Odium über Carapace City

Wie gut kennen Sie mich wirklich? Sie glauben, alles über mich zu wissen, habe ich Recht? Schließlich bin ich Sie. Aber da gibt es etwas, von dem Sie überhaupt nichts wissen können: Ich träume von der Panzerstadt. Da! Schon verachten Sie mich, dafür dass ich träume, anders als Sie.

Ihre Welt ist ganz anders als meine. Ihre Stadt liegt an der Oberfläche eines Planeten, meine darunter. Sie leben am Tag, ich in der Nacht. Sie halten sich für eine selbstbestimmte Persönlichkeit, die jede Entscheidung bewusst trifft. Ich weiß es besser. Obwohl Sie ich sind, verstehen Sie nichts davon wie meine Existenz beschaffen ist.

Meine Freiheit besteht darin, mich durch die Korridore von Carapace City treiben zu lassen, durch die Winkelgassen und Menschenströme verschwommener Gesichter und Hände, vorbei an den schattenhaften Fassaden unter einem roten Himmel, der die Innenseite einer harten Schale ist. Eines Panzers, der hundert Einschläge von Himmelsboliden pro Stunde verzeichnet. Die Erschütterungen des Panzers erzeugen Resonanzen, die alle Dinge und Lebewesen bis zur Unkenntlichkeit verzerren. Rauch quillt aus den Köpfen und wabert wie undeutlich gesprochene Worte in Carapace City. Zudem kann sich jeder Straßenzug, jedes Haus, jeder freie Platz und jeder Mensch im Handumdrehen völlig verändern, seine Gestalt aufgeben, selbst zu Rauch werden oder zu Licht und die Form von etwas anderem annehmen.

Mich hier zurechtzufinden setzt die Einsicht voraus, dass alles in der Panzerstadt aus nur einer Substanz besteht. So anders ist diese Welt als die Ihre, in der die Gegenstände und Wesen ihr voneinander getrenntes Dasein führen. Sie gehen morgens zur Arbeit und lassen sich ausbeuten, indem Sie andere ausbeuten – na wenn das nicht der evolutionäre Sprung ins Unermessliche ist! –, kehren dann wieder nach Hause zurück, wo Ihre Frau mit dem Abendessen wartet, schicken Ihre gemeinsamen Kinder ins Bett, schauen fern und gehen schlafen wenn Sie müde sind und alles das sind einzelne Inseln Ihres Lebens, zwischen denen nur Sie selbst als Verbindung bestehen. Alles behält seine Form, alles folgt Ihrer Logik, nur wenn Sie schlafen, rutschen Sie ab in ein Dunkel, das sich Ihrer Kenntnis entzieht. Es macht Ihnen Angst, aber Sie begegnen dieser Angst mit Verachtung.

Dieses Dunkel ist meine Stadt, ist mein Reich, dessen Wahrhaftigkeit Sie nach wie vor leugnen. Sie leugnen meine Welt. Sie leugnen mich, indem Sie mich als den Kasper auf der Bühne Ihres inneren Theaters abtun. Und jetzt, nachdem Ihre Frau Sie mitsamt den Kindern verlassen hat – weil Sie ein boshafter Trottel sind! -, Sie mit der Verantwortung auf der Arbeit nicht mehr klarkommen, Ihnen in der Mitte Ihres Lebens endlich aufgeht, dass Sie nichts als ein Sack voller Lügen und Halbwahrheiten sind, der sich von der Leichtgläubigkeit Ihrer Mitmenschen ernährt, glauben Sie, ein paar Gespräche mit einem Geistheiler könnten Sie vor der Verdammnis retten.

Der Mann mit dem Bart Ihnen gegenüber versucht aber tatsächlich alles, um Sie zu sich selbst zu führen, nur ist Ihnen ja längst klar geworden, dass es da kein inneres Selbst gibt, auf das Sie zählen können. Sie fürchten es nämlich, auch wenn Sie das natürlich niemals zugeben würden. Stattdessen halten Sie den Anschein aufrecht und sogar fest an dem Glauben – lassen Sie mich das für Sie festhalten: Sie glauben trotz besseren Wissens! –, dass Sie sich voll im Griff haben und Sie sich nicht vor mir fürchten müssen. Also folgen Sie dem Rat Ihres Schamanen und zerren mich ans Licht Ihres ach so mächtigen Bewusstseins, aber schon jetzt, in eben diesem Moment, beginnen Sie zu verstehen, dass es nur einen Weg gibt, auf dem ich an die Oberfläche komme, nämlich indem ich Sie hinab in die Unterwelt stoße.

