Brüsten klebten, ohne dass sie auch nur einen einzigen lausigen Knopf ihres geblümten Kittels jemals gesprengt hätten. Zu meinem Bedauern. Ich war recht frühreif und stellte mir vor, sie sei völlig nackt unter den ausgebleichten Blüten, zumal es dort im Keller heiß war und selbst meine ordentliche Großmutter unter ihrem Schürzenkleid nur einen Unterrock trug. Also lauschte ich, kaute Beeren, die ich nur bedingt vertrug, und starrte zweimal wöchentlich in Lauras Ausschnitt, wo sich winzige Wasserperlen sammelten, um weiter nach unten in die ganze Pracht zu fließen, der ich mit meinen elfeinhalb Jahren eh nicht gewachsen gewesen wäre. „Dein Onkel Hartmut war ein mieser, kleiner Nichtsnutz. Hoffe nur, irgendeine gute Seele hat ihm das Herz herausgerissen. Aber wehe, wenn er wiederkommt. Wehe uns allen.“ Sie spuckte dreimal über die rechte Schulter, nahm einen Schluck und flüsterte „Jessas Maria“, laut genug, dass ich es hörte und mich stets fragte, wer das sein sollte.
Hartmut Spitzweyer, Vaters Bruder. Ich glaubte nicht so recht an ihn. Bis ich meine Großmutter mit durchgeschnittener Kehle und der zerrissenen goldenen Kette vor der Verandatür fand, das Kreuz mit dem Saphir auf die Stirn gedrückt, die sich nie wieder in die vertrauten Falten legen sollte. Und wie ich da so stand und starrte und nicht begriff, dass der fette kalte Leib dieser Frau gehörte, die mir dreißig Minuten zuvor die heiße Milch mit dem verhassten Honig auf die Nachttischkonsole gestellt hatte, blies er mir seinen Atem in den Nacken. Onkel Hartmut, der nie hätte wiederkommen dürfen.
Genau genommen war er irgendwie tot. Nie wieder aufgetaucht nach der Schlägerei, wurde nicht genannt, nicht erwähnt, tauchte schemenhaft auf, um wieder im Nichts zu verschwinden, wenn meine Großmutter die farblosen Augen zusammenkniff, die sie mir vererbt hatte: „Hartmut ist der Teufel.“ Und mein Vater, bescheiden und ruhig, um meiner Mutter zu gefallen, wurde anders, wenn sie das sagte, hockte verkrampft mit flammender Röte im Gesicht auf dem Küchenstuhl neben dem Kachelofen in der Küche, wo er immer saß, beugte sich weit nach vorn, als hätte er einzig dadurch seine Stimme explodieren lassen können, sagte nur: „Ich kenne keinen Hartmut. Nie und niemals wieder.“

Ich selbst kauerte in diesen seltenen Momenten, die meine Mutter rauchen ließen, obgleich sie es aufgegeben hatte, unter dem alten Holztisch, der nach abgestandenem Hundefutter roch, meinte, die Würmer fressen zu hören, hörte tatsächlich nichts und machte mir meine Gedanken. Wusste ich doch schließlich alles von Laura, die ihre Haare wieder schwarz färbte, um dem Witwer Pittmann, Schornsteinfegermeister in Niederflözen, zu gefallen, was mich ein wenig kränkte. Mein Onkel Hartmut, Mörder meines Großvaters, Mörder von Sven Lieberkott und mutmaßlicher Mörder von Asta, dem Hund, der unter dem Apfelbaum liegt, der keine Äpfel gibt. Mein Großvater wurde auf dem evangelischen Oberflözener Friedhof begraben, Sven Lieberkott, der Onkel Hartmut im Kornstübchen in den Hals gebissen und beklaut haben soll, bevor er von ihm zusammengeschlagen wurde, wohl auch.

Das war nach dem großen Streit, kurz nach meiner Geburt, gut, vielleicht war ich schon zwei, drei, keine Ahnung mehr, Laura wusste da besser Bescheid. „Der hat in der Kirche die Bux runtergelassen, um ins Weihwasser zu pinkeln.“ Ich konnte mir da nicht unbedingt ein klares Bild von machen, ich mein‘, große Scheiße, wer traut sich denn so was, aber kapiert habe ich schon, dass Onkel Hartmut nicht grad einfach gewesen sein muss. „Hässlich und böse war er, der Hartmut. Gesoffen hat er, nix gelernt. War eifersüchtig auf den Friedwart. Ja, dein Vater, der war immer ein Prachtkerl. Der eine landet halt mit der Schnauze im Dreck, den anderen küssen die Engel. Ist so, Junge.“ Und während sie faltete und den Aufgesetzten trank und sich den Busen kratzte, weil die Hitze im Keller sie juckte, – „Heiß hier, Jungchen, was das wieder juckt“ -, starrte sie auf ihren unberingten Finger und seufzte, weil sie wohl an etwas Netteres dachte als an Onkel Hartmut. Kurz, nur ganz kurz, dann drohte sie mir. „Werd‘ nicht wie der, Bürschchen. Heiraten wollte den keine. Im Leben hätt‘ ich den nicht genommen.“ Ich schüttelte verstört den Kopf, gleichsam empört darüber, so etwas überhaupt in Erwägung zu ziehen.

