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Nymphenschule

1
„Geh runter zum Fluss, mein Kind!“, ruft die Mutter, während sie Brennholz unter die eiserne Kochplatte schiebt.
„Nein!“, macht das Kind und verschränkt die Arme.
„Ist die Alte noch immer da?“, fragt die Mama.
„Sie furzt, Mama!“
„Sie hat uns doch allen das Schwimmen beigebracht“, mahnt die Mutter.
„Ich halte den Gestank nicht mehr aus!“
Funken stieben, Flammen lecken sich wund am kalten Topf.
„Was soll aus dir bloß werden, mein Kind?“

2
Vielleicht hat die Kleine ja Recht, denkt die Mutter. In Gedanken versunken rührt sie den Topf. Gestunken hat sie schon immer. Deshalb gingen wir ja ins Wasser. Unter Wasser riecht man nicht. Aber über einen geblähten Bauch hatte sie nie geklagt, die Alte. Die Mutter schüttelt den Kopf. Was wird nun aus meinem Kind? Eine Träne läuft ihr über die eingefallene Backe. Es ist der Rauch, der beißt.
„Kind, wir brauchen Wasser!“

3
Arielle hat der Mutter nicht die ganze Wahrheit gesagt. Die Alte furzt, aber sie furzt nicht wie ein normaler Mensch, sie furzt aus dem Mund. Mit dem Eimer in der Hand hüpft sie durchs Gebüsch den Hang hinab. Noch vom hohen Gras verdeckt, bleibt sie einige Schritte vom Ufer entfernt stehen. Doch der Alten bleibt sie nicht verborgen.
„Geh ins Wasser, Kind“, pfeift es aus ihrem Mund.
Das Wasser kräuselt sich, es geht ein Rauschen durch das Gras. Arielle weiß, was jetzt kommt, und kneift sich die Augen zu. Zu spät. Die Worte der Alten beißen sich in ihre Augen. Schlimmer noch als der Gestank, der ihr durch die Nase ins Gehirn steigt, ist der ätzende Film, der sich auf ihre Augen legt.

4
Wenn die Alte sprach, gehorchten wir, erinnert sich die Mutter und wischt sich die Träne von der Wange. Wir sprangen in das Wasser, tauchten in den Fluss, flohen in die Tiefe und fliehend erlernten wir das Schwimmen. Zappelnd und paddelnd blickten wir zum Ufer zurück, wo die Alte leise vor sich hinbrabbelnd die Fliegen, die, von ihrem Gestank angelockt, ihr in die Innereien wollten, vor ihrem Mund zerklatschte. Schön war es nicht, erinnert sich die Mutter, keine von uns wollte runter an den Fluss. Aber wenn die Alte sprach, gehorchten wir.

5
Durch den beißenden Tränenfilm hindurch blickt Arielle hinüber auf die gebeugte Gestalt, die in der Morgensonne verschwimmend flackert.
„Du musst ins Wasser, Kind.“
Arielle zeigt ihr den Stinkefinger.
Worte bedeuten ihr nichts.
Worte haben keine Hände. Sie halten nichts fest.
Worte verfliegen, verpuffen, sterben.
Arielle ist ein wortkarges Kind.

6
Ihre Tochter ist kein Sensibelchen. Es muss schon was dran sein, wenn sie sich beklagt. Vielleicht ist es tatsächlich schlimmer geworden mit der Alten. Tote stinken. Das liegt nun mal in ihrer Natur. Je mehr das Grab zur bloßen Erinnerung wird, desto ärger wird der Gestank. Die Mutter fühlt sich schuldig. Sie hat gewusst, dass dieser Tag kommen würde. Auch Geister haben ein Verfallsdatum. Wer aber wird ihrer Tochter nun das Schwimmen beibringen? Die Mutter hebt den heißen Topf vom Herd. Mit der Linken verscheucht sie die Fliegen.

7
Arielle hält sich mit der einen Hand die Nase zu. Langsam tastet sie sich bis ans Wasser vor und fällt im feuchten Sand auf die Knie. Mit der freien Hand schöpft sie Wasser und reibt sich damit die Augen. Als sie aufblickt, ist es still am Fluss.

Bild: Markus A. Hediger

 

Markus A. Hediger

Wurde 1969 in Schaffhausen geboren, aufgewachsen ist er in Brasilien. Nach dem Abitur in São Paulo studierte er Germanistik und Theologie an der Universität Zürich. Danach verbrachte er einige lehrreiche Jahre in der Bank- und Versicherungsindustrie. Seit Ende 2007 lebt er in Rio de Janeiro, wo er als Übersetzer und Deutschlehrer tätig ist.

5 Kommentare zu Nymphenschule

  1. Ich mag diese natürliche, unkonstrierte Art, menschliche Geschichten zu erzählen sehr, sehr gerne und freue mich schon auf mehr;

  2. Michael Perkampus // 23. Mai 2017 um 11:53 // Antworten

    Willkommen, mein lieber Markus.

  3. Da bist du jetzt: >>> 🙂

    Klick‘ mal.

  4. Du bist gut.

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