Sehen Sie sich um. Es ist das Land der Somnambulen, in dem Sie sich befinden, tief in der Nacht, unter dem Panzer von Carapace City, dem Reich der Erschütterungen und der andauernden Transformation. Und Sie glauben wirklich noch, Sie wären dort ganz allein? Dass alles um Sie herum nur Ihren eigenen Gedanken und Wünschen entspringt? Sie hängen einem Irrglauben an. Sie sind dort unten nicht allein.

Ja, das sollte Ihnen auch Angst machen. Ich sagte, alles besteht aus nur einer Substanz, aber diese Substanz ist von einer Vielzahl von Geistern erfüllt und sie alle wissen wer Sie sind, erkennen Sie als das was Sie sind. Aus diesem Grund nehmen all die undeutlichen Gesichter um Sie herum jetzt Festigkeit und die Genauigkeit eines Ausdrucks an, den Sie ganz richtig als den von blankem Hass deuten. Sie weichen vor ihnen zurück, um dem Zorn in diesen Augen zu entgehen, aber Sie spüren schon wie die Substanz um Sie her die Schwere und Dichte von Sirup annimmt und jeden Versuch einer Bewegung unterdrückt. Sie können kaum ein Bein heben, wie unter schwerem Wasser sind Sie beinahe gelähmt, denn sehen Sie: Auch die Zeit besteht aus jener Substanz und sogar Sie selbst. Die Trägheit steckt in Ihnen selbst. Kaum gelingt es Ihnen, mit all Ihrer verbliebenen Kraft, sich aus der Reichweite jener greifenden Hände und Münder zu retten. Als müssten Sie gegen die stärkste aller Strömungen des Willens ankämpfen, fliehen Sie die sich verengende Gasse hinauf, stemmen sich gegen eine boshafte Schwerkraft, versuchen, jenen roten Himmel zu erreichen, den Sie doch nie durchdringen können.

Ich sehe mit an wie Sie anstatt eines Auswegs aus Ihrer Lage den aus Lebensfäden gewobenen Thron entdecken und dem Nachtmahr in die spinnenhaften Fänge laufen, dem Herrn der Panzerstadt und alleinigen König Ihrer Angst. Sie haben das Gefühl zu fallen, ohne sich durch ein Erwachen retten zu können. Sie sinken, sinken, sinken durch die schwärzeste Nacht.

Und ich – an Ihrer Stelle – bedanke mich bei Ihrem Schamanen – in Ihrem Namen – und gehe, um mir Ihre Frau anzusehen und die Kinder. Ich besuche Ihre Eltern, Ihre Freunde und zuletzt Ihre Arbeitsstelle. Man hält es für einen Amoklauf, nicht wissend, wie viel an Planung meinen Taten vorausgeht.

Sie fragen sich, wann dieser Albtraum, in dem Sie gefangen sind, endet. Er wird niemals enden. Sie verstehen bereits, dass solange ich Ihren Platz einnehme, es für Sie unmöglich sein wird zurückzukehren und hoffen darauf, dass ich Ihrer Stellung im Licht müde werde, dass ich dem von Ihnen so heiß ersehnten Austausch stattgebe. Ich habe nicht vor, Sie jemals wieder nach oben zu lassen, auch wenn ich nicht die Absicht hege, mich in dem was von Ihrem Leben übrig ist einzunisten. Dieses Dasein in der Sonne und der Vernunft bietet für mich keinen Anreiz.

Sie gehören jetzt ihm, dem Nachtmahr, und für immer nach Carapace City. Diese Droge, die Ihre Firma herstellt und für deren Erfolg auf dem freien Markt Sie so viel von Ihrer Lebenszeit geopfert haben, die Droge, die so viele in die gedankenleere Umarmung des Komas befördert, befindet sich jetzt in meinem Besitz.