Hätten meine Eltern geahnt, was Laura alles ausplauderte, ganz unbeobachtet, bei der Mangelwäsche im Keller nur mit mir, dem sie Beeren gab, die meine Großmutter mir verboten hatte, wäre sie wohl ziemlich schnell woanders gelandet. Andererseits: Dreimal wöchentlich seit zwanzig Jahren, das kloppt man ja nicht einfach so weg, ich mein‘, da verzeiht man schon mal. Meinem Onkel Hartmut freilich ist nicht verziehen worden. Von meinem Vater nicht, von meiner Großmutter nicht, von der schwarzen Laura eben auch nicht.
„Wird elend irgendwo krepiert sein. Hat er verdient, der Hartmut. Wenn nicht… wehe, wenn er wiederkommt.“ Bekreuzigte sich, kratzte sich unter den wolligen Achseln, die ich damals, vielleicht mit bescheidener Beule in der Hose, noch schüchtern gekrault hätte, – ich liebe es glatt und nackt nach all den Jahren -, und erzählte mir von dem Abend, der besser nie gewesen wäre: Onkel Hartmut, gut betrunken und selbst arg lädiert nach der Prügelei mit Sven Lieberkott im Kornstübchen, der immer noch einzigen echten Kneipe in Niederflözen, hatte wohl seinen Eltern vorgeworfen, dass sie ihn, den Erstgeborenen, aus ihrem Testament gestrichen hätten. Und dass sie ihn nie akzeptiert hätten, immer nur seinen beschissenen verweichlichten Bruder Friedwart, meinen Vater eben, und all dieser ganze sentimentale Scheiß, der keinen wirklich durchblicken lässt. Großvater, der ihn erst totschlagen, dann rausschmeissen wollte, obgleich die Reihenfolge ja nun grundverkehrt ist, bekam erst seine Wut, dann eine auf das Maul von seinem Ältesten, Hartmut eben, und dann seine dritte gewaltige Herzattacke. Er starb einfach so, während Hartmut immer noch herumbrüllte. Friedwart, mein Vater, der dazwischengehen wollte, obwohl er zu schmächtig und zu klug war, flog in die Ofenecke und brach sich das linke Handgelenk. Als Großmutter mit dem Küchenmesser auf Onkel Hartmut losging, eben mit dem Messer, das Hühner mit einem Schlag von ihren Köpfen befreit, schrie er nur: „Du alte Krähe kriegst dein Fett noch!“ Dann war er weg.

Am nächsten Morgen kam die schwarze Laura, um Laken und Tischdecken zu falten, aber das fiel aus. Großvater war tot, Sven Lieberkott auch, der war am Silberteich auf dem Nachhauseweg zusammengebrochen und hatte wohl die ganze Nacht Blut gerotzt, zuviel auf jeden Fall. Und der Hund lag mit heraushängender Zunge vor der Gartentür. Warum Onkel Hartmut Asta, der er stets eigenhändig Reis mit Innereienabfällen gekocht hatte, tatsächlich hätte vergiften sollen, verstand ich nicht so ganz. Aber für die Spitzweyers lag das klar auf der Hand. Ich selbst gehörte ja nun dazu, aber obwohl ich mich verpflichtet fühlte, Onkel Hartmut, falls nicht längst schon verreckt, immerhin die Pest an den Hals zu wünschen, empfand ich eher diesen großartigen, da nie erlebten Nervenkitzel denn wirklichen Hass auf ihn.

Es war spannend, sowas in der Familie zu haben, das sollten Gerd Engler und sein idiotischer Vetter Gustav aus Oberflözen, mit denen ich öfter unten am Teich abhing, erst einmal überbieten. Ich verpasste Onkel Hartmut in der Nacht vor unserem nächsten Treffen noch rasch eine schwarze Augenklappe und erfand zwei nackte Frauenleichen, eine ohne Kopf, die man unmittelbar nach seinem Verschwinden aus Niederflözen in einer Hütte im Filchener Wald gefunden hätte, aber Gustav versaute mir die ganze Inszenierung. Er brachte die kleine fette Tilla mit, und wir knutschten und kneteten abwechselnd herum, bis Gustav sich mit ihr hinter einem Busch verkroch. Da hatte ich keine Lust mehr. War vielleicht besser so.