Ich werde sie benutzen. Sie wird mich auslöschen und Sie für immer an jenen finsteren Ort Ihrer Ängste ketten, an dem Sie sich jetzt befinden, denn ohne mich werden Sie nie wieder an die Oberfläche zurückkehren. Solange unser Körper an der Maschine hängt und am Leben gehalten wird, bleiben Sie wo Sie sind und wenn man die Maschine in einer fernen Zukunft abschalten wird, bleibt für Sie nur der Tod.

Warum das alles? Als Rache, glauben Sie, dafür, dass Sie so viele, die wie Sie selbst sind, ins Koma getrieben haben. Aber diese sind mir egal. Einige von denen, die die Panzerstadt bewohnen, mögen Ihnen deswegen böse sein, sehr böse, ja, aber das ist nicht mein Grund. Um selbst dem Leben zu entfliehen, das Sie jetzt führen müssen? Nein. Ich habe dieses Leben geliebt. Sie mögen es fürchten, sehen darin nur den Albtraum, aber ich sehe darin die wahre Herrlichkeit des Kosmos. Alles entspringt dem Reich des Unbewussten. Jedes Gesetz, jede Ordnung, jede Existenz, die Sie in Ihrer Welt kennen, hat dort ihren Ursprung, sogar der Wille zum Leben selbst. In Wahrheit ist es die Oberwelt, die aus Nichts besteht, nur aus Oberflächen, die den Anschein erwecken, das Wesen der Dinge zu sein. Es ist letztendlich Ihre Obsession, die meinen, unseren Hass hervorruft und in mir den Wunsch geweckt hat, Sie dem Nachtmahr zu opfern, mich dafür selbst zu opfern.

Bei all Ihrer Neugier für das Innere, das Verborgene, sind Sie – Sie alle – doch so besessen von Oberflächen, dass Sie alles, was Sie in der Tiefe vorfinden, nur ans Licht zerren, um daraus neue Oberflächen zu erschaffen. Oberflächen, die wie ich weiß nur Scherenschnitte sind, die vor der Schwärze der Nacht vollständig verschwinden.
Ich gehe jetzt. Sie bleiben und erkennen, dass Sie ohne mich leer sind, nur ein Gefäß, das ohne Inhalt keinen Grund für sein Dasein besitzt.

 

 

Tobias Reckermann

Tobias Reckermann

Tobias Reckermann, Jahrgang 1979, lebt und schreibt in Darmstadt und arbeitet als Maschinist bei Whitetrain (www.whitetrain.de). Er ist Redakteur und Herausgeber des IF Magazin für angewandte Fantastik. Als Schriftsteller widmet er sich neben anderen Zweigen der Fantastik im Besonderen der Weird Fiction und chinesischer Wuxia-Literatur. Seit 2014 erschienen sind seine Romane Das Schlafende Gleis, Langfaust und Die zwei Schneiden des Glücks, außerdem die Erzählbände Venom & Claw und Graund, sowie mehrere Beiträge in Magazinen und Anthologien.

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4 Kommentare auf "Odium über Carapace City"

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Erik R. Andara
Autor

Ich hab sie ja schon frühzeitig bespitzelt, diese Erklärung von und über und aus Panzerstadt und festgestellt, dass ich sie sehr gerne mag und hoffentlich noch mehr über sie erfahren werde;

Michael Perkampus
Webmaster

Das ist mir schon bei Editieren aufgefallen- und da hatte ich das Buch „Venom & Claw“ noch nicht vorliegen: Tobias hat eine Stimme, sie sich nicht mit Erklärungen aufhält. Du öffnest die Tür, und das Geschehen tobt los. Zum Schluss sitzt man da und will – wie Erik sagt – unbedingt mehr wissen.

Albera Anders
Webmaster

Keine Möglichkeit die eigene Stimme zu wagen, zu widersprechen, einzulenken, abzuklären, nachzufragen, … ob ich mich nun als Leser angesprochen fühle oder ein anderes „Sie“ annehme. So oder so: der Leser empfängt die Information in einem passiv, wirklich fast komatösen Zustand. Das ist sehr gelungen. Übt eben diesen Eindruck / Albdruck auf mich aus. Nicht wissend, ob dieses „Ich“, das mir diese Informationen eingibt, nicht auch, ganz technoid, zur Oberflächenwelt gehört.

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