Drei, vielleicht vier Wochen später, die ich sozusagen schweigend verbracht hatte, auch, um die schwarze Laura nicht zu verpetzen, schlich ich mich irgendwann nach Mitternacht in die Küche, um mir ein Bier aus der Kiste meines Vaters zu klauen, die neben dem Verschlag mit den Gartengeräten auf der Veranda stand. Offiziell durfte ich natürlich nicht trinken, und mein friedfertiger Vater hätte mir vermutlich trotz meiner Reife den Arsch versohlt, aber ab und an brauchte ich was anderes als Milch mit Honig, um besser schlafen zu können. In diesen Momenten redete ich mir ein, vermutlich ein waschechter Säufer zu werden, zumal da ja noch Lauras Aufgesetzter war, aber das machte mir keine Sorgen, ich fühlte mich verdammt gut erwachsen. Das haute freilich nicht mehr so ganz hin, als ich die Leiche vor der Tür entdeckte.
Neben meiner Großmutter lag das alte Hühnermesser, auf ihrer Stirn klebte das Kreuz von ihrer Kette. Sie sah aus wie ein Osterlamm, das mit einem „Und Amen“ auf den Lippen geschlachtet wird, und es war alles so grotesk, dass ich wirklich für den Bruchteil einer Sekunde glaubte, längst schon betrunken zu sein, aber tatsächlich hatte ich an diesem Tag nur fünf Beeren im Hirn. Ich hätte gern geheult und noch lieber nach meinen Eltern gebrüllt, aber ich spürte den heißen Atem in meinem Nacken und beschloss, wie ein echter Kerl zu sterben. Unnötig, wie sich herausstellte.
„Die alte Krähe hat’s verdient. Hat mich um mein Erbe betrogen, das Miststück. Hat meine Briefe nicht beantwortet. Jetzt braucht sie’s nicht mehr.“ Ich drehte mich um, sah in sein Gesicht, sah meine Nase und die farblosen Augen meiner Großmutter, die auch mir gehörten, und dachte nur, das ist er also. Onkel Hartmut. Er lächelte. Tatsächlich lächelte er mich an und zeigte vom Nikotin verfärbte Zähne, die nicht nach meiner Kehle schnappen würden. Nach meiner nicht. „Bist Friedwarts Sohn. Mächtig gewachsen.“ Und dann, streng, keinen Widerspruch duldend: „Hol‘ ihn. Hol‘ den Waschlappen.“

Das alles liegt schon lange zurück. Meine Mutter heißt nicht mehr Spitzweyer, sie hat drei Jahre nach Vaters Tod den Metzger Willibald Hauptmann geheiratet, und erfreulicherweise wurde ich von Brüdern verschont. Manchmal fällt mir Onkel Hartmut ein. Dann sehe ich die schwarze Laura, die Mangelwäsche faltet und mir Beeren zwischen die Lippen steckt, starre in ihren Ausschnitt, würde immer noch gern die Schweißtropfen ablecken und höre ihr zu, ohne zu glauben, was ich weiß. Er hat mich gewarnt, bevor er wieder in dem Nichts verschwunden ist, aus dem er aufgetaucht war, um sich von seiner Vergangenheit zu befreien. „Bist einer von ihnen. Bist noch ein Kind. Glück gehabt, Junge.“
Mittlerweile bin ich keins mehr, wohne immer noch im Haus meiner Großeltern und traue mich nicht wirklich, es zu erben. Meine Mutter will es mir überschreiben, der Metzger hat selbst zwei, und Oberflözens Weinprinzessin Pattricia Preuss ist bereits mächtig schwanger von mir und will anständig versorgt werden. Ich liebe sie nicht, weil ich es nicht will, aber es könnte schlimmer sein. Die unbeantworteten Briefe von Spitzweyers Erstgeborenem fand ich beim Entrümpeln in einer zerbeulten Hutschachtel auf dem Kleiderschrank meiner Großmutter, wage nicht, sie zu vernichten, lese sie zu später, ungeteilter Stunde wieder und wieder in meinem Schaukelstuhl auf der beleuchteten Veranda, wo immer noch das Bier lagert. Ich trage ein Schnappmesser am Gürtel und nachts am Bund meiner Pyjamahose. Es ist lächerlich klein, aber die Klinge fühlt sich gut an und lässt mich hoffen. Zumindest bin ich vorbereitet. Für den Fall, dass Onkel Hartmut kommt.

(erschienen in: Der Mann, der vergewaltigt wurde, Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken)

Karin Reddemann
Über Karin Reddemann (149 Artikel)
Karin Reddemann schreibt Geschichten. Wahrscheinlich ist das recht vernünftig. Vernünftig findet sie auch, dass T.C. Boyle über sich sagt: "Ich weiß auch nicht genau, was ich da mache, aber es ist gut." - Studiert hat sie an der Ruhr-Uni Bochum (Germanistik/Romanistik), war einstmals Lokaljournalistin und hat auch das überlebt. Veröffentlichungen: „Gottes kalte Gabe“, e-books: „Toter Besuch“, „Schweigeminuten“ „Rosen für Max“ ( Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken), Beiträge in: „Horror-Legionen“ (Amrûn Verlag Jürgen Eglseer), „Abyssos–Geschichten aus dem Abgrund“ (VISIONARIUM, Doc Nachtstrom und Bernhard Reicher), "Zwielicht 9" und "Zwielicht Classic" (Achim Hildebrand, Michael Schmidt)
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